Pharos der Ägypter

Guy Newell Boothby
Pharos der Ägypter

Originaltitel: Pharos the Egyptian (London : Ward, Lock & Co. Limited 1899)
Deutsche Erstausgabe: 1902 (Deutsche Verlags-Anstalt)
Übersetzung: Klara Berger
Neuausgabe: Januar 2001 (Gollenstein Verlag/Bibliothek klassischer Erzähler)
Übersetzung: Klara Berger; überarbeitet u. mit einem Nachwort versehen von Karsten Schröder
326 Seiten
ISBN-13: 978-3-933389-14-5

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Das geschieht:

Cyril Forrester, aufstrebender Maler im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts, macht die Bekanntschaft der Geigenvirtuosin Valerie von Vocxqal. Die junge Frau wird von einem höchst unangenehmen Zeitgenossen begleitet: dem leichenhaften Pharos, von dem man noch weniger weiß als über sein melancholisches Mündel.

Pharos sucht Forresters Nähe, weil dieser die Mumie des Ptahmes besitzt, der vor drei Jahrtausenden oberster Berater des Pharaos Merenptahs war. Forresters Vater, ein berühmter Ägyptologe, brachte sie einst nach England und hinterließ sie später seinem Sohn. Nun fordert Pharos sie für sich. Außerdem spricht er einen Fluch gegen die Völker Europas aus, weil sie sich der Schätze des alten Ägyptens bemächtigen. Dann wirft er einen hypnotischen Bann über Forrester, raubt die Mumie und verlässt London. Als Forrester wieder bei sich ist, setzt er sich auf die Spur des Diebes. Noch mehr als der Gedanke an Vergeltung beschäftigt ihn allerdings die Liebe zur schönen Valerie.

Pharos kennt die Geheimnisse der Reichen und Mächtigen, pflegt aber auch Umgang mit Dieben und Mördern. Der uralte Schurke ist unermüdlich auf Reisen, um in seinem geheimen Imperium der Intrigen und des Verbrechens die Fäden zu ziehen. Forrester spürt Pharos in Neapel auf und gerät erneut in dessen Bann. Gemeinsam reist man nach Ägypten. Während dieser Reise wird Forrester von Visionen heimgesucht, die ihn zurück in die Zeit Merenptahs versetzen. Dabei erlebt er die Geschichte des Ptahmes, der einst der Rache seines Pharaos anheimfiel. Zwar konnte er fliehen, doch die Götter verfluchten ihn zum ewigen Leben in einem geisterhaften Ebenbild seines Ptahmes-Körpers. Seither irrt der Zauberer heimatlos umher, und in seiner aktuellen Inkarnation nennt er sich Pharos.

Die uralte Kreatur ist erfüllt von tiefem Groll gegen Gott und die Welt. Der ahnungslose Forrester soll ihm als Werkzeug für einen ebenso genialen wie infernalischen Plan dienen. Als dieser mit Valerie scheinbar die Flucht ergreifen kann, scheint sich Pharos’ Rache zu vollenden. Indes hätte der Alte sich fragen sollen, ob ihn die Götter tatsächlich aus den Augen verloren haben …

Abenteuer, Horror und Liebe

Eine Perle der phantastischen Literatur gilt es hier zu aufzulesen – oder neu zu entdecken, denn „Pharos der Ägypter“ ist schon einmal in Deutschland erschienen. Mehr als ein Jahrhundert ist dies her. Seither ist uns die rächende Mumie vor allem in ihren stereotypen Hollywood-Inkarnationen begegnet. Dort nervte sie lange durch ihre steife Unbeweglichkeit, die es erforderlich machte, dass sich ihre Opfer erst einmal in einer Zimmerecke festliefen, damit sie überhaupt erwischt werden konnten, sowie durch die Wahnvorstellung, in jeder hübschen Frau die Wiedergeburt der im alten Ägypten tragisch geendeten Geliebten zu entdecken.

Inzwischen ist sie leichtfüßiger geworden, doch diesen Drang hat sie sich auch in den „Mumien“ Filmen von 1999 und 2001 bewahrt. Er beruht auf der Tatsache, dass sich praktisch alle Mumiengeschichten seit über hundert Jahren an zwei Klassikern orientieren: Bram „Dracula“ Stokers Roman „The Jewel of the Seven Stars“ (1903; dt. „Die sieben Finger des Todes“) und Arthur Conan „Sherlock Holmes“ Doyles Kurzgeschichte „Lot No. 249“ (1892; deutsch unter diesem Titel in zahlreichen Anthologien vertreten). Viel mehr Mumienhorror schien die Phantastik nicht herzugeben, aber wie „Pharos der Ägypter“ unter Beweis stellt, haben sich doch weitere Autoren des Themas angenommen.

„Pharos der Ägypter“ ist keine ‚richtige‘ Horrorgeschichte, sondern eine gut erzählte Schauermär, deren Verfasser sich aus zahlreichen Genres bedient. Boothby selbst hat sich gern und oft bewährter Handlungs- und Action-Elemente bedient. Wer den jüngst neu aufgelegten Auftakt-Band zur „Dr.-Nikola“-Serie kennt, wird zahlreiche inhaltliche und formale Übereinstimmungen feststellen. Boothby war ein Vielschreiber, der keine neuen Ansätze für seine Geschichte suchen konnte und suchte. Der Erfolg gab ihm recht; sein Publikum war auch so zufrieden.

Die Figuren bleiben recht flach, wirken schematisch und arg anachronistisch. Zum wackeren britischen Helden mit energischem Kinn und klarem Blick gesellt sich die selbstverständlich wunderschöne aber passive oder höchstens die Hände ringende Heldin, und komplettiert wird das klassische Dreieck durch den hässlichen und daher als Lump sogleich erkennbaren Bösewicht, dessen Ränken vor allem das Ziel verfolgen, Niedertracht zur Schau zu stellen. In der deutschen Neuausgabe blieben einige unschöne aber zeithistorische Chauvinismen gegen ‚wilde‘ (= nicht britische) ‚Eingeborene‘ (die durchaus auch in Italien oder Hamburg beheimatet sein können) erhalten. Hinzu kommen deutlich antisemitische Spitzen, die gerade wegen ihrer Beiläufigkeit für Unbehagen sorgen.

Bösewicht mit Vorbild-Funktion

Pharos gleicht in seinem Verhalten und vor allem in seinem Erscheinungsbild interessanterweise weniger den ‚echten‘ Mumien, wie wir sie aus dem Film kennen, sondern eher einem Vampir. „Dracula“ war zwei Jahre vor „Pharos der Ägypter“ erschienen. Obwohl die Ähnlichkeit zwischen dem (bei Stoker noch nicht allzu aristokratischen) Grafen und der Mumie nur oberflächlich zu sein scheint, gibt es durchaus Parallelen. So fragt man sich beispielsweise, wie Boothby wohl auf die Idee gekommen sein könnte, Pharos als Sendboten der Pest darzustellen, wenn man sich gleichzeitig daran erinnert, dass Stoker seinem Dracula in exakt dieser Rolle (Seefahrt im Sturm inbegriffen) auftreten ließ.

Dazu eine weitere Beobachtung: Pharos‘ Gestalt wird nicht nur im Text mehrfach genau beschrieben. Die englische Originalausgabe war zusätzlich mit zahlreichen Bildern (von J. H. Bacon) illustriert, auf denen man Pharos sein Unwesen treiben sehen konnte. Sie wurden in die deutsche Neuausgabe übernommen. Siehe da: Pharos ist zweifellos eine Blaupause für den Grafen Orlok in Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu“-Film, verkörpert 1921 vom deutschen Schauspieler Max Schreck! (Jüngere Filmfreunde können sich vermutlich besser an Willem Dafoe in der Schreck-Rolle erinnern, die dieser in „Shadow of the Vampire“ gab.)

Diese Vorstellung ist nicht abwegig. Murnau bereitete „Nosferatu“ gewissenhaft vor, arbeitete sich in das Thema Vampirismus ein und hatte sehr genaue Vorstellungen von seinem untoten Helden. Er hätte aus England nicht nur „Dracula“-Material, sondern auch eine Ausgabe von „Pharos the Egyptian“ beziehen können. Aber „Pharos“ existierte ab 1902 auch in einer deutschen Übersetzung, die mehrere Auflagen erfuhr und Murnau durchaus bekannt gewesen sein könnte.

Antiquariatsrecherche als Schatzsuche

„Pharos der Ägypter“ erschien 2001 neu im Verlag Gollenstein und unter Wahrung einer bibliophilen Sorgfalt, die vorbildlich ist. Die Ausgabe prunkt nicht nur mit den Bildern der Originalausgabe, sondern auch mit zusätzlichen Illustrationen von Timo Pfeifer. Inhaltlich wurde die englische Ausgabe nicht einfach neu übersetzt, sondern die deutsche Fassung von 1902 übernommen und völlig überarbeitet. „Pharos“ liest sich deshalb weniger altmodisch als authentisch, wie es zu dieser nostalgischen Geschichte passt. Darüber hinaus gibt es ein Nachwort, das über Leben und Werk von G. N. Boothby Auskunft gibt, sowie ein Werkverzeichnis: Features, die ein echter Freund des Phantastischen zu schätzen weiß!

Autor

Am 13. Oktober 1867 wurde Guy Newell Boothby im australischen Glen Osmond, einer Vorstadt von Adelaide, geboren. Die Familie gehörte zur Oberschicht, Guys Vater saß im Parlament von Südaustralien. Der Sohn besuchte von 1874 bis 1883 die Schule im englischen Salisbury, dem Geburtsort seiner Mutter.

Nach Australien zurückgekehrt, versuchte sich Boothby als Theaterautor. Sein Geld verdiente er allerdings als Sekretär des Bürgermeisters von Adelaide. Beide Tätigkeiten wurden nicht von Erfolg gekrönt. Boothbys Lehr- und Wanderjahre führten ihn 1891/92 kreuz und quer durch Australien sowie den südasiatischen Inselraum. Sein 1894 veröffentlichter Reisebericht wurde zum Start einer außergewöhnlichen Schriftstellerkarriere.

1895 siedelte Boothby nach England um, heiratete und gründete eine Familie. Er schrieb nun Romane, wobei er sämtliche Genres der Unterhaltungsliteratur bediente und lieferte, was ein möglichst breites Publikum wünschte. Boothby war ein findiger und fleißiger Autor, der überaus ökonomisch arbeitete, indem er seine Worte nicht niederschrieb, sondern in eine Phonographen diktierte und die so besprochenen Wachswalzen von einer Sekretärin in Reinschrift bringen ließ. Jährlich konnten auf diese Weise durchschnittlich fünf Titel erscheinen. Boothbys Einkünfte ermöglichten ihm den Kauf eines Herrenhauses an der Südküste Englands, in dem er mit seiner Familie lebte, bis er am 26. Februar 1905 im Alter von nur 37 Jahren an einer Lungenentzündung starb.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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