Sub Terra

James Rollins
Sub Terra

(sfbentry)
Originaltitel: Subterranean (Armonk, New York : Baror International, Inc. 1999)
Übersetzung: Rudolf Krahm
Deutsche Erstausgabe: 2002 (Ullstein Verlag/TB Nr. 25292)
512 S.
ISBN-10: 3-548-25292-3
Neuausgabe: Juni 2012 (Blanvalet Verlag/TB Nr. 37824)
512 S.
ISBN-13: 978-3-442-37824-1
eBook: Juni 2012 (Blanvalet Verlag)
ISBN-13: 978-3-641-07432-6

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Das geschieht:

McMurdo Base ist eine Forschungsstation der US-Navy, gelegen auf Ron Island und unweit des Mount Erebus an der Antarktisküste – oder eigentlich darunter, ganze drei Kilometer sogar. Hier wurde ein gigantisches System unterirdischer Kavernen entdeckt; allein die Haupthöhle weist einen Durchmesser von 8 km auf. Es kommt noch toller: Die Spähtrupps der Navy stießen auf Artefakte, die zwar primitiv aber eindeutig einer Zivilisation zuzuordnen sind. Datiert wurden sie auf ein Alter von 5,2 Mio. Jahre, und das ist unheimlich, weil sich der Mensch bekanntlich erst viel später zu entwickeln begann.

Wissenschaftliche Hilfe wird angefordert. Das chronische Misstrauen der Militärs – vielleicht findet sich da unten ja etwas, mit dem sich die Feinde Amerikas in Schach halten lassen – bringt den Geologen Dr. Andrew Blakely ins Spiel. Er arbeitet ohnehin für die Navy und soll eine Expedition mit anerkannten Fachleuten besetzen.

Die Archäologin Ashley Carter sagt zu, bringt aber ihren elfjährigen Sohn Jason mit. Der Australier Benjamin Brust, Ex-Soldat und Höhlenforscher, organisiert die Kletterei. Zum Team stoßen außerdem die Biologin Linda Furstenberg aus Kanada, der ägyptische Geologe Khalid Najmon sowie Major Dennis Michaelson und zwei kernige Marines, die für den Schutz der Wissenschaftler zuständig sind.

Der recht zwielichtige Blakely hat seinen Forschern eine kleine, aber wichtige Tatsache verschwiegen: Sie sind nicht das erste Team, das sich in die Tiefe wagt. Alle Vorgänger sind allerdings spurlos verschwunden – und dazu viele Soldaten, die sich ins Unbekannte gewagt hatten. Die Menschen sind ganz sicher nicht allein sub terra, und man wird sie keineswegs gastfreundlich empfangen. Als ob dies nicht bedrohlich genug ist, entpuppt sich einer der Forscher als fanatischer Terrorist, der sicherstellen will, dass sich die verhassten USA nicht auch noch unter der Erdoberfläche breitmachen …

Wir basteln uns einen Bestseller

Dreimal geraten, liebe Leser, wer das wohl sein könnte aus unserer Runde! Nun ja, einmal wird wohl reichen (dazu unten mehr), und damit wissen wir schon, wessen Geistes (Findel-) Kind der Roman „Sub Terra“ ist. Der Doktor und das liebe Leservieh … James Rollins alias James Clemens, geboren 1961 in Chicago, Illinois, als James Czajkowski, Doktor der Veterinärmedizin, vulgo Tierarzt, im kalifornischen Sacramento, dazu Reisender und Geschichtenerzähler – ein Lebenslauf, wie ihn die Werbung liebt, suggeriert er doch Weltläufigkeit & dass jedermann berühmt und reich werden kann, wenn er (oder sie) sich nur recht eifrig darum bemüht.

Die Qualität dessen, was dabei das Licht der Welt erblickt, ist von sekundärer Bedeutung. In unserem Fall ist das einleuchtend, wenn wir Dr. Czajkowski lauschen, wie er in Erinnerungen schwelgt an die schöne Zeit, als er mit der Linken hustende Dobermänner kurierte und mit der Rechten „Subterranean“, seinen Romanerstling, niederschrieb: drei Seiten an jedem schönen Tag, den der Herr werden ließ, nicht mehr, nicht weniger, bis das Werk getan.

Diese ungewöhnliche Art der Schriftstellerei bedingt natürlich gewisse, der Arbeitsökonomie geschuldete Einschränkungen. Um den Tagesdurchschnitt von drei Seiten nicht zu gefährden, galt es beispielsweise jeglichen Ehrgeiz zu unterdrücken, das Werk um den Faktor Originalität zu bereichern. Wozu denn auch, steckt doch die Welt des Abenteuerthrillers voller erprobter und bewährter Szenen und Figuren, die förmlich danach schreien, dass sich ein fix und ökonomisch arbeitender Schreiberling ihrer bedient.

(Dumme) Gutmenschen & (noch dümmere) Schurken

Oder wollen wir männlichen Leser etwa behaupten, wir verfolgten nicht gern – in allen Ehren selbstverständlich – die Abenteuer der x-ten schönen Frau, die auf den Spuren Lara Crofts die Unterwelt der Antarktis erobert? Wir müssen uns da keine Vorwürfe machen, ist Ashley Carter doch nicht nur hübsch, sondern auch schlau und eine gute Mutter obendrein, sodass sie politisch völlig korrekt bewundert werden darf. Sicher, das Treiben ihres Sprösslings – einer nervensägenden Heimsuchung, die das Disney-Studio geschickt haben könnte – lässt insgeheim den Wunsch aufkommen, ein gütiges Schicksal – vielleicht in Gestalt eines hungrigen Höhlenbären? – möge ihn aus dem Geschehen reißen, aber schließlich muss Autor Rollins schon eine zukünftige Verfilmung bedenken, und da ist eine Identifikationsfigur für die eintrittskartenkaufende US-Teenagerschaft unbedingt erforderlich.

Aber keine Sorge: Guter, altmodischer Abenteuer-Machismo manifestiert sich in der Figur des Australiers Benjamin Brust, der eine Art Stalaktite Dundee gibt und noch in lebensbedrohlicher Notlage die Muße findet, die unbemannte Ashley ordentlich zu bebalzen, was sich auch die moderne Frau des 21. Jahrhunderts ganz gern gefallen lässt, wie Rollins mit einem Augenzwinkern deutlich macht. In Reserve hält sich Frau Nr. 2, Linda Furstenberg, der aber die Rolle der schwarzhaarigen Verderbnis zugedacht wurde, die ein übles Ende nimmt: In dieser Geschichte ist nur Platz für eine Heldin.

Klassisch auch die Schurkenrollen: Mit falschem Lächeln zieht Dr. Blakely – intrigant, egoistisch, ehrgeizig, eben kein vom Wissensdurst beseelter Forscher, sondern ein Politiker – feige hinter den Kulissen die Fäden. Fürs grobe Tücken vor Ort (Belügen & Bedrohen der Helden, Bestehlen & Umbringen der Eingeborenen, Versündigen gegen Mutter Erde etc.) ist Khalid Najmon zuständig, dessen Namen im Ohr des wachsamen Durchschnittsamerikaners ohnehin verdächtig nach Ausland und Nahem Osten klingt. (Ägypten? Ist das nicht die Hauptstadt des Iran?)

Bleiben noch der stramme Major Michaelson und seine beiden Mannen, harter Kern in stählerner Schale, mutig und dringend erforderlich, um die gar zu sorglosen Wissenschaftler zu ihrem eigenen Besten vor den Gefahren der Finsternis zu schützen. Außerdem gilt es uramerikanische Interessen zu vertreten: Wo kämen wir denn dahin, wenn am Mittelpunkt der Erde ein anderes als das Sternenbanner wehte? Hei, da kommt patriotischer Stolz auf, wenn tapfere Marines den Polar-Morlocks tüchtig in die Ärsche treten! Ach, wenn das mit den Taliban (Nordkoreanern, Kubanern u. a. Strolchen) doch auch nur so einfach wäre!

Ein Loch im Boden oder im Kopf?

Die Handlung spiegelt indes wider, dass mit den oben beschriebenen Protagonisten genau die richtigen Personen „Sub Terra“ gegangen sind. Klaftertief geht es in die antarktische Tiefe, doch trotzdem läuft die Geschichte nie die Gefahr, irgendwo dort unten ihren Niveaubogen zu erreichen. In diesem Zusammenhang Jules Vernes wunderbare „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (1864) als Vorbild zu nennen, zeugt entweder von einem gut ausgebildeten Selbstbewusstsein oder kündet vom dreisten Versuch, den zögerlichen Buchladen-Besucher zum Kauf des Bandes zu überrumpeln.

Parallelen mag es geben: Auch Vernes Forscher sind Papier gewordene Klischees. Allerdings fand ihre Reise vor anderthalb Jahrhunderten statt. Inzwischen hat sich in Sachen Figurenzeichnung und -entwicklung viel getan – oder eben nicht, wie Rollins deutlich macht. Es reicht nicht, sich populärwissenschaftlich auf den aktuellen Stand zu bringen. Auch schadet ein gewisser naiver Charme in Form und Inhalt nicht, zumal in einem Genre, dessen Autoren kaum um den Nobelpreis für Literatur buhlen. Doch Rollins übertreibt es bzw. versucht erst gar nicht, Bekanntes wenigstens zu variieren, Das Ergebnis ist spannend höchstens dort, wo reine Aktion die Szene bestimmt. Rollins Darstellung einer exotischen Höhlenwelt tief unter der Erde hat ihre Reize. Doch sobald seine Protagonisten auf der Bildfläche erscheinen und womöglich den Mund aufmachen, ist jeder Zauber augenblicklich verflogen.

„Sub Terra“ ist ein Debütwerk und sollte deshalb mit einer gewissen Nachsicht beurteilt werden. Allerdings lassen Rollins Nachfolgewerke nicht die geringste Tendenz erkennen, die beschriebenen Probleme in den Griff zu bekommen. Dem steht zum einen das Ziel des Verfassers im Weg, die lesende Welt mit mindestens einem neuen Werk pro Jahr zu beglücken, während der Erfolg ihm gleichzeitig Recht gibt: Wieso sollte Rollins versuchen, besser schreiben, wenn ihm das Publikum seine nach Schema F montierten Magerquark-Thriller auch so aus den Händen reißt? An diesem Punkt muss jedes sachliche Urteil freilich ins Leere gehen – gut für Rollins, der deshalb hoffen darf, sich dem chronischen Undank seiner tierischen Patienten auch weiterhin zu entziehen, solange ein menschliches Publikum seine Bücher kauft.

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