Tarzan bei den Affen

Edgar Rice Burroughs
Tarzan bei den Affen

(Tarzan, Bd. 1)

Originaltitel: Tarzan of the Apes (New York : Frank A. Munsey Company 1912 [Magazinausgabe] bzw. Chicago : A. C. McClurg 1914 [Buchausgabe])
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1924 (Dieck & Co. Verlag)
Übersetzung: Tony Kellen
271 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1994 (Kranichborn-Verlag)
Übersetzung: Ruprecht Willnow
278 S.
ISBN-13: 978-3-930040-09-4
Neuausgabe (zusammen mit „Tarzan und der Verrückte“ u. „Tarzan und der Schiffbrüchige“): Juni 2013 (Heyne Verlag/TB Nr. 41045)
Übersetzung: Ruprecht Willnow (sowie Marion Hertle u. Stephan Pörtner)
688 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-41045-9

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Das geschieht:

Im Jahre 1888 ist Großbritannien als Kolonialmacht global präsent. Als wieder einmal irgendwo in Afrika die Ureinwohnerschaft rebelliert, schickt die Regierung einen Edelmann aus: John Clayton, Lord Greystoke, schifft sich mit seiner jungen Gattin Alice ein. Die Reise steht unter einem Unstern. Die Mannschaft meutert und setzt die Passagiere an einer verlassenen Stelle der afrikanischen Küste aus. Tatkräftig beginnt Clayton, sich und Alice ein Heim in der Wildnis zu schaffen, denn Nachwuchs kündigt sich an. Wilde Tiere und besonders eine Horde wüster Schimpansen haben es auf die Neuankömmlinge abgesehen.

Ihr Anführer Kerchak belauert Clayton, und eines Tages erwischt er ihn, der inzwischen seine Frau verloren hat. John jr., noch ein Säugling, wird von der Äffin Kala gerettet. „Tarzan“, d. h. „Weiße Haut“, nennt sie ihr Adoptivkind. Es wächst unter den Affen auf und fühlt sich im Dschungel wie zu Hause. Was Tarzan an schierer Kraft fehlt, macht er durch Geschicklichkeit und vor allem Intelligenz wett.

Früh entdeckt Tarzan die Hütte, die einst sein Vater baute. Er findet dort Bücher und bringt sich selbst das Lesen und Schreiben bei. Das ist ihm von Nutzen, als 1909 ein Schiff anlegt: Die Afrika-Expedition des Völkerkundlers Professor Archimedes X. Porter war schon auf dem Heimweg, als das Schiff – man glaubt es kaum – von Meuterern übernommen wurde, die ihn und seine Begleiter genau dort an Land setzen, wo Lord Greystoke und seine Gattin einst gelandet waren. Noch ein Zufall: Zur Gruppe gehört der junge Lord William Cecil Clayton, der nichts davon ahnt, dass seinem Vetter Tarzan alias John Clayton II. der Titel zusteht!

Die Situation wird noch komplizierter, als sich der wilde John und der vornehme William in dieselbe Frau – Professor Porters junge Tochter Jane – verlieben. Da die Expeditionsteilnehmer notorisch ungeschickt durch den Dschungel stolpern, ist Tarzan ständig mit Rettungsaktionen beschäftigt, sodass an eine Aussprache nicht zu denken ist und die allgemeine Verwirrung immer größer wird. Das unwägbare Schicksal (in der Gestalt des Verfassers) schürzt den Handlungs-Knoten erst auf einer Farm im nordamerikanischen Wisconsin …

Jackpot für Mr. Burroughs

Im Oktober 1912 erschien im US-Magazin „The All Story“ die Erzählung „Tarzan bei den Affen – Eine Dschungel-Romanze“. Hinter diesem seltsamen Titel verbarg sich nicht nur einer der größten Bestseller-Erfolge aller Zeiten, sondern auch der Beginn eines modernen Mythos‘. Mit „Tarzan“ traf Edgar Rice Burroughs präzise den Nerv des Publikums, das ein spannendes, (leidlich) gut geschriebenes und nicht sehr anspruchsvolles Abenteuergarn wohl zu schätzen wusste. Daran hat sich im 21. Jahrhundert nichts geändert.

Natürlich ist „Tarzan“ heute in erster Linie Nostalgie und Naivität. Burroughs Wissen über Afrika hielt sich selbst für den Laien erkennbar in sehr engen Grenzen. Die Natur ist feindselig, die Tierwelt angriffslustig, die schwarzen Ureinwohner sind entweder kindisch-unterwürfige ‚Neger‘ oder tückische ‚Wilde‘. Das stößt heute zu Recht sauer auf, doch solche Vorwürfe hätten weder Burroughs noch seine Leser verstanden. Sie glaubten noch fest an das scheinbar von Gott gegebene Vorrecht des weißen Mannes, sich die Welt untertan zu machen.

Außerdem stand für Burroughs die authentische Rekonstruktion Afrikas nicht auf seiner Liste. Er wollte in erster Linie unterhalten und Geld verdienen! Das darf man nicht vergessen, wenn man heute vom Podest des mit der Gnade der späten Geburt gesegneten Kritikers Burroughs einen schlampig recherchierenden Chauvinisten schimpft.

Ebenso vom Zeitgeist geprägt zeigt sich Burroughs‘ Frauenbild. Die Jane von 1912 ist nicht die robuste Maureen O‘Sullivan, die sich in sechs Tarzan-Filmen zwischen 1932 und 1942 durchaus neben Johnny Weissmuller behaupten konnte, sondern das typische Weibchen, das nur für die und durch die Männer ihrer beschränkten Welt lebt. Für die Mutterrolle ist sie noch zu jung, aber als Objekt der Verehrung und Liebeswerbung erfüllt sie bereits die passive Rolle, in die ihre Epoche sie drängt. Wird sie nicht gerade angeschmachtet oder von ihrem senilen Vater an den meistbietenden Bräutigam verschachert, dann wird Jane sicherlich von schmierigen Schurken oder geilen Gorillas in den Urwald verschleppt, fällt ständig in Ohnmacht und muss von Tarzan gerettet werden.

Cover der Neuausgabe von 1994 (Sammlung md)

Handlung braucht Tempo, keine Logik

Die Qualität der „Tarzan“-Romane ist stark abhängig von der Tagesform des Verfassers. Schon die frühen Werke künden vom Zeitdruck, unter dem Burroughs stand. Da sie zunächst als Fortsetzungsgeschichten in Magazinen erschienen, sind sie in ihrer Struktur eher episodisch: Jede Folge musste den Leser mit einem eigenen Höhepunkt fesseln und zum Kauf der nächsten Magazin-Nummer animieren. Nachträglich konnte oder wollte Burroughs dies offensichtlich nicht mehr ändern: Wieso Zeit an eine Überarbeitung verschwenden, statt sie in eine wesentlich einträglichere Fortsetzung zu investieren?

Hast gebiert Schlampigkeit. „Tarzans bei den Affen“ verblüfft und verärgert durch eine fast aggressiv zu nennende Häufung von Zufällen, die Burroughs konstruiert, damit sich seine verstreuten Protagonisten immer wieder über den Weg laufen. Die Glaubwürdigkeit bleibt da rasch auf der Strecke, was bei einem Abenteuer-Spektakel der pulpigen Art schon etwas heißen will!

Burroughs kann viel als begnadeter Geschichtenerzähler und Ideendieb – das eine schließt das andere ausdrücklich nicht aus – gutmachen. „Tarzan bei den Affen“ bietet eine Blitzreise durch die Literaturgeschichte und ihre Untiefen dar, ein kunterbuntes Gemisch aus Szenen und Bildern, die Burroughs aus Mythen und Märchen, älteren Romanen, Zeitungsartikeln oder Reiseberichten ‚entliehen‘, trivialisiert und zu einem manchmal rohen aber unwiderstehlichen eigenen Werk zusammengeleimt hat. Tarzan und Rudyard Kiplings Mowgli aus den beiden „Dschungelbüchern“ (1894/95) – ebenfalls ein „Wolfskind“, das von wilden Tieren aufgezogen wird – bewohnen definitiv unterschiedliche literarische Welten!

Die rohe Kraft des Trivialen

Dies ist kein Vorwurf, sondern belegt die Kunstfertigkeit Burroughs, der entsprechendes Anspruchsdenken Lügen straft aber jederzeit sein Garn zu spinnen weiß. Dabei geht er über den Entwurf dynamischer Action-Sequenzen weit hinaus. Die Beschreibung der Mühen beispielsweise, unter denen Tarzan sich zum Alphabeten entwickelt, ist schlicht brillant und ebenso spannend wie der x-te Kampf mit den Bewohnern von Burroughs Geisterbahn-Dschungel.

Zudem ist der gedruckte Tarzan weder der grunzende Affenmensch, zu dem ihn Hollywood herabwürdigte, noch der bis zum Erbrechen „edle Wilde“, sondern ein intelligenter und bald kultivierter (Lebe-) Mann, der die Annehmlichkeiten der Zivilisation durchaus zu schätzen weiß (und sich als frankophiler Angelsachse erweist, was uns Hollywood ebenfalls seit Jahrzehnten hartnäckig verschweigt). Sein Charakter ist vielschichtig und weist auch dunkle Seiten auf: Tarzan ist nicht der gute Geist des Urwalds, sondern manchmal auch dessen Geißel.

Natürlich bleibt „Tarzan“ triviale Unterhaltung par excellence. Trotzdem – oder gerade deswegen – hat es der Affenmensch ins 21. Jahrhundert geschafft, ohne darüber alt und müde geworden zu sein. Er gehörte zu den Vorreitern seiner fantastischen Art, und das Original schlägt in der Regel die Kopie. Vielleicht ist es auch die Offenheit, mit der Burroughs agiert: Er will einfach unterhalten, und das gelingt ihm immer noch prächtig!

Autor

Edgar Rice Burroughs, geboren am 1. September 1875 in Chicago, Illinois, blickte 1912 auf ein frustrierendes Leben zurück. Nach der Schulzeit hatte er eine Laufbahn als Soldat ins Auge gefasst. Aus der angestrebten Offizierslaufbahn an der Elite-Militärakademie West Point wurde jedoch nichts; Burroughs blieb einfacher Soldat und jagte in den Bergen von Arizona aufständische Apachen. Nach nur zehn Monaten Dienst wurde er ausgemustert. Enttäuscht kehrte der junge Mann ins Zivilleben zurück, heiratete und startete ebenso eifrig wie erfolglos ins private Berufsleben. Burroughs arbeitete u. a. als Goldschürfer, Viehtreiber, Hausierer, Verkehrspolizist und Vertreter.

Die Schriftstellerei war für Burroughs nur ein weiterer Versuch, zu Geld zu kommen. Er zeigte sich nicht unbedingt als begnadeter Stilist, war aber ein geborener Geschichtenerzähler und debütierte im Februar 1912 mit „A Princess Of Mars“, einem Science Fiction/Fantasy-Spektakel. Kurz darauf erschien Tarzan auf der Bildfläche, und Burroughs finanzielle Nöte gehörten bald der Vergangenheit an. Er entwickelte ungeahntes Talent als Geschäftsmann und war bereits 1919 Millionär.

Burroughs verfasste insgesamt 22 Romane und Storysammlungen, in denen Tarzan die Hauptrolle spielte; zwei weitere erschienen postum. Dazu kamen 67 weitere Bücher. Sein schriftstellerisches Talent konnte mit diesem Arbeitstempo nur bedingt Schritt halten. Weitsichtig war Burroughs Schachzug, die Rechte an der Tarzan-Figur nicht zu verkaufen. 1923 gründete er „Edgar Rice Burroughs, Incorporated“, eine Denkfabrik, deren Mitarbeiter ausschließlich damit beschäftigt waren, die Werke ihres Meisters zu vermarkten; kein Wunder, dass der Reichtum Burroughs bei seinem Tod am 19. März 1950 den der sagenhaften Stadt Opar weit übertraf.

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