Winnetou I – mp3-Hörbuch

Bei Buch24.deKarl May, gelesen von Heiko Grauel
Winnetou I – mp3-Hörbuch

(sfbentry)

Band 7, Reiseerzählung
Karl-May-Verlag, Jewelbox mit 8-seitigem Booklet
1 mp3-CD, ca. 940 min; ISBN 978-3-7802-0707-4
Nach der 1960 von Hans Wollschläger revidierten Fassung
http://www.karl-may.de

Zu Beginn der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts reist der junge und erfahrene Karl in die Vereinigten Staaten. Dort macht er sich schnell Freunde und arbeitet schlussendlich als Feldmesser bei der Eisenbahn. Doch die Vermessungsarbeiten stoßen bei den Indianer auf wenig Gegenliebe. Durch das Fehlverhalten der Eisenbahnarbeiter eskaliert die Situation gar und es kommt zu einem tragischen Unfall. Karl gibt hier einem sterbenden Mann das Versprechen, sich um dessen Zögling zu kümmern.

Dieser Zögling ist niemand anderes als Winnetou, stolzer Apache und Häuptlingssohn. Er verachtet den weißen Mann, traut keinem der Fremden über den Weg und so landen Karl und seine Kameraden schlussendlich sogar in der Gefangenschaft der Apachen. Doch Dank dem Mut und der Klugheit Karls, und auch Dank seiner im Wilden Westen erworbenen Fähigkeiten, wendet sich am Ende alles zum Guten. Doch nur scheinbar, denn ein gefürchteter Schurke schmiedet einen hinterhältigen Plan …

Karl May ist ein Schriftsteller der, selbst heutzutage, in Deutschland kaum jemandem vorgestellt werden muss. Vor allem sein Held Winnetou ist jährlich willkommener Gast in deutschen Wohnzimmern, sobald die Wiederholungen der Winnetou-Filme über den Bildschirm flimmern. Allerdings haben die Verfilmungen nur wenig mit dem Original zu schaffen, doch sie rufen uns heute noch immer die Namen „Winnetou“ und „Old Shatterhand“ in Erinnerung.

Die abenteuerlichen Geschichten dieser beiden Westmänner liegen bereits lange zurück. Und selbst die revidierte Fassung von Hans Wollschläger hat bereits viele Jahrzehnte auf dem Buckel.So ist es kein Wunder, dass antiquierte Ansichten und eine gealterte Wortwahl aufeinandertreffen. Erwartungsgemäß sollte Staub aus dem Buch rieseln, sobald daran geklopft wird. Stattdessen ertönt nur ein mutiger Kriegsschrei Winnetous. Denn trotz all den Jahrzehnten, trotz den Veränderungen in der Weltgeschichte, trotz all dem modernen Gedankengut – Karl Mays Reiseerzählungen sind zeitlose Abenteuer.

Zugegeben, es gibt viele Stellen, an denen ein moderner Leser unweigerlich schmunzeln muss oder einfach nur den Kopf ob des Gedankenguts schüttelt, das er hier zu lesen bekommt. Da wird vom Türken als kranker Mann gesprochen, erweist sich Karl Mays alter Ego im Roman als toleranter Rassist und gibt es Ausblicke auf eine Zukunft, die schon seit langem eingeholt ist. Dennoch, ein aufgeklärter Leser wird diesen Blick in die Vergangenheit zu schätzen wissen. Es sind Fenster zu einer Wertvorstellung, die scheinbar so fern liegt, manchmal aber noch Realität ist. Und trotz der Zeit die verstrich, so bleiben die Abenteuer spannend.

„Winnetou I“ ist keine Gegenwartserzählung, sondern ein abenteuerlicher Blick in die Historie. Werden antiquierte Wortwahl und veraltete Ansichten wohlwollend ignoriert, entpuppt sich der Roman als spannendes Abenteuer. Er bietet all die Dinge, die eine gute Handlung haben muss. Karl May hat für seine Leser geschrieben und das zeigt jede einzelne Zeile ganz deutlich. Auch das er für seinen Geldbeutel schrieb und die Dialoge künstlich aufblies. Aber hier ist Kunst wörtlich zu nehmen, denn diese Dialoge sind einfach wunderbar.

Karl May schrieb den Roman aus der Ego-Perspektive und behauptete auch lange Zeit, er hätte diese Abenteuer tatsächlich erlebt und die darin vorkommenden Menschen würden wirklich leben. Erst Jahre später wich er von diesen Behauptungen ab. So ist unser Held Karl das Abbild dessen, was May gerne gewesen wäre – und eine Person die, zum Beispiel, Harry Potter gerne wäre: Karl geht mit wachem Verstand und offenen Augen durch die Welt, er ist talentiert, lernt schnell, macht sich überall Freunde. Jederzeit ist er bereit einem Unschuldigen zu helfen, auch wenn es sein eigenes Leben kosten könnte. Stets stellen sich ihm böse Feinde entgegen, die er bekämpfen muss. Karl ist der klassische Held.

Doch auch Winnetou – die zweite Hauptfigur des Romans – ist ein Held. Doch zuerst muss Karl die Tugenden seines baldigen Freundes und Blutsbruder freilegen. Denn das Schicksal hat diesem edlen Krieger übel mitgespielt und zu schnell reagiert er misstrauisch und übervorsichtig. Erst Karl, der in „Winnetou I“ den berühmten Spitznamen Old Shatterhand erhält, sorgt für die Toleranz und Gelassenheit, die Winnetou später bei seinen Freunden an den Tag legt. Hier kämpfen zwei Helden für Recht und Ordnung, die ihresgleichen suchen.

Doch in „Winnetou I“ müssen die beiden Männer erst einmal zueinander finden. Es sind bis dahin einige Abenteuer zu bestehen, die Kapitel für Kapitel zum dramatischen Höhepunkt führen. Da gibt es Trunkenbolde, Verräter, Büffeljagden, blutige Zweikämpfe, lustige Situationen, alte Lehrmeister und schreckliche Gefahren.. Auf mehr als fünfhundert Seiten entwickelt sich eine packende Geschichte, die auch heute noch lesenswert ist. Es ist halt die klassische Abenteuergeschichte – wobei, heute mag sie klassisch sein. Zu Mays Zeiten sah die Sache noch anders aus. Und gerade dieser Rückblick, diese Reflektion, sorgt heute für den ganz besonderen Reiz, den der Roman innehat. Obwohl stellenweise vorausschauend, bleibt er spannend bis zum Schluss.

Die geschilderten Ereignisse und Örtlichkeiten wirken dabei stets authentisch. Die Beschreibungen sind detailliert und wurden von May gut recherchiert. So können Reiserouten auf einer Karte problemlos nachvollzogen werden und existieren viele der genannten Örtlichkeiten tatsächlich. Trotzdem ist vieles schriftstellerische Freiheit. Außerdem verließ sich der Autor damals auf Bücher als Quellenmaterial. Praktische Erfahrungen hatte er keine. Und so ist bewundernswert, was für ein Garn May trotz allem sponn. Dadurch wirkt die Geschichte sehr natürlich und real. Sie hat wenig von dem oft abgehobenem Stil, den moderne Western aufweisen.

Die Figuren der Geschichte wirken ebenfalls lebendig und wachsen dem Leser schnell ans Herz. Sie besitzen greifbare Persönlichkeiten und Reibungspunkte. Dadurch entstehen glaubhafte Konflikte, die nur schwer zu lösen sind. Das hält die Spannung oben. Vor allem der emotionale Ausdruck ist zu erwähnen, denn er macht die Motive der Personen deutlich. Natürlich handeln die Figuren im Roman einem veralteten Weltbild entsprechend, aber so ist das nun mal bei einem historischen Roman.

Der Karl-May-Verlag hat es nun gewagt „Winnetou I“ auf ein modernes Format umzustellen und den Roman von Heiko Grauel als Hörbuch einlesen zu lassen. Und zwar Wort für Wort. Es gibt keinerlei Lücken im Text, keine Schnitte oder Einsparungen. Der Hörer bekommt das Original geboten, mit einer Lauflänge von knapp 940 Minuten. Die Tonspuren passen allesamt auf eine einzige CD, was am Format MP3 liegt. Zum Abspielen ist also ein moderner Player oder ein Computer nötig.

Heiko Grauels Stimme ist vielen Menschen sicherlich aus Funk, Film und Fernsehen bekannt. Mit der gebotenen Ernsthaftigkeit liest er den Roman und verleiht den einzelnen Figuren stets eine unverkennbare Färbung. Vor allem Sam Hawkens wird damit zu einem unvergesslichen Erlebnis. Grauel überzeugt vor allem durch eine klare Aussprache und eine gute Stimmtiefe. Seine Betonung ist stets gelungen und durch sein Farbspiel ist die Erzählung sehr dynamisch. Das hält den Zuhörer bei der Stange und die mehr als fünfzehn Stunden verfliegen rasch.

Die Umsetzung der May-Werke als MP3-Hörbücher ist ein grandioser Einfall, wie „Winnetou I“ beweist. Auch die Gestaltung im klassischen Grün der Hardcover mit der entsprechenden Coverillustration ist eine gute und stilvolle Idee. Die Lesung selbst ist beinahe fehlerfrei, allerdings hat sich im zweiten Track ein großer Schnitzer eingeschlichen. Ungefähr ab Minute zweiundvierzig wird die Sequenz „’Mein – Nach – folger?‘, stieß ich betroffen hervor.“ wiederholt. Somit ist die Lesung nur beinahe perfekt, macht dem Hörgenuss aber keinen Abbruch. Durch das Format MP3 können findige Nutzer die paar Sekunden für ihren Privatgebrauch auch einfach herausschneiden.

„Winnetou I“ ist auch heute noch eine Erzählung, die jedem zu empfehlen ist. Spannend, frisch, lebendig und abenteuerlich – hier macht das Zuhören, Dank Heiko Grauel, einfach Spaß.

Copyright © 2009 by Günther Lietz

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