Codex Regius

Arnaldur Indriðason
Codex Regius

Originaltitel: Konungsbók (Reykjavík : Vaka-Helgafell 2006)
Übersetzung: Coletta Bürling
Deutsche Erstausgabe: November 2008 (Lübbe-Verlag/editionLübbe)
445 S.
ISBN-13: 978-3-7857-1623-6
Neuausgabe: August 2010 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 16467)
445 S.
ISBN-13: 978-3-404-16467-7
eBook: Juli 2011 (Bastei Entertainment)
2084 KB
ISBN-13: 978-3-8387-1257-4

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Das geschieht:

Im Jahre 1955 tritt der junge Isländer Valdemar die weite Reise nach Dänemark an. An der Universität in Kopenhagen möchte er Nordische Philologie studieren. Da sein Spezialgebiet die mittelalterlichen isländischen Handschriften sind, möchte er gern bei einem bestimmten Professor lernen, der als Koryphäe auf diesem Gebiet gilt.

In der Tat ist der Professor genial, doch leider auch dem Alkohol verfallen und kurz vor der Entlassung stehend. Valdemar wird zunächst rüde abgewiesen, bis dem Professor seine enormen Kenntnisse bei der Entzifferung alter Dokumente auffallen. In dem jungen Mann glaubt er eine verwandte Seele zu entdecken. Valdemar soll ihm helfen, den Coup seines akademischen Lebens zu landen: Der Professor ist auf der Spur eines historischen Schatzes. Er hat Kenntnis von der Existenz einiger unbekannter Seiten aus dem „Codex Regius“ erhalten, der als kostbarstes literarisches Zeugnis der isländischen Geschichte gilt.

Der eher bequeme Valdemar sieht sich plötzlich in ein Abenteuer gerissen. Mit dem ungestümen Professor reist er durch Europa, befragt zwielichtige Händler, öffnet sogar ein Grab. Als sie dem Codex näher kommen, wächst die Gefahr: Der Alt-Nazi Erich von Orlepp, ein fanatischer Kunstsammler und -dieb, und sein skrupelloser Sohn Joachim haben Wind von der Suche nach den alten Pergament-Seiten bekommen. Sie beschatten und bedrängen den Professor, der in der Not seinem Schüler ein düsteres Geheimnis enthüllt: 1945 hat er in höchster Lebensgefahr mit den Nazis paktiert, was ihm heute als Hochverrat ausgelegt werden könnte. Weil er sich rehabilitieren will, kennt der Professor keine Rücksicht auf seiner Jagd nach dem Codex. Valdemar kann sich seinem Einfluss nicht entziehen. Längst ist er zudem selbst in den Bann des Codex Regius geraten, obwohl er inzwischen weiß, dass viele Leichen den Weg der Handschrift durch die Jahrhunderte säumen …

Kampf um die Selbstidentität

In Island ist seit jeher alles anders als in Europa, zu dem die Eis- und Vulkaninsel gehört, obwohl sie geografisch abseits knapp unterhalb des nördlichen Polarkreises liegt. Im 9. Jahrhundert von Wikingern besiedelt, blieben die Geschicke des Landes über lange Zeit skandinavisch bzw. dänisch und damit aus isländischer Sicht fremdbestimmt. Erst 1918 wurde Island unabhängig, 1944 die Republik Island ausgerufen.

Zu einem souveränen Land gehört eine eigene Geschichte, die durch historische Artefakte und Dokumente zu belegen ist. Genau das war den Isländern lange nur bedingt möglich. Sie mussten auf einen Großteil ihres nationalen Erbes verzichten. Es besteht hauptsächlich aus den Sagas und Liedersammlungen, die im 12. und 13. Jahrhundert entstanden und zu den ersten Zeugnissen der (nord-) europäischen Literaturkultur gehören. Als solche wurden sie seit dem 17. und 18. Jahrhundert erkannt, gesammelt und in dänische Museen gebracht. Dort gehörten sie zum Bestand, als Island zum autonomen Staat wurde – und das blieben sie auch, denn die neuen Eigentümer gedachten sie keineswegs zurückzugeben.

„Codex Regius“ spielt in einer turbulenten Phase der isländischen Geschichte. Die Republik ist noch jung, und Europa leidet weiterhin unter den Nachwirkungen des II. Weltkriegs und der sich anschließenden Neuordnung der Welt. Isländische Patrioten, die auf die Heimkehr von Handschriften drängen, können auf keine stimmenstarke Lobby zählen. In solchen Phasen relativer Gleichgültigkeit sind seit jeher wertvolle Kulturschätze spurlos verschwunden. Arnaldur Indriðason geht von der Plot-Prämisse aus, dass ausgerechnet der Codex Regius, das Leuchtturm-Artefakt der isländischen Geschichte, dieses Schicksal teilen könnte.

Dem Verfasser ist zu verdanken, dass die Suche nach einer alten Handschrift auch dem historischen Laien nicht als Selbstfindungsprozess weltfremder Bücherwürmer vermittelt wird. Der Autor fand (dazu weiter unten) den richtigen Anker für seinen Historienroman. Das ist wichtig in einer unterhaltungsliterarischen Welt, die von Dan Brown & Co. mit historischen Pseudo-Rätseln und Schatzjagden überflutet wird. Die meisten dieser (Mach-) Werke sind grottenschlecht geschrieben und behaupten ihre Verknüpfung mit der Geschichte nur; tatsächlich sind es getrimmte Thriller, die auf einer aktuellen Bestseller-Welle reiten.

Was „Geschichte“ eigentlich ist

Arnaldur geht mit „Codex Regius“ einen besseren Weg: Er kann die Dringlichkeit der (auch sonst spannend aber nicht sensationellen) Schatzjagd verdeutlichen, indem er seinen Lesern begreiflich macht, was Geschichte ist: nicht trockenes Studienobjekt, sondern die Essenz von Ereignissen, die von lebendigen Menschen geprägt, erlebt und nicht selten erlitten wurden. „Codex Regius“ ist eine Reise durch die Welt der isländischen Literatur, die in ihrer Fülle und ihrem inhaltlichen Reichtum eine der kräftigsten Wurzeln der europäischen Kultur darstellt.

Gleichzeitig erzählt Arnaldur die Geschichten zweier Menschen. Da ist der Professor, dessen Name niemals genannt wird; er benötigt ihn nicht, denn er ist – auch bedingt durch sein privates Schicksal – zum ‚reinen‘ Wissenschaftler geworden, der keine Rücksicht mehr auf politische und gesellschaftliche Regeln nimmt. Erst allmählich enthüllt Arnaldur, wieso dies bzw. dass es so einfach nicht ist: Persönliche Schuld, die wiederum ein Produkt der Geschichte ist, treibt den Professor an. Er hat verraten, was ihm über alles geht, und dafür will Genugtuung leisten. Dass er im Recht mit seiner fanatischen Fixierung auf den Codex, gesteht ihm Arnaldur zu, indem er dem realen Schriftsteller Halldór Laxness (1902-1998) als (fiktiven) Helfer bei der Rettung der Handschrift auftreten lässt: Im Jahr der Handlung 1955 wurde diesem realiter der Nobelpreis für Literatur verliehen; die kulturelle Vergangenheit Islands wird mit der Gegenwart verklammert.

Der Professor hat eine Mission. So ein Mensch ist ein gefährlicher Gefährte. Diese Erfahrung muss Valdemar machen. Mit ihm wird „Codex Regius“ zur „Coming-of-Age“-Story. Wenn er Island verlässt, verkörpert er den Insulaner seiner Zeit, der dunkel ahnt, dass er als Hinterwäldler und ‚Kolonist‘ gilt. Valdemar, der unbedarfte Mann aus dem abgeschiedenen Island, lernt die raue Wirklichkeit kennen. Er reift dabei, muss aber auch Opfer bringen und verliert seine Unschuld, was ihn für den Rest seines Lebens prägen wird. Welche Rolle der Professor in seinem Leben wirklich spielte, ahnt er nicht einmal. Nur der Leser wird behutsam auf ein nicht erzähltes Drama hingewiesen, das Valdemar buchstäblich zu dem Menschen machte, den der Professor nachdrücklich formen kann.

Die guten, alten Nazis …

Auf einer weiteren Ebene schildert „Codex Regius“ ein Kapitel zeitgenössischer Nachkriegsgeschichte. Dieser Strang ist weniger gut gelungen. Die Irrfahrten durch das Europa von 1955 verharrt vor allem in den Deutschland-Episoden an der historischen Oberfläche. Trümmer-Tragödien, kaltherzige Kriegsgewinnler und aufgesetzte Diskussiönchen um deutsche Schuld und Sühne hinterlassen den Eindruck pflichtschuldiger Halbherzigkeit. Hier vermisst man das Feuer, mit dem sich z. B. im letzten Buchviertel der Professor über die Bedeutung des Codex für die isländische Nation äußert und opfert.

Da die Geschichte im Europa des Jahres 1955 spielt, erleben wir – natürlich, muss man da anmerken – in den Rollen der Bösewichte alte und unbelehrbare Nazis. Außerhalb Deutschlands ist das nicht unbedingt ein Problem; vor allem im angelsächsischen und US-amerikanischen Raum wird schon längst zwischen „Nationalsozialisten“ und „Nazis“ differenziert. Während erstere der historischen Realität zugeordnet werden, gelten letztere als Sammelbezeichnung für eine eigene Kategorie fieser Finsterlinge, die ihr Unwesen in Buch- und Filmthrillern treiben dürfen. Sie sind als solche so ‚realistisch‘ wie die Schurken der James-Bond-Filme oder bösartige Aliens.

In Deutschland funktioniert besagte Trennung verständlicherweise nicht. Wenn Orlepp Senior und Junior und ihre Schergen die Szene betreten, verliert „Codex Regius“ seine Überzeugungskraft. Sie sollen eiskalte Fanatiker und moralfreie Unmenschen verkörpern, die mit Hilfe der berüchtigten „Rattenlinie“ der Gerechtigkeit entfliehen konnten und in einem Netz „alter Kameraden“ weiterhin das Sagen haben, benehmen sich letztlich aber so, wie es das „Nazi“-Klischee fordert. Nur bruchstückhaft wird deutlich, dass vor allem der alte Orlepp den Codex auf seine unmoralische Art genauso liebt und verehrt wie der Professor.

Im gelungenen Finale auf dem Nordatlantik findet Arnaldur zum Thriller zurück, den er am deutlichsten in der Berlin-Sequenz ein wenig zu weit aus den Augen verlor. Er erfindet in dieser Hinsicht das Rad nicht neu, sondern setzt auf bewährte Spannungselemente. Vor allem weil er dabei darauf verzichtet, den Professor oder Valdemar zu Ein-Mann-Kampfmaschinen mutieren zu lassen, sondern deren Charaktere konsequent wahrt, wirkt die Auflösung überzeugend. Geschickt mündet die Fiktion in die Realität. 1971 erfüllt sich, was der Professor so ersehnte: Aus Dänemark kehren der „Codex Regius“ und andere bedeutende Handschriften nach Island zurück. Das ist mal ein Happy-End der ungewöhnlichen Art!

Autor

Arnaldur Indriðason wurde am 8. Januar 1961 in Reykjavík geboren. Er wuchs hier auf, ging zur Schule, studierte Geschichte an der University of Iceland. 1981/82 arbeitete als Journalist für das „Morgunbladid“, dann wurde er freiberuflicher Drehbuchautor. Für seinen alten Arbeitgeber schrieb er noch bis 2001 Filmkritiken. Auch heute noch lebt der Schriftsteller mit Frau und drei Kindern in Reykjavík.

1995 begann Arnaldur Romane zu schreiben. „Synir duftsins“ – gleichzeitig der erste Roman einer Serie um den isländischen Polizei-Kommissar Erlendur Sveinsson – markierte 1997 sein Debüt. Jährlich legt der Autor mindestens einen neuen Titel vor. Inzwischen gilt er auch im Ausland als einer der führenden Kriminalschriftsteller Islands. Gleich zweimal in Folge wurde ihm der „Glass Key Prize“ – der Skandinaviska Kriminalselskapet (Crime Writers of Scandinavia) – verliehen (2002 für „Nordermoor“, 2003 für „Todeshauch“).

Drei seiner Romane hat Arnaldur selbst in Hörspiele für den Icelandic Broadcasting Service verwandelt. Darüber hinaus schrieb das Drehbuch zur Verfilmung seines Erlendur-Romans „Mýrin“ (2006, dt. „Nordermoor“) und zusammen mit dem Regisseur Óskar Jónasson das Script zum Thriller „Reykjavík-Rotterdam“ (2008), der 2012 als „Contraband“ (dt. „Contraband – Gefährliche Fracht) u. a. mit Mark Wahlberg und Kate Beckinsale als internationale Großproduktion neu verfilmt wurde.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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