Abschied auf Englisch

Peter Lovesey
Abschied auf Englisch

Originaltitel: The False Inspector Dew (London : Macmillan 1982/New York : Pantheon 1982)
Übersetzung: Herbert Neumaier
Dt. Erstausgabe: 1983 (Droemer Knaur Verlag/Top International Paperback)
383 S.
ISBN-13: 978-3-426-19069-2
Neuausgabe: Februar 2009 (Fischer Verlag/Fischer Crime Classic 18246)
318 S.
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-596-18246-6

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Das geschieht:

Der unglücklich verheiratete Zahnarzt Walter Baranov und die Blumenverkäuferin Alma Webster haben sich ineinander verliebt. An eine Scheidung darf Walter nicht einmal denken; Gattin Lydia hat in dieser Ehe die Hosen an und das Geld auf der Bank. Außerdem schreibt man das Jahr 1921, und untreue Ehemänner, die ihre Frau verlassen und sich zu ihrer deutlich jüngeren Geliebten bekennen, können mit finanziellem Ruin und gesellschaftlicher Ächtung rechnen.

Alma findet die Lösung: Lydia muss sterben! In seiner Not ist Walter einverstanden. Allerdings erinnert er sich an den unglücklichen Dr. Hawley Crippen, der es 1910 ebenfalls mit Gattinnenmord versucht hatte, nach einer aufsehenerregenden Verfolgungsjagd über den Atlantik in Kanada festgenommen und später gehenkt worden war. Er hatte die Leiche nicht gut genug entsorgt, was ihm zum Verhängnis wurde. Walter und Alma wollen es besser machen: Da Lydia eine Schiffsreise in die USA plant, wollen sie ihr an Bord des Luxusdampfers „Mauretania“ folgen, sie erst dort ermorden und die Leiche durch ein Bullauge verschwinden lassen, worauf Alma in Lydias Rolle schlüpft: Niemand wird auf der Passagierliste fehlen, und das verliebte Paar kann in der neuen Welt in eine ungestörte Zukunft starten!

Doch der Zufall spielt Walter und Alma einen bösen Streich: Eine zweite Frau geht ermordet über Bord. Ihre Leiche kann geborgen werden. Erfreut hört Kapitän Rostron, dass sich unter seinen Passagieren ein berühmter Polizist befindet: Keck nennt sich Baranov an Bord der „Mauretania“ ausgerechnet „Walter Dew“. Dew war der Inspektor, der einst Crippen stellte. Daran erinnert sich der Kapitän. Notgedrungen versucht sich Walter als Ermittler. Ihm hilft seine Vergangenheit als Bühnenmagier; tatsächlich sind seine Nachforschungen so erfolgreich, dass der Mörder unruhig wird und seinem Verfolger nachzustellen beginnt …

Die Realität schlägt wieder einmal die Fiktion

„Abschied auf Englisch“ ist der im Deutschen (wie üblich, muss man sagen) nichtssagende Titel einer Geschichte, deren Originaltitel dem eingeweihten Leser bereits auf die Handlung einstimmt: Inspektor Dew ist zumindest in England eine bekannte Figur der (kriminologischen) Zeitgeschichte: der Mann, der 1910 den (natürlich ungleich berühmteren) Dr. Crippen stellte.

Das reale Geschehen bildet den idealen Untergrund für diesen Roman. Crippen war kein außergewöhnlicher Verbrecher und Dew als Polizist und Mensch niemand, an den man sich normalerweise erinnert hätte. Es sind die Umstände, die beide unsterblich machten: Crippen floh mit seiner Geliebten per Schiff nach Kanada. Vor 1910 hätte er in dem riesigen Land untertauchen können und wäre nie zur Rechenschaft gezogen worden. Doch Crippen bestieg mit der „SS Montrose“ eines der ersten Schiffe, das mit einer Funkstation ausgestattet war. Als Passagiere das flüchtige Paar erkannten, wurde die Nachricht nach London durchgegeben. Scotland Yard setzte Inspektor Dew in Marsch, der im Wettlauf mit der „Montrose“ nach Toronto reiste. Während Crippen sich ahnungslos auf dem Weg in die Freiheit wähnte, war nicht nur die Polizei, sondern auch die Weltpresse über jeden seiner Schritte informiert. (Diese fesselnde Geschichte rekonstruiert übrigens Eric Larson in seinem Buch „Marconis magische Maschine. Ein Genie, ein Mörder und die Erfindung der drahtlosen Kommunikation“, das der Rezensent a. a. O. dieser Website besprochen hat.)

Peter Lovesey orientiert sich stark am Crippen-Fall. Der Zahnarzt Walter Baranov gleicht charakterlich dem unglücklichen Mörder, der ebenfalls als zurückhaltender und von seiner Ehefrau dominierter Mann galt. Auch die Dreiecks-Konstellation Baranov – Lydia – Alma ist der Realität entlehnt. Erst als sich die Handlung an Bord der „Mauretania“ verlagert, weicht Lovesey vom Vorbild ab.

Für diese Nähe zur Realität ist keineswegs die Denkfaulheit des Verfassers verantwortlich. Im Gegenteil: Lovesey setzt sich unter verstärkten schöpferischen Druck, indem er Crippens Odyssee sich in Baranovs Abenteuern widerspiegeln lässt. Auf diese Weise gelingt ihm weit mehr als eine geistreiche Variation. Er dringt tief in die Psychen von Hawley Crippen (der hier durch Baranov ‚gedoubelt‘ wird), Cora Crippen (= Lydia) und Ethel le Neve (Crippens Geliebte = Alma Webster) ein und schafft ein Stimmungsbild, das vielleicht nicht der historischen Realität entspricht, aber auf jeden Fall zeigt könnte, wieso Crippen, der alles andere als der ‚typische‘ Verbrecher war, zum fast perfekten Mörder mutierte.

Mörderisches Durcheinander als vergnüglicher Historienkrimi

In diesem ersten Drittel wird der puristische Krimi-Leser womöglich nicht auf seine Kosten kommen. Es geschieht nichts Kriminelles, stattdessen erzählt Lovesey die love story von Walter und Alma. Er beachtet die zeitgenössischen Gesellschaftsregeln genau und verdeutlicht seinen Lesern, wieso eine Befreiung für das Paar aus seinem Dilemma nur in Mord bestehen kann. Dabei brüstet sich der Verfasser nicht mit aufdringlich dargebotenem historischem Wissen. Das Jahr 1921 fließt wohldosiert dort in die Geschichte ein, wo es ihr zugute kommt.

In diesen Handlungsstrang eingeflochten werden Ereignisse und Personen, die zunächst nicht mit dem Hauptgeschehen in Einklang gebracht werden können. Der Autor, der dazu quasi vor unseren Augen und ohne Scheu in die Rolle des allwissenden Erzählers schlüpft, weist uns darauf hin, dass es wichtig ist, diese Informationen im Hinterkopf zu bewahren, weil sie später ihre Bedeutung gewinnen werden. Auf diese Weise liefert er uns jenes Hintergrundwissen, das der Leser von einem ‚fairen‘ Rätselkrimi aus dem „Golden Age“ dieses Genres erwarten darf.

Fakten & Fiktion in idealhomogener Mischung

Doch „Abschied auf Englisch“ ist kein ‚authentischer‘ „Whodunit“, obwohl sich die Handlung 1921 abspielt. Erst mehr als sechs Jahrzehnte später schrieb Lovesey seinen Roman. Er ist ein ehrgeiziger und auch guter Schriftsteller, der sich nicht damit begnügt, die alten Schablonen möglichst deckungsgleich abzupausen. „Abschied auf Englisch“ ist ein Historienkrimi, ein Spiel mit dem Genre Kriminalroman und mit seiner Geschichte.

Der Widerhall des Crippen-Dramas ist ein Merkmal. Auch an Bord der „Mauretania“ hinterfragt Lovesey jedoch die zeitgenössischen Verhältnisse, indem er sie einerseits akkurat schildert und seine Kritik daran andererseits behutsam in die Handlung einfließen lässt. Jene Tiefen, die Loveseys figurenpsychologische Bohrungen erreichen, wird man in einem tatsächlich 1921 entstandenen Kriminalroman kaum finden.

Dabei gerät dem Verfasser den Unterhaltungsaspekt nie aus den Augen. Im zweiten Drittel beginnt sich der Grundton zu ändern. Aus der mit durchaus tragischen Zügen angereicherten Liebesgeschichte wird ein ‚echter‘ Krimi bzw. eine Krimi-Komödie. Der ernsthafte Unterbau wird nicht ignoriert; dass Walter Baranov sich so flüssig in Inspektor Dew verwandelt, bliebe ohne das Wissen um seine charakterlichen Eigenschaften schwer verständlich. Doch die Weichen der Handlung werden neu gestellt.

Jeder verbirgt etwas, das niemand wissen darf

Die Launen des Schicksals versetzen den Kriminellen in die Rolle des Vertreters von Recht & Gesetz; womöglich muss er sich sogar selbst verfolgen: Neu war diese Konstellation schon 1982 nicht mehr. Sie zählt aber zum Kanon klassischer Plots und wird gut erzählt ihre Wirkung weiterhin nicht verfehlen. Die Begleitumstände sind einfach zu reizvoll: „Inspektor Dew“ geht seiner Arbeit – die er nie erlernt hat – nicht allein nach, sondern wird von der Besatzung und den Passagieren der „Mauretania“ neugierig beobachtet. Fehler muss er tunlichst vermeiden bzw. sie kunstvoll überspielen. An Bord eines Dampfers ist er in seiner Rolle buchstäblich gefangen. Der Zeitfaktor spielt eine wichtige Rolle: Wenn die „Mauretania“ in New York anlegt, sollte „Dew“ nicht nur den Täter gestellt, sondern sich auch über seine Zukunft Gedanken gemacht haben. Als Baranov Dew wurde, hat er sich öffentlich gemacht. Die daraus resultierenden Konsequenzen sorgen für ein Ansteigen der Spannungskurve.

Wer ist der Mörder? In dieser Frage segelt Lovesey im Kielwasser der Klassiker. Verdächtig sind sie alle, diese ausdrucksstarken Figuren, die er uns gründlich vorstellt; so verlangt es das Genre. Selbstverständlich wird im großen Finale kein deus ex machina herbeigezaubert. Der Täter rekrutiert sich aus der Schar der Verdächtigen. Wer aufmerksam liest, wird ihn (oder sie) gemeinsam mit „Inspektor Dew“ entlarven, denn Lovesey sorgt wie gesagt für entsprechende Hinweise.

Was ihn allerdings nicht daran hindert, der Krimi-Klassik in einer originellen Coda kategorisch zu entsagen. „Abschied auf Englisch“ schließt mit einer Schlusspointe, die so in einem Krimi der 1920er Jahre nicht möglich gewesen wäre. Lovesey stellt das Geschehene binnen weniger Zeilen auf den Kopf und sorgt für den würdigen Ausklang eines Romans, der inzwischen selbst zum Klassiker seines Genres geworden ist. Dies der Leser nach Abschluss der Lektüre ebenso deutlich unterstreichen wie die fachkundige Jury der „Crime Writers Association“, die „The False Inspector Dew“ mit einem „Gold Dagger Award“ als besten englischen Kriminalroman des Jahres 1982 auszeichnete.

Die „Mauretania“ sticht wieder in See

„The False Inspector Dew“ ist bereits 1983 in deutscher Übersetzung erschienen. Noch einmal als Taschenbuch aufgelegt, verschwand der Roman vor vielen Jahren aus den Buchläden verschwunden und blieb nur mehr antiquarisch greifbar.

In der „CrimeClassic“-Serie des Fischer Verlags erlebt er endlich seine Wiederkehr. Die Neuausgabe beinhaltet ein Nachwort von „Krimi-Couch“-Chefredakteur Lars Schafft, der unter dem Titel „Ein Maskenspiel auf hoher See“ relevante Hintergrundinformationen zum gerade gelesenen Roman liefert.

Copyright © 2009/2017 by Michael Drewniok (md)

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