Bewegungsversuche

Christian Bedor & Michael Liebusch
Bewegungsversuche

Books on Demand GmbH, Norderstedt/Foto-Text-Statt, Kelkheim, 8/2008
TB, Belletristik, zeitgenössische/surreale Erzählungen, Satire, 978-3-8370-4272-6, 92/880 (sfbentry)
Titelillustration von Edith Kaiser
Foto und Idee von Christian Bedor

www.bod.de/index.php?id=200
www.muell-zeit-lose.de
www.kunstraum-liebusch.de

Anders als die ‚großen’ Verlage, deren Programm strikt Umsatz orientiert angelegt ist, können sich die Kleinverlage und Autoren, die im Eigenverlag oder über BoD publizieren, Experimente erlauben und über das schreiben, was sie bewegt – und nicht über das, was die Masse nach Verlagsmeinung kaufen will oder soll.

So präsentiert sich „Bewegungsversuche“ in einem unaufdringlichen, seriösen Gewand (Taschenbuch, schlichtes Hochglanzcover, übersichtliches Layout) und mit einem wenig spektakulären Titel. Das wiederum lockt die Leser, die ihre Lektüren abseits des Mainstreams suchen.

Tatsächlich lässt der Titel „Bewegungsversuche“ verschiedene Interpretationsmöglichkeiten zu:

Zwei sehr verschiedene Autoren versuchen, sich mit ihren Geschichten aufeinander zu oder voneinander fort zu bewegen, um trotz ihrer Gegensätze ein abwechslungsreiches, dynamisches Ganzes zu schaffen. Sie versuchen, überhaupt etwas zu bewegen, beim Leser und der Gesellschaft. Zu diesem Zweck erzählen sie von Durchschnittsbürgern und Durchschnittskreaturen, in denen man die Autoren, sich selber und sein Umfeld wieder finden kann, und sie alle versuchen, sich oder etwas zu bewegen, oder sie beobachten die Bewegungsversuche anderer. Nicht immer wird dabei eine Lösung aufgezeigt, und wenn, dann ist sie ungewöhnlich und kommt unerwartet.

Auf rund 90 Seiten offerieren die Autoren 20 kurze Geschichten, die um das Titelthema kreisen und es auf unterschiedliche Weise angehen:

Christian Bedor schlüpft gern in die Rolle des Ich-Erzählers und fasst als Bernd Stopfnuss, Karsten Sippelhagen oder Felix Name seine kritischen Impressionen vom alltäglichen Wahnsinn in der Großstadt Frankfurt zusammen. Diese sind zeitlos und können von jedem, unabhängig von seinem Wohnort, nachempfunden werden. Meist geht es um alltägliche Angelegenheiten, über die man sich Gedanken macht, wohl wissend, dass man nichts ändern – nichts bewegen – kann.

Das beginnt bei kleinen Dingen wie der Rücksichtslosigkeit der Mitmenschen, die sich unhöflich überall durchrempeln, kein Wort der Entschuldigung verlieren und sogar noch unverschämt werden, wenn man sie auf ihr ungehobeltes Benehmen anspricht (und hier hat es jeder noch in der Hand zu versuchen, seine Bewegungen zu kontrollieren), bis hin zur (Alters-) Armut, die immer mehr Menschen dazu zwingt, in Bewegung zu bleiben, um Mülleimer auf verwertbare Objekte wie Pfandflaschen, Nahrungsmittel etc. zu durchsuchen (wobei sich hier endlich der Staat dazu bewegen lassen sollte, etwas zu unternehmen).

Allerdings beschränkt sich Christian Bedor nicht ausschließlich auf die menschliche Sichtweise, sondern wird sogar zur Fliege, auf die er gängige Probleme und Überlegungen überträgt. Letztlich ist das kleine, unscheinbare, lästige Insekt auch wieder nur eine Metapher für den Menschen, der im großen Gesamten unbedeutend und kurzlebig ist, als Einzelner wenig bewegen kann, aber immerhin in der Lage ist, etwas zu verderben: So wie die Fliege durch Eiablage und das Übertragen von Keimen Speisen ungenießbar macht, ist der Mensch fähig, seinen Lebensraum zu zerstören.

Christian Bedor erzählt in einem lockeren Plauderton, als würde er sich mit dem Leser unterhalten, und bewegt sich dabei langsam von einem Thema zum anderen. Er beschreibt Situationen und Eindrücke, die man kennt, und spricht Ängste an, die jeden bewegen.

Michael Liebusch zieht die Perspektive des neutralen Erzählers für seine oft surrealen Geschichten vor. Fast immer kurz und prägnant bringt er seine Aussage auf den Punkt. Die Protagonisten, die er agieren lässt, sind naiv und versponnen wie z. B. der Inselbewohner Hub, Konrad Bolz mit seiner Zigarrenkiste oder die theorisierenden Fußballspieler. Sie haben ihre ganz persönliche, verdrehte oder gar absurd erscheinende Sichtweise der Dinge, die nicht selten konträr ist zu der des ‚Normalbürgers’. Dabei geht es dem Autor nicht darum, wer Recht hat, denn es kommt auf den jeweiligen Standpunkt an.

Für gewöhnlich versuchen seine Charaktere, sich mit dem Strom zu bewegen, wobei sie nicht merken, dass sie eigentlich in dieser Bewegung erstarrt, in den Konventionen oder ihrer eigenen beschränkten Welt gefangen sind. Erst der Zufall bringt für sie etwas in Bewegung, zum Guten oder zum Schlechten, wie bei dem Schwimmer, der ohne seine Brille plötzlich eine andere Sichtweise entdeckt und für sich ein neues Leben in Erwägung zieht, wie die Kellnerinnen, die in dem Moment an Einfallslosigkeit leiden, ab dem sie auf Kommando ihre Späße treiben sollen, oder wie die Fußballer, die unverhofft gewinnen, als sie einmal nicht ihren schönen Theorien folgen.

Allerdings versteht es Michael Liebusch, auch längere Geschichten zu schreiben, die morbid und schaurig sind, wie das Beispiel „Underwood – Allein im Wald“ beweist. Der Leser wird eingeladen, einen Blick in die Gedanken des Holzfällers Jack zu werfen und damit in einen Albtraum einzutauchen. Erinnerungen, Realität, Visionen, Hoffnungen und Ängste verschmelzen zu etwas, das kaum mehr voneinander zu trennen ist. Der Protagonist scheitert bei seinem Versuch, sich zu bewegen – sich von dem zu befreien, was ihn belastet, und das zu bekommen, was er sich wünscht.

Interessiert man sich für experimentelle Literatur, die zeitkritisch, satirisch und surreal Geschichten aus dem alltäglichen Leben erzählt, sollte man dieser Anthologie eine Chance geben. Christian Bedor und Michael Liebusch versuchen nicht, Lösungen für bekannte Probleme zu finden; dass muss jeder schon selbst tun. Stattdessen versuchen sie, mit „Bewegungsversuche“ beim Leser etwas zu bewegen, was ihnen zweifellos auch gelingt, denn die Geschichten regen nicht nur stellenweise zum Schmunzeln oder zum Gruseln sondern auch dazu an, die eigenen Bewegungsversuche zu hinterfragen, vielleicht im positiven Sinn zu verändern und langfristig eine Kettenreaktion auszulösen. (IS)

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Bewegungsversuche: Erzählungen

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