Copkiller

bailey-copkiller-coverJack Bailey
Copkiller

Originaltitel: Sleeping Policeman (Urbana/Illinois : Golden Gryphon Press 2006)
Übersetzung: Helmut Gerstberger
Deutsche Erstausgabe: Mai 2009 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Hardcore 67564)
352 S.
ISBN-13: 978-3-453-67564-3
Als eBook: Oktober 2009 (Wilhelm Heyne Verlag)
ISBN-13: 9-783-641-03258-6
www.heyne.de

Das geschieht:

Reed Tucker, Phineas „Finney“ Durant und Nick Laymon, drei Freunde, die in Ransom, einer Kleinstadt im US-Staat North Carolina, das College besuchen, gönnen sich einen feuchtfröhlichen Abend im Nachbarort. Angetrunken überfahren sie in der Nacht einen Mann und töten ihn. Um Strafe und Ärger zu vermeiden, kommt das Trio überein, den Unfall, der ohne Zeugen blieb, nicht zu melden. Stattdessen verstecken sie die Leiche im Wald, und Nick, der nicht wie Finney und Reed aus reichem Hause stammt, steckt zudem ein Geldbündel mit 10.000 Dollar ein, die der Fremde bei sich trug. Außerdem nimmt er einen Schlüssel an sich, der ein Schließfach im Busbahnhof der Stadt Knoxville im Nachbarstaat Tennessee öffnet.

Nick weiht seine Freundin Sue ein; sein Gewissen macht ihm zu schaffen. Doch der Pakt ist geschlossen, Nick kann nicht mehr zurück. Die Leiche im Wald wird schon am nächsten Tag gefunden. Ein zwielichtig wirkender Staatspolizist namens Evans stellt Fragen, deren Antworten er schon zu kennen scheint. In dem Schließfach finden die Freunde eine Videokassette, auf der eine junge Frau grausam zu Tode gefoltert wird. Sie erkennen in dem Opfer Casey Barrett, eine Kommilitonin, die vor einigen Monaten spurlos vom Campus verschwunden ist. In der Gewissheit, dass Reed und Finn ihn in der Krise umgehend ans Messer liefern werden, beginnt Nick ein gefährliches Spiel. Er beschließt, Caseys Vater über das Schicksal seiner Tochter zu informieren. Alfred Barrett, reich und mächtig, hat eine Belohnung von 100.000 Dollar ausgesetzt, die Nick locken.

Aber alle haben sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Hintermänner des unbekannten Toten wollen weder das Geld noch auf die Kassette abschreiben. Sie kennen keinerlei Skrupel und dulden keine Zeugen. Unermüdlich und unerbittlich fahnden sie nach den Dieben – und bald werden sie fündig …

Die eine entscheidende Sekunde

Ein einziges Mal triffst du die falsche Entscheidung, und dein Leben verwandelt sich in ein Inferno! Das mag abgedroschen klingen, aber dass mehr als ein Körnchen Wahrheit in dieser Aussage stecken kann, verdeutlicht uns Jack Bailey ebenso überzeugend wie brachial. Dazu passt ein Sprichwort: Kleine Ursache – große Wirkung. Das mag hier vermessen klingen, bildet doch ein tödlicher Unfall die kleine Ursache. Angesichts der Ereignisse, die diesem Unglück folgen, wirkt das Unglück aber rasch wie eine Bagatelle. Mit erschreckender (und damit unterhaltsamer) Meisterschaft entfesselt Bailey eine wahre Höllenfahrt. Mit dem Unfall und der sich anschließenden Fahrerflucht bringen vier junge Leute einen Dominostein aus dem Gleichgewicht, der eine Kettenreaktion in Gang setzt. Bei dem einen Fehler bleibt es nicht; weitere Kurzschlussreaktionen sorgen dafür, dass der Katastrophe der Brennstoff nie ausgeht.

Die entwickelt sich trügerisch langsam. Im ersten Drittel ist „Copkiller“ ein Psycho-Thriller. Im Mittelpunkt stehen vier Menschen in der Krise. Ungelöste Konflikte ließen sie schon zuvor unterschwellig im eigenen Saft schmoren. Die Not bringt endgültig hässliche, bisher verborgen gehaltene Charakterzüge zum Vorschein. Bailey versteht es, den daraus resultierenden Konflikt zu schildern und zu schüren. Gleichzeitig legt er eine falsche Fährte, denn die Geschichte nimmt plötzlich eine unerwartete Wendung.

Aus Seelenpein wird Folter-Terror

Als Ernie Pomeroy die Szene betritt, kippt die Handlung. Der ohnehin fragile Pakt zwischen Tucker, Nick, Finney und Sue löst sich auf, nachdem geschieht, was die vier ‚Freunde‘ unbedingt vermeiden wollte: Die Außenwelt bricht über sie hinein. Damit endet ihre ohnehin fragwürdige Kontrolle der Ereignisse.

Aus dem dramatischen Kammerspiel wird ein brutales und bizarres Spektakel. Das Geschehen wird zunehmend düsterer. Die Freunde lernen wahre Meister des Verbrechens und des Bösen kennen. Der schmierige Pomeroy liefert ihnen nur einen Vorgeschmack. Er wird abgelöst von Lawrence Evans, einem Psychopathen in Polizeiuniform. Sämtliche Handlungsinitiative geht auf ihn über, denn Evans ist nur körperlich über- bzw. unmenschlich. Die Freunde haben ihm zunächst nichts entgegenzusetzen und sind ihm hilflos ausgeliefert.

Es endet buchstäblich im Horror: In seiner Folterhöhle sitzt Vergil Gutman, der moderne Elefantenmensch. Im Gegensatz zu seinem historischen und überaus gutmütigen Vorgänger ist Gutman psychisch eine Spiegelung seines verunstalteten Körpers. Was das bedeutet, schildert Bailey gleichermaßen zurückhaltend wie deutlich. Er schwelgt nicht selbstzweckhaft in blutrünstigen Details, die er seinen Lesern freilich nicht erspart, wo sie zur Geschichte gehören.

Untergang und Wiedergeburt

Mehr als einhundert Seiten führt Bailey seine vier Hauptpersonen nicht nur immer tiefer in die Falle, sondern lässt diese sogar hinter ihnen zuschnappen. Das geschieht so nachdrücklich, dass man sich fragt, wie er, der sich bisher streng an die selbst gesteckten Vorgaben gehalten hat, sie von dort entkommen lassen kann. Werden sich Nick und Sue plötzlich in Kampfmaschinen verwandeln? Kehrt Finney aus dem Totenreich zurück, um in diese Richtung zu mutieren? Oder gibt es gar kein Happy-End? Wird dieses Mal das Böse siegen?

In solche Niederungen begibt sich Bailey nicht, obwohl er einschlägige Klischees keineswegs scheut. Was er sich stattdessen einfallen lässt, sei dem neugierig gewordenen Leser dieser Zeilen verschwiegen, denn seine Auflösung ist vielleicht nicht originell aber interessant und einmal mehr plausibel. Bailey lässt seine durch grausame Erfahrung klug gewordenen Figuren nur gezeichnet für ihr Leben entkommen.

Die Reise durch die Nacht bildet das letzte Drittel von „Copkiller“. Der Schrecken wird so groß, dass er sich zu verselbstständigen scheint. Evans und Gutman verwandeln sich in archaische Ungeheuer, die den dichten, uralten Wäldern entsprungen sein könnten, welche Ransom von allen Seiten förmlich einkreisen.

Generell spielt die Landschaft eine wichtige Rolle in dieser Geschichte. Immer wieder finden sich Nick und seine Freunde in einer fremden, feindseligen, rechtsfreien Umgebung wieder, wenn sie die Stadt verlassen. Wie Haie in ihrem Lebensraum ziehen Kreaturen wie Evans und Pomeroy dort ihre Bahnen. Bailey unterstreicht dieses Bild, indem er sie alte, riesige Straßenkreuzer, Relikte einer anderen Zeit, fahren lässt.

Das Spiel mit dem Genre

Während Baileys Stil schlicht strukturiert bleibt, arbeitet er stark mit Stimmungen und Bildern. Bereits die Namen einiger Figuren geben Hinweise: Nick Laymon erinnert an den Schriftsteller Richard Laymon (1947-2001), der ebenfalls gern das Grauen in der Provinz ansiedelte. Wo er jedoch grobschlächtig plottete und schrieb, arbeitet Bailey mit wesentlich feinerer aber schärferer Feder. Wenn man ihn unbedingt in eine Schublade stecken möchte, könnte man ihn mit Joe Lonsdale vergleichen, der die Kunst des „Auf-die-Spitze-Treibens“ („Mojo-Storytelling“) sogar noch besser beherrscht. Die Mischung aus realem Terror und phantastischem Horror – zitiert im Bild der Unheil ankündigenden, schwarzen Automobile – ist eine weitere Lonsdale-Spezialität. Eine dritte Parallele bietet ein über die Spitze hinaus getriebenes Grauen, das in pechschwarze Komik umschlägt. Der Transport von Pomeroys Leiche in sein feuchtes Tümpelgrab wird zu einer absurden Komödie der Wirrungen und verstörenden Körperfunktionen.

Vergil Gutman erinnert körperlich an den historischen Elefantenmenschen John Merrick (1862-1890). Auch eine Prise Harvey „Two-Face“ Dent aus den „Batman“-Comics lässt sich feststellen. Der Name geht indes wohl auf den Film-Noir-Klassiker „The Maltese Falcon“ (1941; dt. „Die Spur des Falken“) zurück, in dem Sydney Greenstreet als monströs fettleibiger, besessener Kunsträuber Casper Gutman dem Privatdetektiv Sam Spade alias Humphrey Bogart zu schaffen macht.

Ein schönes, offensichtlich nicht ins Deutsche übertragbare Bild stellt schließlich der Originaltitel dar: „Schlafender Polizist“ nennt man in den USA jene Straßenschwellen, die den Bleifuß allzu schneller Autofahrer auf die Bremse zwingen – oder in den Graben, wenn er nicht rasch genug reagiert. In unserer Geschichte wird der tote Mann auf der Waldstraße zum Stolperstein, der vier bisher unbescholtene Menschen aus der Bahn wirft. (Ein „Copkiller“ glänzt dagegen durch völlige Abwesenheit; sehen lässt sich höchstens ein Killercop.) Das geschieht wie gesagt mit einer inhaltlichen und formalen Vehemenz, die den Leser bis zum genüsslich und künstlich übersteigerten Finale in Atem hält.

Autoren

„Jack Bailey“ ist ein Pseudonym des Autorengespanns Dale Bailey und Jack Slay, Jr.

Dale Bailey lehrt Englisch am Lenoir-Rhyne College in Hickory, US-Staat North Carolina. Schriftsteller ist er in seiner Freizeit, was sein noch relativ schmales Gesamtwerk erklärt. Bailey schreibt vor allem Kurzgeschichten, die den Genres Science Fiction und Horror zuzuordnen sind. Elemente beider Genres finden sich auch in dem Roman „Sleeping Policeman“ (dt. „Copkiller“) wieder, den Bailey 2006 gemeinsam mit Jack Slay, Jr. unter dem Pseudonym „Jack Bailey“ verfasste. Über Themen der Weird Fiction schreibt er sekundärliterarische Artikel für diverse Magazine. Auskunft über seine Aktivitäten gibt Bailey auf seiner Website.

Jack Slay, Jr. hat bisher ausschließlich Kurzgeschichten sowie ein Sachbuch veröffentlicht. Auch er schreibt Essays über diverse Themen der modernen Unterhaltungsliteratur.

[md]

Titel bei Amazon.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.