Das Haus der vergessenen Kinder

Christopher Ransom
Das Haus der vergessenen Kinder


Originaltitel: The Birthing House (New York : St. Martin’s Press 2009)
Dt. Erstausgabe: Juni 2009 (Ullstein Verlag/TB Nr. 28042)
Übersetzung: Marie Rahn
430 S.
ISBN-13: 978-3-548-28042-4

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Das geschieht:

Durch Versicherungsgeld nach dem Unfalltod des Vaters zu Vermögen gekommen und ohnehin auf der Suche nach einem neuen Heim, erwirbt Conrad Harrison, ehemals erfolglos in Hollywoods Filmindustrie tätig, in Black Earth, einem abgelegenen Städtchen im Südwesten des US-Staates Wisconsin, ein 140 Jahre altes Haus. Gattin Joanne, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, lässt sich zum Wohl der kriselnden Ehe auf das Abenteuer ein; man denkt sogar über Kinder nach.

Die Harrisons bringen ihre ungelösten Konflikte mit ins neue Heim. Bald verlässt Joanne Black Earth, um an einem achtwöchigen Fortbildungslehrgang teilzunehmen. Allein und eifersüchtig bleibt Conrad zurück. Er mag an Joannes Treue nicht glauben. Außerdem wird ihm sein Haus bald unheimlich. Frauengestalten tauchen trotz sorgfältig verschlossener Türen in den Zimmern auf, Babygeschrei ertönt, eine hässliche und sehr lebendige Kinderpuppe bedroht ihn im Schlafzimmer.

Der erschrockene Neubesitzer stellt Nachforschungen an. Das alte Haus hat eine Vorgeschichte. Es diente lange als „Geburtshaus“. Während des I. Weltkriegs kamen ledige oder verwitwete Frauen hierher, um betreut von einem Arzt ihre Kinder zur Welt zu bringen. Als Spukhaus gilt das Gebäude in Black Earth nicht. Trotzdem wissen einige Bürger mehr, als sie Conrad mitzuteilen gedenken. So hat Nadia Grum, die hochschwangere Tochter der unmittelbaren Nachbarn, Unerfreuliches in dem Haus erlebt, als es noch den Laskis gehörte, deren Kinder dort sämtlich debil und behindert geboren wurden.

In seiner Einsamkeit macht sich Conrad an Nadia heran, was deren labiler Freund Eddy in gefährlichen Zorn versetzt. Während die Erscheinungen im Geburtshaus an Stärke und Gewalt zunehmen, beginnt Conrad an seinem Verstand zu zweifeln. Vergangenheit und Gegenwart mischen sich, bis es – geschürt durch den Geist des Hauses – zur Tragödie kommt …

Leben & Tod

Wir haben: das alte, unheimliche Haus; seinen geistig derangierten und daher spukempfänglichen Bewohner; ein ungesühntes Unrecht, das eine Seele nicht in ihrem Grab ruhen lässt; allerlei Freunde, Nachbarn und brave Bürger, die zwar etwas wissen, aber bockig schweigen, oder rein gar nichts merken und dem Grauen in die Hände arbeiten.

Wie lässt sich aus diesen Elementen noch Überraschendes destillieren – und wollen wir das überhaupt? Das verfluchte Haus ist ein Klassiker, der eigentlich nur variiert aber nicht neu erfunden werden muss. Das klappt sowieso nicht, wie viel zu viele Bücher und Filme fatal unter Beweis stellen. Auf die üblichen Zutaten mag oder kann auch Christopher Ransom deshalb nicht verzichten. Trotzdem findet er die Weiche auf ein zwar ebenfalls frequentiertes, aber nicht gar zu oft befahrenes Nebengleis: Nicht alte Schuld und der Drang nach Rache aus dem Totenreich wecken das Geburtshaus. Ausgerechnet die Sehnsucht nach dem Leben gerät außer Kontrolle und gipfelt in einem blutigen Drama.

Die Liebe als dem Hass an Stärke ebenbürtige (und von manchen Philosophen als seelenverwandt betrachtete) Emotion ist wesentlich schwieriger in ein überzeugendes Ungeheuer für eine phantastische Geschichte zu verwandeln als die Botschafter des Todes. Vampire, Zombies, Werwölfe und andere Gestalten der Finsternis sind mehr oder weniger fest definierte Größen, die leicht abgerufen werden können. Doch welche Gestalt nimmt die Liebe an, wenn sie ihre Schattenseite offenbart?

Sex & Geburt

Sex und Fortpflanzung sind zwei Manifestationen. Lust und Freude werden nicht selten durch Zorn und Angst gespiegelt. Solche Emotionen bringen die Harrisons ausgerechnet in ein Haus mit, das einst als Geburtsstätte errichtet wurde. Seine Mauern haben sich förmlich vollgesogen mit unkontrollierten Gefühlen. Dazu kommt (natürlich!) ein dunkles Geheimnis, das dazu führt, dass sich die Spannung im Haus zwar über die Jahre abgeschwächt hat, ohne indes verschwunden zu sein, da ihre Quelle weiterhin existiert. Als die Harrisons erscheinen, ‚lädt‘ das Haus sich erneut auf, und seine unsichtbaren Bewohner erscheinen.

Ransom gibt sich – ein wenig zu deutlich – große Mühe, dieses Konzept realistisch mit literarischem Leben zu füllen. Drei Jahre hat er an seinem ersten Roman geschrieben, hat (wie er in einem ausführlichen Nachwort beschreibt) viele persönliche Erlebnisse und Erfahrungen verarbeitet und wurde dabei von einem Eifer getrieben, der ihn über das Ziel manchmal hinausschießen ließ. „Das Haus der vergessenen Kinder“ soll ‚modernen‘ Horror im Stil von Clive Barker, Peter Straub oder Stephen King bieten. Faktisch haben die drei Altmeister jedoch nicht nur das Zweigestirn Tod & Liebe deutlich besser im Griff, sondern auch das Talent und die Erfahrung, eine Geschichte zügig und eindringlich zu erzählen.

Anfang & Mitte & Ende

Der Berg kreiste und gebar ein Mäuslein, lautet ein altes Sprichwort, das Ransoms Dilemma präzise beschreibt: Noch bevor wir Black Earth überhaupt betreten haben, stecken wir bereits bis zum Hals in dramatischen Eheproblemen, die zur Explosion mit üblen Folgen eigentlich gar kein Spukhaus benötigen. Conrad und Joanne machen sich das Leben perfekt zur Hölle. Kein Wunder, dass Joanne über viele hundert Seiten aus dem Geschehen verschwinden muss, damit der aufgewühlte Conrad überhaupt in die Lage gerät, das Erscheinen der Gespensterfrau Alma zu registrieren.

Dieser Mittelteil gehört Conrads Kampf mit Einsamkeit und Eifersucht sowie dem Zerfall einer Psyche, die durch ebenfalls aufwendig eingespielte Schuldgefühle aus den Fugen gerät. Freilich ist uns das ziemlich gleichgültig; während es Stephen King gelungen wäre, aus Conrad eine sympathische Figur zu machen, hätten Peter Straub oder Clive Barker ihn in einen überzeugenden Widerling verwandelt. In jedem Fall hätten wir Anteil an seinem Schicksal genommen. Ransoms Conrad ist vor allem irrational. Was ihn treibt und bedrängt, will uns der Autor wort- und bildreich und bitterernst verdeutlichen. Solcher Nachdruck wäre gar nicht nötig und ist eher kontraproduktiv, weil er aufs Tempo drückt und Leerlauf produziert.

In der Zwischenzeit beginnt der Hausspuk genretypisch anzuschwellen. Hier konzentriert sich Ransom auf die üblichen Vorkommnisse: Schatten, Geräusche, dann huschende Gestalten und verängstigte Hunde, schließlich offenes Geistern diverser unzufriedener Seelen. Davon wünscht man sich mehr, denn das weiß der Verfasser eloquent zu beschreiben. Ransom ist kein Subjekt-Prädikat-Objekt-Punkt-Stammler, sondern arbeitet mit Worten, die sich gern zu langen, verschlungenen Sätzen fügen, und er vermag Stimmungen zu vermitteln.

Im Finale zieht Ransom die Zügel fester an. Erst jetzt und jetzt endlich verschmelzen Form und Inhalt. Die Auflösung ist erschreckend (und auch erschreckend banal), aber sie geht in einer Handlung auf, der es an Schock und Konsequenz nicht fehlt. Das versöhnt mit dem langen Weg dorthin, wozu sich die Freude über einen Schriftsteller gesellt, der „Horror“ nicht mit Buh-Grusel für junge oder (im Kopf) allzu jung gebliebene Leser gleichsetzt, sondern (beileibe nicht perfekt aber plausibel) belegt, dass dies auch ein Genre für ein erwachsenes Publikum ist.

Autor

Christopher Ransom wurde im Jahre 1972 in Boulder (US-Staat Colorado) geboren. Hier wuchs er auf, ging zur Schule und studierte Literatur an der Colorado State University. Nach seinem Abschluss arbeitete Ransom für einen Hersteller von Sportartikeln, bevor er für eine Firma tätig wurde, die Schlangen und andere Reptilien aus tropischen Regionen importierte und verkaufte.

Nach einem zweijährigen Intermezzo in New York City ging Ransom, inzwischen verheiratet, Ende der 1990 nach Los Angeles, wo er sich vergeblich als Drehbuchautor versuchte. 2004 verließen die Ransomes die Filmstadt. In Mineral Point im US-Staat Wisconsin erwarben sie ein altes Haus, dessen Geschichte Ransom zu seinem Romanerstling inspirierte, der nach dreijähriger Arbeit 2009 unter dem Titel „The Birthing House“ (dt. „Das Haus der vergessenen Kinder“) veröffentlicht wurde. Ransom zeigte sich hier als Schriftsteller in der ‚phantastischen‘ Tradition von Dan Simmons, Stephen King, Clive Barker oder Jack Ketchum. Dem Genre blieb Ransom auch in seinem zweiten Roman („The Haunting of James Hastings“) treu.

Über sein Leben und seine Arbeit informiert Christopher Ransom auf seiner Website.

Copyright © 2009/2017 by Michael Drewniok (md)

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