Das Rätsel von Flatey

Viktor Arnar Ingólfsson
Das Rätsel von Flatey

Originaltitel: Flateyjargáta (Reykjavik : Mál og menning 2002)
Übersetzung: Coletta Bürling
Deutsche Erstausgabe: Juli 2005 (BLT im Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 92186)
349 S.
ISBN-13: 978-3-404-92186-7
eBook: März 2009 (Bastei-Lübbe-Verlag)
943 KB
ISBN-13: 978-3-8387-0080-9

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Das geschieht:

Flatey ist eine kleine Insel an der Nordwestküste Islands. Im Jahre 1960 leben hier 40 Menschen, die als Fischer, Vogelfänger und Seehundjäger ihr bescheidenes Auskommen haben. Jeder kennt jeden, Geheimnisse gibt es scheinbar nicht. Doch eines Junitages wird auf dem unbesiedelten Inselchen Ketilsey die fast vollständig skelettierte Leiche des dänischen Historikers Gaston Lund entdeckt. Er hatte Flatey besucht, um dort das in skandinavischen Forscherkreisen berühmte Rätsel des Flateyjarbóks zu lösen. Dies stammt aus dem 14. Jahrhundert und sammelt isländische Sagen und Legenden aus noch älterer Zeit. Das Rätsel ist jünger; seine Lösung ergibt sich aus dem Inhalt des Flateyjarbóks. Noch jeder ist daran gescheitert. Lund sah sich auf einer heißen Spur.

Wieso wurde er auf einer einsamen Insel ausgesetzt, wo er verhungerte und erfror? Der für Flatey zuständige Bezirksamtmann schickt seinen Angestellten Kjartan nach Flatey, einen jungen Mann mit dunkler Vergangenheit, die er sorgsam zu verbergen trachtet. Kjartan ist kein Ermittler und folglich unerfahren in seinem Versuch, Lunds letzte Tage auf Flatey zu rekonstruieren. Die Inselbewohner sind freundlich, aber in ihrer entlegenen Welt ticken die Uhren anders. Es ist die Natur, die ihr Leben bestimmt. Wind, Wasser, die Jahreszeiten – das sind Faktoren, die zählen. Kjartan muss sich dem Rhythmus von Flatey erst anpassen.

Die wortkarge Ärztin, ihr todkranker Vater, der redselige Gemeindevorsteher, der weltfremde Pfarrer, die ruppigen Einödbauern von Endenkate – sie alle scheinen etwas zu verbergen. Aber in Bewegung geraten die Dinge erst, als der ständig betrunkene Reporter Bryngeir auf Flatey eintrifft. Er wühlt ohne Skrupel in der Inselgeschichte – und wird bizarr verstümmelt auf dem Friedhof gefunden. Die Ereignisse überschlagen sich, wobei Kjartan selbst plötzlich ganz oben auf der Liste der Verdächtigen steht …

Ein Krimi ohne Kriminelle

Einen Krimi ohne kriminalistisches Geschehen muss man „Das Rätsel von Flatey“ wohl nennen. Die Elemente des Genres sind nichtsdestotrotz präsent, definiert man „Krimi“ nicht ausschließlich als literarische Auseinandersetzung mit dem Gesetz, sondern lässt auch solche Beiträge gelten, die ‚nur‘ im Gewand des Krimis daherkommen. Auf „Das Rätsel von Flatey“ trifft dies zu, denn hier haben wir u. a. den eigentlich unmöglichen Mord im geschlossenen Raum (auch wenn dieser als unzugängliches Inselchen variiert wird), viele Verdächtige, ominöse Indizien, einen unkonventionellen Ermittler.

Womit wir gleichzeitig in die Diskussion geraten, ob es zwischen dem Krimi und der ‚normalen‘ Belletristik zu unterscheiden gilt. An dieser Frage scheiden sich schon lange die Geister. Viktor Arnar Ingólfsson macht sehr deutlich, dass es sich hier um einen Streit um des Kaisers Bart handeln könnte.

Die Geschichte, die uns der Autor erzählt, ist genau das: eine Geschichte. Nicht ohne Grund stellt das berühmte und reale Flateyjarbók deren Dreh- und Angelpunkt dar. Es ist das vielleicht schönste isländische Exemplar der alten nordischen Sagas, die nicht nur Heldensagen und Heiligenlegenden, sondern auch (aus zeitgenössischer Sicht) historische Ereignisse und Chroniken sammelten. Eine Saga wird erzählt. Genau das geschieht in „Das Rätsel von Flatey“. Um Genres kümmert sich der Verfasser nicht.

Altes Buch und moderne Tragödie

Eigentlich präsentiert uns Ingolfsson sogar zwei Rätsel: das vom toten Professor auf einer einsamen Insel und das des Flateyjarbòks. Im kursiven Text lässt der Autor historische Passagen ins eigentliche Geschehen einfließen. Zunächst fragt man als Leser nach dem Sinn, wird jedoch schnell gefesselt von den abenteuerlichen Geschichten. Der Laie wird spätestens aufmerksam, wenn die Sprache auf das eigentliche Rätsel des Flateyjarbóks kommt. Die Antworten auf 40 seltsame Fragen ergeben die Lösung; sie werden uns sämtlich vorgestellt. Das Miträtseln ist nur dem Fachmann möglich, aber darum geht es nicht: Stück für Stück enthüllt sich in dem Rätsel ein altes Geheimnis, das mit dem Geschehen von 1960 eng verzahnt ist.

Überhaupt läuft die Geschichte vom ‚Mord‘ auf Flatey mit der Präzision eines Uhrwerks ab. In der Zusammenfassung läse sie sich wohl reichlich banal. Man muss schon selbst verfolgen, mit welcher Brillanz der Verfasser die einzelnen Handlungselemente final zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenführt.

„Das Rätsel von Flatey“ spielt zwar im Jahre 1960, ist jedoch kein Historienroman im bekannten Sinn. Nicht die Wiederbelebung einer farbenfrohen Vergangenheit ist das Ziel des Autors. Er wählt den Zeitpunkt mit Bedacht, denn seine Story kann nur in dieser speziellen Umbruchphase der isländischen Geschichte funktionieren. Im Nachwort der deutschen Übersetzerin (die übrigens sehr gute Arbeit leistet) wird es angesprochen: „Das Rätsel von Flatey“ spielt in einer Gesellschaft, in der die Vergangenheit mit ihren Lebens- und Glaubenstraditionen noch präsent ist. Die Moderne, die sie weitgehend auslöschen wird, zeichnet sich jedoch bereits ab. In der Gegenwart würde aus einer verhängnisvollen aber nachvollziehbaren Kettenreaktion eine Folge unwahrscheinlicher Zufälle.

Wohltuend wirkt die Abwesenheit jener forcierten Exotik, die viel zu viele Verfasser historischer (Kriminal-) Romane ihren Werken aufzwingen. Sie vergessen gern, dass sie kein geschichtliches Sachbuch schreiben und es folglich völlig unerheblich ist, ob beispielsweise die Kleidung der Figuren bis zum letzten Knopf korrekt rekonstruiert wird. Historische Genauigkeit ist nur soweit nötig wie die Handlung ihrer bedarf. Viktor Arnar Ingólfsson hat das begriffen. Es weiß das Gleichgewicht zu wahren. Dies schließt seine Natur- und Landschaftsbeschreibungen ein, die präzise und poetisch zugleich sind. Flatey und seine Bewohner nehmen vor dem inneren Auge des Lesers Gestalt an.

Figuren und keine Witzfiguren

Wobei diese Bewohner in ihrer weltabgeschiedenen Eigentümlichkeit präsentiert aber nicht vorgeführt werden. Flatey ist eine Gemeinschaft, die seit Jahrhunderten ohne falsche Öko-Romantik mit sich und der Natur im Einklang lebt. Das ist im hohen Norden keine Selbstverständlichkeit und fordert seinen Tribut. Die Inselmenschen sind vorsichtig und bedächtig aber keine abergläubischen Tröpfe, über deren Verhalten und seltsame Sitten gönnerhaft gelacht werden darf. Worte und Taten haben ihre Bedeutung in dieser isolierten Welt und wollen wohl bedacht sein. Eile am falschen Ort – zum Beispiel auf einem winzigen Fischerboot auf stürmischer See – kann das Leben kosten.

Der Pfarrer, der Gemeindevorsteher, die Ärztin, der Kaufmann: Dies sind nicht nur Amts- und Berufsbezeichnungen, sondern definieren wichtige Aufgaben. Die Menschen von Flatey wissen das und verhalten sich entsprechend. Kommunikation ist der Schlüssel zum Verständnis bzw. zur Gemeinschaft, die allein das Überleben sichert. Das komplexe Gefüge der Flatey-Gemeinde lernen wir gemeinsam mit dem Besucher Kjartan kennen. Er kommt zwar ohne Wissen darum auf der Insel an, nimmt sich aber die Zeit zu lernen. Dafür wird er, der ein düsteres Geheimnis hütet, schließlich belohnt. Journalist Bryngeir Gastsson kann und will sich nicht einfügen. Er stößt die Menschen von Flatey vor den Kopf, negiert die Regeln und nimmt schließlich – wie Gaston Lund – ein schlimmes aber selbst heraufbeschworenes Ende.

Scheinbar einen Bruch dieses Prinzips stellt auf den ersten Blick die Figur des Polizisten Dagbjartur dar, der in Reykjavik im Todesfall Lund ermittelt. Er ist von trauriger Gestalt, geistig keine Leuchte und stets bestrebt, der Arbeit aus dem Weg zu gehen. Doch siehe da, Dagbjartur verkörpert ebenfalls die isländische Langsamkeit als Element einer hartnäckigen Gründlichkeit. Der scheinbar so tranige Polizeimann leistet Stück für Stück seinen Beitrag zur Lösung des Rätsels von Flatey. Er reiht sich problemlos ein in die Reihe der Figuren, die man zu schätzen lernt bei der Lektüre eines ungewöhnlichen Buches, das endlich einmal die längst zum Klischee geronnenen Kennzeichen und Eigenarten des skandinavischen (Kriminal-) Romans vermeidet und uneingeschränkt empfohlen werden kann.

Autor

Akureyri, gelegen im Norden von Island, ist mit 14500 Einwohnern nach Reykjavik die zweitgrößte Stadt der Insel Island. Hier wurde Viktor Arnar Ingólfsson am 12. April 1955 geboren. Bereits 1969 begann er als Lehrling im Öffentlichen Dienst im Bereich der Straßenverwaltung zu arbeiten. Später ließ er sich zum Bauingenieur ausbilden. In den 1980er Jahren schwenkte Viktor (heutzutage duzen sich alle Isländer) auf Presse- und Public Relations-Tätigkeiten um. Weiterhin ist er im Verwaltungsdienst tätig und lebt mit seiner Familie in Reykjavik.

Als Schriftsteller wurde Viktor bereits 1978 aktiv. „Dauðasök“ und „Heitur snjór“ (1982) sind Thriller im Polizeimilieu. Viktor gehört damit wie Gunnar Gunnarsson und Ólafur Haukur Simonarssen zu den Pionieren der isländischen Kriminalliteratur, die in dieser Zeit ihren Anfang nahm. Viktor schrieb allerdings mehr als anderthalb Jahrzehnte nur noch Kurzgeschichten aber keinen Roman mehr, bis er 1998 mit „Engin spor“ und 2002 mit „Flateivargátan“ (dt. „Das Rätsel von Flatey“) sowohl als Schriftsteller als auch ins Krimigenre zurückkehrte.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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