Das Storchenhaus

Jean Ray
Das Storchenhaus
Phantastische Erzählungen

Originalzusammenstellung (ausgewählt von Kalju Kirde)
Übersetzung: Hilde Linnert u. Willy Thaler
Dt. Erstveröffentlichung: Januar 1986 (Suhrkamp Verlag/TB Nr. 1299 = Phantastische Bibliothek 182)
188 S.
ISBN-13: 978-3-518-37799-4

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Inhalt:

Das Storchenhaus (Storchhaus ou la maison des cigognes, 1961), S. 7-21: Das uralte Haus nimmt seine Bewohner gern – und buchstäblich – in sich auf.

Die Nacht von Camberwell (La nuit de Camberwell, 1925), S. 22-25: Nur knapp entkam er mörderischen Einbrechern, doch in welchem Haus fand das nächtliche Feuergefecht eigentlich statt?

Die Geschichte des Wûlkh (L’histoire du Wûlkh, 1943), S. 26-37: Der berühmte Jäger überhört auf der Spur seiner größten Beute die Stimme der Vernunft.

Die seltsamen Studien des Dr. Paukenschlaeger (Les étranges études du Dr. Paukenschlaeger, 1925), S. 38-44: Als dem Forscher der Durchbruch in eine fremde Dimension gelingt, hat man dort schon sehnlich – und hungrig – auf ihn gewartet.

Mondköpfe (Têtes-de-lune, 1961), S. 45-53: An einem seltsamen Kindheitstag blieb das Leben des Kapitäns ‚hängen‘ und erschöpft sich in ewiger und grotesker Wiederholung.

Die Bank und das Tor (Le banc et la porte, 1964), S. 54-56: Die Schrecken der Kindheit kehren zurück und holen einen Mörder, der das Gesetz täuschen konnte.

Smith, wie die meisten Leute (Smith, comme tout le monde, 1964), S. 57-60: Zu seinem Pech durchdenkt Mr. Smith die Konsequenzen nicht, als er entdeckt, wie böse Gedanken sich materialisieren können.

Der „Tesseract“ (Le ‚Tesseract‘, 1964), S. 61-69: Das Ding aus der vierten Dimension erfüllt seinen Findern Wünsche, wobei es allerdings Wunschträume nicht von Albträumen unterscheiden kann.

Der schwarze Spiegel (Le miroir noir, 1943), S. 70-88: Der Zauberspiegel sorgt für Reichtum und Schutz, bis das, was in ihm wohnt, die Rechnung stellt.

Der letzte Reisende (Le dernier voyageur, 1932), S. 89-99: In der Nacht holt der Tod sein aktuelles Opfer; einen erschrockenen Zeugen will er gleich mitnehmen.

Das große Notturno (Le grand nocturne, 1942), S. 100-134: Zwischen dem Hier und dem Nichts existiert das Reich des großen Notturno, der sehnliche Wünsche wahr werden lässt, wofür er aber einen hohen Preis verlangt.

Die Straße des verlorenen Kopfes (La rue de la Tête-Perdue, 1938), S. 135-187: Als in einer englischen Kleinstadt biedere Bürger erst verschwinden, um später weit entfernt grässlich entstellt und tot wieder aufzutauchen, ruft dies den berühmten Detektiv Harry Dickson auf den Plan, der einen wahrhaft dämonischen Täter stellt.

– Copyrightvermerk und Originaltitel: S. 188

Die Faszination des schwer Verständlichen

Normalerweise ist dieser Rezensent kein Freund der gänzlich realitätsfernen Phantastik. Natürlich verblüfft diese Aussage erst einmal, sind doch das Jenseits und seine spukhaften Bewohner generell alles andere als alltäglich. Aber die meisten Gruselgeschichten bedienen sich einer recht stringenten, chronologisch korrekten und ‚logischen‘ Handlung. Die Medaille hat ohnehin zwei Seiten, wie eine zweite Frage belegt: Wie kann der Mensch in Worte fassen, was sich seinem Verständnis entziehen müsste? Und gerade dies ist eine Herausforderung, der sich Jean Ray einfallsreich stellt.

Es gibt verschiedene Möglichkeit, das Übernatürliche fremd wirken zu lassen und doch den Kontakt zum Leser zu schließen. Rays moderne „contes fantastiques“ wurzeln in der Realität, aber dort bleiben sie (wie in „Der schwarze Spiegel“ oder „Der letzte Reisende“) kurz und selten. Meist behält die Wirklichkeit nur wenige Zeilen die Oberhand. Nach und nach schleicht sich das Irreale ein, sorgt für erste Irritationen, hebelt die Erfahrung des Lesers, die ihm gleichzeitig Sicherheit gibt, heimlich (und herrlich heimtückisch) aus und stürzt ihn gemeinsam mit dem oder den Protagonisten in eine seltsame, nicht einmal klassisch gefährliche, sondern vor allem unbekannte und angsteinflößende Welt.

Im Konflikt mit verdrängten Ängsten

Dieser Übergang gelingt Ray sicherlich am elegantesten in „Das große Notturno“. In dieser längeren Erzählung wird außerdem deutlich, wie der Verfasser mit dem schwer verständlichen Geschehen die aus den Fugen geratene Seelenwelt der Hauptfigur spiegelt. Mit jenen Grundängsten, die dem Protagonisten oft nur dunkel oder gar nicht bewusst sind, beschäftigt sich Ray immer wieder.

Manchmal ist die Verbindung unmittelbar. In „Die Bank und das Tor“ nehmen Kindheitserinnerung Gestalt an und ziehen einen Mörder zur Verantwortung. „Der schwarze Spiegel“ des Dr. Dee ist nicht nur das Instrument, mit dem sich sein Besitzer ein neues Leben erzwingt, sondern wird auch zum Schlüssel, mit dem man sich Zugang zu einer Handlung verschaffen kann, die vergleichsweise genrekonform verläuft aber dennoch für Ray typisch nie eine echte Erklärung für das Geschehen bietet: Die Interpretation bleibt dem Leser überlassen.

Oft ist der Weg zum Verständnis steiniger. Über eine nur kurze Geschichte wie „„Smith, wie die meisten Leute“ muss der Leser schon einige Zeit nachdenken, bis sie sich ihm erschließt. Ähnlich komplex sind „Die Geschichte des Wûlkh“ oder „Mondköpfe“. Hier wird Rays Konzept einer zeitlosen, traumähnlichen und regelfreien Zwischenwelt besonders deutlich. Sie existiert neben oder sogar in der Realität. Die meisten Menschen nehmen sie niemals wahr. Zufälle („Die Nacht von Camberwell“), ungute Neugier („Die seltsamen Studien des Dr. Paukenschlaeger“, „Der ‚Tesseract‘“) und vor allem geistig-seelische Ausnahmezustände und Krisen lassen die Barriere aufweichen und zusammenbrechen, Welten oder Dimensionen vermischen sich: Es treffen sich „schlimme Zeiten, böse Orte“, wie Stephan Berg 1991 sehr prägnant seine gleichnamige Untersuchung über „Zeit- und Raumstrukturen in der phantastischen Literatur des 20. Jahrhunderts“ betitelte.

Klare Worte für das Unaussprechliche

Die Konfrontation mit dem Unbekannten wirkt umso dramatischer, weil Ray sie in vergleichsweise klarer Sprache quasi wie ein Dokumentarist schildert; „unerklärte, unheimliche Vorgänge, meist von einer sehr grotesken und skurrilen Natur, werden nüchtern als Tatsachen geschildert“, fasst es Franz Rottensteiner im Klappentext zur „Storchenhaus“-Sammlung zusammen.

Diese Nüchternheit wird nicht nur durch das Bizarre des Geschehens verstärkt, sondern von Ray durch eine an Charles Dickens erinnernde, ungemein humorvolle Gemütlichkeit in seinen idyllischen, von der Zeit übersehenen, wie aus einem früheren Jahrhundert stammenden Schauplätzen und Figuren konterkariert. Hinzu kommt Rays Hang zum Grellen und Drastischen („Der Eisenstab war … pfeifend wie ein Geschoss durch die Luft gesaust und hatte getroffen. Baxter-Brown hatte sich noch immer nicht geregt, als der andere bereits zusammengebrochen war und sein Blut in großen Wellen aus dem Kopf strömte …“, in: „Der schwarze Spiegel“, S. 81) und oft an die Splatter-Effekte moderner Horrorfilme erinnert („Er verschwand in einer Flut von Speichel und Säure“, in: „Das Storchenhaus“, S. 18).

Zwischen Sherlock Holmes und Fox Mulder

Eine gewisse Ausnahmestellung nimmt in dieser Sammlung die Novelle „Die Straße des verlorenen Kopfes“ ein. Sie erschien ursprünglich als Nr. 176 von insgesamt 178 Heft-Romanen, die zwischen 1929 und 1938 die Abenteuer des Sherlock-Holmes-Klons Harry Dickson erzählten. Ray übersetzte die ursprünglich in Deutschland entstandenen und bereits vorliegenden Hefte für den belgischen und französischen Markt. Unzufrieden mit der Qualität dieser Vorlagen, ging Ray schon 1930 dazu über, sie zu bearbeiten. Zwei Jahre später verfasste er eigene Dickson-Abenteuer und hielt die Serie allein bis 1938 in Gang.

„Die Straße des verlorenen Kopfes“ ist gleichzeitig reines Unterhaltungsprodukt und echter Jean Ray. Harry Dickson lebt und ermittelt in einer irrealen Welt. Eher oberflächlich bedient er sich der bekannten kriminologischen Methoden; er ermittelt in Fällen, die das gesamte Spektrum der trivialen Phantastik umfassen. Die Umtriebe verrückter Wissenschaftler, Außerirdischer oder wie hier reinkarnierter Dämonen sind völlig normal in Dicksons Welt. Ray kreiert keine große Literatur, aber er spielt hemmungslos mit den Genres und spinnt ein logisch oft schwer nachzuvollziehendes aber unterhaltsames Garn, das die Liebe des Verfassers zu einer Arbeit, die ihm nicht nur Job war, deutlich ahnen lässt und wohl auch deshalb heute noch fasziniert.

Deshalb ist es nicht nur doppelt, sondern dreifach schade, dass Jean Ray zumindest in Deutschland nie aus seiner Nischenposition entkommen konnte. Nur ein verschwindend geringer Teil seines Werkes ist hierzulande erschienen. Für „Das Storchenhaus“ hat Herausgeber Kalju Kirde (1923-2008) Geschichten herausgesucht, die repräsentativ für Rays Werk sind. Er hat klug gewählt, denn davon wünscht sich der Leser mehr!

Autor

Nach eigener Auskunft war Raymundus Johannes Maria Kremer ein Abenteurer, Weltreisender, Schmuggler, Pirat, was man ihm nach der Lektüre seiner farbenprächtigen, schnurrigen, quicklebendigen Geschichten gern glauben möchte. Allerdings stimmt kein Wort davon; der vermeintliche Tausendsassa hat seine belgische Heimatstadt Gent, in welcher er am 8. Juli 1887 ins kleinbürgerliche Milieu geboren wurde, kaum verlassen. Nach gescheitertem Studium arbeitete er ab 1910 für die Stadtverwaltung, 1919 wurde er Journalist.

Als Schriftsteller entwickelte sich Kremer zu einem ungemein fleißigen Autor. Sein Œvre lässt sich dreiteilen. Da gab es Jean Ray, den Autoren unzähliger (französischsprachiger) Kurzgeschichten, die sich dem phantastischen Genre zuordnen lassen. Als „John Flanders“ oder unter einem anderen seiner zahlreichen Pseudonyme schrieb Kremer – in flämischer Sprache – Abenteuerromane für eher jugendliche Leser, aber auch etwa 300 Storys mit starken Science Fiction- und Fantasy-Elementen. Schließlich war Kremer noch der ungekrönte, wenn auch anonyme König des belgischen Heftromans, für den er die unglaublichen Abenteuer des Detektivs Harry Dickson in Serie spann.

Trotz seines gewaltigen literarischen Ausstoßes gilt Raymundus de Kremer als einer der Großen der europäischen Phantastik. Vor allem die in den 1940er Jahren entstandenen Geschichten und Romane werden von der Kritik gelobt. In den 1950er kehrte Kremer in die Minen der Trivial-Unterhaltung zurück. Vor dem endgültigen Versinken in obskure Anonymität bewahrte ihn die Neuveröffentlichung seiner Hauptwerke, doch das breite Publikum registrierte es nicht, als Kremer am 17. September 1964 im Alter von 77 Jahren starb.

Über Kremers Leben und Werk informiert ausführlich diese (französischsprachige) Website.

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