Der Manchurian Kandidat

Richard Condon
Der Manchurian Kandidat

(sfbenty)
Originaltitel: The Manchurian Candidate (New York : McGraw-Hill 1959)
Übersetzung: Werner Barzel
Deutsche Erstveröffentlichung (unter dem Titel „Botschafter der Angst“): 1963 (Rowohlt Verlag/RoRoRo-TB Nr. 549/50)
342 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: November 2004 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 50004)
364 S.
ISBN-13: 978-3-453-50004-4
Neuausgabe (wieder als „Botschafter der Angst“): Februar 2006 (Pavillon/Heyne Verlag Nr. 77051)
364 S.
ISBN-13: 978-3-453-77051-5

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Das geschieht:

1951 gerät in Korea ein US-amerikanischer Spähtrupp in einen chinesisch-sowjetischen Hinterhalt. Die Männer werden in die nordostchinesische Mandschurei verschleppt, wo sie der Neurologe Yen Lo einer neuen Form der Gehirnwäsche unterzieht. Aus jungen Patrioten werden kommunistisch programmierte „Schläfer“, die als Kriegshelden in die USA zurückkehren, während sie weiterhin geistig „ferngesteuert“ werden.

Sergeant Raymond Shaw ist ein idealer (mandschurischer) Kandidat für dieses Projekt. Als Sohn einer einflussreichen Familie hat er Kontakte bis ins Weiße Haus. Er sieht gut aus und kommt in den Medien an. Das verschafft ihm die notwendige Bewegungsfreiheit.

Gleichzeitig ist Shaw ein unsicherer Mensch. Geprägt hat ihn ein lebenslanger Hass auf die übergroße Mutter. Eleanor, in zweiter Ehe mit dem demagogischen Politiker John Iselin verheiratet, ist eine gefühlskalte Frau, für die nur die Macht zählt. Diesem Ziel ordnet sie alles unter. Über ihren Sohn, den Helden, will sie Iselin womöglich ins Präsidentenamt hieven. Raymond hat sich dem stets verweigert, aber seine neuen Herren unterstützen Eleanors Machenschaften, die ihnen gut zupass kommen.

Freilich ahnen sie nicht, dass er einen Fehler im Programm gibt. Bei Raymonds Kameraden Bennett Marco will die aufgeprägte „Zweitpersönlichkeit“ nicht richtig haften. Für Marco mehren sich die Zeichen, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Es gelingt ihm, die geistigen Fesseln abzuschütteln. Er führt von nun einen erbitterten Kampf gegen die kommunistischen Marionettenspieler – und gegen Raymonds Mutter, die mehr über das teuflische Projekt weiß, als sie jemals zugeben würde, und mit Nachdruck demonstriert, dass sie alles für ihre eigenen Pläne tut …

Kalter Krieg auf wirklich allen Ebenen

„Der Manchurian Kandidat“ muss zu den großen Wiederentdeckungen des Thriller-Genres gerechnet werden. So ist es zumindest in Deutschland, während der Titel auf dem angelsächsischen Buchmarkt stets präsent war. Selten wurde die Angst des ‚freien‘ Westens vor den Schlichen der dämonischen „Roten“ jenseits diverser Eiserner Vorhänge so deutlich thematisiert und gleichzeitig ad absurdum geführt.

Dabei funktioniert „The Manchurian Kandidat“ auf zwei Ebenen. Da ist zum einen der Thriller, der mit einschlägigen Spannungselementen arbeitet. Der Krieg zwischen den Supermächten USA, UdSSR und China war in den 1950er Jahren zwar ein kalter. Nichtsdestotrotz wurde er erbittert geführt. Ein mit militärischen Mitteln geführter Stellvertreterkrieg fand zwischen Juni 1950 und Juli 1953 statt. Zwischen der Republik Korea (= Südkorea) und der Demokratischen Volksrepublik Korea (= Nordkorea) brach ein Bürgerkrieg aus. Auf der Seite des Nordens nahmen chinesische „Freiwilligenverbände“ teil. Um den kommunistischen Einfluss in Asien einzudämmen, griffen die USA mit dem Segen des UN-Sicherheitsrats auf der Seite des Südens ein. Drei Jahre später endete der Koreakrieg ohne Sieger mit der Teilung des Landes in einen kommunistischen Norden und einen ‚freien‘ Süden, die sich bis auf den heutigen Tag spinnefeind sind.

Aus zeitgenössischer Sicht gab es klare Fronten. Mit den Chinesen standen aus amerikanischer Sicht natürlich die Sowjets im Bunde, was die Drohung in Asien noch verstärkte. Als General MacArthur, der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Korea, auf den Einsatz von Atomwaffen drängte, schien sogar ein III. Weltkrieg möglich. Von Korea bis in die USA war der Weg in der Welt für die moderne Kriegsführung gar nicht weit.

Heimtücke ohne Grenzen

Diesen Gedanken spinnt Richard Condon weiter. Nicht mit Gewalt, sondern mit List & Tücke versuchen die verbündeten Chinesen und Sowjets die verhassten Amerikaner in die Knie zu zwingen: Sie infiltrieren das Land der Tapferen & der Freien, schleichen sich nicht selbst rattengleich ein, sondern tarnen ihre Attacke, indem sie – oh Graus! – anständigen amerikanischen Jungs das Hirn waschen und sie die Drecksarbeit erledigen lassen. Auf diese Weise potenzierte sich 1959 der heilige Schrecken, der ohnehin die braven Bürger der Vereinigten Staaten stets wachsam Fremde und vorsichtshalber auch Nachbarn beobachten ließ: Jedermann (und jede Frau) konnte potenziell ein gottloser, gefährlicher „Roter“ sein! Kein Wunder, dass „The Manchurian Candidate“ ein enormer Erfolg wurde.

Auf der anderen Seite hieb Richard Condon eben nicht blindlings in diese Kerbe. Mit den „Seid-auf-der-Hut!“-Romanen, die für den zeitgenössischen Buchmarkt (und Hollywood) typisch waren, hat „Der Manchurian Kandidat“ kaum etwas gemeinsam. Schon auf den ersten Seiten bemerkt man einen erfrischend respektlosen Erzählton, der weder Freund noch Feind schont. Die Ungeheuerlichkeit des Plots, der durchaus Elemente der Science Fiction aufweist, wird nie geleugnet. Stattdessen steigert der Verfasser den Nicht-Realismus des Geschehens bis ins Satirische.

Den Kampf zwischen Ost und West gestaltet er nicht als Ringen zwischen Böse und Gut, sondern arbeitet dessen absurde Sinnlosigkeit heraus. Johnny Iselin und vor allem die dämonische Eleanor sind Gestalten, denen in Sachen Bosheit und Hinterlist nicht einmal die Kommunisten gewachsen sind. Kein Wunder, dass Yen Lo und seine Hintermänner schnell aus der Handlung verschwinden. Sie sind überflüssig geworden, ihr Werk hat sich verselbstständigt und lässt sich durch die eher hilflos wirkenden Versuche feindlicher Agenten nicht mehr unter Kontrolle bringen.

Zweifelhafter Sieg

Am Ende geht alles noch einmal gut aus, aber ein Happy-End bedeutet das nicht. Zwar erwischt es zwei echte Bösewichter, doch bleiben dabei auch viele Unschuldige auf der Strecke. Deren oft brutales Ende überrascht und erschreckt in dem ansonsten herrlich ironischen Werk. So hat es Autor Condon auch geplant. Da wundert es nicht, dass wir in einem Roman aus den angeblich so sittenstrengen USA der Eisenhower-Ära über geile Mädchen, inzestöse Mütter oder stets geld- und machtgierige, bestechliche, vor allem aber dumme Politiker lesen.

Man muss einen Schriftsteller lieben, der im Jahre 1959 Sätze wie diese schrieb: „Immerhin war … Johnny [Iselin] der einzige in einer langen Reihe politischer Schurken …, der es dazu gebracht hatte, als Amerikaner den Zeitgenossen anderer Länder, an ihrem eigenen Wohnort, Hass und Furcht einzuflößen … Er persönlich zeichnete der Außenpolitik alle ihre Zicks und Zacks vor, und das in einer Zeit, wo die amerikanische Politik ohnehin schon schwer genug auf dem ganzen Weltgeschehen lastete.“ (S. 180/81) Gut geätzt, Mr. Condon – und ein Lob auf den Übersetzer, der wacker mitzuhalten weiß!

Die Fronten verwischen sich

Sie alle haben Dreck am Stecken, die in dieser Geschichte auftreten. Nicht überraschend findet das der Leser, wenn die komplottierenden Chinesen und Sowjetrussen auftreten. Die „Schlitzaugen“ sind selbstverständlich undurchsichtig, verschwiegen und wirken irgendwie unmenschlich. Das kann man von den Sowjets nicht behaupten, die sich kosakenhaft ungestüm geben, entweder die Gestalt von Feuerhydranten oder Frettchen aufweisen, wie Ziegenböcke stinken, sich einander im unaufhörlichen Machtkampf belauern und geeint werden höchstens in der Angst vor dem „großen sowjetischen Führer“ Stalin, der mit offenem Terror und einem gewaltigen Spitzelnetz seine Untertanen belauert.

Ungewöhnlicher wirkt es, dass die angeblich Verbündeten keineswegs am selben roten Strang ziehen. Chinesische und sowjetische Kommunisten sind sich herzlich widerwärtig. Sticheleien, Gemeinheiten und Intrigenspiele sind an der Tagesordnung. Die Chinesen trauen den Russen nicht, da sie im Bilde darüber sind, dass diese Korea gern selbst unter ihre Knute brächten. Die Sowjets wissen, dass die Chinesen dies wissen, aber sie wollen verhindern, dass diese ihre Einflusssphäre ausweiten: Wer die Weltrevolution in Gang setzen wird, darüber sind Stalin und Mao durchaus geteilter Meinung.

Schließlich wird es ganz seltsam: Auch in den USA geht es nicht vorbildlich zu. Die Politiker sind macht- und mediengeil. Statt ihrem Land zu dienen, sind sie vor allem damit beschäftigt, Konkurrenten auszuschalten, die ihre Pfründen gefährden könnten. Nach Südkorea schicken sie dumme, ahnungslose Jungs, die sich vor Ort wie die Axt im Wald aufführen und die einheimische Bevölkerung, ihre Verbündeten, vor die Köpfe stoßen. Raymond Shaw ist ein unsympathischer Schwächling, seine Mutter eine eiskalte Powerplayerin ohne menschliche Züge, sein Schwiegervater ein schwachsinniger, versoffener Demagoge. Die Medien sorgen nicht für Wahrheit, sondern jagen nur Schlagzeilen nach: Die Welt ist ein böse globalisierter Hexenkessel: In diesem Punkt wirkt „Der Manchurian Kandidat“ ausgesprochen modern!

„The Manchurian Candidate“ – der Film

Als Condons Roman 1962 zu einem Film wurde, zog dies viel Medieninteresse auf sich, weil dieser in den sozialistischen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang, aber auch in eigentlich neutralen Staaten wie Finnland oder Schweden wegen seiner politischen Brisanz zensiert bzw. verboten wurde. Hauptdarsteller Frank Sinatra schürte den Ruf des Films, als er wegen des Attentats auf US-Präsident John F. Kennedy 1963 Wiederaufführungen bis 1988 untersagte. Sinatra wollte sich nicht in der Rolle des ‚Vorbilds‘ für Lee Harvey Oswald sehen. Auch im Fernsehen wurde der Film selten gezeigt.

2004 drehte Jonathan Demme ein Remake mit Liev Schreiber als Killeragent, Denzel Washington als Bennett Marco und Meryl Streep als böse Königinmutter Eleanor. Diese nur handwerklich beachtliche Neuverfilmung wurde von der Kritik gezaust und vom Publikum als ein Mainstream-Thriller unter vielen lau aufgenommen. Mit dem Roman von 1959 hat „Der Manchurian Kandidat“ von 2004 wenig zu tun. Wie man sich denken kann, kommt das programmierte Böse in der entstaatlichten (Geheimdienst- und Verbrecher-) Welt von Heute nicht mehr aus der fernen Mandschurei. Raymond Shaw II. wird jetzt per Mikrochip im Hirn kontrolliert, den ihm ein machtgieriger Großkonzern namens „Manchurian Global“ eingepflanzt hat. (So ‚erklärt‘ sich denn auch der schwachsinnige ‚denglische‘, der deutschen Sprach Hohn sprechende Titel „Der Manchurian Kandidat“.)

Höchstens gewisse Grundkonstellationen wurden der Vorlage entnommen, die man glücklicherweise unverändert zum Start der Neuverfilmung wieder aufgelegte. Der Plot von 1959 mag von der Geschichte überholt worden zu sein. Die Geschichte funktioniert trotzdem, weil der Leser merkt, wie geschickt Autor Condon mit den diffusen Ängsten der Zeitgenossen vor den Tücken der stets lauernden Kommunisten spielt.

Verfasser

Richard (Thomas) Condon wurde 1915 in New York City geboren. Nach der Schule leistete er seinen Wehrdienst in der US-Handelsmarine. Anschließend ging Condon für kurze Zeit in die Werbung. 1936 wurde er für diverse Filmstudios publizistisch tätig; ein Job, den er 21 Jahre ausübte und der ihm wertvolles Insiderwissen über die Branche verschaffte. 1951/52 gab Condon ein Zwischenspiel als Theaterproduzent, ein Jahr später schrieb er selbst ein Stück.

Mit 42 Jahren veröffentlichte Condon 1958 seinen ersten Roman („The Oldest Confession“, dt. „Rendezvous in Madrid“). Der eigentliche Durchbruch als Schriftsteller kam bereits im folgenden Jahr mit „The Manchurian Candidate“ (dt. „Botschafter der Angst“/„Der Manchurian Kandidat). Condon verließ die Vereinigten Staaten verließ und lebte in Mexiko, Frankreich und der Schweiz. 1971 ließ sich er sich in Irland nieder. Mit „Winter Kills“ (1974, dt. „Der Patriarch“) gelang ihm ein weiterer Bestseller.

1980 kehrte Condon in die USA zurück. Er wählte Dallas in Texas als Wohnort und schrieb „Prizzi’s Honor“ (1982, dt. „Die Ehre der Prizzis“), die schwarzhumorige Geschichte eines Mafiaclans, der sich den „Amerikanischen Traum“ erfüllt und es zu Macht und Reichtum bringt, ohne darüber seine mörderischen Wurzeln zu vernachlässigen. Der Erfolg des (auch verfilmten) Werks ließ Condon die Prizzi-Story in eine Serie verwandeln, die bei seinem Tod bis zum vierten Teil gelangt und sehr beliebt geblieben war.

Wie ein roter Faden zieht sich die Frage nach der Macht, ihrem Missbrauch und die Folgen durch Condons Werk. Mal ernsthaft, oft satirisch spielte der Autor durch, wie empfindlich und angreifbar politische, militärische, wirtschaftliche und natürliche gesellschaftliche Systeme im Grunde sind. Hohles Pathos, dreiste Lügen, die verächtliche Ignorierung des Bürgers, in dessen Auftrag man eigentlich aktiv sein sollte – diese Missstände prangerte Condon immer wieder unterhaltsam an. Mit scharfem Blick spießte er zudem die Scheinwelt von Hollywood auf, die er aus eigener Erfahrung viel zu gut kannte. Am 9. April 1996 ist Condon im Alter von 81 Jahren in Dallas gestorben.

Kurzkritik für Ungeduldige: Ein kommunistisches Geheimprojekt verwandelt eine Gruppe US-amerikanischer Elitesoldaten in geistig ferngesteuerte Roboter, die einen hochrangigen Politiker ermorden sollen, um so der roten Unterwanderung der Vereinigten Staaten Vorschub zu leisten … – Der eigentlich hirnrissige Plot wird hinreißend umgesetzt. Verfasser. Das Ergebnis ist kein dumpfes „Commie-Alert“-Manifest, sondern ein Thriller, der sich selbst nicht allzu Ernst nimmt, ohne dadurch nur ein Jota seiner bedrohlichen Spannung zu verlieren: Klassiker des Politthrillers mit leichten Science Fiction-Elementen.

[md]

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