Der Mandant

connelly-mandant-cover-tb-2009Michael Connelly
Der Mandant

(sfbentry)
Originaltitel: The Lincoln Lawyer (New York : Little, Brown & Co. 2005)
Übersetzung: Sepp Leeb
Deutsche Erstausgabe (geb.): August 2007 (Wilhelm Heyne Verlag)
527 S.
ISBN-13: 978-3-453-01434-3
Als Taschenbuch: Februar 2009 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 43367)
544 S.
ISBN-13: 978-3-453-43367-0

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Das geschieht:

Michael Haller ist der „Lincoln Lawyer“ – ein moralisch geschmeidiger Winkeladvokat, der seine Geschäfte am liebsten vom Rücksitz einer Limousine der genannten Automobilmarke aus führt. Mobilität ist angesichts seiner Arbeitsmethoden keine schlechte Wahl, denn Haller pflegt seine Klienten finanziell so stark wie möglich zur Ader zur lassen und ist daher kein beliebter Zeitgenosse. Allerdings gehört er zu den Besten seiner Zunft – ein mit allen Wassern gewaschener Strafverteidiger, der seinem Job bereits zwei Ehen geopfert hat.

Das Geschäft läuft in der letzten Zeit mehr schlecht als recht, weshalb Haller sogleich anbeißt, als sich ein prominenter und wohlhabender Immobilienmakler Hilfe suchend an ihn wendet: Der smarte Louis Ross Roulet wurde verhaftet, weil er eine junge Frau namens Regina Campo zusammengeschlagen und bedroht haben soll, nachdem sie sich ihm verweigert hatte. Roulet weist alle Schuld von sich und behauptet, in eine Falle gelockt worden zu sein.

Weil die Frage nach Schuld oder Unschuld für einen gegen Honorar angeheuerten Verteidiger absolut nebensächlich ist, übernimmt Haller gern den Fall. Doch Roulet, der zunächst wie ein arges Muttersöhnchen wirkt, ist ein eiskalter Serienkiller, der Haller mit der Drohung, sich an seiner kleinen Tochter zu vergreifen, dazu zwingt, ihn vor Gericht nicht nur zu verteidigen, sondern von aller Schuld frei zu waschen. Damit Haller noch besser spurt, schiebt ihm Roulet sogar einen Mord unter.

Haller steckt in der Zwickmühle. Die Polizei verdächtigt und verfolgt ihn als Mörder, sein Mandant manipuliert ihn. Aber Roulet überspannt den Bogen. Haller beschließt ein gefährliches Spiel: Er wird seinen Mandanten durch den Prozess bringen und ihn trotzdem dem Gesetz ausliefern. Der Plan weist indes diverse Schwachstellen auf, und Roulet ist ein überaus misstrauischer Mann. Dass Haller eine gravierende Tatsache gänzlich übersieht, droht ihn schließlich buchstäblich ins Grab zu bringen …

Recht ist, was man sich leisten kann

Die Welt der US-amerikanischen Justiz wirkt auf den (europäischen) Leser (oder Fernsehzuschauer) überaus befremdlich: Vor dem Richter stehen Ankläger und Verteidiger, die sowohl die Geschworenen als auch einander durch allerlei Tricks zu beeinflussen bzw. in Misskredit zu bringen suchen. Zur Staffage verkommen wirken Opfer und Angeklagter, degeneriert zur Verschiebemasse eines Geschehens, dessen Eigendynamik die Frage nach der Gerechtigkeit ausklammert. Tatsächlich ist der Angeklagte in diesem Schauspiel, in dem die modernen Medien eine wichtige Rolle spielen, nur insofern wichtig, als er (oder sie) die Zeche zu zahlen hat: Schuldspruch oder Freispruch ist in den USA vor allem eine Frage des Geldes. Wer sich einen Verteidiger leisten kann, der besser als der Ankläger ist, wird in der Regel obsiegen.

Ist dieses Bild zu schwarz gemalt? Liest man den vorliegenden Roman, muss man die Frage entschieden verneinen. Es ist sogar noch schlimmer. Michael Haller lernen wir nie als Juristen kennen, der über Urteilen und Präzedenzfällen brütet. Stattdessen ist er vor allem damit beschäftigt, seine Klienten zu übervorteilen, die Mitglieder seines Netzwerks zu schmieren und den gleichfalls gierigen Anwaltskollegen die einträglichen Fälle wegzuschnappen.

Das mag um der Dramatik willen überzeichnet sein, wirkt aber erschreckend real. In die Mühlen dieser Justiz möchte man keinesfalls geraten. Sie hat sich von ihrem Ursprung, der Suche nach und die Vermittlung von Gerechtigkeit, abgekoppelt und eigene Regeln entwickelt. Haller macht sie sich zunutze; in diesem Milieu bewegt er sich wie ein Fisch im (reichlich trüben) Wasser. Dies zu verfolgen ist außerordentlich spannend und unterhaltsam. So zu empfinden ist garantiert politisch unkorrekt, doch solche Vorbehalte schwinden schnell: Connelly hat uns fest am Haken und dirigiert uns nach Belieben durch eine auch sonst spannend geplottete und rasant geschriebene Geschichte.

Glitschiger als ein Aal

Und ein Spiel ist es, an dem Michael Haller teilnimmt. Er ist süchtig wie ein Spieler nach dem Kampf vor den Schranken des Gerichts; zwei Ehen sind darüber zerbrochen, und als Vater fühlt sich Haller zu Recht als Versager. Er wohnt quasi in seinem Lincoln, den er von einem zahlungsunfähigen ehemaligen Mandanten chauffieren lässt, den er um den halben Lohn prellt. Ex-Gattin Nr. 1 ist eine gefürchtete Staatsanwältin, mit der er sich oft misst, Nr. 2 führt ihm die Buchhaltung.

Obwohl er genau weiß, dass sein Leben neben der Spur läuft, kann und will Haller es nicht korrigieren. Nach vielen Jahren im Geschäft hegt er keine Illusionen mehr. Seine Kenntnis des Gesetzes nutzt er, um sich zu bereichern und im Notfall auch, um sich ihm zu entziehen. Haller wartet nicht, bis die Klienten zu ihm kommen. Er verteilt Schmiergelder an jene, die sie ihm vermitteln, bevor die Konkurrenz, die selbstverständlich ebenso handelt, Wind davon bekommt. Sein Vorrat fauler Tricks ist unerschöpflich – für die Leser, die ihn nicht engagieren (oder sich ihm anvertrauen) müssen, eine unerschöpflich sprudelnde Quelle der Unterhaltung. Autor Connelly hat die Kontakte, die er – siehe Nachwort – zu realen Juristen knüpfte, weidlich genutzt und Augen wie Ohren offen gehalten.

Dank Reagan und zweimal Bush halten die Reichen und Mächtigen in den USA die Privilegien, die ihnen zugeschanzt wurden bzw. die sich angemaßt haben, längst für selbstverständlich. Nur die Dummen, d. h. die politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich Ausgegrenzten, haben sich an die Gesetze zu halten. Zwar landet auch Prominenz (noch) auf der Anklagebank, doch dort wartet bereits eine teuer bezahlte Phalanx fähiger, das Recht verdrehender Anwälte auf sie. Am Beispiel des Windsor-Roulet-Clans spielt Connelly die Blindheit der Justitia deprimierend glaubhaft durch.

Kehrtwende vom Anwalt zum Menschen

In der zweiten Hälfte des Romans bekommt Haller eine ordentliche Dosis der eigenen Medizin zu schmecken. Aus dem tatkräftigen Verteidiger wird ein Opfer. Plötzlich entdeckt Heller seine Moral wieder. Im Grunde seines Herzens ist er Idealist geblieben. Es fällt schwer zu entscheiden, ob Verfasser Connelly dies ernst meint. Auf jeden Fall wirkt es aufgesetzt, nachdem er Haller erfolgreich als aalglatten Teufelsadvokaten dargestellt hat. Außerdem weist der Epilog darauf hin, dass Haller seine Lektion nur bedingt oder gar nicht gelernt hat: Seine Vaterpflichten erfüllt er nun besser, aber ansonsten wird er bald in den Ring zurückkehren und den Lincoln Lawyer geben.

Immerhin ist Connelly ernsthaft (und sarkastisch) genug, Haller nicht ganz ohne Denkzettel davonkommen zu lassen: Der Mann, den er aus der Hölle einer lebenslänglichen Haftstrafe befreien konnte, verklagt ihn prompt auf Schadensersatz. Der Wolf kann nicht auf die Seite der Schafe wechseln, die längst seine Spielregeln übernommen haben.

Haller lebt in seinem Mikrokosmos an der Seite recht farbenfroher Gestalten, die Connelly sehr unterhaltsam in Szene zu setzen weiß. Ein wenig übertreibt er es vielleicht, wenn er seinem gebeutelten Helden gleich zwei Ex-Frauen an die Seite stellt, die sich ihm gar zu eng verbunden fühlen. Wenigstens verschont uns Connelly mit süßlichen Vater-Tochter-Szenen.

Tücken unter ständigem Volldampf

Richtig vom Leder zieht der Verfasser in den Gerichtsszenen. Dort findet ein ‚Spiel‘ statt, dessen Beteiligte sich nach allen Regeln der Kunst beharken. Pardon wird weder erwartet noch gegeben. Connelly quetscht noch den kleinsten Rest potenzieller Spannung aus dem Geschehen. Er arbeitet im Grunde mit sehr bekannten Elementen, oft sogar mit Klischees, doch er weiß genau, was er tut.

Sicherlich wird der treue Connelly-Fan die Zahnräder der Maschine erkennen, die der Autor in Gang setzt. Michael Haller ist ein Hieronymus Bosch der Justiz. Die beiden Figuren sind sich überaus ähnlich, auch wenn Bosch nicht so verschlagen ist wie Haller. Doch ihr Verhalten ist typisch: Stress ist der Treibstoff, der ihre Motoren auf Hochtouren bringt. Haller gerät von allen Seiten unter Beschuss und wagt dennoch ein Doppelspiel. Bosch ergeht es regelmäßig ebenso. Trotzdem ist es immer noch spannend zu verfolgen, wie sich Connellys angeschlagene Helden aus der Bredouille retten.

Nicht einmal das heutzutage allzu typisch gewordene ‚doppelte Finale‘ kann das verderben: Gemeint ist die aus dem Hut gezogene ‚Überraschung‘, mit der wir konfrontiert werden, nachdem wir endlich zu wissen glauben, was geschehen ist und wie die Handlung enden wird. In „Der Mandant“ hat sich Connelly in dieser Beziehung leider nicht mit Ruhm bekleckert; man kann das nicht beschönigen. Dennoch hat man sich mehr als 500 Seiten hervorragend amüsiert und ist neugierig auf die neuen, zweifellos unmoralischen Abenteuer unseres Lincoln Lawyers.

Autor

Michael Connelly wurde 1956 in Philadelphia geboren. Den Büchern von Raymond Chandler verdankte der Journalismus-Student der University of Florida den Entschluss, sich selbst als Schriftsteller zu versuchen. Zunächst arbeitete Connelly nach seinem Abschluss 1980 für diverse Zeitungen in Florida. Er profilierte sich als Polizeireporter. Seine Arbeit gefiel und fiel auf. Nach einigen Jahren heuerte die „Los Angeles Times“, eine der größten Blätter des Landes, Connelly an.

Nach drei Jahren in Los Angeles verfasste Connelly „The Black Echo“ (dt. „Schwarzes Echo“), den ersten Harry-Bosch-Roman, der teilweise auf Fakten beruht. Der Neuling gewann den „Edgar Award“ der „Mystery Writers of America“ und hatte es geschafft.

Michael Connelly arbeitet auch für das Fernsehen, hier u. a. als Mitschöpfer, Drehbuchautor und Berater der kurzlebigen Cybercrime-Serie „Level 9“ (2000). Mit seiner Familie lebt der Schriftsteller in Florida. Über das Connellyversum informiert stets aktuell diese Website.

[md]

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