Der Mann unter der Treppe

Marie Hermanson
Der Mann unter der Treppe

Originaltitel: Mannen under trappan (Stockholm : Albert Bonniers Förlag 2003)
Deutsche Erstausgabe: Juli 2007 (Suhrkamp Verlag/TB Nr. 5875)
Übersetzung: Regine Elsaesser
269 S.
ISBN-13: 978-3-518-45875-4
Neuausgabe: Juni 2009 (Suhrkamp Verlag/TB Nr. 46100)
530 S. (Doppelband mit M. Hermansons Buch „Muschelstrand“)
ISBN-13: 978-3-518-46100-6

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Das geschieht:

Für Fredrik Wennéus läuft das Leben beruflich und privat denkbar glatt. Als ehrgeiziger und arbeitseifriger Sekretär im Amt für Wirtschaftsförderung der kleinen schwedischen Stadt Kungsvik bei Göteborg ist er bei seinen Vorgesetzten gut angesehen. Verheiratet ist Fredrik mit der schönen Paula, einer Malerin, der Werke allmählich das Interesse der Kunstwelt erregen. Das junge Paar hat zwei Kinder.

Fabian und Olivia sollen nicht in der Stadt, sondern auf dem Land aufwachsen. Fredrik und Paula suchen nach einem entsprechend gelegenen Haus, das sie schließlich tatsächlich finden. Der Preis, den die ins Altersheim umgezogene Vorbesitzerin fordert, ist erstaunlich niedrig. Bald sind die Verkaufsmodalitäten geregelt, und die Familie zieht in ihr neues Heim ein.

Dort muss Fredrik freilich eine unerfreuliche Entdeckung machen: Ein kleiner, verwilderter und unheimlicher Mann, der sich „Kwådd“ nennt, macht sein Wohnrecht als Untermieter geltend. Er lebe unter der Treppe und störe dort niemanden, so sein Argument, das Fredrik keineswegs gelten lassen möchte. Seine Nachforschungen ergeben, dass unter besagter Treppe ein unterirdischer Gang unter das Haus führt. Dort muss Kwådd sich verborgen halten, wenn er nicht durch Haus und Garten geistert.

Nur zu gern möchte Fredrik den ungebetenen Mitbewohner loswerden. Doch der ist schwer zu fassen. Maßlos überforderte ‚Mietgelder‘ zahlt er ohne mit der Wimper zu zucken. Als Fredrik nachdrücklich den Auszug fordert, reagiert Kwådd aggressiv. Er schießt Pfeile auf seinen Verfolger ab und zeigt ein ungutes Interesse an Paula und den Kindern. Bald eskaliert der Kampf zwischen Fredrik und Kwådd, was nicht ohne tragische Folgen – und Leichen – bleibt …

Die Dinge sind nicht immer so, wie sie zu sein scheinen

Das verfluchte Haus ist ein klassisches Motiv der phantastischen Literatur. Der Gedanke, dass sich das Grauen ausgerechnet dort manifestiert, wo wir Zuflucht vor den Anforderungen des Alltagslebens suchen, erschreckt uns maßlos. Wohin können wir noch gehen, wenn uns das Heim nicht gegönnt wird? Wohl oder übel müssen wir dort ausharren – wer kann es sich schon leisten, es umgehend per Umzug zu verlassen? – und uns dem Schrecken stellen. Nicht immer gelingt der Sieg, oft müssen Opfer gebracht werden. Nach dem Finale ist im besessenen Haus vielleicht wieder Ruhe eingekehrt, doch die dürfen nicht alle Bewohner genießen.

Fredriks Kampf mit dem „Mann unter der Treppe“ ist dafür ein Paradebeispiel. Die Geschichte beginnt so trügerisch harmonisch, dass nicht einmal der erfahrene Leser zweifelt, dass dies viel zu schön ist, um wahr zu sein. Wer zwischen den Zeilen liest, erkennt schon jetzt und noch vor dem ersten Auftritt Kwådds diverse Risse im scheinbar festen Gefüge der heilen Familie Wennéus.

Das wertet diesen Roman von einer Gruselgeschichte zum Psycho-Thriller um. Den liebt vor allem die Literaturkritik viel stärker als ein schnödes Grusel-Garn. Dafür gibt es (manchmal, aber nicht immer) Gründe: Der Psycho-Thriller ist anspruchsvoller; er beschreibt ein Geschehen, das wie beschrieben nicht unbedingt stattfinden muss. Ins Spiel kommt stattdessen die Tatsache, dass die Welt, wie wir Menschen sie registrieren, eine Interpretation unseres Gehirns ist. Vermag dieses Organ aufgrund einer Störung nicht mehr zu entschlüsseln, was Augen, Ohren oder Nase als Input liefern, verschiebt sich der Fokus der Wahrnehmung in Bereiche, die gern mit dem Begriff „Wahn“ bezeichnet werden.

Lautlose Lawine des Verderbens

Womit der aufmerksame Leser dieser Zeilen vermutlich den Aha!-Effekt der Geschichte erfasst haben dürfte. (Und falls nicht, so stößt ihn der Klappentext gleich mehrfach mit der Nase darauf.) Aber gemach – so einfach ist die Sache nicht! In Sachen Kwådd hält Autorin Hermanson im Finale eine Überraschung parat. Faktisch kommt es auf den Mann unter der Treppe ohnehin nicht an. Kwådd ist vor allem Katalysator eines Prozesses, der wie schon erwähnt in Gang gekommen ist, bevor die Familie ihr neues Heim bezieht.

Parallel zur Kwådd-Strang der Handlung schildert Hermanson ebenso subtil wie routiniert den schleichenden Zerfall einer Persönlichkeit. Fast unmerklich nehmen die Indizien zu. Fredrik sieht sich zunehmend isoliert und unter steigendem Druck. Kwådd wird zu seiner fixen Idee und zum Symbol für das, was in seinem Leben schiefläuft. Sein Verhalten spiegelt sich in den Reaktionen seiner Mitmenschen wider. Der Leser beginnt zu begreifen, was da vor sich geht. War er bisher an Fredriks Seite, möchte er sich später von ihm lösen. Doch das gestattet Hermanson erst, als Fredriks Welt in Scherben liegt.

Nachträglich dechiffriert sie die rätselhaften Ereignisse. Wir erfahren, was realiter geschehen ist. Aber auch dieser Eindruck täuscht, die auf Fredriks Kosten tragisch zurückgewonnene Sicherheit wird mit dem letzten Absatz erneut und dieses Mal ohne Auflösung erschüttert.

Unterhaltsam aber nicht originell

„Der Mann unter der Treppe“ ist ein Roman, der sich zügig liest. Er unterhält, und Hermanson versteht ihr Handwerk. Sie bedient sich einer betont simplen Sprache und bleibt im Ton sachlich. Klassisches Spuken entfällt. Sentimentale Effekthascherei, sonst ein beliebter Bauernfänger-Trick nicht nur in der Phantastik, erspart sie uns. Fabian und Olivia werden nie vom bösen Troll gejagt oder von ihm besessen.

Diesen Kwådd charakterisiert Hermanson mit beachtlichem Geschick. Er ist an sich nicht bösartig, sondern pocht nur energisch auf sein Heimrecht. Erst Fredrik, der den Fremdkörper in seinem Vorzeige-Heim eliminieren will, weckt den Dämonen in Kwådd. Im Verlauf der einsetzenden Auseinandersetzung entzieht die Autorin sich der ‚Pflicht‘, die wahre Natur des Mannes unter der Treppe aufzudecken. Kwådd bleibt ein Mysterium, und das ist ein Pluspunkt.

Insgesamt hinterlässt „Der Mann unter der Treppe“ aber keinen nachhaltigen Lektüre-Eindruck. Zu glatt ist das Geschehen durchkonstruiert. Es läuft auf ein Ende zu, das wir in seinen Details zwar nicht kennen aber deutlich vorahnen. Abweichungen gibt es nicht. Wem die gekonnte und elegante Variation des Bekannten genügt, wird sich unterhalten. „Aufregend“, „beunruhigend“ oder „ein richtiger Schauerroman“ (Zitate aus diversen schwedischen Rezensionen, die im Klappentext aufgelistet werden) ist „Der Mann unter Treppe“ jedoch nicht.

Autorin

Marie Hermanson wurde 1956 als Kind eines Lehrer-Ehepaares geboren. Sie wuchs in Sävedalen, am Rande von Göteborg auf, wo sie – inzwischen verheiratet Mutter zweier Kinder – weiterhin lebt und arbeitet.

Hermanson studierte Literaturwissenschaft und Soziologie an der Universität von Göteborg. Nebenbei arbeitete sie als Pflegekraft in einer psychiatrischen Klinik. Nach Abschuss ihres Studiums arbeitete Hermanson als Journalistin für verschiedene Tageszeitungen.

Als Erzählerin debütierte sie 1986 mit einer Sammlung von Erzählungen („Es gibt ein Loch in der Wirklichkeit“), die durch Märchen und Mythen geprägt wurden. Weitere Geschichten sowie Romane folgten, in denen sich ebenfalls Reales und Irreales unmerklich mischen.

Copyright © 2009/2017 by Michael Drewniok (md)

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