Die Amerikanische Nacht

Marisha Pessl
Die Amerikanische Nacht

Originaltitel: Night Film (New York : Random House 2013)
Übersetzung: Tobias Schnettler
Deutschsprachige Erstausgabe (geb.): September 2013 (S. Fischer Verlag)
799 S.
ISBN-13: 978-3-10-060804-8
eBook: September 2013 (S. Fischer Verlag)
34067 KB
ISBN-13: 978-3-10-401746-4
Hörbuch-Download: September 2013 (Random House Audio)
9 h 59 min. (gekürzt), gelesen von Wolfram Koch u. Uli Edel
ISBN-13: 978-3-8371-2319-7
Hörbuch-CD: September 2013 (Random House Audio)
8 CDs (= 9 h 59 min.; gekürzt), gelesen von Wolfram Koch u. Uli Edel
ISBN-13: 978-3-8371-2318-0

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Das geschieht:

Scott McGrath war vorgewarnt: Der einst erfolgreiche Journalist ist zur persona non grata herabgesunken, seit er vor Jahren versucht hatte, einen Enthüllungsbericht über den Filmregisseur Stanislas Cordova zu schreiben. Dieser ist ebenso berühmt wie berüchtigt für seine Psychothriller, die tief in den dunklen Seiten der menschlichen Seele wurzeln. Schon lange meidet Cordova die Öffentlichkeit; hündisch verehrt von seinen Anhängern, den „Cordoviten“, hat er sich auf seinen einsam gelegenen und hermetisch von der Außenwelt abgeriegelten Landsitz „The Peak“ im Hinterland des US-Staates New York zurückgezogen. Hier dreht er seine der breiten Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich gemachten Filme und überschreitet dabei womöglich nicht nur die Grenzen der Moral, sondern auch des Gesetzes.

Genau dies meinte McGrath Cordova einst nachweisen zu können. Doch der anonyme Zeuge entpuppte sich als Lügner, und Cordovas Anwälte zerstörten McGrathes Reputation und Karriere. Seine Ehe ging in die Brüche, seine Tochter ist ihm fremd geworden. Nie wäre ihm eingefallen seine Nachforschungen neu aufzunehmen, hätte man nicht Cordovas Tochter tot aufgefunden. Erst 24 Jahre war Ashley alt; ein frühreifes Wunderkind mit psychischen Problemen. Vor ihrem Selbstmord hat sie McGrath beobachtet, sodass dieser nun der Versuchung nicht widerstehen kann.

Unerwartete Hilfe erhält McGrath von der jungen Möchtegern-Schauspielerin Nora und dem Dealer Hopper. Beide hatten ebenfalls Kontakt mit Ashley und wurden in ihren Bann gezogen. Gemeinsam will das Trio die letzten Tage von Ashley Cordova rekonstruieren und darüber an den Vater herankommen, der womöglich verantwortlich für ihren Tod ist. Doch die Recherchen sind kompliziert, und vor allem erregen sie Aufmerksamkeit. Cordova scheint überall Spitzel und Handlanger zu haben, die McGrath beobachten und behindern. Oder ist McGrath unfreiwilliger Hauptdarsteller in einem Film Cordovas, der inzwischen die Realität inszeniert …?

Der Schein und die Wirklichkeit

Die „Amerikanische Nacht“ ist ein alter Filmtrick: Nachtszenen werden tagsüber gedreht, was die Arbeit verständlicherweise erleichtert. Der Kamera wird dafür eine Linse vorgeschraubt, die nur einen Teil des Tageslichtes durchlässt. Siehe da: Die Szene scheint in der Nacht aufgenommen worden zu sein. Heutzutage wird die Amerikanische Nacht nur noch selten eingesetzt; sie lässt sich von einem kundig gewordenen Publikum allzu leicht als solche identifizieren. Außerdem macht es die moderne Technik längst möglich, auch nachts zu drehen.

Geblieben ist die Amerikanische Nacht als Synonym für eine Täuschung. Die deutsche Übersetzung legt das Schwergewicht auf diesen Handlungsaspekt. Autorin Peissl selbst nannte ihr Werk „Night Film“, was weniger markant aber ebenfalls mehrdeutig ist: In der Nacht sind alle Katzen grau, sagt das Sprichwort, was es schwierig macht, sie zu unterscheiden. Dies wird zum Problem, weil nicht jede dieser Katzen harmlos ist, sondern dir manche ans Leder will. So ergeht es Scott McGrath, der in der dunklen Welt des Stanislas Cordova die Orientierung verliert.

Wer könnte Menschen besser manipulieren als ein Filmregisseur, dessen Job es ist, sein Publikum zu täuschen? Cordova hat offenbar den nächsten Schritt gewagt und gefällt sich darin, die Realität selbst zu inszenieren. Dass dies nicht ohne (echte) Gewalt und Körperverletzungen möglich ist, erhöht noch den Reiz. Wie sonst könnte man es deuten, dass Cordova einst seinen Sohn vor die Kamera zwang, nachdem sich dieser gerade mehrere Finger abgeschnitten hatte: Cordova giert nach authentischen Schmerz.

Die Wirklichkeit ist stärker

Marisha Pessl legt mit „Die Amerikanische Nacht“ erst ihren zweiten Roman vor. Sieben Jahre hat sie sich nach ihrem Debütwerk Zeit gelassen. Womöglich hätte sie schneller geschrieben, wäre sie nach „Die alltägliche Physik des Unglücks“ nicht gebrandmarkt worden: Zumindest in den USA ernannte die Mehrheit der Kritiker sie zum „literarischen Wunderkind“ und erlegten ihr damit eine schier untragbare (und unerträgliche) Bürde auf: Von dieser Autorin erwarteten sie, sich mit dem nächsten Werk mindestens zu übertreffen.

Wie soll das funktionieren? Selbst der Versuch kann lähmen. Pessl hat sich mächtig ins Zeug gelegt, doch erwartungsgemäß waren zumindest die Kritiker nicht zufrieden: „Die Amerikanische Nacht“ sei nichts als eine fein gesponnene aber simple Schnitzeljagd und in der finalen Auflösung verdächtig nahe an Theodore Roszaks „Flicker“ (1991; dt. „Schattenlichter“). Dieses Buch habe sie nie gelesen, ließ Pessl verlauten So etwas kommt vor, ist aber immer peinlich.

Mit der Schnitzeljagd liegen die Kritiker richtig. Was sie bemängeln, stört Pessls Leser in der Mehrheit aber nicht bzw. zieht sie in den Bann. Recht haben beide Seiten: „Die Amerikanische Nacht“ ist zwar seitenstark aber keines jener literarischen Schwergewichte der Marke „Great American Novel“, deren Verfassern es (angeblich) gelingt, einen künstlerisch geadelten Zustandsbericht über das US-amerikanische Wesen vorzulegen. Tatsächlich ist „Die Amerikanische Nacht“ ‚nur‘ ausgezeichnete Unterhaltung mit tiefsinnig anmutenden Untertönen, die indes nur selten so laut werden, dass die eigentliche Handlung darunter leidet.

Darf ein ‚guter‘ Roman kein Schmöker sein?

Die genannten Kritiker mögen sich auf dieses Niveau nicht herablassen, weshalb wir uns nun von ihnen verabschieden. Bücher kann man bekanntlich zum Vergnügen und trotzdem reinen Gewissens lesen. Falls Pessl sich an der Konstruktion vielschichtiger Subtexte versucht hat, mögen diese andere, klügere Geister deuten. An dieser Stelle sei dem vom Theaterdonner der Werbung unschlüssig gewordenen Leser versichert, dass die „Amerikanische Nacht“ eine Lektüre lohnt.

Wie jede gute Idee ist auch diese einfach: Am Anfang steht ein Geheimnis. Es folgt der Versuch der Aufklärung. Schritt für Schritt folgen die jeweiligen Helden einer brotkrumenähnlichen Spur mysteriös verschachtelter Hinweise, die zunächst entschlüsselt und dann befolgt werden müssen. Dabei wird es zusehends gefährlicher, denn in der Regel lässt sich der große Strippenzieher im Hintergrund nicht freiwillig ins Tageslicht zerren. Das geschieht erst in einem großen Finale, das alle Fragen beantwortet – leider, denn es gibt kaum ein Rätsel, das dem Versuch seiner Lösung standhält.

Das Geheimnis der Ashley Cordova stellt keine Ausnahme dar. Nach vielen hundert Seiten, in denen McGrath und seine Gefährten im Netz einer unsichtbaren aber unheimlichen Spinne zu zappeln schienen, mutet die Auflösung enttäuschend weil realistisch an. Glücklicherweise ist sich die Verfasserin des Problems bewusst; sie schließt einen Epilog an, der Cordova selbst auftreten lässt. Was er zu sagen hat, enthält uns Pessl vor – die richtige Entscheidung, denn Cordova muss eine schattenhafte Projektionsfläche bleiben, um seinen Nimbus zu behalten. Das begreift selbst McGrath, der das Ende seiner Recherchen mit dem Ende eines wieder aufregend gewordenen Lebens gleichsetzt.

Genre-Billard und Comic-Gimmicks

Pessl weiß, wie sie ihr Publikum bei der Stange hält. Dies gelingt sogar dort, wo der aufmerksame Leser merkt, dass sie auf Zeit spielt. Vor allem im zweiten Romandrittel sind manche Passagen Episoden, die sich in der unnötigen Untermauerung ohnehin geheimnisvoller Ereignisse erschöpfen. Dies geschieht immer auf erzählerisch hohem Niveau, was das Handlungsskeletts umso deutlicher durchscheinen lässt.

Weil es in der „Hochliteratur“ seit jeher üblich ist (aber selten offen zugegeben wird), bedient sich Pessl aus unterschiedlichen Genres. Sie mischt daraus einen Mystery-Thriller mit Grusel-Elementen, die gern einschlägigen (oder erfundenen) Horrorfilmen angelehnt werden, was dem Ergebnis abermals auf eine literarische Arthouse-Ebene hievt. Erfreulicherweise sind diese Szenen als solche meist spannend. Abermals mag der Fachmann entscheiden, wer für Cordova Pate gestanden hat. Dieser Rezensent entscheidet sich einmal für den realen Stanley Kubrick und zweimal für Orson Welles in den Titelrollen der beiden selbst inszenierten Filme „Citizen Kane“ (1941) und „Mr. Arkadin“ (1955; dt. „Herr Satan persönlich“), aber beide bringt die belesene und in der Filmgeschichte firme Pessl natürlich selbst ins Spiel.

Ohnehin spielt sie gern. Deshalb wird der klassische Text (= langweilige Buchstaben) immer wieder durch Einschübe unterbrochen. Zeitungsartikel, Polizeiberichte, Gerichtsprotokolle, Websites: Selbst Fotos fiktiver Figuren wie Stanislas und Ashley Cordova wurden angefertigt. Wie es sich für einen modernen Bestseller gehört, existiert ein eigener „Night Film Decoder“, der sich über diese Website als App herunterladen lässt. Manche Illustrationen zeigen ein Vogelmotiv – Cordovas Fetisch –, das als QR-Code dient und mit dem sich per Smartphone sogar aus der altmodisch gedruckten Fassung heraus multimediale Seltsamkeiten als Mehrwert aktivieren lassen.

Nötig sind solche Mätzchen nicht, aber sie fügen der Geschichte auch keinen Schaden zu. Man liest sich problemlos durch bedruckte und bebilderte (sowie sorgfältig übersetzte) Seiten und fühlt sich gut unterhalten weil angenehm an der Nase herumgeführt und manchmal überrascht.

Autorin

Marisha Pessl, geboren am 26. Oktober 1977, wuchs in Asheville, US-Staat North Carolina auf. Sie studierte Film und Fernsehen an der Northwestern University sowie zeitgenössische (Englische) Literatur an der Columbia University. Nach dem Abschluss war Pessl als Finanzberaterin für ein großes Prüfungsunternehmen tätig.

Bereits in dieser Zeit arbeitete sie an einem Roman, der später ihr Erstling wurde. „Special Topics in Calamity Physics“ (dt. „Die alltägliche Physik des Unglücks“) beschreibt die schwierige Beziehung zwischen einem Vater und seiner Tochter. Das Buch erschien 2006 und entwickelte sich sowohl zu einem Favoriten der US-amerikanischen Literaturkritik als auch zu einem Bestseller, der in 30 Sprachen übersetzt wurde. Negativkritische Stimmen bemängelten die relative Handlungsarmut des Buches, dessen Wortgewalt zudem oft angestrengt klinge.

Es dauerte sieben Jahre, bis Pessl dem Romandebüt ein zweites Buch folgen ließ. Mit „Night Film“ (dt. „Die Amerikanische Nacht“) präsentierte sie jenseits der erneut spürbaren literarischen Schwerarbeit einen lesenswerten Mystery-Thriller, der allerdings inhaltlich einem anderen, zwei Jahrzehnte älteren Roman unerquicklich ähnelte. Zumindest dem Verkauf schadete dies nicht, während die Kritik sich vorwerfen lassen musste, einer Autorin nachzustellen, die nicht nur (zu) erfolgreich, sondern auch „schön, clever, reich“ (s. „Die Welt“ vom 06.09.2013) ist.

Marisha Pessl – ihr Name erinnert an die österreichische Herkunft des Vaters – lebt und arbeitet in New York. Über ihre Arbeit informiert sie auf dieser Website.

Kurzkritik für Ungeduldige: Ein Journalist spürt den Geheimnissen eines charismatischen Filmemachers hinterher und gerät dabei in ein Gespinst aus Täuschung, Manipulation und Irrtum, das die Grenzen zwischen Fiktion und (inszenierter) Realität aufweicht … – Hinter der Wortgewalt einer von der Literaturkritik gefeierten Schriftstellerin verbirgt sich ein bekannter Plot, der freilich sehr unterhaltsam (und gemächlich) einem Finale entgegen strebt, das dem Rätsel wie so oft nicht gewachsen ist: gutes Mystery-Lesefutter.

[md]

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