Die Blutgräfin

Andrei Codrescu
Die Blutgräfin

Originaltitel: The Blood Countess (New York : Simon & Schuster 1995)
Übersetzung: Helga Bilitewski
Deutsche Erstausgabe: 2000 (Scherz Verlag/Schwarze Krimis 1758)
318 S.
ISBN-13: 978-3-502-51758-0

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Das geschieht:

Ein angeblicher Frauenmörder stellt sich der Staatsanwaltschaft in New York. Drake Báthory-Keresztur war in den ungarischen Volksaufstand verwickelt und musste 1956 in die USA flüchten. Mit sich brachte er das Grauen seiner bizarren Familiengeschichte. Báthory-Keresztur ist ein Angehöriger des ungarischen Hochadels. Unter seinen Vorfahren finden sich Könige, Fürsten, Grafen – und Elisabeth, die Blutgräfin, die den Verlust ihrer Schönheit verhindern wollte, indem sie im Blut geschlachteter Jungfrauen badete.

Vierhundert Jahre später sieht sich Drake Báthory-Keresztur in seiner eigenen Privathölle gefangen. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches ist Ungarn im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umbruch. Bizarre Modelle für ein scheinbar neu geborenes Land werden ausprobiert, in dem die alten Kräfte immer noch präsent sind. Sogar über die Restauration der Monarchie wird nachgedacht. Anführer der Revolutionäre, die dieses Ziel verfolgen, ist Klaus Méguéry, ein Jugendfreund Drakes, der diesen als Anwärter auf den Thron nach Ungarn einlädt. Drake folgt ihm. Zwar möchte er nicht König werden, aber Eva, die Liebe seines Lebens, wiedersehen. Diese ist allerdings schon vor Jahren in eine katatonische Starre verfallen und nicht ansprechbar. Tochter Teresa kümmert sich gemeinsam mit Méguérys zwielichtigem Sohn Imre um den Gast aus den USA.

Báthory-Keresztur muss feststellen, dass Méguéry nicht nur mit obskuren Sekten, Neonazis und der örtlichen Mafia paktiert; er hat ihn bereits vor 1956 systematisch bespitzelt und an die Kommunisten verraten. Wenig erfreulich sind auch die Ergebnisse von Nachforschungen, die Drake über die eigene Herkunftsgeschichte anstellt: In seiner Familie ist das Böse offenbar eine reale Kraft, die wie bei Elisabeth Báthory über jene kommt, die ihr zufällig oder mutwillig zu nahe kommen.

Diese esoterische Theorie vertritt jedenfalls die Historikerin Lilly Hangress. Drake ist spätestens geneigt ihr Recht zu geben, als er in einem seltsamen Gasthaus unweit des Báthory-Schlosses einen unheimlichen Mann kennenlernt, der womöglich der unsterblich gewordene Andras von Keresztur ist. Der Vorfahre plant, mit Drakes Unterstützung und Zauberei die Blutgräfin zurück in diese Welt zu holen …

Die Unerträglichkeit realen Grauens

Elisabeth Báthory (1560-1614) ging unrühmlich in die Geschichte als seltenes Beispiel einer psychopathischen Serienmörderin ein. Frauen töten selten, um krankhaft außer Kontrolle geratene sadistische Triebe zu befriedigen. Die „Blutgräfin“ ist wohl die berühmteste Vertreterin ihrer ungeheuerlichen Gattung. Unter bösartiger Ausnutzung ihrer adligen Privilegien ließ sie sich junge Frauen und Mädchen zuführen, die in ihrer Anwesenheit und mit ihrer aktiven Mithilfe bestialisch zu Tode gequält wurden. Als Gattin und später Witwe des ungarischen Kriegshelden Franz Nádasdy und Nichte des mächtigen Pfalzgrafen Thurzo, über denen nur noch der König von Ungarn und der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches standen, war Elisabeth praktisch dem Gesetz enthoben.

Sie konnte foltern und morden, bis ihre rat- und hilflosen Untertanen mit einem Aufstand drohten. Da war es endlich vorbei mit der Blutgräfin, und nicht einmal der Einfluss ihrer Familie reichte aus zu vertuschen, was nun offenbar wurde: Die fast lückenlos erhaltenen Untersuchungs- und Prozessakten rekonstruieren das Schreckensbild einer Serienmörderin, die erst gestoppt werden konnte, als angeblich 650 Opfer auf ihr Konto gingen. (Wobei heute schwierig ist zu entscheiden, ob die Anschuldigungen in ihrer Gesamtheit korrekt sind, weil Elisabeths Sturz auch Teil einer politischen Intrige war und die Untersuchungsprotokolle entsprechend ‚frisiert‘ wurden).

Die mörderische Gräfin fand ein vergleichsweise gnädiges Schicksal: Statt sie hinzurichten, sperrte man sie in eine Kammer ihres Schlosses in Kaschau (heute Slowakei) und mauerte die Tür zu. Vier Jahre hielt Elisabeth diese Isolationshaft aus; letztlich war diese Strafe vermutlich härter als ein relativ rascher Tod.

Gibt es „das Böse“?

Andrei Codrescu ist wie der fiktive Drake Báthory-Kereztur das Kind zweier Kulturkreise, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Der geborene Rumäne kennt die Verhältnisse auf dem europäischen Balkan, dessen Geschichte sich durchaus als ununterbrochene Kette von Blut- und Gewalttaten darstellen lässt, woran sich bis auf den heutigen Tag nicht das Geringste geändert hat.

Codrescu unternahm 1995 den Versuch, sich diesem vor dem Hintergrund der Kosowo-Krise und nach dem Ende des Ceaușescu-Terrors an Aktualität gewonnenem Phänomen literarisch zu nähern. Er bedient sich dabei vordergründig des Kriminalromans, den er kräftig mit Elementen des Schauerromans und des historischen Thrillers durchsetzt. Das Ergebnis ist anspruchsvolles, unkonventionelles und gewiss nicht leicht zu lesendes Werk: ein komplexer, tiefgründiger und auch tiefsinniger Versuch, die Natur des Bösen zu verstehen oder es wenigstens zu bannen, weil der Schrecken, den man quasi spielerisch heraufbeschwört, an Bedrohlichkeit verliert.

Dabei ist Codrescu nicht zimperlich. Szenen oft sexueller Sadismen dieser Intensität erwartet man im Gewand der ehrwürdigen Scherz-Kriminalromane gewiss nicht. Doch jeder voyeuristische Unterhaltungswert wird nachhaltig durch eine quälend sachliche, klinische und spröde Darstellung der detailliert geschilderten Gräuel zerstört: Das Böse lässt sich erklären und womöglich als Ausfluss einer krankhaften Störung deuten, aber es ist niemals faszinierend. Codrescus Elisabeth Báthory ist vielleicht ein weiblicher Dracula oder eine Werwölfin, wahrscheinlich aber ‚nur‘ ein Mensch und deshalb besonders gefährlich: ein weiblicher Hannibal Lecter der frühen Neuzeit.

Erst auf einer zweiten, mehr philosophischen Ebene spielt Codrescu sein Modell vom Bösen als Naturelement durch, das wie die Schwerkraft oder die Zeit einfach ‚da‘ ist – nicht zwangsläufig als negatives Element, sondern zunächst als neutrale Kraft, die erst dort Unheil gebiert, wo sie von schwachen, ihr nicht gewachsenen Menschen unbedacht angezapft wird.

Gespiegelte Geschichte/n

Die Chronik der Elisabeth Báthory ist die Geschichte Ungarns zwischen Mittelalter und 30-jährigem Krieg – und das Spiegelbild des 20. Jahrhunderts, wie Báthory-Keresztur es erleben musste: eine Parallele, die womöglich nicht zufällig ist, wie der Verfasser allmählich ausführt. Zerrissen im Inneren durch Fehden, religiöse Unruhen, Korruption und Volksaufstände, bedroht von außen durch die Türken, ist Elisabeths Ungarn ein Land, in dem brüchiger Frieden in brutalsten Krieg umschlagen kann.

Schon als Kind wird die Gräfin mit der allgegenwärtigen Gewalt konfrontiert – und findet Gefallen daran! Die äußeren Umstände gestatten ihr auszuleben, was offenbar schon in ihrem Wesen angelegt ist: der psychopathische Drang, die Schwächeren zu dominieren, zu quälen und schließlich umzubringen, ein Drang, der stetig wächst, so wie auch Elisabeths Frustration stärker wird, als sie, eine höchst intelligente Frau mit ausgeprägten eigenen Vorstellungen von einem erfüllten Leben, sich in ihrer von Männern dominierten Welt in einer rein passiven Rolle gefangen sieht.

Dann entführt ein neuer Krieg Elisabeths Gatten für Jahre an die Front. Sie kann nun endlich nach eigenem Gusto schalten, walten – und foltern. Rasch verliert sie jede Kontrolle über sich und kommt schließlich zu Fall. Während sie in ihrer Zelle schmachtet, schmiedet sie Pläne für eine Zukunft, in der ihr Tod eine feste Konstante, aber beileibe keinen Endpunkt darstellt: Elisabeth will wiederkehren, und dieses Mal wird sie sich nicht mehr erwischen lassen …

Klagelied auf ein ‚verlorenes‘ Buch

Die „Blutgräfin“ bietet keine leichte (oder gar seichte) aber auf ihre Art fesselnde Lektüre. Die Geschichte ist konsequent durchdacht, entwickelt und umgesetzt (sowie – man muss es heutzutage hervorheben – ausgezeichnet übersetzt). Auf 300 Seiten gibt es keinerlei Leerlauf, Codrescu drischt nie Stroh. Stattdessen gewinnt man den Eindruck, er habe seine Geschichte wieder und wieder verdichtet, bis sie ihre fast bedrohliche Intensität erreichte.

Andrei Codrescu genießt als Schriftsteller einen ausgezeichneten Ruf. Dies dürfte mitverantwortlich dafür gewesen sein, dass „Die Blutgräfin“ so bleiben durfte, wie wir sie hier kennenlernen: sehr blutig, sehr brutal. Gar nicht selten werden nicht nur Horrorfilme, sondern auch gedruckte Werke hierzulande aus Furcht vor dem (geschäftsverderblichen) Verdikt organisierter Tugendbolde zensiert oder gar nicht ins Programm aufgenommen. Die Flucht unter die Fittiche der wahren Kunst bietet einen gewissen Ausweg, weil sich hier noch immer kampfbereite Freigeister sammeln, die besagten Bolden Paroli bieten. Auf der anderen Seite muss man die Frage stellen, wieso ein Roman wie „Die Blutgräfin“, der eindeutig mehr bietet als die üblichen Fang-den-Strolch-Thriller, zwischen die Krimis des Scherz-Verlags geraten konnte. Dort wurde er zwar eventuell an der Zensur aber auch am eigentlichen Zielpublikum vorbeiveröffentlicht.

Nach Jahrzehnten des Lesens, in denen er gar zu oft mit denselben faulen Tricks verärgert statt unterhalten wurde, ist dieser Rezensent ein wenig müde geworden. Umso größer ist die Freude, auf einen Titel wie „Die Blutgräfin“ zu stoßen, und es potenziellen Lesern ans Herz legen zu können: als ein Buch, dem das Seltene gelingt, zu überraschen und zu bewegen; das auf intelligente und unterhaltsame Art, was sich keineswegs ausschließen muss, wie Codrescu eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Autor

Der am 20. Dezember 1946 in Sibiu geborene und 1966 in die USA umgesiedelte Rumäne Andrei Codrescu ist ein engagierter und überaus aktiver Schriftsteller, Journalist, Dichter und Dokumentarfilmer, der vor allem durch seine Berichte aus dem Rumänien der Revolution von 1989 international einen ausgezeichneten Ruf genießt. Zwischen 1984 und 2009 war Codrescu Dozent für Englisch an der Louisiana State University in Baton Rouge.

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