Die Frauen von Ithaka

Sándor Márai
Die Frauen von Ithaka

Béke Ithakában, GB, 1952
Piper Verlag, München, 12/2014
1. Ausgabe: „Verzauberung in Ithaka“, Verlag Kurt Desch, Basel (CH)/Wien (A)/München (D), 1952
TB 30599,
Belletristik, History/Sage, Drama,
ISBN 978-3-492-30599-0
Aus dem Ungarischen von Christina Kunze
Titelgestaltung von Kornelia Rumberg, unter Verwendung eines Motivs von Ronya Galka/Trevillion Images

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Sándor Márai (1900 – 1989) gilt als einer der bedeutendsten ungarischen Lyriker, Dramatiker und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, insbesondere seit die Neuausgaben seiner Bücher (überwiegend) im Piper Verlag erschienen sind und seine Werke einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wurden. 1949 ging Sándor Márai von Budapest/Ungarn ins Exil, wechselte mit seiner Familie mehrmals Ort und Land und fand bis zu seinem Freitod keine neue Heimat. Er verfasste eine Vielzahl Bücher – „Die Frauen von Ithaka“ ist eines davon.

Zweifellos hat so ziemlich jeder Gustav Schwabs jugendgerechte Fassung von Homers „Ilias“ und „Odyssee“ gelesen:
Die schöne Helena hatte so viele Freier, dass ihr Vater die Rache der Abgewiesenen fürchtete und ihre Hand erst Menelaos gab, nachdem alle Fürsten geschworen hatten, die Entscheidung friedlich zu akzeptieren und dem König von Sparta in der Not zu Hilfe zu eilen. Dies taten sie auch, als Paris Helena nach Troja entführte. Zehn Jahre wurde die reiche Stadt belagert, bis die List des Odysseus‘ den Archäern den Sieg schenkte. Die Heimkehrer brachten zwar reiche Beute mit, mussten aber um ihre Herrschaftsansprüche kämpfen, da sich zwischenzeitlich Usurpatoren ihrer Throne bemächtigt hatten. Dies galt auch für Odysseus, der erst nach weiteren zehn Jahren der Irrfahrt Ithaka erreichte, wo seine treue Gemahlin Penelope die Freier hingehalten hatte, an denen blutige Rache genommen wurde, wonach das Paar wieder glücklich zusammenlebte.

Hier endet die Geschichte, doch gibt es noch die Fragmente eines verlorenen Epos‘, der „Telegonie“, die Odysseus‘ letzte Jahre und seinen Tod durch die Hand von Telegonos, seinem mit Kirke gezeugten Sohn, schildert. Durch Kirkes Zauber wurden Penelope und Telemachos, der Sohn des Odysseus mit seiner Gemahlin, zu Unsterblichen, und es fand eine Doppelhochzeit statt, die Penelope mit Telegonos und Kirke mit Telemachos vereinte. Sándor Márai greift in „Die Frauen von Ithaka“ die Motive der „Telegonie“ auf und erzählt in drei „Gesängen“ durch Retrospektiven die Geschehnisse ab der Heimkehr von Odysseus, hier Ulysses genannt, bis zu seinem Tod einschließlich des Schicksals seiner legitimen Gemahlin, seiner Geliebten, seiner Söhne und am Rande seiner Gefährten.

Anders als der Titel vermuten lässt, geht es nicht um die Frauen von Ithaka, denn dort wartete ausschließlich Penelope – die Mägde, die sich den Freiern hingegeben hatten, wurden erschlagen und spielten keine tragende Rolle -, zu der allein er zurückkehrte, wohingegen die anderen Frauen, denen Ulysses auf seinen Reisen begegnete, Prinzessinnen und Königinnen ihrer eigenen Reiche waren, ihm Söhne schenkten und verlassen wurden. Während Penelope einen „Gesang“ aus weiblicher Sicht bestreitet, kommen die Rivalinnen nur in den „Gesängen“ von Telemachos, dem legitimen, und Telegonos, einem der illegitimen Söhne, im Rahmen ihrer Erzählungen zu Wort, darunter Kirke, Kalypso, Nausikaa und Helena.

Aus den verschiedenen Perspektiven dieser drei Hauptfiguren wird der Frage nachgegangen: Wer war Ulysses eigentlich? – Denn jeder, der ihn kannte, gibt zu, ihn nicht wirklich gekannt zu haben, von ihm getäuscht worden zu sein, sich zu wünschen, er oder sie könne Rache an ihm nehmen, und doch bewundern und fürchten sie ihn, lassen sie ihr Denken und Handeln von ihm beherrschen, nutzen sie die Gelegenheiten nicht, ihn zu töten, denn ohne ihn wäre die Welt nicht mehr dieselbe, was ihnen klar ist. Selbst die Götter konnte er übertölpeln, zog sich ihren Neid und Hass zu, und am Schluss durften auch seine Beschützer nicht mehr ihre Hand über ihn halten. Der Ulysses, den Sándor Márai beschreibt, hat wenig mit dem Helden gemein, den Homer idealisiert hat. Vielmehr präsentiert er ihn als miesen Egoisten, Chauvinisten und gnadenlosen Mörder. Teils liegt das daran, dass er ein typisches Kind seiner Zeit ist, teils jedoch ist es die Absicht des Autors, den Nimbus von all den glorifizierten Figuren abzukratzen und sie als Menschen darzustellen, die eine Menge Fehler, aber auch Charisma und Glück haben.

Selbst die treue Penelope soll eine schwache Stunde gehabt und ihre Liebe mehr auf Pflichtbewusstsein beruht haben. Ihre menschlichen und göttlichen Konkurrentinnen werden spätestens im Alter ihrer angeblich überragenden Schönheit beraubt und haben nun nichts anderes mehr als ihren legendären Ruf. Tatsächlich sind die Götter keinen Deut besser als ihre Zöglinge, denn auch sie haben zahlreiche Laster und Schwächen wie Eifersucht, Neid und Hass. Was sich auf der Erde abspielt, spiegelt sich wieder auf dem Olymp und in den Gefilden, die die Unsterblichen für sich beanspruchen. Ulysses ragt dennoch aus der Masse der Menschen heraus, denn er ist sich im Gegensatz zu allen übrigeren seiner göttlichen Abstammung bewusst und hat sich trotzdem dafür entschieden, ein Mensch zu werden, zu sein und zu bleiben, da ihre kurze Lebensspanne sehr viel intensiver von den Mensch genutzt wird als von den Göttern ihr nahezu ewiges, eintöniges Dasein, das sie langsam altern und dahinschwinden lässt, ihnen letztendlich gegenüber den Sterblichen kaum einen Vorteil bringt.

Obwohl Ulysses nur ein Mensch ist, lenkt er trotzdem die Personen seines Umfelds. Was er von ihnen begehrt, erhält er. Sobald er es hat, lässt er sie fallen. Was er bekam, reizt ihn nicht mehr. Er wird als Getriebener dargestellt, der ständig auf der Suche ist, aber nicht finden oder jemals erlangen kann, was er wirklich will. Auch vermag er nicht, sein altes Leben aufzugeben (das Töten), obwohl er versucht, ein neues zu beginnen (als Händler). Dabei setzt er sich skrupellos über die Belange anderer hinweg, bereitet ihnen Kummer und Schlimmeres, und sogar noch nach seinem Tod straft er Penelope und Telemachos durch das ewige Leben, welches er selber abgelehnt hat und das auch dem Leser – unter diesen Umständen – wenig erstrebenswert erscheint, zumal er sich mit seiner Vergänglichkeit ohnehin abzufinden hat und von Ulysses lernen kann, einfach das Beste aus seinem Leben zu machen.

In diesen Szenarien findet sich sehr viel vom Autor selbst, der sich gleichfalls als Getriebener und als Mensch in einem Zeitalter des Umbruchs sah. Wie sein Ulysses hielt ihn nichts in der Heimat oder anderswo, und in seinen Büchern rechnete er, der sich trotz amerikanischer Staatsbürgerschaft weiterhin als Ungar verstand, mit den Folgen der politischen und sozialen Entwicklung in dem nun kommunistischen Land ab, das seine Werke verbot, und kritisiert aufgrund neuer Eindrücke darüber hinaus die Gesellschaft allgemein.

Man kann zweifellos noch sehr viel mehr in diesen Titel hinein interpretieren, der sich durch die vielen Wiederholungen – Worte und Inhalte – sowie die ausführlichen Beschreibungen und Rückblenden sehr zäh liest. Leider sind der Übersetzerin so manche Fehler unterlaufen bzw. dem Lektor entgangen wie der „Tite-lursupator“ (S. 13) und „… setzte mich ihm gegenüber Platz …“ (S. 80); das ist zwar vernachlässigbar, aber es sind eben unnötige Schönheitsfehler.

„Die Frauen von Ithaka“ ist vordergründig ein sehr menschliches Drama um einen halbwegs entmythifizierten Helden, hintergründig eine Abrechnung des Autors mit den Menschen und ihren selbsternannten Halbgöttern. So unterhaltsam, wie man es sich anhand des Themas erhofft haben mag, ist der Band allerdings nicht, doch Geschmäcker sind verschieden.

Copyright © 2014 by Irene Salzmann (IS)

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