Die Könige von Albion

Julian Rathbone
Die Könige von Albion

Originaltitel: Kings of Albion (London : Little, Brown and Company 2000)
Übersetzung: Karin Dufner
Deutsche Erstausgabe (geb.): Januar 2003 (Europa Verlag)
479 S.
ISBN-13: 978-3-203-81600-5

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Das geschieht:

1459 tritt der Kaufmann Ali ben Quatar Mayeen, geboren nahe Damaskus, die Reise seines Lebens an. Schon mehrfach hatte es ihn, der ein rechter Sindbad auf den Meeren der bekannten Welt ist, nach „Ingorland“ verschlagen, eine verregnete Insel hoch im Nordwesten Europas, die von unzivilisierten, grobschlächtigen und ständig Krieg führenden Barbaren bewohnt wird. Dort kauft Ali Wolle und versucht sich an der Einführung eines Getränkes, das man einst „Kaffee“ nennen wird.

Die Engländer führen Krieg gegen die Franzosen, vor allem aber untereinander. Es geht um Macht und Religion, aber so recht durchschaut Ali das nicht; sein Interesse hält sich ohnehin in Grenzen. Das rächt sich, als ihn eines Tages ein Mönch anspricht, der ihm aufträgt, eine Botschaft in das ferne Reich Vijayanagara zu tragen. Ali lehnt zunächst ab, zumal besagter Mönch kurz darauf als Ketzer und Landesverräter auf dem Scheiterhaufen landet. Als seine Geschäfte schlecht zu gehen beginnen, beschließt Ali, die Nachricht des ‚Mönches‘ trotzdem zu überbringen und hofft auf die hoffentlich lukrative Dankbarkeit des Empfängers.

Vijayanagara liegt in Südindien, beherrscht wird es vom Prinzen Harikara Raya Kurteishi. Es steht schwer unter dem Druck der muslimischen Nachbarn. Der Prinz schickte deshalb vor Jahren seinen Bruder Jehani nach England, um dort Waffen zu kaufen und Söldner zu werben. Stattdessen geriet Jehani in eine mysteriöse Verschwörung und gilt als verschollen. Nun bringt Ali frohe Kunde: Jehani lebt, aber er ist verletzt und muss sich in England verbergen.

Harikara beschließt Jehani höchstpersönlich zu retten. Der überraschte Ali sieht sich als Führer angeheuert. Mit seinem Anhang macht sich der Potentat aus dem fernen Osten auf in die Fremde – und gerät nicht nur in eine exotisch fremde, kaltfeuchte, düstere Welt, sondern sogleich in die Wirren der „Rosenkriege“, deren notorisch misstrauische und verfeindete Parteien den in ihrer Mitte erschienenen braunhäutigen Gästen viel Misstrauen entgegenbringen …

Vertrautes durch fremde Augen

Über seine Schwierigkeiten mit dem Genre des Historischen Romans hat sich dieser Rezensent schon oft ausgelassen. Die meisten Elaborate stimmen ihn eher missmutig. Da ist es eine angenehme Abwechslung, ein Werk uneingeschränkt loben zu können. „Die Könige von Albion“ ist ein wunderbares Stück literarischer Unterhaltung. Handlung, Personenzeichnung, Stil – da gibt es wirklich nichts zu meckern.

Autor Rathbone beginnt bereits mit einem originellen Ansatzpunkt. Die Geschichte spielt in England, aber sie wird von völlig Ortsfremden erlebt. Das gestattet dem Verfasser einen (scheinbar) objektiven Blick auf Land und Leute. England erstrahlt in einem doppelt fremden Licht: Es leuchtet über einer mittelalterlich unerforschten Welt und wird gebrochen in den Augen der Gäste aus dem wahrlich fernen Vijayanagara. Die Idee ist nicht neu; so ließ u. a. auch Michael Crichton in „Eaters of the Dead“ (dt. „Die ihre Toten essen“, im Film als „Der 13te Krieger“ umgetitelt) einen gebildeten Morgenländer in den barbarischen Norden reisen: Eine wirklich gute Story erkennt man daran, dass sie sich variieren lässt, ohne ihre Anziehungskraft einzubüßen.

Neben der Gelegenheit, eine spannende Geschichte aus einer turbulenten Zeit zu erzählen, unterzieht Rathbone seine Landsleute einer Art Untersuchung: Was macht den Engländer eigentlich ‚britisch‘, und wie hat sich das entwickelt? Das interessiert ihn mehr als die bis ins Detail detaillierte Rekonstruktion des 15. Jahrhunderts – er sei ohnehin kein Historiker, wurde Rathbone in Interviews nie müde zu versichern.

Ohne falsche Ehrfurcht

Folglich bedient sich Rathbone auch nicht des für historische Romane gern eingesetzten ‚zeitgenössischen‘ Tonfalls, der in der Regel hölzern, schwülstig oder einfach nur peinlich wirkt, sondern schreibt „Die Könige von Albion“ in einem modernen, ironischen Stil, der sich außerordentlich erfrischend und flott liest.

Richtig dankbar kann ihm der Freund des wahren Historienromans zudem dafür sein, dass „Die Könige von Albion“ sich bei aller Stilisierung der Vergangenheit als echter Roman seines Genres bzw. – legt man Wert auf diese Kategorisierung – als ‚richtige‘ Literatur erweist. Dies ist weder ein Krimi aus alten Zeiten, noch verkappte Fantasy, die taffe Templer im Kampf gegen Verschwörer aus dem Vatikan antreten lässt, und vor allem keine sich historisch gebende „chick lit“, die Hebammen, Wanderhuren & andere pseudo-emanzipatorisch rückwärts modulierte Kunstgestalten in Zeit und Raum auf der Suche nach Mr. Right zeigt.

Der Witz wird in „Die Könige von Albion“ primär literarisch, d. h. durch das geschriebene Wort vermittelt, doch der Effekt wird verstärkt durch gewisse Übertreibungen in der Figurenzeichnung. Kaufmann Ali ist Überlebenskünstler und kosmopolitisches Chamäleon zugleich, überall und nirgendwo zu Hause und daher die ideale Zentralfigur.

Wer ist der Feingeist, wer der Barbar?

Harikara Raya Kurteishi ist ein Prinz im buchstäblichen Sinne. Noch unter den unwirtlichsten Umständen tritt er auf wie ein Herrscher und möchte gefälligst als solcher behandelt werden. Das sorgt für immer neue Verwicklungen und Ärger, weil sich selbst der ungebildetste Europäer sich den heidnischen ‚Wilden‘ aus der Fremde überlegen dünkt und dem Prinzen höchstens die Rolle eines der drei biblischen Waisen aus dem Morgenland im Weihnachtsspiel zubilligt.

Gar nicht gut scheint Rathbone mit seinen Landsleuten umzuspringen. Das täuscht; zum einen schont er in seiner Darstellerriege niemanden, zum anderen weiß er deutlich zu machen, dass für diese Engländer das 15. Jahrhundert die Realität ist und sie folglich den Denkmustern ihrer Epoche verhaftet bleiben – oder in ihnen gefangen sind. Sie verhalten sich deshalb nicht absichtlich besonders grausam oder dumm, sondern glauben sich im Recht. Das ist der Boden, auf dem offenbar viel von dem wuchs, das noch heute die Inselnation prägt.

‚Authentisch‘ ist das sicher nicht, macht aber Spaß. Das ist kein schlechtes Ergebnis für einen Roman, der darüber hinaus gut geschrieben sowie übersetzt und seltsamerweise hierzulande bisher nicht wieder aufgelegt wurde.

Exkurs: zwei (kurze) historische Anmerkungen

Obwohl unsere Geschichte den Titel „Die Könige von Albion“ (= die britischen Inseln) trägt, erstrecken sich ihre Schauplätze über einen weiten Ausschnitt der damals bekannten und besiedelten Welt. Wie Rathbone im Vorwort selbst schreibt, hat es das südindische Hindu-Großreich Vijayanagara tatsächlich gegeben. Es existierte zwischen 1346 und 1565, bis muslimische Armeen es eroberten und die gleichnamige Hauptstadt zerstörten. An ihrer Errichtung sollen einst die in Europa verfemten Tempelritter beteiligt gewesen sein, was Rathbone einen willkommenen Anknüpfungspunkt für seine Geschichte bot.

England beschreibt der Verfasser im Zeitalter der Rosenkriege, die trotz ihres lyrischen Namens von den üblichen bewaffneter Konflikte gekennzeichnet wurden, die in diesem Fall ab 1455 um den englischen Thron zwischen den Seitenlinien York (weiße Rose im Wappen) und Lancaster (rote Rose) des Hauses Plantagenet ausgetragen wurden. Unsere Reisenden aus dem Morgenland waren schon lange wieder verschwunden, als diese Auseinandersetzung 1485 endlich durch den Sieg des Lancaster-Erben Heinrich VII. beendet wurde (der die Dynastie Tudor begründete).

Autor

Julian Rathbone (geb. 1935 in Blackheath, Süd-London) – ein Großneffe des Schauspielers Basil Rathbone – lebte in Dorset. Nach einem Englisch-Studium arbeitete er als Lehrer und ging u. a. für drei Jahre ins türkische Istanbul. Hier spielten seine ersten vier Romane, die zwischen 1967 und 1972 erschienen. Der Erfolg sorgte für den Beschluss, freier Schriftsteller zu werden sowie nach Spanien zu ziehen, wo Rathbone u. a. heiratete. Er veröffentlichte mehr als 40 Romane, wobei er Genregrenzen ignorierte. Julian Rathbone, der trotz langer und schwerer Krankheit bis zuletzt schrieb, starb am 28. Februar 2008.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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