Die Pflanzen des Dr. Cinderella

Frank Festa (Hg.)
Die Pflanzen des Dr. Cinderella
25 unheimliche Geschichten

(sfbentry)
Originalzusammenstellung
Übersetzung: Andreas Diesel (6), Michael Siefener (2), N. N. (2), Eduard Lukschandl, Viviane Knerr, Edda Werfel, Freiherr v. Oppeln-Bronokowski, M. von Berthoff, Jürgen Martin (je 1)
Cover: Dave Kendall
Deutsche Erstausgabe: März 2007 (Festa Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 1609)
446 S.
ISBN-13: 978-3-86552-046-3

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Inhalt

25 meist kurze Geschichten geben einen Überblick, der die angelsächsische und europäische Phantastik von 1830 bis 1930 umfasst:

– Ralph Adams Cram (1863-1942): Das Haus in der Rue M. le Prince (No. 252, Rue M. le Prince, 1895): Die böse Tante vermacht dem erfreuten Neffen ihr Haus, doch leider ist es verflucht und beschert dem ahnungslosen Erben und seinen Freunden eine unvergessliche Nacht.

– Robert E. Howard (1906-1936): Das Ding auf dem Dach (The Thing on the Roof, 1932): Wer sich im mittelamerikanischen Dschungel auf Schatzsuche begibt, sollte sich zuvor sorgfältig informieren, was genau ihn der Schatzkammer erwartet.

– Gustav Meyrink (1868-1932) – Die Pflanzen des Dr. Cinderella (1913): Ein ehrgeiziger Wissenschaftler forscht abseits naturgesetzlicher Pfade, was seiner geistigen Gesundheit abträglich ist.

– Oskar Panizza (1853-1921): Die Kirche von Zinsblech (1893): Ein müder Wanderer sucht ein Nachtquartier im besagten Gotteshaus, wo er in einen turbulenten Hexensabbat gerät.

– Leslie Poles Hartley (1895-1972): Der australische Gast (A Visitor from Down Under, 1926): Mr. Rumbold ist in Australien auf eine Weise zu Reichtum gekommen, die eine Rückkehr ins heimische England ratsam scheinen lässt: allerdings hat er die Rachsucht seines Opfers unterschätzt.

– Ralph Adams Cram (1863-1942): Gefangen auf Schloss Kropfsberg (In Kropfsberg Keep, 1895): Zwei allzu selbstbewusste Wanderer besuchen des Nachts ein Spukschloss in Österreich.

– Edgar Allan Poe (1809-1849): William Wilson (William Wilson, 1839): Wer ist die mysteriöse Erscheinung, die dem Wüstling und Falschspieler Wilson immer dann in den Arm fällt, wenn dieser eine besonders ruchlose Tat plant?

– Ralph Adams Cram (1863-1942): Die weiße Villa (The White Villa, 1895): In Italien geraten zwei Reisende in ein nächtliches Spukdrama, das sich seit vielen Jahren unbarmherzig wiederholt.

– Leonhard Stein (?-19?): Der Flötenbläser (1918): Eine junge Frau verfällt dem Zauber Ägyptens und einem stattlichen Mann aus dem Volke, der indes nicht ganz von dieser Welt ist.

– Bram Stoker (1847-1912): Im Haus des Richters (The Judge‘s House, 1891): Der alte Richter ließ für sein Leben gern hängen; nach seinem Tod übernimmt er den Job selbst.

– Willy Seidel (1887-1934): Lemuren (1929): Ein seelisch aus der Bahn geworfener Mann gerät an eine Stätte, an der merkwürdige Kreaturen auf ihn schon gewartet zu haben scheinen.

– Ralph Adams Cram (1863-1942): Notre Dame des Eaux (Notre Dame des Eaux, 1895): In einer uralten französischen Kirche findet sich eine junge Frau nächtens allein mit einem mörderischen Wahnsinnigen wieder.

– Max Brod (1884-1968): Wenn man des Nachts sein Spiegelbild anspricht (1907): Ausgerechnet das eigene Spiegelbild hilft seinem ‚Eigentümer‘ aus einer moralischen Zwickmühle.

– Ralph Adams Cram (1863-1942): Das Tote Tal (The Dead Valley, 1895): In Schweden gibt es einen verfluchten Ort, der grausam tötet, wer in seinen Bann gerät.

– Orest M. Somow: Eine eigenartige Abendgesellschaft (Videnie na javu, 1831): Auf offener Straße wird der junge Mann zu einem Fest eingeladen; seinen Gastgebern entkommt er nur knapp.

– Ignaz Franz Castelli (1781-1862): Tobias Guarnerius (1839): Zum perfekten Klang einer Geige bedarf es des ‚Einbaus‘ einer Seele, was den genialen Instrumentenbauer jedoch bald reut.

– Alexander von Ungern Sternberg (1806-1860): Das gespenstische Gasthaus (1842): Ein mörderischer Gastwirt muss feststellen, dass seine Opfer ihn nicht die Früchte seiner bösen Tat genießen lassen wollen.

– Villiers de l‘Isle Adam (1838-1889): Das zweite Gesicht (L‘Intersigne, 1867): Der Blick in die Zukunft fällt meist schrecklich unklar aus, sodass sich das Gesehene selten verhindern lässt.

– Guy de Maupassant (1850-1893): Eine Erscheinung (Apparition, 1883): Ein gar nicht guter Freund, der genau weiß, was dort umgeht, bittet den naiven Jüngling, ihm aus dem Zimmer, in dem seine Gattin tragisch starb, einige Briefe zu holen.

– Paul Leppin (1878-1945): Severins Gang in die Finsternis (1914): Schritt für Schritt verfällt Severin dem Laster, doch keine Erlösung erwartet ihn, als er das Ende seines Weges erreicht.

– John Charles Dent (1841-1888): Das Geheimnis in der Gerald Street (The Gerrard Street Mystery, 1886): Der gute Onkel will vor einem smarten Betrüger warnen; leider ist sein Neffe ziemlich schwer von Begriff und begreift viel zu spät.

– Vernon Lee (1856-1935): Die verruchte Stimme (A Wicked Voice, 1890): Die Vision eines boshaften Gesangskünstlers raubt einem in Italien reisenden Komponisten erst den Seelenfrieden und dann den Verstand.

– William Hope Hodgson (1877-1918): Der Spuk auf der Jarvee (The Haunted Jarvee, 1948): Dieses Schiff ist verflucht, und ‚Geisterdetektiv‘ Carnacki reizt die Mächte von ‚drüben‘ erst richtig, sich auf Deck zu offenbaren.

– Eric Count Stenbock (1860-1895): Die andere Seite (The Other Side, 1893): Zu süß ist die Verlockung des Landes, in dem Wolfsmenschen und Menschenwölfe umgehen.

– Karl Hans Strobl (1877-1946): Der Skelett-Tänzer (1926): Der Tod macht sich ein Späßchen und tritt auf die Bühne; als ihn sein Partner versetzt, reagiert er nachtragend.

„Zum Wesen der Phantastik gehört die Erscheinung: was nicht eintreten kann und trotzdem eintritt, zu einer ganz bestimmten Zeit, an einem ganz bestimmten Ort, im Herzen einer bis ins kleinste Detail festgelegten Welt, aus der man das Geheimnisvolle für immer verbannt hatte.“ (Roger Caillois)

Auch wenn du sie leugnest, holen sie dich!

Sammlungen von Kurzgeschichten werden gern unter ein Thema gestellt, das in einem Vor- oder Nachwort erläutert wird. Dies vermisst man hier schmerzlich und wundert sich, da nachweislich viel Hintergrundrecherche für diesen Band betrieben wurde: Jede Story wird mit einer Biografie ihres Verfassers eingeleitet, die knapp aber informativ ausfällt und Hilfestellung bei der Einordnung der jeweiligen Geschichte ins Genreumfeld leistet.

Vielleicht gibt es gar kein Thema? Womöglich sollen nur 25 selten oder noch nie in deutscher Sprache erschienene Geschichten einem möglichst breiten Leserpublikum vorgestellt werden? Angesichts der Qualität des Angebots könnte man damit problemlos leben. Ein wenig spekulieren lässt sich dennoch. Zumindest einen historischen Faden findet man im Gewebe dieser Kollektion. „Die Pflanzen des Dr. Cinderella“ wurzeln in dem Jahrhundert zwischen 1831 und 1932. (Zwar wird für W. H. Hodgsons „Der Spuk auf der Jarvee“ 1948 als Entstehungsdatum angegeben, doch entstand diese Story vor 1918; übrigens wurde sie 1929 zum ersten Mal veröffentlicht. Das Datum „1931“ für O. M. Somows „Eine eigenartige Abendgesellschaft“ im Copyright ist ein Druckfehler.) Damit wird der Bogen von der klassischen, traditionell erzählten Gespenstergeschichte über die von „fin-de-siecle“ und Expressionismus geprägten Phantastik bis zum modernen, psychologisch geprägten Horror geschlagen.

In diesem zugegeben etwas roh gezimmerten Rahmen machen die 25 präsentierten Storys mit typischen aber erfreulich unbekannten Vertretern ihrer unheimlichen Zunft bekannt. Wem außer dem absoluten Genrekenner sind Namen wie Ralph Adams Cram, Leslie Poles Hartley oder John Charles Dent ein Begriff? Wie wir sehen, lieferten sie mindestens so guten Grusel-Stoff wie Bram Stoker (hier leider vertreten mit einer zu Tode edierten Geschichte vertreten) oder Arthur Conan Doyle; zwei Autoren aus alter Zeit, die man auch im 21. Jahrhundert noch kennt.

Schock in der Nacht oder Verwirrung am Tage?

Es fällt auf, dass die dem angelsächsischen Sprachraum entstammenden Verfasser in Sachen Spuk wesentlich handfester zu Werke gehen als ihre europäischen Kollegen. Zumindest die für diese Sammlung ausgewählten Geschichten wirken quasi dokumentarisch. Der Ort des unguten Geschehens wird präzise beschrieben, und wenn das Gespenst (oder eine andere Erscheinung) auftritt, gerät es ebenfalls unter die Feder des Schriftstellers.

Gleich fünf Geschichten des vergessenen US-amerikanischen Verfassers Ralph Adams Cram finden wir in diesem Band. Es sind sauber gearbeitete, wenn auch simple Gespenstergeschichten, die durch Crams Ortskenntnisse profitieren; er reiste oft und gern durch Europa, und was er sah und erlebte, ließ er in seine Storys einfließen. Klassischen Horror mit einem rachsüchtigen Geist verbreitet auch Leslie Poles Hartley („Der australische Gast“), während sich William Hope Hodgson („Der Spuk auf der Jarvee“) in einer seiner atmosphärischen Seespuk-Geschichten letztlich ein wenig zu intensiv um eine logische Aufhellung des eigentlich keiner Erklärung bedürfenden Geschehens bemüht.

Breit stellt Herausgeber Festa daneben eine Phantastik vor, die mit der Logik der Handlung bricht, stattdessen mit Symbolen arbeitet, dabei auf die zeitgenössische Realität reflektiert und auf die Erzeugung von Stimmungen zielt. Das zu goutieren erfordert vom Leser deutlich mehr Aufmerksamkeit bzw. die Bereitschaft, sich mit der Story treiben zu lassen.

Die Ursprünge des geschriebenen Schreckens

Zwischen Romantik und Realismus schrieb Alexander von Ungern Sternberg („Das gespenstische Gasthaus“). Selten wird man so rüde aus einer schön gestrickten Gruselmär geworfen: „Ich habe in manchem [Gasthaus] gewohnt, in dem ich Geister fand, die für mich weit widriger und schrecklicher sind …; es waren die Geister der Unreinlichkeit, der Prellerei und einer schlechten Küche.“ (S. 251) Dabei leugnet der betont rationale Erzähler (und damit der Verfasser) nicht, dass die Gewissheiten einer geordneten Welt brüchig sind: „Wenn man den Naturgewalten völlig überlassen ist, so wird man gläubig. Das albernste Märchen verwandelt sich in eine Tatsache, wenn wir im Rauschen eines uralten Waldes allein sind oder allein auf dem endlosen Meere oder allein … auf dem Weg, wo wir eben sind.“ (S. 243) Das ändert jedoch nichts an der Haltlosigkeit solcher Ängste, denn sie existieren – so der Verfasser – nur im Gehirn des Menschen. Der ernüchternde Schlusssatz ist durchaus als Provokation an die Adresse romantischer, schwärmerischer oder abergläubischer Zeitgenossen gedacht, die an Geister glauben oder glauben mochten.

Edgar Allan Poe geht 1839 schon einen Schritt weiter: Furcht ist bei ihm auch oder vor allem im Alltag beheimatet. William Wilson verirrt sich nicht im finsteren Wald oder gerät in eine unheimliche Ruine. Sein eigener Spiegel wird zur Quelle der Heimsuchung, wobei Poe sehr gut um die Ambivalenz dieses Motivs weiß und seine Leser ratlos mit der Frage zurücklässt, ob sich Wilsons Spiegelbild selbstständig gemacht hat oder Wilson dem Irrsinn verfallen ist.

Mit vergleichbarer Meisterschaft bedient sich Vernon Lee (d. i. Violet Paget) in eines ähnlichen Plots. Ihr gelingt zudem das Kunststück, den Schauplatz Italien nicht als pittoreske Kulisse zu missbrauchen, sondern die Story kongenial mit dem geografischen, sozialen und historischen Hintergrund zu verschmelzen.

Selbstverständlich schätzt die Literaturkritik solche ‚anspruchsvolle‘ Phantastik höher als das naturalistische Gruselhandwerk. Dies trifft einerseits keineswegs in jedem Fall zu und ist andererseits kontraproduktiv, denn solcher Hochmut schreckt diejenigen Horrorleser, die zunächst mit den fieberhaften, übersteigerten, vieldeutigen, eindrucksvollen Visionen eines Gustav Meyrinck, eines Leonard Stein oder Willy Seidel wenig anfangen können, womöglich generell davon ab, sich beispielsweise mit der faszinierenden deutschen bzw. deutschsprachigen Phantastik vor den Nazis zu beschäftigen, die einem kontinuierlich gewachsenen, reichen und vor allem eigenständigen Genre den Garaus machten. Diese Literatur mag sich schwierig lesen, verdient es jedoch, kennengelernt zu werden. (Übrigens belegt Eric Count Stenbock mit „Die andere Seite“, dass symbolistisch überhöhte Phantastik nicht den kontinentalen Europäern vorbehalten war.)

Der Ton macht die Musik

Schwierig ist diese Annäherung nicht nur wegen der Vielschichtigkeit. Auch der Stil ist gewöhnungsbedürftig. Hier sind die ausländischen Autoren im Vorteil, denn ihre Werke werden oft viele Jahrzehnte nach ihrer Entstehung ins Deutsche übertragen. Auch wenn sich die Übersetzer bemühen, den Tonfall des Originals zu treffen, erfährt der Text eine Anpassung an die Gegenwart. Eine Geschichte wie „Im Haus des Richters“ liest sich deshalb – obwohl ziemlich zeitgleich entstanden – wesentlich ‚moderner‘ als „Die Kirche von Zinsblech“. Immerhin spannen die deutschen Literaten vor 1850 ihr Garn ohne die stilistischen Experimente ihrer Nachfahren, wie „Tobias Guarnerius“ und „Das gespenstische Rasthaus“, die beiden ältesten aber gut lesbaren Geschichten dieser Sammlung, belegen.

Allerdings gleicht die unerhörte Virtuosität, mit der z. B. Leonhard Stein („Der Flötenbläser“) die deutsche Sprache einsetzt, manche inhaltliche Unzugänglichkeit aus. Ob dies den Horrorfreund überzeugt, der eher auf den actionbetonten Pulp-Grusel eines Robert E. Howard steht, ist freilich fraglich. In „Die Pflanzen des Dr. Cinderella“ werden jedenfalls alle Erwartungen bedient und Alternativen angeboten. Auf ihre Weise kann jede der hier präsentierten Geschichten ihre Position in der Literaturgeschichte der Phantastik beanspruchen. Erfreulich ist schließlich die Tatsache, dass der Lesespaß auch ohne Berücksichtigung der literaturhistorischen Aspekte gewahrt bleibt.

[md]

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Comments

  1. Das ist sogar ganz besonders empfehlenswert, und die passende Anthologie wäre diese: SFBASAR.DE-ANTHOLOGIE (mit Themenschwerpunkt): “Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten”.

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