Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Joël Dicker
Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

(sfbentry)
Originaltitel: La Vérité sur l’Affaire Harry Quebert (Paris : Éditions de Fallois/L’Age d’Homme 2012)
Übersetzung: Carina von Enzenberg
Deutsche Erstausgabe (geb.): August 2013 (Piper Verlag)
715 S.
ISBN-13: 978-3-492-05600-7
Neuausgabe: Oktober 2014 (Piper Verlag/TB Nr. 3055)
715 S.
ISBN-13: 978-3-492-30550-1
eBook: August 2013 (Piper Verlag)
3342 KB
ISBN-13: 978-3-492-96367-1

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Das geschieht:

Marcus Goldman glückte mit seinem ersten Roman ein Bestseller. Mit gerade 30 Jahren ist er reich und berühmt – und er hat ein Problem: Für sein nächstes Buch will ihm absolut nichts einfallen. Einen gewaltigen Vorschuss hat er sowohl kassiert als auch bereits ausgegeben, und der Verlag wird ungeduldig. Als Goldman eine Frist gesetzt wird, die er nicht einhalten kann, weiß er sich keinen anderen Rat, als seinen alten Freund und Mentor um Hilfe zu bitten.

Harry Quebert ist vor drei Jahrzehnten ebenfalls durch einen Sensationserfolg prominent geworden. Als Schriftsteller war er nie wieder so fruchtbar, doch „Der Ursprung des Übels“ gilt als Meilenstein der amerikanischen Literatur. Quebert lebt zurückgezogen in einem schönen Haus am Strand von Aurora, einer Kleinstadt im US-Staat New Hampshire. Er hat Goldman unterstützt, als dieser Schriftsteller werden wollte, und bietet ihm auch dieses Mal seine Hand: Marcus soll sich für einige Monate bei ihm einquartieren und in Ruhe schreiben.

Kurz darauf sitzt Quebert allerdings in Untersuchungshaft: Beim Anlegen eines Blumenbeetes fand der Gärtner das verscharrte Skelett einer jungen Frau, die bald darauf als Nola Kellergan identifiziert wird. Die erst Fünfzehnjährige war 1975 unter spektakulären Umständen spurlos verschwunden. Nun stellt sich nicht nur heraus, dass ihr damals der Schädel eingeschlagen wurde: Bei der Leiche findet sich ein Manuskript, das Harry Quebert – damals 34 Jahre alt – als Nolas Liebhaber outet! Die Sensation ist perfekt, die Medien überschlagen sich. Für Quebert, den „Kinderschänder“, sieht es schlecht aus; ihm droht gar die Todesstrafe. Nur Goldman hält zu ihm und stellt eigene Ermittlungen an, die nicht nur erstaunliche, bisher unbekannte Fakten enthüllen, sondern auch für gefährliche Unruhe dort sorgen, wo man über Nolas Tod mehr weiß, als man öffentlich gemacht sehen will …

Das Ringen um Worte & Wahrheit

Der zweite Roman ist stets die größere Herausforderung. Man sollte meinen, dass ein zuvor angehender Schriftsteller nunmehr weiß, wie der Hase läuft, und sich deshalb umso intensiver dem Schreiben widmen kann. Genau das stellt sich als Problem heraus: Die Unkenntnis des Anfängers bedingt eine Unbekümmertheit, die sich als Segen in einem Metier erweist, die trotz hehrer Ansprüche ein schnödes Haifischbecken ist.

Zudem hat mancher hoffnungsvolle Autor alle Ideen eines Lebens in seinen Erstling gepackt. Vor allem die eigene Biografie wird geplündert, denn was man selbst erlebt hat, lässt sich leichter in Worte fassen. Sollten damit die interessanten Details präsentiert sein, muss man sich zukünftig tatsächlich etwas ausdenken und trotzdem überzeugend sein – ein Anspruch, dem nicht jeder Schriftsteller gerecht werden kann. Solche Autoren nennt man „One-Hit-Wonder“. Sie müssen überlegen, wie sie mit der Situation umgehen.

Möglich ist die Salinger-Methode: Nachdem man die Literatur-Szene mit einem Donnerschlag gerockt hat, zieht man sich in die Einsamkeit zurück und schweigt zukünftig vornehm. So muss man sich nicht beweisen und kann als Sphinx in die Literaturgeschichte eingehen. So schrieb J. D. Salinger (1919-2010) „Catcher in the Rye“ (dt. „Der Fänger im Roggen“) 1953 und eine letzte Story 1965; seitdem spielte er die Eremitenrolle konsequent und war eine Legende, ohne diesen Status durch neue Veröffentlichungen zu riskieren.

Dieser Ausweg bleibt Marcus Goldman nicht, denn er lebt im 21. Jahrhundert und ist Teil einer Literaturszene, die zur Bestseller-Industrie mutiert ist. Entsprechender Erfolg wird heute vorab honoriert, ist pünktlich zu liefern und sollte reproduzierbar sein; notfalls wird ein minderwertiger Text durch ‚Gastautoren‘ gerettet und durch einem aufwändigen Werbefeldzug aufgewertet. Der Autor ist nur ein Zahnrad in diesem Mechanismus und muss funktionieren.

Anspruch und Realität

Die Erkenntnis dieser unschönen Wahrheit und die hilflose Empörung des Marcus Goldman bilden den Einstieg in Joël Dickers gleichermaßen dickleibigen wie leichtfüßigen Roman. Das Buch als Ware ist längst keine Ausnahme mehr – falls dem jemals so war. „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ ist ein „Coming-of-Age“-Roman, der Goldmans Weg vom ahnungslosen Blockbuster-Autoren zum ‚echten‘ Schriftsteller schildert, der für seine Ansprüche ans eigene Werk seine Nische finden muss. Dieser Prozess läuft parallel zum ‚wahren Leben‘, dem sich der auch zwischenmenschlich eher naive Goldman erstmals stellt, als er einem Freund helfen will.

Dabei muss Goldman Erfahrungen machen, die ihn verletzen und ihm geliebte Illusionen rauben, gleichzeitig jedoch reifen lassen. Dem literarischen Puristen mag dieser Weg zur Erkenntnis Inhalt genug sein. Dicker ist jedoch klug und denkt auch an den ‚normalen‘ Leser, weshalb „Die Wahrheit …“ ein richtig guter Kriminalroman ist, dessen Genreregeln der Verfasser kennt und mit denen er virtuos spielt: Selten findet man einen Krimi, in dem die Indizien so kunstvoll fehl- und mehrgedeutet werden. Gleich mehrfach glückt Dicker der Gral des Kriminalromans – jener Twist, der die Handlung buchstäblich auf den Kopf stellt und dem Leser die Kinnlade herabsacken lässt, ohne dass dafür getrickst und getäuscht werden musste.

Selbstverständlich erzählt Dicker auch die Liebesgeschichte zwischen Nola und Harry und springt dafür in das Jahr 1975 zurück. Sowohl auf Harrys Erinnerungen als auch auf die Ergebnisse der Goldmanschen Recherchen sollte sich der Leser freilich nicht zu sehr verlassen; auch hier stellt Dicker angebliche Realitäten rigoros auf den Kopf und nimmt der Geschichte dadurch gleichzeitig jegliche Sentimentalitäten, die gerade solche ‚schwierigen‘ Love Storys wie die zwischen Nola (jung) und Harry (alt) ins schwülstig Peinliche abgleiten lassen. Sogar vor echtem Slapstick schreckt Dicker nicht zurück und schlägt Marcus mit einer jüdischen Glucken-Mutter, die ihn ständig missversteht, ihm die Worte im Mund verdreht und ihn unter die Haube bringen will.

Alles wird (irgendwie) gut

Angesichts der Seitenstärke erstaunt (und erfreut) die Handlungsdichte. Natürlich gibt es Längen, aber sie halten sich in Grenzen. Nicht selten erweisen sie sich sogar als trügerisch nebenbei eingestreute Hinweise und Steinchen jenes komplexen Mosaiks, das nicht nur „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“, sondern auch sorgfältig vertuschte oder verdrängte Wahrheiten der meist gar nicht so braven Bürger vor Aurora darstellt. Vorurteile, Neid, Gleichgültigkeit, vorsätzliche Lüge: Die Liste der Sünden, der sie sich im Fall Nola Kellergan schuldig machten, ist damit keineswegs abgeschlossen.

Ob Harry Quebert der Mörder ist, soll hier nicht verraten werden. Schuld hat er auf jeden Fall auf sich geladen. Die zu erkennen, zu verarbeiten und darauf zu reagieren, ist der Höhepunkt des Goldmanschen Reifeprozesses. Als die Geschichte endet, hat er in der Tat gelernt, wie die Wölfe heulen. Gleichzeitig weiß Marcus Goldman, wie er mit ihnen laufen und trotzdem frei bleiben kann.

Bis es soweit ist, erspart uns Dicker jene allzu offensichtlichen und dick aufgetragenen Dämlichkeiten, mit denen weniger talentierte Autoren jugendlichen Idealismus und dessen Scheitern demonstrieren wollen. Marcus Goldman ist ein Schaf aber kein Opfer. Schon handlungsfrüh stellt sich heraus, dass er gravierende Fakten zutage fördert, die den angeblich felsenfesten Mordfall Quebert ins Wanken bringen. Rasch zieht Goldman zudem einen mürrischen aber engagierten Polizisten auf seine Seite. Als Ermittlerpaar arbeiten sie zumindest auf kriminalistischer Ebene gut zusammen.

Was die eigentliche Wahrheit über (den Fall) Harry Quebert angeht, bietet diese keine Überraschung. Der wache Leser dürfte relativ früh ahnen, was Harry so dringend unter Verschluss halten will, dass er dafür sogar eine Verurteilung als Mörder riskiert. Nichtsdestotrotz vermag Dicker auch die daraus resultierende finale Konfrontation, in deren Verlauf die letzten Masken fallen, und damit die zweite Handlungsebene zufriedenstellend und spannend aufzulösen. So sind zuletzt alle zufrieden, wobei die Leser ganz vorn in der Schlange stehen.

Autor

Joël Dicker wurde am 16. Juni 1985 als Sohn einer Buchhändlerin und eines Lehrers im schweizerischen Genf geboren. Volljährig geworden zog er 2003 nach Paris, wo er Schauspiel studierte, dies jedoch nach einem Jahr abbrach, nach Genf zurückkehrte und nunmehr ein Jurastudium aufnahm. 2010 machte Dicker seinen Abschluss als Master.

Sein Talent als Autor demonstrierte er bereits als Zehnjähriger: Dicker gründete eine ‚Zeitschrift‘ (ein Tiermagazin namens „Gazette des Animaux“), die er immerhin sieben Jahre am Leben erhielt. 2005 debütierte er mit einer Novelle („Le Tigre“), 2010 wurde – nach zahlreichen Absagen – ein erster Roman („Les Derniers Jours de Nos Pères“/„Die letzten Tage unserer Väter“) veröffentlicht.

Dieses Buch erregte wenig Aufmerksamkeit. Zum Durchbruch wurde erst der nächste Roman. 2012 erschien „La Vérité sur l’Affaire Harry Quebert“ (dt. „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“). Er wurde erfolgreich für mehrere Literaturpreise nominiert und fand zudem ein kopf- und kaufstarkes Publikum.

Website

Kurzkritik für Ungeduldige: Um seinen Freund und Mentor von einer Mordanklage zu entlasten, gräbt ein junger Schriftsteller tief in dessen Vergangenheit und legt dabei ein Lügengespinst frei, das seit Jahrzehnten über einer kleinen Stadt liegt … – Die durchaus spannende und wendungsreiche Krimi-Handlung ist ebenso bittersüße Liebesgeschichte und Entwicklungsroman und präsentiert bittere Wahrheiten über das moderne Literaturgeschäft: überbordend, abschweifend, lesenswert, und über die gesamte Distanz unterhaltsam!

[md]

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Comments

  1. In „Romantische Liebesgeschichten …“ auf jeden Fall, wohin ich es jetzt gestellt habe – bisher sicherlich keine Anthologie, in der man einen Text von mir vermutet hätte …

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