Die Wälder am Fluss

Joe R. Lansdale
Die Wälder am Fluss

Originaltitel: The Bottoms (New York : Mysterious Press 2000)
Übersetzung: Mariana Leky
Deutsche Erstveröffentlichung: Oktober 2004 (DuMont Verlag/DuMonts Kriminal-Bibliothek 1138)
367 S.
ISBN-13: 978-3-8321-8330-1
Neuauflage: Februar 2011 (DuMont Verlag)
367 S.
ISBN-13: 978-3-8321-6152-1
eBook: 2012 (DuMont Verlag)
2177 KB
ISBN-13: 978-3-8321-8613-5

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Das geschieht:

Marvel Creek, ein schlammiges Dörfchen irgendwo im Osten des US-Staats Texas. Wir schreiben das Jahr 1933. Die Menschen sind arm, ihr Leben ist hart und einfach. Die Familie Crane gehört zu den Glücklichen; ihre Farm ernährt sie, man kann sogar ein Auto fahren. Vater Jakob verdient als Frisör dazu. Außerdem ist er der Constable der Gemeinde; einen ‚richtigen‘ Polizisten gibt es nicht.

Jakob ist beliebt und geachtet, pflegt aber nach Ansicht der rechtschaffenden weißen Bevölkerung allzu freundlichen Umgang mit den Schwarzen. Sieben Jahrzehnte nach dem Ende der Sklaverei gelten die „Nigger“ weiterhin als Menschen zweiter Klasse. Sie haben sich zu ducken, sonst reiten des Nachts die „Kluxer“ auf und lehren den Unruhestifter mit brutaler Gewalt, wo sein Platz ist – ganz unten in der sozialen Pyramide nämlich.

Harry, der elfjährige Sohn des Constables, findet am Flussufer die grässlich verstümmelte Leiche einer schwarzen Frau. Sie wurde ermordet und geschändet. Für das weiße Establishment gilt die Frau nur als Niggerhure, Ermittlungen sollen daher unterblieben. Jakob fürchtet das Auftreten eines sadistischen Lustmörders, der wieder zuschlagen könnte. Harry dagegen verdächtigt den „Ziegenmann“, eine satyrähnliche Legendengestalt, die in den dichten Wäldern um Marvel Creek ihr Unwesen treiben soll. Die alte Miss Maggie munkelt vom Teufel, der höchstpersönlich die Dorfgemeinschaft heimsuche.

Es gibt Spuren, die alle drei Annahmen bestätigen. Immer begleitet von seinem Sohn, ermittelt Jakob unbeirrbar gegen Mörder, Monster und Mobmenschen. Er nähert sich dem Zentrum des Schreckens, bis er es endlich aufgespürt hat und es sich gegen ihn und seine Familie wendet …

Ein Thriller als Offenbarung

Selten noch erfährt der langjährige und eifrige Leser von Kriminalromanen eine Offenbarung. Allzu tief ausgefahren sind die Geleise, auf denen die Werke vor allem der Bestseller-Könige (und Königinnen) am Leserauge vorbeirollen. In der Mainstream-Suppe schwimmen nur wenige Fettaugen und viel zu oft wird die gleiche Fertigmischung aufgekocht. Man hungert geradezu nach einem Leckerbissen, einer Ablenkung. Hier wird sie uns von einem großartigen Schriftsteller zuteil, der hierzulande noch immer das Kainsmal des „Geheimtipps“ tragen muss.

„Die Wälder am Fluss“ ist eine wilde, aber in sich völlig harmonische Mischung diverser Genres. Krimi, Horror, Historie: Der Autor spielt jede Karte aus und behält doch immer ein As im Ärmel. Lansdale macht es sich und uns nicht einfach. Er zeigt eine Welt, in der Diskriminierung als völlig normal betrachtet wird und wie Hitze, Armut und Knochenarbeit zum Alltag gehört. Der wahre Horror braucht keine Peitschen schwingenden Plantagenfürsten oder den Ku-Klux-Klan. Lansdale macht uns klar, worin er wirklich besteht: Die schwarzen Bürger haben ihre Rolle akzeptiert. Sie verharren in ihrer Sklavenrolle, weil ihnen keine Alternative gewährt wird.

Vergangenheit ohne Nostalgie

Daher beunruhigt es die Weißen viel mehr, dass Jakob Crane nach dem Mörder einer „Niggerfrau“ fahndet, als ob er es mit einem ‚richtigen‘ Menschen zu tun hätte. Das gefährdet in ihren Augen die alte Ordnung. Tatsächlich plagt die „Herren“ ständig die Furcht, dass jene „Nigger“, die sie für intelligenzarm und feige halten, das ihnen auferlegte Joch abwerfen an ihre Seite treten und sie womöglich von ihren Pfründen verdrängen, weil sie tatsächlich tüchtiger und erfolgreicher sind, wenn man sie nicht niederhält. Auf dass diese Gefahr abgewendet wird, sind sie sogar bereit, das Wüten eines Serienmörders zu dulden. Die Hauptsache ist, dass in den „Bottoms“ des Originaltitels, die einen Ort bezeichnen, dessen Name sehr zutreffend mit „Bodensatz“ zu übersetzen ist, alles bleibt, wie es war und ist.

Dieser dumpf schwelende Konflikt allein böte Stoff für eine spannende Geschichte. Lonsdale geht viel weiter. Er erzählt zusätzlich einen Krimi, der überzeugend den inzwischen reichlich angestaubten Plot vom besessenen Serienkiller der gewählten Kulisse anpasst. Der Verstand ist es, der im Guten wie im Bösen Grenzen sprengt; das gilt auch 1933. Überhaupt spielt die Atmosphäre mindestens dieselbe Rolle wie die Handlung.

Während wir lesen, sehen wir vor unserem geistigen Auge die Crane-Farm, Marvel Creek, den „Ziegenmann“, die „Niggerstadt“ Pearl Creek. Jeden Schauplatz erweckt Lansdale zum Leben, ohne dabei die Story zu vernachlässigen. Man kann nur staunen, wie sparsam und effektiv der Verfasser seine Worte setzt. Die gleichzeitig realistische wie phantastisch-märchenhafte Intensität seiner Geschichte ist wie ein Schlag in die Gesichter jener flachsinniger, seelenloser Schreibautomaten, deren Machwerke palettenweise von den Höfen moderner Buchfabriken in die Abverkaufs-Filialen gekarrt werden.

„Coming-of-Age“-Thriller

„Die Wälder am Fluss“ ist ein Kriminalroman im Gewand einer Geschichte über das Erwachsenwerden. Der Mörder ist primär ein Katalysator, der die Handlung in Gang bringt und hält. Nur die Folgen seiner Taten werden offenbar, er selbst bleibt unsichtbar und wirkt dadurch umso nachdrücklicher: Über der ländlichen Idylle von Marvel Creek lastet ein düsterer Schatten. Dass er lange nicht wirklich auffällt, liegt an dem Bösen, dass den ‚normalen‘ Menschen hier innewohnt.

Harry Crane steht an der Grenze zum Mann. Dazu gehört, dass er die Welt nicht mehr so hinnimmt wie sie ihm bisher erschien: schwarz und weiß, einfach strukturiert, regiert von Erwachsenen, die schon wissen, was sie zu entscheiden haben. Nun lernt Harry schmerzhaft, dass diese ideale Bild nicht der Realität entspricht. Im echten Leben gibt es Ziegenmänner und Mörder. Vor allem aber gibt es Rassisten, Lügner, Feiglinge, die mit Angst und Terror über andere Menschen herrschen, deren einziges ‚Verbrechen‘ in ihrer Hautfarbe liegt.

So muss Harry lernen seinen Platz in dieser Welt zu finden. Als Leitfigur dient ihm der Vater. Jakob Crane ist ein einfacher Mann, der eigentlich gut nach Marvel Creek passt. Es gibt nur einen gewichtigen Unterschied: Er mag die farbige Bevölkerung nicht verachten und unterdrücken. Ein dunkler Punkt in seiner Vergangenheit hat ihn umdenken lassen; Harry muss erfahren, dass auch sein verehrter Vater kein von Schuld freier Mensch ist.

Menschen unter Druck

Als Kriminalist ist Jakob ein Amateur. Zwar besitzt er die grundsätzlichen Tugenden eines Ermittlers: Er ist offen und bereit dazu zu lernen. Ein guter Polizist wird er dennoch niemals sein, so wie er auch stets ein armer Farmer bleiben wird. Dafür ist er ein guter Vater, der – Lansdale vermag es fabelhaft in die Handlung zu integrieren – seinem Sohn mehr lehrt als ihm selbst bewusst ist.

Erst spät in unserer Geschichte taucht Harrys resolute Großmutter auf. Sie passt leider nicht recht ins Ambiente. Selbstbewusst ist sie, diese Grandma June. Sagen lässt sie sich wenig, freundet sich demonstrativ mit der alten Miss Maggie an, lacht dem Pöbel ins Gesicht. Wieso gelingt ihr, woran Jakob scheitert? Einfach weil sie laut und dreist ist? So ganz mag uns das nicht überzeugen.

Die Bevölkerung von Marvel Creek ist einig in ihrer wirtschaftlichen Not. Niemand wird von der Wirtschaftskrise verschont, so dass es keinen Neid auf erfolgreichere Nachbarn gibt: Diese existieren einfach nicht. Es gibt die üblichen Faulpelze und Querulanten, die man indes kennt und mit denen man sich arrangiert.

Die Hauptsache ist, nicht selbst unten zu stehen

Eigentlich könnte das Leben in Marvel Creek also angenehm sein, gäbe es da nicht die andere Seite dieser Menschen: ihren bedingungslosen Rassismus, den sie als solchen niemals erkennen würden. Die Arbeit ist hart, die Sommer sind heiß, Kinder haben zu gehorchen – und Nigger sind minderwertige, latent gefährliche Wesen; keine Ahnung, was sich der Herrgott dabei dachte, sie uns aufzuerlegen, aber es ist geschehen und jetzt tun wir unsere Pflicht, indem wir sie kontrollieren und züchtigen.

Und so mutiert die Bürgerschaft von Marvel Creek ansatzlos zum Mob, wenn sie sich und ihre Familien von den nur geduldeten farbigen ‚Nachbarn‘ bedroht fühlen. Eindringlich beschreibt Lansdale die Mechanismen dieser Verrohung. Schon die Kutte des Ku-Klux-Klans verwandelt alltägliche Zeitgenossen in eine anonyme Macht, die sich gern hinreißen lässt im Schutz der angemaßten Herrschaft ihren niederen Instinkten nachzugeben. Reißt man ihnen die Kapuze vom Kopf, kommt meist ein ganz normaler Mensch zum Vorschein, der aus einem bösen Traum zu erwachen scheint.

Übers Ziel hinausgeschossen?

Doch im Verlauf der Lektüre erwacht leises Misstrauen. Können denn Hass und Verachtung wirklich so tief verwurzelt sein, dass nur der Anblick eines „frechen Niggers“ die weißen Bürger quasi reflexartig zur Henkersschlinge greifen lässt? Hier fehlt dem deutschen Leser das historische Hintergrundwissen über das Zusammenleben von Weiß und Schwarz in der US-amerikanischen Provinz. Man möchte nicht immer das Schlimmste annehmen, deshalb mag es sein, dass Lansdale es in dieser Beziehung zum Wohle seiner Geschichte übertreibt.

Schließlich ist es ebenso unwahrscheinlich, dass es ausgerechnet in Harry Cranes Welt einen frühen Profiler für Serienmorde gibt. Lansdale kann hier die Balance zwischen fiktiver Realität und Spekulation nicht halten. Auch die Identität des „Ziegenmanns“ ist wohl nur für den unerfahrenen Thriller-Leser eine Überraschung. Solche Kritik muss indes sacht bleiben, denn den Gesamteindruck vermag sie nicht zu trüben, zumal ein fulminantes Finale, das an Dramatik und Schauder kaum zu übertreffen ist, die Story mit Höchstgeschwindigkeit auf die Zielgerade bringt.

Autor

Joe Richard Harold Lansdale wurde 1951 in Gladewater im US-Staat Texas geboren. Als Autor trat Lansdale ab 1972 in Erscheinung. Gemeinsam mit seiner Mutter veröffentlichte er einen Artikel, der viel Anerkennung fand und preisgekrönt wurde. Mitte der 1970er Jahre begann er sich der Kurzgeschichte zu widmen. Auch hier stellte sich der Erfolg bald ein. Lansdale wurde ein Meister der kurzen, knappen Form. In rasantem Tempo, mit einer unbändigen Freude am Genre-Mix und am Auf-die-Spitze-Treiben (dem „Mojo-Storytelling“) legte er Story auf Story vor. (Man beachte in „Die Wälder am Fluss“ Lansdales Hommage an den „Zauberer von Oz“: Dorothy reist in einem Tornado nach Oz und trifft auf eine Hexe. Lansdale lässt in einem Sturmwirbel einen tumben Farmer im Plumpsklo eine verweste Leiche treffen.)

Texas, sein Heimatstaat, war und ist die Quelle seiner Inspiration – ein weites Land mit einer farbigen Geschichte, erfüllt von Mythen und Legenden. Lansdale ist fasziniert davon und lässt die reale mit der imaginären Welt immer wieder in Kontakt treten. In seinen Geschichten ersteht der Wilde Westen wieder neu. Allerdings kann es durchaus geschehen, dass dessen Bewohner Besuch vom Teufel und seinen Spießgesellen bekommen. Es könnten auch Außerirdische landen.

Nach zwei Lansdale-Kurzgeschichten entstanden Kurzfilme („Drive-In Date“, „The Job“). Kultstatus erreichte Don Coscarellis Verfilmung (2002) der Story „Bubba Ho-tep“: Ein alter Elvis Presley und ein farbiger John F. Kennedy jagen eine mordlustige Dämonen-Mumie. Lansdale schrieb außerdem Drehbücher für diverse Folgen der Serien „Batman: The Animated Series“ und „Superman: The Animated Series“.

Der private Joe R. Lonsdale lebt mit seiner Frau Karen und den Kindern heute in Nacogdoches, gelegen selbstverständlich in Texas. Er schreibt fleißig weiter und gibt ebenso fleißig Kurzgeschichtensammlungen heraus. Außerdem gehören Lansdale einige Kampfsportschulen, in denen diverse Künste der Selbstverteidigung gelehrt werden.

Homepage von Joe Lansdale

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