Die Zeitmaschine

Herbert George Wells
Die Zeitmaschine

(sfbentry)
Originaltitel: The Time Machine (London : William Heineman 1895)
Dt. Erstausgabe (geb.): 1904 (J. C. C. Bruns Verlag/Meisterwerke der Weltliteratur, Bd. 13)
Übersetzung: Felix Paul Grewe
167 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1951 (Rowohlt Verlag/RoRoRo Nr. 22)
Übersetzung: Felix Paul Grewe
160 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1985 (Diogenes Verlag/Detebe Nr. 20172)
Übersetzung: Peter Naujack
106 S.
ISBN-10: 3-257-20172-9
Neuausgabe: 1996 (Deutscher Taschenbuch Verlag/dtv AutorenBibliothek Nr. 12234)
Übersetzung: Annie Reney u. Alexandra Auer
157 S.
ISBN-13: 978-423-12234-4

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Das geschieht:

Richmond, ein Vorort Londons, im Jahre 1891: Einem genialen, namenlos bleibenden Forscher und Erfinder (1) ist es gelungen, das Phänomen „Zeit“ zu begreifen. Sein Wissen setzt er in die Praxis um und baut eine Zeitmaschine. Ohne sich mit vorsichtigen Testfahrten aufzuhalten, begibt sich unser Held sogleich beherzt auf eine Reise in die ferne Zukunft. Die holprige Fahrt endet im Jahre 802.701 n. Chr. – etwas abrupt aber zunächst glücklich und im Paradies auf Erden, in das der Mensch dank des Fortschritts zurückgekehrt zu sein scheint.

England hat sich in ein Utopia verwandelt, dessen menschliche Bewohner, die ätherischen Eloi, ein Leben ohne Krieg, Hunger, Arbeit oder ähnliche Plagen führen. Als der tägliche Überlebenskampf überflüssig wurde, begann die Menschheit allerdings zu degenerieren. Von uralten aber zuverlässigen Maschinen mit Nahrung und Kleidung versorgt und generell in einer Welt des ewigen Sommers lebend, haben sich die Eloi dem sorglosen Müßiggang ergeben und darüber jegliche Initiative verloren.

Die Furcht kennen sie freilich noch: In der Nacht steigen deformierte, affenähnliche Kreaturen aus Schächten und unterirdischen Kavernen hinauf an die Oberfläche und jagen die Eloi, um sie zu fressen. Die Morlocks sind die zweite, grotesk mutierte Menschenrasse. Einst waren sie verantwortlich für die Versorgung und Wartung der großen Maschinen, und dieser Tätigkeit gehen sie auch heute noch nach, obwohl sie es nur noch instinktiv tun, da ihr Intellekt verkümmert ist.

Die Restintelligenz reicht aber aus, dem Reisenden seine Zeitmaschine zu entführen. Verzweifelt stöbert dieser in den Ruinen der versunkenen Zivilisation nach Hilfsmitteln oder Waffen, um gegen die Morlocks vorzugehen. Auf die Eloi kann er dabei nicht zählen, obwohl er inzwischen in der jungen Weena sogar eine Gefährtin gefunden hat. Die Morlocks lauern dem Paar auf. Der Reisende kann ihnen entkommen – und endlich die Zeitmaschine wiederfinden. Die wütenden Morlocks zwingen zur planlosen Flucht, die den Reisenden 30 Millionen Jahre in die Zukunft und in eine Zeit führt, da alles Leben auf der Erde erloschen ist …

Der genetische Ursprung eines Genres

Die Frühgeschichte der Science Fiction verwirrt den Literaturhistoriker nach wie vor durch viele ungeklärte Fragen. Gewisse Fixpunkte stehen indes felsenfest, und das Jahr 1895 ist ein Meilenstein in der Chronologie des Genres. In diesem Jahr verkaufte der junge Schriftsteller H. G. Wells sein erstes Werk, einen Kurzroman mit dem Titel „The Time Machine“. Von „Science Fiction“ war zu diesem Zeitpunkt noch keine Rede; dieser Begriff wurde erst drei Jahrzehnte später und auf einem anderen Kontinent geprägt.

Nichtsdestotrotz ist „Die Zeitmaschine“ SF – ganz besondere SF sogar, denn Herbert George Wells (1866-1946) war derjenige, der quasi im Alleingang die meisten der noch heute grundsätzlichen Motive dieses Genre ins Leben rief. Binnen weniger Jahre ‚erfand‘ er nicht nur die Zeitreise, sondern auch die außerirdische Invasion („The War of the Worlds“, 1898; dt. „Der Krieg der Welten“) oder den Genetik-Thriller („The Island of Doctor Moreau“, 1896; dt. „Die Insel des Dr. Moreau“) (2).

Das Wissen um die Tatsache, dass Wells mit der „Zeitmaschine“ als Erster die SF-Bühne betrat, ist wichtig, wenn man heute zu einem angemessenen Urteil über dieses Werk gelangen möchte. Der Leser, der sich im 21. Jahrhundert zum ersten Mal und erwartungsfroh aber ungewarnt diesem Klassiker widmet, dürfte schon nach wenigen Seiten der Lektüre erst verblüfft und dann womöglich gelangweilt sein. „Die Zeitmaschine“ ist nicht gerade ein Höhepunkt action-spannender Unterhaltungsliteratur – und das ist noch eine Untertreibung!

Langsam aber eindringlich

Tatsächlich geschieht nach heutigen Maßstäben herzlich wenig. Der junge H. G. Wells musste 1895 definitiv noch an seiner Fähigkeit arbeiten, einen geschlossenen Handlungsbogen zu spannen. „Die Zeitmaschine“ ist ein Erstlingswerk und einerseits ein Feuerwerk inzwischen unsterblich gewordener Ideen und Situationen, aber andererseits unfertig und ‚roh‘.

Dem lesenden Publikum nähern sich die Schriftsteller der Jetztzeit anders. Wells konnte seinen Lesern 1895 noch eine ausführliche Einleitung über das Wesen der Zeit zumuten (3), ehe die eigentliche Geschichte einsetzte. Das wird heutzutage in der Regel und wohlweislich en passant als Element der Handlung ins Geschehen integriert, wurde einst aber durchaus erwartet. (Allerdings entpuppt sich H. G. Wells damit auch als Erfinder des „Technobabble“ à la „Star Trek“ – und versteigt sich im unsinnigen Bemühen, die Zeitmaschine ‚logisch‘ zu erklären, sogleich in dieselben berüchtigten, weil ellenlangen und sterbenslangweiligen Exkurse, die später den Aufenthalt in den Maschinenräumen der diversen „Enterprises“ zur Qual werden lassen.

Als die Zeitreise endlich beginnt, hält sich die Freude des Lesers weiterhin in Grenzen. In der Rückschau hat Wells einen vermeidbaren Fehler begangen, indem er seine Geschichte ziemlich abrupt in einer fernen Zukunft beginnen lässt. Der von der Kritik viel gescholtene Kinofilm von 1960 bedient sich der Dramaturgie des allmählichen und dadurch intensiveren Spannungsaufbaus geschickter, indem er diesem Großen Sprung über 800.000 Jahre ein ‚Sprünglein‘ über wenige Jahrzehnte in eine Zukunft vorschaltet, die sich von der Startzeit zwar unterscheidet, aber noch deutliche Bezüge zur Vergangenheit aufweist. Auf diese Weise kann sich der Zuschauer (bzw. Leser) mit dem Phänomen der Zeitreise besser vertraut machen.

Übermut tut niemals gut

Doch H. G. Wells plante gar nicht das erste und ultimative Zeitreise-Abenteuer. „Die Zeitmaschine“ ist primär eine Parabel, verpackt in Unterhaltung. Denn sauer ist die Medizin zweifellos, die Wells seinen Lesern verabreichen wollte. Was heute oft ‚nur‘ als SF-Klassiker gefeiert wird, war einst vor allem eine deutliche Kritik an den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen im Großbritannien des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Offiziell sonnte sich das Empire, das sich den Großteil der bekannten Erde untertan gemacht hatte, im Glanze eines scheinbar grenzenlosen Fortschritts. Naturwissenschaft und Technik überschlugen sich förmlich mit neuen und wunderbaren Entdeckungen und Erfindungen. Die Komplettierung des Wissens um die Welt schien unmittelbar bevorzustehen, und nicht einmal der Himmel schien eine Grenze darzustellen.

H. G. Wells sah allerdings weiter bzw. hinter die Kulissen dieser schönen, neuen Welt. Als Kind kleiner und nur mäßig erfolgreicher Geschäftsleute bewahrte er sich Zeit seines Lebens einen scharfen Blick für soziale Ungerechtigkeiten. So war ihm 1895 sehr wohl bewusst, dass der scheinbare Fortschritt des modernen Großbritannien keineswegs allen Bürgern zugute kam. Stattdessen klaffte die Schere zwischen Reich und Arm weiter auseinander denn je. Hellsichtig erkannte Wells im Zeitalter der Industrialisierung die Gefahr der Entstehung einer neuen, recht- und gesichtslosen Arbeiterklasse, die – im rußigen Finstern gigantischer Fabriken schuftend – den Reichtum einer kleinen, dem gerechten Teilen abholden Oberschicht in nie gekanntem Maße steigern mussten.

Ganz unten kann es nur noch aufwärts gehen

Diese geknechteten Arbeiter sind die Vorfahren der Morlocks, ihre Herren die der Eloi; eine Analogie, die nicht zwischen den Zeilen der „Zeitmaschine“ entsteht, sondern von Wells konkret angesprochen wird. Brisanz gewann dieses Bild durch Wells‘ Darstellung der Eloi als einerseits überzüchtete Nichtsnutze, die andererseits dem Terror der Morlocks selbst verschuldet ausgeliefert sind; Herren und Sklaven werden einst ihre Rollen tauschen, bleibt die soziale Gerechtigkeit weiterhin eine Phrase, so Wells‘ düstere Prognose.

Interessant ist dabei der differenzierte Entwurf der Morlocks. Diesen wird (anders als in den Kinofilmen von 1960 und 2001) keineswegs die Rolle des tumben Bösewichtes zugewiesen. Stattdessen sind die Morlocks doppelt verdammt – zunächst in den Untergrund und ins gesellschaftliche Abseits verdrängt, dann in ihrem unfreiwilligen Exil zu primitiven, blutrünstigen Kannibalen heruntergekommen: Hier offenbart sich H. G. Wells als (gemäßigter) Sozialist und aktives Mitglied der 1884 gegründeten (und noch heute aktiven), linksliberalen „Fabian Society“, die sich den Kampf für soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben hatte. (Klar, dass dieser Aspekt von Hollywood sogleich eliminiert wurde!)

So ist „Die Zeitmaschine“ auch oder sogar vor allem ein Dokument dieses Kampfes, den H. G. Wells immer wieder didaktisch in sein erzählerisches Werk einfließen ließ. Nicht immer will sich das Belehrende mit dem Unterhaltsamen harmonisch mischen, Mehr als ein Jahrhundert später haben sich die Fronten im Konflikt zwischen reich und Arm zudem verschoben, so dass Wells‘ Kreuzzug (so paradox es klingen mag) inzwischen von der Zeit eingeholt wurde.

Auch Klassiker werden älter

Nun stechen die Verwerfungen der ohne ‚richtiges‘ Ende ausfasernden Handlung und die logischen Fehler deutlicher ins Auge. Der Wissenschaft verdanken wir u. a. die Erkenntnis, dass die Sonne keineswegs schon in 30 Millionen Jahren erlöschen und dadurch das irdische Leben tilgen wird. Für diesen Fehler kann Wells nichts, der als astronomischer Laie auf dem Wissensstand seiner Zeit aufbauen musste.

Wichtiger ist: Seine Vision vom Ende der Zeit fasziniert noch heute durch die Wortgewalt, mit der sie beschworen wird (3). Nur kurz widmet sich Wells diesem Abstecher in die allerfernste Zukunft, doch es sagt viel über die zeitlose Klasse der „Zeitmaschine“ aus, dass diese wenigen Seiten die „offizielle“ Fortsetzung „Timeships“ (dt. „Zeitschiffe“) – verfasst (bzw. auf mehr als 700 Seiten ausgewalzt) zum 100. Jahrestag 1995 vom Stephen Baxter – turmhoch überragen.

Fazit: „Die Zeitmaschine“ ist mit Fug und Recht ein Klassiker der Science Fiction, darf aber heute nicht mit übersteigerten bzw. falschen Erwartungen gelesen werden. Vieles von dem, was für den Leser 1895 noch neu war oder gar als Sensation galt, wurde von der Realität eingeholt. Wer dies bei der Lektüre berücksichtigt, wird weiterhin durch ein Stück SF-Geschichte belohnt, das die Mehrheit der Wells-Epigonen geradezu grausam in den Schatten stellt.

Anmerkungen

(1) Erst im Film von 1960 wird ihm – wie originell – der Name „George“ verliehen.
(2) Nicht zu vergessen: „The Invisible Man“ (1897; dt. „Der Unsichtbare”), „The Food of the Gods” (1904; dt. „Menschen, Göttern gleich”) oder „In the Days of the Comet” (1906; dt. „Im Jahre des Kometen”).
(3) Ich habe Vergleichbares (außer natürlich bei Olaf Stapledon) nur noch bei William Hope Hodgson (1874-1918) in „The House on the Borderline“ (1908, dt. „Das Haus an der Grenze“) oder in „The Night Land“ (1912, dt. „Das Nachtland“) gelesen – und es ist ziemlich klar, von wem Hodgson inspiriert wurde!

Verzichtet wird auf eine Biografie von H. G. Wells. Problemlos lassen sich Lebensbeschreibungen und Werksschauen im Internet finden, weshalb sich dieser Rezensent die überflüssige Arbeit spart, die klügere Köpfe bereits erledigt haben.

Abschließend ein Link auf die Website der „H. G. Wells Society“.

Kurzinfo für Ungeduldige: Ein Zeitreisender gerät in eine ferne Zukunft, in der die Menschen das Paradies auf Erden geschaffen zu haben scheinen. Doch buchstäblich unter der Oberfläche lauert die hässliche Wahrheit … – Einer DER Klassiker der Science-Fiction-Literatur und bereits als solcher über Kritik eigentlich erhaben; allerdings ist dieser Kurzroman tatsächlich zeitlos spannend und immer noch eine Lektüre wert!

[md]

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