Ein nasses Grab

Reginald Hill
Ein nasses Grab

(Dalziel-&-Pascoe-Serie, Bd. 4)

Originaltitel: An April Shroud (London : Collins 1975)
Übersetzung: Silvia Visintini
Deutsche Erstausgabe: Februar 2011 (Knaur Verlag/TB Nr. 63331)
362 S.
ISBN-13: 978-3-426-63331-1
eBook: Februar 2012 (Knaur Verlag)
681 KB
ISBN-13: 978-3-426-41478-1

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Das geschieht:

Ausgerechnet Andrew Dalziel, der ebenso bewunderte wie ob seiner Grobheit gefürchtete Detective Superintendent der Kriminalpolizei von Mid-Yorkshire, steckt in einer Lebenskrise. Die Heirat seines Untergebenen und Freundes Detective Inspector Peter Pascoe verdeutlicht ihm die private Einsamkeit. Dalziel beschließt die drohende Depression durch einen Urlaub zu verscheuchen. Dieser führt ihn in die ländliche Region der Grafschaft Lincolnshire und auf eine vom Dauerregen überflutete Straße.

Prompt fährt sich Dalziel fest. Seine Rettung erzwingt er von der Familie Fielding, die gerade Conrad, den Familienvorstand, zu Grabe getragen hat. Beim Versuch, Lake House, den von Verfall und Pleite bedrohten Stammsitz, in ein Restaurant zu verwandeln, stürzte Conrad von einer Leiter direkt in eine rasant rotierende Bohrmaschine – ein Unfall, der nicht nur Dalziel, sondern auch Detective Sergeant Cross von der örtlichen Polizei verdächtig vorkommt.

Haben die Fieldings, eine sehr exzentrische Sippe, den Hausherrn umgebracht? Dalziel beschließt, inkognito zu ermitteln. Bonnie, die reizende Witwe, hat daran keinen geringen Anteil. Zum ersten Mal seit langer Zeit beschleichen Dalziel Frühlingsgefühle, die allerdings durch die Erkenntnis verkompliziert werden, dass es bei Conrads Ende in der Tat nicht mit rechten Dingen zugegangen sein und Bonnie involviert sein könnte.

Dies vermutet auch der lästige Versicherungsdetektiv Alfred Spinx, bis er ertrunken im nahen See aufgefunden wird. Indizien für Betrug findet Dalziel in der Tat reichlich. Die Familienmitglieder belauern und fürchten einander, ihre Freunde tücken fleißig mit. Bei einer Leiche bleibt es nicht, und bald steckt Andrew Dalziel inmitten einer kruden Verschwörung, die er mit der gewohnten Klarsicht und Hinterlist sowie etwas Hilfe seitens des zufällig eintreffenden Peter Pascoe aufzudecken gedenkt …

Dalziel & Pascoe – die frühen Jahre

Seit 1970 ermitteln der geduldige Peter Pascoe und sein genialer (und ungehobelter) Chef Andrew Dalziel. Mehr als 20 Bände umfasst die Reihe inzwischen, die nicht nur ungewöhnlich lang läuft, sondern dabei ihre Qualitäten niemals eingebüßt hat. Das Spiel mit den Regeln des Kriminalromans, die Reginald Hill perfekt beherrscht, ermöglicht einen seltenen Seiltanz: Diese Krimis sind verspielt, irritierend, seltsam – und dabei spannend, fesselnd und ungemein witzig.

„Ein nasses Grab“ gehört in die frühe Phase der Serie. In England bereits 1975 erschienen, wurde dieser Roman hierzulande dreieinhalb Jahrzehnte sträflich übersehen, bevor sich endlich der Knaur Verlag, derzeit deutscher Verleger von Hills Werken, dazu entschloss, ihn erstmals aufzulegen – schön übersetzt und angenehm wohlfeil als Taschenbuch.

Krimi-Serien und das Risiko der Veränderung

Lang laufende Reihen neigen zur Standardisierung. Die Fälle mögen sich ändern, doch die Personen bleiben vertraut. So wünscht oder fordert es jene Mehrheit der Leser, die grundsätzliche Änderungen schnell verärgern. Damit steckt der Verfasser in einer Sackgasse. Er muss den eingeführten Charakteren Rechnung tragen und gleichzeitig für frischen Wind sorgen – keine einfache Aufgabe.

Reginald Hill bricht schon mit dem vierten Band ‚seiner‘ Serie aus. Obwohl er in den folgenden Jahrzehnten bewies, was sich aus der Beziehung Dalziel/Pascoe herausholen ließ, geht er mit „Ein nasses Grab“ einen anderen Weg. Pascoe tritt zwar auf, bleibt aber Gaststar; auf den einleitenden Seiten heiratet er, und ein (strapazierter) Zufall führt ihn im Finale zurück in die Handlung. Auf mehr als 300 dazwischen liegenden Seiten glänzt er durch Abwesenheit.

Er wird freilich nicht vermisst. Kein Wunder, denn Hill erfüllt endlich einen Wunsch, den viele Leser schon längst gehegt haben: Pascoe ist ein netter Kerl, aber wir wollen endlich einmal den genial-verrückten Andy Dalziel als Hauptperson! Hill erhört uns und vollzieht den Rollentausch. „Ein nasses Grab“ ist Dalziels One-Man-Show. Sie erfüllt die hochgesteckten Erwartungen. Damit dies geschehen kann, musste Hill einige Vorbereitungen treffen.

Dicker Mann zeigt dünnes Fell

Obwohl Dalziel neben Pascoe eine unverzichtbare Hauptfigur der Serie ist, setzt Hill sie behutsam ein. Pascoe ermittelt und repräsentiert dabei den eher alltäglichen Zeitgenossen mit auch privat entsprechenden Problemen. Dalziel ist eine Naturgewalt. Körperlich wie im Benehmen gibt er den Falstaff, den er freilich durch hohe Intelligenz und ein ausgeprägtes taktisches Geschick in den Schatten stellt. Er taucht dort auf, wo Pascoe auf der Stelle tritt, reißt die Handlung an sich und dominiert in einem Maß, das genau solche Auftritte zum zweischneidigen Schwert macht: So unterhaltsam und vergnüglich sie sind, sie tragen die Gefahr der Gewöhnung und den Druck der nur bedingt möglichen Effektsteigerung in sich.

Für „Ein nasses Grab“ schaltet Hill deshalb das Dalziel-Mobil in einen niedrigeren Gang. Vor allem erweitert er jedoch das Persönlichkeitsspektrum einer Figur, die hier über das bekannte Poltern an Tiefe gewinnt: Dalziel wird zum Menschen mit einem Privatleben. Er ist einsam, und durch Pascoes Hochzeit wird ihm dies bewusst. Sein Urlaub ist zunächst eher Flucht als Erholung.

Hier lauern sofort jene Gefühlsduseligkeiten, die viel zu viele Krimis zur Seifenoper verkommen lassen. Aber Hill behält die Oberhand. Sentimentalität ist seine Sache nicht. Dalziel mag in einer Midlife Crisis stecken, doch diese drängt sich nie in den Vordergrund. „Ein nasses Grab“ bleibt in erster Linie Kriminalroman.

Die üblichen Verdächtigen – nur noch verdächtiger

Was den Hill-Kenner ebenfalls in Erstaunen versetzt. Der Autor ist bekannt dafür, in seinen Kriminalromanen den Krimi mutwillig zu ignorieren. Vor allem die Spätwerke sprengen die Genre-Vorgaben; Hill lässt phantastische Elemente einfließen oder scheut nicht davor zurück, Dalziel wie einen angelsächsischen Brandner Kaspar mit dem Tod um sein Leben zu diskutieren. Geistreiche Wortspiele und das einfallsreiche Spiel mit der klassischen Literatur gewinnen passagenweise die Oberhand, während die ‚reale‘ Handlung ausgesetzt ist.

In „Ein nasses Grab“ verzichtet Hill zwar nicht auf die Wortspiele. Stattdessen verblüfft er mit einem lupenreinen Rätselkrimi, den er mit der gebührenden Verwirrung des Lesers aber genrekonform über die gesamte Distanz bringt. Bereits das Ambiente ist englische „Whodunit“-Klassik in reinster Form: Lake House ist das abgelegene Landhaus, das zusätzlich nach einer Überschwemmung isoliert ist. Der oder die Mörder müssen sich aus den aktuellen Bewohnern rekrutieren.

Die schildert Hill ebenfalls üblich als nonkonformistische und dadurch erst recht verdächtige Gruppe. Skurrile Gestalten sind das Salz in der Rätselkrimi-Suppe. Hill verfügt über das Talent und den Witz, solche Figurenzeichnungen nicht ins übertrieben Lächerliche umkippen zu lassen. Hinter Tumult und Klamauk ist stets eine zweite Ebene sichtbar: Hier geht es um gleich mehrere Kapitalverbrechen.

Das große, absurde, tragische Finale

Sogar Dalziel droht – vielleicht – dem Charme seiner schrecklich netten Gastgeber-Familie zu erliegen. Die Hausherrin zerrt ihn in ihr Bett, was er sich gern gefallen lässt. Doch Dalziel ist nicht käuflich. Im großen Finale vergisst er alle Zurückhaltung und seine Träume auf eine glücklichere Zukunft. Der „Whodunit“ fordert die Entlarvung des möglichst unschuldig wirkenden Täters, der wie gesagt dem Kreis der Verdächtigen angehört. Will Dalziel Polizist bleiben, kann er gar nicht anders, als eine seiner liebenswert kauzigen Figuren als Mörder zu outen.

Allerdings findet Dalziel noch manches Schlupfloch, um dem Recht auf seine Weise Geltung zu verschaffen. Er ist durchaus bereit, innerhalb eines gewissen Rahmens Polizist und Richter gleichzeitig zu sein. Anders als Pascoe kann er damit leben; Dalziel ist kein Vorbild, sondern eine schillernde Persönlichkeit.

Krimispaß mit gewaltiger Verspätung

„Ein nasses Grab“ erschien in England bereits 1975 als vierter Band der Dalziel-&-Pascoe Serie. Diese erfuhr in Deutschland eine bemerkenswerte (und traurige) Veröffentlichungsgeschichte. Drei Verlage haben bisher Romane der Serie verlegt, ohne dabei auf die Serienchronologie Rücksicht zu nehmen. Das ist schade, denn es gibt durchaus rote, die Einzelbände übergreifende Handlungsfäden.

Zwischenzeitlich saß der deutsche Hill-Leser über Jahre gänzlich auf dem Trockenen. Obwohl nach und nach auch ältere Bände erscheinen, bleiben weiterhin Lücken – von den Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, zum Teil seit Jahrzehnten vergriffene Titel zu finden, ganz zu schweigen. Nichtsdestotrotz bringt jede Erstveröffentlichung den Hill-Leser dem ersehnten Ziel – den Besitz der vollständig übersetzten Serie, die er selbst in die korrekte Reihenfolge bringen kann – einen Schritt näher.

Da „Ein nasses Grab“ wie gesagt ein klassischer Rätselkrimi ist, bleiben die Verbindungen zur Realität des Jahres 1975 gering. Der Plot ist zeitlos, die Handlung spannend. Nur manchmal verraten Details das wahre Alter: Nacktfotos auf Papier sorgen heutzutage kaum mehr für Aufregung. Eine gute Geschichte wie diese findet dagegen immer noch ein zufriedenes Publikum.

Autor

Reginald Hill wurde 1936 in Hartlepool im Nordosten Englands geboren. Drei Jahre später zog die Familie nach Cumbria, wo Reginald seine gesamte Kindheit verbrachte. Später studierte er an der University of Oxford und arbeitete bis 1980 als Lehrer in Yorkshire, wo er auch seine beliebte Reihe um die beiden Polizisten Andrew Dalziel und Peter Pascoe ansiedelte.

Deren Abenteuer stellen nur eine Hälfte von Hills Werk dar. Der Schriftsteller war fleißig und hat insgesamt mehr als 40 Bücher verfasst: nicht nur Krimis, sondern auch Historienromane und sogar Science Fiction. Einige Thriller erschienen unter den Pseudonymen Dick Morland, Charles Underhill und Patrick Ruell.

Erstaunlich ist das trotz solcher Produktivität über die Jahrzehnte gehaltene Qualitätsniveau. Dies schlug sich u. a. in einer wahren Flut von Preisen nieder. Für „Bones and Silence“ (dt. „Die dunkle Lady meint es ernst“ bzw. „Mord auf Widerruf“) zeichnete die „Crime Writers‘ Association“ Hill mit dem begehrten „Gold Dagger Award“ für den besten Kriminalroman des Jahres 1990 aus. Fünf Jahre später folgte ein „Diamond Dagger“. Reginald Hill lebte mit seiner Frau Pat in Cumbria. Dort ist er am 12. Januar 2012 den Folgen einer schweren Krankheit erlegen.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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