Englische Passagiere

Matthew Kneale
Englische Passagiere


(sfbentry)
Originaltitel: English Passengers (London : Hamish Hamilton 2000/New York : Nan A. Talese 2000)
Übersetzt von Sabine Hübner
Deutsche Erstausgabe (geb.): Oktober 2000 (Deutsche Verlags-Anstalt)
544 Seiten
ISBN-10: 3-421-05274-3
TB-Neuausgabe: Juni 2005 (Deutscher Taschenbuch Verlag/Dtv 13339)
ISBN-13: 978-3-423-13339-5

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Das geschieht (Vorgeschichte):

England im Jahre 1857. Seit zwei Jahrzehnten sitzt Königin Victoria auf dem Thron des britischen Reiches, das sich in dieser Zeit ständig ausdehnt. Zu den aktuellen ‚Neuerwerbungen‘ gehört Van Diemen‘s Land, eine große Insel vor der Südspitze Australien. Die Briten haben sie den Holländern abgenommen und werden sie bald „Tasmanien“ nennen. Die Aussicht, hier sein Glück zu machen, lockt eine bunte Mischung aus unternehmungslustigen jungen Männern, strengen Kolonialbeamten, Pflanzern, Händlern, Missionaren und Glücksrittern an. Auch als Ort der Verbannung für Sträflinge eignet sich die Neuerwerbung vorzüglich.

Alle sind zufrieden – mit einer Ausnahme: Tasmanien war nie eine menschenleere Insel. Etwa 4000 Aborigines, deren Vorfahren aus Australien kamen, lebten hier. Nachdem Tasmanien 1804 von den Weißen entdeckt und in Besitz genommen wurde, begann umgehend die „Zivilisierung“ der „Wilden“. Von ihrem Land wurden sie vertrieben oder in Konzentrationslagern zusammengepfercht, gern auch ‚gejagt‘ oder wie Ungeziefer ausgerottet. Eingeschleppte Krankheiten und der Alkohol gaben ihnen den Rest. Jetzt, nur ein halbes Jahrzehnt später, haben weniger als 20 Männer und Frauen überlebt. Einer von ihnen ist der junge Peevay, Sohn einer Ureinwohnerin und eines Sträflings, der sie einst vergewaltigt hatte. Er erzählt die traurige Geschichte, die hier kurz skizziert wurde.

Das geschieht (Hauptgeschichte):

Die Kunde vom nahen Ende der „eingeborenen“ Tasmanier ist im britischen Mutterland nicht unbemerkt geblieben. Dr. Potter, Chirurg und Amateur-Anthropologe, muss sich sputen, wenn er sich noch ein Versuchsobjekt zwecks Untersuchung auf dem Seziertisch und anschließender Präparierung für sein Museum schießen will. Ähnlich aufgeregt ist Reverend Wilson. Er hat sich dem Kampf gegen den Ungeist des Darwinismus‘ verschrieben und ist davon überzeugt, auf Tasmanien das verlorene Paradies der Bibel wiederzufinden.

Potter und Wilson schiffen sich auf dem maroden Segler „Sincerity“ ein. Kapitän Kewley wollte eigentlich Cognac und Tabak von Frankreich nach England schmuggeln. Mit dem ihm eigenen Ungeschick hat er dieses Unternehmen scheitern lassen. Deshalb lässt er sich überreden, ein britisches Expeditionskorps samt Kapelle sowie einige Sträflinge nach Tasmanien zu bringen. Außerdem gedenkt er seine Schmugglerkarriere in fremden Gewässern wieder aufzunehmen.

Sich selbstgefällig in der angemaßten Gunst von Gott, Königin und Vaterland sonnend, in allen Häfen der Welt die einheimische Bevölkerung vor den Kopf stoßend und völlig blind gegenüber der Tatsache, dass man eine Welt mit eigenen Regeln betritt, steuern die englischen Passagiere Tasmanien an. Dort reihen sie sich ein in die Reihen jener, die mit der ‚Kultivierung‘ der Insel beschäftigt sind. Sie unternehmen eine strapaziöse Expedition ins Landesinnere, die ausgerechnet vom rachedürstenden Peevay geführt wird und in einer Kette von Desastern endet. Als sich die schwer mit Waren, Konterbande und wissenschaftlichen Präparaten beladene „Sincerity“ auf die Rückfahrt nach England begibt, sind nicht alle mehr Passagiere an Bord, und auch die Überlebenden dürfen sich nur kurze Zeit in Sicherheit wiegen …

Die Geschichte kennt vor allem Sieger

„Englische Passagiere“ ist ein Historienroman ganz besonderen Kalibers. Mit trügerischer Eleganz tarnt er sich als Satire auf jene ruhmlose Phase der Weltgeschichte, in der die Großmächte Europas daran gingen, Kolonialreiche zu gründen. Im Namen Gottes, des Fortschritts und des Profits – die Reihenfolge ist beliebig – löschten die bornierten Eroberer ganze Völker und uralte Kulturen aus.

Matthew Kneale beschreibt die Dezimierung der tasmanischen Ureinwohner exemplarisch als Prozess, der sich überall auf der Welt und meist in weit größerem Maßstab wiederholte. Die Reduktion auf einen überschaubaren Schauplatz verdeutlicht das universelle Grauen; 4000 Tote repräsentieren eine Tragödie, 400000 oder 4000000 nur eine Zahl, um ein bekanntes Wort abzuwandeln.

Kneales Panorama der Kolonialepoche ist großartig geschrieben. Die meisten Autoren sehen ihre wichtigste Aufgabe darin, zeitgenössische Fakten korrekt wiederzugeben. Sie wissen wunderbar über die Evolution des Kragenknopfes im frühen 18. Jahrhundert Bescheid und lassen sich nicht davon beirren, dass solche Details vom Publikum entweder kaum bemerkt werden oder ihm völlig gleichgültig sind. Man kann es nicht häufig genug wiederholen: Die Handlung hat im Vordergrund zu stehen, und sie ist stets mehr als die Summe ihrer einzelnen Elemente.

Absurd, korrekt und wirkungsvoll

Wie man es richtig macht, führt Kneale mit eindrucksvoller (und für weniger talentierte Schriftstellerkollegen vermutlich entmutigender) Wortgewalt vor. Die Genauigkeit des historischen Hintergrunds setzt er voraus – Geschichte hat er schließlich studiert – und entwickelt daher ohne Umschweife die grimmig-fesselnde Handlung.

Eine bitterernste Geschichte über (den) Völkermord wäre wohl keine Garantie für einen Publikumserfolg. Daher gibt Kneale der bitteren Pille einen scheinbar süßen Überzug. Die Irrfahrt des Narrenschiffes „Sincerity“ (schon der Name – „Aufrichtigkeit“ – ist die schiere Ironie) und die Abenteuer ihrer Passagiere erinnern an einem Auftritt der legendären Komikergruppe „Monty Python“. Dort wie hier kann einem das Lachen leicht im Halse stecken bleiben. Die satirische Überspitzung mildert nicht das Entsetzen über den wie selbstverständlichen Genozid an den Tasmaniern, die rücksichtslose Ausbeutung und Zerstörung der ur- und eigentümlichen kleinen Inselwelt und die Selbstherrlichkeit der Kolonialherren. Die Komik kann zudem von einem Augenblick zum anderen in Tragik oder nackten Terror umschlagen. Der Handlungsstrang der Tasmanien-Expedition erinnert an die parabelhafte Afrika-Novelle „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad, noch mehr allerdings an die delirierende Verfilmung „Apokalypse Now“ von Francis Ford Coppola.

Die Handlung ist spannend und (trotz einiger Längen) immer schlüssig. Außer den bereits erwähnten Hauptpersonen (zu denen sich übrigens noch ein rebellischer Botaniker gesellt) läßt Kneale mehr als ein Dutzend Nebenfiguren auftreten (koloniale Würdenträger, Siedlerfrauen, Ureinwohner, Sträflinge etc.), die es mit der „Sincerity“-Expedition zu tun bekommen. Ihre Schilderungen vervollständigen das Bild der Welt um 1850, in der – das macht Kneale deutlich – fleißig das Fundament gelegt wurde, auf dem noch im 21. Jahrhundert gemordet, unterdrückt und geplündert wird.

Autor

Matthew Kneale, geboren 1960 in London als Sohn von Judith Kerr (der Tochter des berühmten Theaterkritikers Alfred Kerr), studierte Neuere Geschichte in Oxford. Anschließend entschloss er sich zu schreiben. In nur wenigen Jahren hat er sich einen Namen machen können und wurde bereits mit dem „Somerset Maugham Award“ und dem „John Llewellyn Rhys Award“ ausgezeichnet. Seinem Buch „Englische Passagiere“ wurde 2000 der „Whitbread Book Awards“ für den besten (englischen und irischen) Roman des Jahres verliehen.

[md]

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