Esswood House

Peter Straub
Esswood House

(sfbentry)
Originaltitel: Mrs. God (Hampton Falls : Donald M. Grant Publisher Inc. 1991)
Übersetzung: Joachim Körber
Deutsche Erstausgabe: März 2005 (Edition Phantasia/Phantasia Paperback Horror 3003)
165 S.
ISBN-13: 978-3-937897-07-3

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Das geschieht:

Der US-amerikanische Universitätsprofessor William Standish ist in seinem Leben festgefahren. Die Karriere an einer Provinzuniversität stagniert, daheim wartet Jean, die hochschwangere, hysterische Gattin, die ihn vor gar nicht langer Zeit betrogen hat. Da kommt ein Angebot aus dem englischen Esswood House gerade richtig: Standish wird eingeladen, in der Bibliothek des Hauses, das ein Treffpunkt berühmter Literaten und Poeten war, nach ungehobenen Schätzen zu suchen. Er arbeitet an einem Buch über seine Stiefgroßmutter Isobel Standish, eine unbekannt gebliebene Schriftstellerin des frühen 20. Jahrhunderts, um deren Schicksal sich ein Geheimnis rankt.

Esswood House ist seit jeher der Stammsitz der Seneschals. Die Familie ist auf zwei Mitglieder geschrumpft, die seit Jahren nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten sind. Standish wird nach komplizierter Anreise von Robert Wall, dem Verwalter, empfangen, einem mysteriösen Mann unbestimmbaren Alters. Er passt gut in die Atmosphäre von Esswood House, das sich als höchst merkwürdiges Anwesen erweist.

Standish ist fasziniert von den Papieren, die er in der Bibliothek entdeckt. Andererseits mehren sich die Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt in Esswood House. Mehrfach findet Standish Hinweise darauf, dass sich außer ihm andere Besucher in dem großen Haus aufhalten, während Wall dies verneint. Die Seneschals bleiben unsichtbar. Seltsame Träume beginnen Standish heimzusuchen. Esswood House ergreift Besitz von ihm. Eine alte, sorgfältig verborgene Schuld wird Standish zum Verhängnis. Unbekannte Mächte verbünden sich mit den Dämonen seines eigenen Geistes. Sie ziehen Standish in eine Spirale, die ihn immer tiefer in den Bann von Esswood House und in den Wahnsinn treibt …

Das Rätsel an sich

Der durchschnittliche Leser des schriftlich niedergelegten Grusels gilt der Kritik gern als recht konservativer Zeitgenosse. Angeblich hasst er (oder sie) ungelöst bleibende Rätsel, das Gespenst muss als solches klar zu identifizieren sein, zum Schluss triumphiert entweder das Böse oder löst sich in Staub auf. Sollten dies tatsächlich die maßgeblichen Kriterien sein, darf diese Rezension nur als Warnung verstanden werden – was allerdings schade wäre.

„Esswood House“ basiert auf „Mrs. God“, einer Novelle, die Peter Straub zum Roman erweiterte. Schon die Vorlage bot ganz und gar kein Musterbeispiel für eine geradlinige Handlung. Wie der Verfasser in seinem Nachwort anmerkt, schwebte ihm eine buchstäblich phantastische Story vor, die keinen Sinn ergeben, sondern eine Stimmung zwischen Wachen und Träumen, durchzogen von ständiger Unsicherheit, transportieren sollte. Das ist ihm vortrefflich gelungen. Zwar lässt sich durch Beachtung scheinbar unwichtiger Nebensächlichkeiten eine – wenn auch bizarre – Handlung rekonstruieren, die indes ohne innere Logik bleibt.

Der Schlüssel zu „Esswood House“ ist die Sinnfreiheit des ihm innewohnenden Rätsels. Wem das gar zu akademisch in den Ohren klingt, mag sich an Filme wie „Vampyr“ (1932; dt. „Vampyr – Der Traum des Allan Gray ») und „Alice ou la dernière fugue“ (1977; dt. „Alice oder die letzte Flucht“) erinnern. (Wer kann das allerdings heute noch?) Man muss die Suche nach einer Logik aufgeben, sich auf die Stimmung einlassen oder „Esswood House“ wenigstens als intellektuelles Spiel goutieren. Wenn das gelingt, ist das Erlebnis bemerkenswert, weil wir den festen Boden unter unseren Füßen aufgeben und uns ganz in die Hand des Erzählers begeben. Der muss auf der anderen Seite sein Handwerk verstehen, sonst macht sich bald Enttäuschung breit.

An der Hand eines Meisters

Aber Peter Straub hält seine Geschichte souverän auf Kurs. Er ist nicht nur ein fabelhafter Schriftsteller, sondern kennt sich in der Literaturgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aus. Ein wenig kokett bezeichnet er „Esswood House“ als seine bescheidene Reverenz an Henry James oder Edith Wharton (bzw. Robert Aickman und – so meine ich – Thomas Ligotti).

Er spielt damit auf eine Spielart des Horrors an, die von der strengen Kritik als ‚literarisch‘ bezeichnet und gewürdigt wird: Das Grauen ersteht nicht in Gestalt von Wiedergängern oder Wanderleichen, sondern wächst in der menschlichen Seele heran. „Esswood House“ ist auch Studie des geistigen Verfalls eines Menschen, der eine alte Schuld sorgfältig unterdrückt hat und doch von ihr überwältigt wird. Es ist spannend zu beobachten, wie Straub den gar nicht übernatürlichen Wahnsinn in die Handlung einfließen lässt, bis er schließlich die Oberhand gewinnt.

Aber ist dies tatsächlich so? Als guter Erzähler gönnt uns Straub auch in dieser Frage keine sichere Antwort. Esswood House mag nur ein Konstrukt von Standishes Wahn sein. Das muss aber nicht unbedingt zutreffen. Womöglich ist es doch ein echter Ort, gelegen jenseits von Raum und Zeit, in dem es tatsächlich umgeht. Dennoch bleibt festzustellen, dass es immer wieder die ungelösten Krisen seiner Bewohner sind, die Esswood House in Aktion treten lassen.

Ein Mann unter Überdruck

Konsequent versagt Straub seinen Lesern jegliche Identifikationsfigur. William Standish kann man bemitleiden, aber mögen wird man ihn nicht. Insofern verfolgen wir seinen Untergang mit einer gewissen Gleichgültigkeit, die womöglich nicht in der Absicht des Verfassers lag. Allerdings blieb ihm wohl keine Wahl: Niemand, der in oder um Esswood House auftritt, ließe sich als ‚normal‘ bezeichnen. Sie alle könnten Ausgeburten eines gestörten Geistes sein, was ihr Verhalten erklären würde. Als Geister wären sie sowieso entschuldigt, denn die dürfen sich seltsam benehmen.

Leider bleibt sich Straub nicht ganz treu. Es gibt einen Anlass für Standishes geistige Instabilität. Den muss man ganz und gar nicht „zwischen den Zeilen ahnen“, wie der Verfasser im Nachwort meint. Der nie geborene Sohn geistert dort sogar recht aufdringlich umher. Der Geschichte wäre es vermutlich besser bekommen, hätte Straub auch auf diese Erklärung verzichtet und Standish noch schwieriger nachvollziehbar in den Irrsinn abgleiten lassen.

Nichtsdestotrotz darf der Leser froh sein, dass sich hierzulande ein Kleinverlag dieses ‚kleinen‘ Straub-Werkes angenommen hat. Gut übersetzt und schön layoutet ist diese Ausgabe ebenfalls, was das Lektürevergnügen komplettiert.

Autor

Peter Francis Straub wurde am 2. März 1943 in Milwaukee im US-Staat Wisconsin geboren. Der Schulzeit folgte ein Studium der Anglistik an der „University of Wisconsin“, das Straub an der „Columbia University“ fortsetzte und abschloss. Er heiratete, arbeitete als Englischlehrer, begann Gedichte zu schreiben. 1969 ging Straub nach Dublin in Irland, wo er einerseits an seiner Doktorarbeit schrieb und sich andererseits als ‚ernsthafter‘ Schriftsteller versuchte. Während die Dissertation misslang, etablierte sich Straub als Dichter. Geldnot veranlasste ihn 1972 zur Niederschrift eines ersten Romans („Marriages“; dt. „Die fremde Frau“), den er (mit Recht) als „nicht gut“ bezeichnet.

1979 kehrte Straub in die USA zurück. Zunächst in Westport, Connecticut, ansässig, zog er mit der inzwischen gegründeten die Familie nach New York. Ein Verleger riet Straub, es mit Unterhaltungsliteratur zu versuchen. Straub schrieb „Ghost Story“ (1979; dt. „Geisterstunde“), seine Interpretation einer klassischen Rache aus dem Reich der Toten. Der Erfolg dieses Buches (das auch verfilmt wurde), brachte Straub den Durchbruch. Mit „Shadowland“ (1980; dt. „Schattenland“) und „Floating Dragon“ (1983; dt. „Der Hauch des Drachens“) festigte er seinen Ruf – und erregte die Aufmerksamkeit von Stephen King, mit dem er sich bald anfreundete. Die beiden Schriftsteller verfassten 1984 gemeinsam den Bestseller „The Talisman“ (dt. „Der Talisman“), dem sie 2001 mit „Black House“ (dt. „Das schwarze Haus“) eine ebenso erfolgreiche Fortsetzung folgen ließen.

Straubs Werke wurden vielfach preisgekrönt; akademisch penibel zählt der Autor seine Meriten auf  dieser Website auf; sie ist ebenso informativ wie kurios und verrät einen intellektuellen Geist, der über einen gesunden Sinn für hintergründigen Humor verfügt.

Kurzkritik für Ungeduldige: Ein psychisch angeschlagener Literaturprofessor gerät in ein Spukaus. Nicht Bettlaken-Gespenster oder Vampire treiben ihr Unwesen – eine alte Schuld erweist sich als Quelle des unheimlichen Treibens, das in einem wahrlich irrsinnigen Spektakel mündet … – „Esswood House“ ist kein Horrorroman, sondern ein Psychothriller mit Elementen, die phantastisch oder auch Ausgeburten eines gestörten Geistes sein können. Es gibt keine stringente Handlung, keine finale Auflösung der zahlreichen Rätsel. Wichtiger ist die (alb-) traumhafte Stimmung, die über dem Geschehen liegt: ein ungewöhnliches, auch anstrengendes aber ungemein spannendes Werk. Hui-Buh-Grusels gibt.

[md]

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