Feuer wird vom Himmel fallen

Eugene Burdick/Harvey Wheeler
Feuer wird vom Himmel fallen

(sfbentry)
Originaltitel: Fail-Safe (New York : McGraw-Hill Publishers 1962)
Übersetzung: Werner von Grünau
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1963 (Rütten & Loening Verlag)
252 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1964 (Rowohlt Verlag/RoRoRo-TB 659)
208 S.
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Das geschieht:

Im Jahre 1967 hat die atomare Hochrüstung der beiden Supermächte USA und UdSSR ein Niveau erreicht, das den Ausbruch eines III. Weltkriegs mit der Verheerung der gesamten Erde gleichsetzen würde. Jede Seite lauert auf den möglichen Primärstoß des Gegners. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft registrieren Maschinen und Menschen, sobald sich etwas den gesetzten Grenzen nähert, denn es könnte eine Atomrakete sein.

Die heikle Situation glaubt man im Griff zu haben, denn schließlich wurde ein ausfallsicheres „Fail-safe“-Prozedere ersonnen, um Fehler auszuschließen. Als der Alarm auf US-Seite anschlägt, geht er allerdings auf den unbemerkten Defekt eines Kommunikationsinstrumentes zurück. Dies führt dazu, dass eine Staffel US-amerikanischer Atombomber nicht zum Flughafen zurückkehrt, sondern einen Angriffskurs auf Moskau einschlägt.

Die perfekte Organisation des Ernstfalls verhindert jeden nachträglichen Rückruf. Ihren Vorgesetzten schenken die Piloten vorschriftsmäßig kein Gehör. Selbst dem direkten Befehl des Präsidenten verweigern sie den Gehorsam: Es könnte ein Trick der Sowjets sein – und Vergeltung soll auf jeden Fall geübt werden, selbst wenn die USA bereits vom Erdboden getilgt sind.

In seiner Verzweiflung beschließt der US-Präsident, über den „heißen Draht“ Kontakt zum Ministerpräsidenten der Sowjetunion aufzunehmen. Dort hat man die Annäherung der Flugzeuge bereits registriert und Gegenmaßnahmen eingeleitet. Nur mühsam gelingt es dem Präsidenten, den Sowjets das tatsächliche Geschehen begreiflich zu machen. Schließlich ist man zur Zusammenarbeit bereit, die den Abschuss der US-Flugzeuge ausdrücklich einschließt …

Die Zeichen an der Wand

1962 drohte der „kalte“ Krieg zwischen den Supermächten USA und UdSSR in einen „heißen“ umzuschlagen. Auf beiden Seiten hatte man gerüstet, bis genug Atomwaffen beisammen waren, um den Planet gleich mehrfach unbewohnbar zu machen. Man setzte auf ein „Gleichgewicht des Schreckens“. Es sollte den Gegner davon abhalten, einen Präventivschlag zu versuchen: Selbst wenn er gelang, würden die Atomraketen des Gegenübers noch auf das Angreifer-Land niederregnen.

Während die „Falken“ beiderseits des Eisernen Vorhangs auf dieses Prinzip setzten und die vorhandenen Angriffs- und Abwehrsysteme weiter verstärken bzw. verfeinern wollten, fürchteten die „Tauben“ die verhängnisvolle Verselbstständigung der Technik. Sie gaukelte den Menschen eine Planungssicherheit vor, die es erfahrungsgemäß nicht geben konnte: Was schiefgehen kann, wird irgendwann schiefgehen. Darüber hinaus stellten sie den Sinn eines ‚Gleichgewichts‘ in Frage, dessen Störung die völlige Vernichtung auf beiden Seiten zur Folge haben würde. Die „Falken“ betrachteten solche Einwände bestenfalls als liberalen Unfug, der mit Schwäche gleichzusetzen war. Schlimmstenfalls witterten sie Landesverrat, der erst recht ausgerottet werden musste.

1962 beschlossen die Politologen und Schriftsteller Eugene Burdick und Harvey Wheeler, das Thema gleichermaßen unterhaltsam wie eindringlich in einem Roman aufzugreifen. Sie entschlossen sich für eine betont sachliche, reportagehafte Darstellung, um die erwünschte Wirkung zu verstärken. Die Autoren gingen zu Recht davon aus, dass die Geschichte eines „Fail-safe“-Desasters ohne Sensationshascherei auskommen konnte. Zudem erweiterten sie das Feld der potenziellen Leser, die ‚normale‘ „Doomsday“-Science-Fiction ignorierten.

Cover der Buchclub-Ausgabe von 1965 (Sammlung md)

Ein kurzer Blick nach vorn

Burdick & Wheeler verlegten die Handlung in die nahe Zukunft des Jahres 1967. So traten sie zumindest in den USA aktuell aktiven Politikern, Militärs und Beratern nicht auf die Füße und schufen sich einen Freiraum. Sie legten außerdem Wert darauf, dass die akkurat geschilderte Hightech keineswegs der Realität entsprach, sondern nur Allgemeinwissen interpretierte und extrapolierte: Zwar wollten die Autoren warnen, aber als ‚Verräter‘ wollten sie auf keinen Fall gelten. Zudem ging es ihnen nicht um die detaillierte Darstellung komplexer Prozesse und Prozeduren. Der Leser sollte vor allem ein Gefühl für das „Fail-safe“-System bekommen. So konnte er die Auswirkungen seines Scheiterns besser einschätzen.

Bis die Krise endgültig ausbricht und ins Zentrum der Beschreibung rückt, nehmen sich Burdick & Wheeler viel Zeit für die Einführung ihrer Protagonisten. Diese stellen Projektionsfiguren dar, die zeitgenössische Pro- und Anti-Haltungen zur Atomkriegsfrage verkörpern. Deshalb eliminieren die Autoren sorgfältig etwaige ‚menschliche‘ Schwächen. Der Präsident, die Generäle Bogan und Black, Oberst Cascio, der Berater Groteschele, die Bomberpiloten, selbst der junge Übersetzer Peter Buck, der eher zufällig in den Krisenstab gerät: Sie werden uns als Repräsentanten der Eliten ihres Landes vorgestellt – intelligent, gut ausgebildet, ehrgeizig, loyal, unbestechlich und auf ihre jeweilige Aufgabe fixiert, kurz: wahre Führergestalten, denen die Bürger gern zutrauen, das Schicksal der USA fest in ihren Händen zu halten.

Dann zerbricht diese Sicherheit. Sie wendet sich gar gegen ihre Schöpfer. Im Weißen Haus und im atombombensicher tief unter der Erde angelegten Befehlsstand des Strategischen Luftkommandos löst sich der Glaube an „Fail-safe“ in Nichts auf. Die angedrillten Verteidigungsriten verwandeln sich in Zwänge, die mancher nicht einmal überwinden kann, wenn damit der Atomkrieg verhindert werden könnte. „Fail-Safe“ dient nicht mehr, sondern herrscht. Die Menschen, die „Fail-Safe“ erschaffen haben, müssen erkennen, dass sie ihrer mechanisch-elektronischen Kreatur machtlos ausgeliefert sind. Dieser Prozess wird eindringlich dargestellt und entschädigt für die seitenstarken, nicht gerade spannenden Rückblicke, in denen uns Burdick & Wheeler schilderten, wie ihre Protagonisten wurden, wie und wer sie nun sind.

Die Spreu und der Weizen

Vorsichtshalber diffus blieben Burdick & Wheeler in der Frage, wer der charismatische US-Präsident ist, der den drohenden III. Weltkrieg zu verhindern sucht. Die Handlung spielt wie gesagt 1967, doch auch ohne Namensnennung wird deutlich, dass die Autoren im genannten Jahr weiterhin John F. Kennedy an der Spitze ihres Landes sehen – einen Kennedy ohne die heute längst offengelegten politischen und vor allem menschlichen Schwächen, die seinen König-Arthus-Nimbus schrumpfen (aber nicht verschwinden) ließen.

Auch auf der sowjetischen Gegenseite bauten Burdick & Wheeler auf konservierte politische Verhältnisse. Hier nannten sie jedoch zumindest das Ross beim Namen: 1967 steht weiterhin Nikita Chruschtschow der UdSSR als Ministerpräsident vor. Er wird durchaus respektvoll und nicht als seelenloser Apparatschik eines unmenschlichen Systems geschildert, ist aber weit von jener namenlosen Lichtgestalt entfernt, zu der die Autoren den US-Präsidenten erheben.

Heute hat sich der daraus resultierende Widerspruch erledigt. Schon 1967 war Kennedy tot und Chruschtschow seiner Ämter enthoben. Für den Leser sind beide zu fiktiven Figuren geworden, die wie die tatsächlich von den Autoren geschaffenen Protagonisten ihre Rollen im Rahmen eines dramatischen Planspiels erfüllen. Es ist so realistisch geraten, dass man sich nachträglich schaudernd fragen muss, wieso der kalte Krieg niemals heiß geworden ist.

Ende gut, alles gut …

Manchmal schweben Ideen förmlich in der Luft. Sie werden parallel aufgegriffen und umgesetzt – und später streiten sich die Verursacher um das Primat ihrer Schöpfung. So erging es auch Burdick & Wheeler. 1958 hatte der britische Autor Peter George (1924-1966) den Thriller „Cold War“ (auch: „Two Hours to Doom“) veröffentlicht. Hier kam die Welt noch einmal mit dem Schrecken davon. Dennoch waren die Handlungsparallelen beträchtlich. George erhob Anklage. Die Gefahr einer Verurteilung schien Burdick & Wheeler hoch genug, um sich außergerichtlich mit George zu einigen.

1962 kaufte Regisseur Stanley Kubrick (1928-1999) den Roman. Er arbeitete „Cold War“ zur rabenschwarzen Satire „Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb“ (dt. „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben)“ um und schuf 1964 einen Klassiker der Filmgeschichte.

Ebenfalls 1964 drehte Regisseur Sidney Lumet (1924-2011) „Fail-Safe“ (dt. „Angriffsziel Moskau“) nach dem Roman von Burdick & Wheeler. Er griff die Intention der Vorlage auf und schuf einen ernsthaften, wie das Buch beinahe dokumentarisch anmutenden Film mit Henry Fonda in der Rolle des US-Präsidenten. Walter Matthau spielte den Atomkriegs-Theoretiker Groteschele, und ein noch junger Larry Hagman gab lange vor seiner J.-R.-Ewing-Ära den Übersetzer Buck. Auch „Fail-Safe“ wurde ein Filmklassiker. 2000 wurde der Roman für das US-Fernsehen neu inszeniert und live ausgestrahlt. Dieser Herausforderung stellten sich u. a. Richard Dreyfuss, George Clooney und Harvey Keitel.

Autoren

Eugene Leonard Burdick wurde am 12. Dezember 1918 in Sheldon (US-Staat Iowa) geboren. Er studierte Psychologie und lehrte nach seinem Abschluss Politwissenschaften an der „University of California“. Parallel dazu schrieb Burdick Romane und Sachbücher. Vor allem sein gemeinsam mit William Lederer (1912-2009) veröffentlichter Politroman „The Ugly American“ (dt. „Der hässliche Amerikaner“) sorgte 1958 für Aufsehen; das Buch wurde 1963 mit Marlon Brando in der Hauptrolle verfilmt. Am 26. Juli 1965 erlag Burdick im Alter von 46 Jahren in Sarasota, Florida, einem Herzinfarkt.

John Harvey Wheeler, geboren am 17. Oktober 1918, studierte Politwissenschaften und war später Dozent für dieses Fach an diversen Universitäten. Seit 1960 gehörte er außerdem dem „Center for the Study of Democratic Institutions“ in Santa Barbara, Kalifornien, an – einem „think tank“, dessen Mitglieder versuchten, die politischen Entwicklungen der Gegenwart möglichst treffsicher in die Zukunft zu extrapolieren. In den frühen 1980er Jahren gründete Wheeler das „Journal of Social and Biological Structures“. Er gehörte zu den Pionieren, die das Potenzial des Internets erkannten. Außerdem schrieb er zahlreiche Bücher und Artikel über politische bzw. politphilosophische Themen. John Harvey Wheeler starb am 6. September 2004.

Kurzkritik für Ungeduldige: Ein technischer Defekt setzt die atomare Vergeltungsmaschine der USA in Gang. Zunehmend verzweifelt und schließlich sogar in Kooperation mit dem sowjetischen Erzfeind versuchen Regierung und Militär, die Bombenflugzeuge zu stoppen … – Betont nüchtern und quasi journalistisch beschäftigt sich dieser 1962 erschienene Roman mit der zum Zeitpunkt seines Erscheinens aktuellen Frage, wie stabil das „Gleichgewicht des Schreckens“ tatsächlich ist: spannend, eindringlich und grundsätzlich weiterhin aktuell.

[md]

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