Fremdes Land

James Lee Burke
Fremdes Land
(Holland-Familie-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: Wayfaring Stranger (New York : Simon & Schuster 2014)
Übersetzung: Ulrich Thiele
Deutsche Erstausgabe (Paperback): Mai 2016 (Heyne Verlag/Heyne Hardcore 27015)
573 S.
ISBN-13: 978-3-453-27015-2
eBook: Mai 2016 (Heyne Verlag)
2079 KB
ISBN-13: 978-3-641-16290-0
Hörbuch-Download: Mai 2016 (Random House Audio)
595 min. (gekürzt; gelesen von Dietmar Wunder)
ISBN-13: 978-3-8371-3319-6
MP3-CD: Mai 2016 (Random House Audio)
2 CDs = 595 min. (gekürzt; gelesen von Dietmar Wunder)
ISBN-13: 978-3-8371-3318-9

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Das geschieht:

Weldon Hollands Großvater hat als Texas Ranger noch manchen Outlaw aus dem Sattel geschossen. Der Enkel traf immerhin die legendären Gangster Bonnie & Clyde, als die auf ihrer endlosen Flucht vor dem Gesetz ein Päuschen auf der Holland-Farm einlegten. Mit dem elementaren Bösen wurde Weldon als Soldat im Nazi-Deutschland des Zweiten Weltkriegs konfrontiert. Hier fand er die jüdische Widerstandskämpferin Rosita Löwenstein zwischen den Leichen eines Konzentrationslagers, rettete und heiratete sie.

Mit seinem Kriegskameraden Hershel Pine kehrt Holland 1945 in die USA zurück. Gemeinsam entwickeln sie eine revolutionäre Schweißtechnik und werden dadurch zu Stars der boomenden Ölindustrie des Staates Texas, für die sie Pipelines in bisher unbekannter Qualität legen. Die kleine Firma streicht hohe Gewinne ein. Holland und Pine dringen damit in wirtschaftliche und gesellschaftliche Sphären vor, deren Bewohner mit harten Bandagen ihre Pfründen hüten.

Bestechung, Betrug und Intrigen sind hier an der Tagesordnung. Während Holland auf seine Integrität pocht, macht sich Pine durch die Heirat mit der ehrgeizigen Linda Gail angreifbar. Sie will in Hollywood Karriere machen und ist bereit, dafür buchstäblich alles zu tun. Dadurch wird Linda und über sie Hershel erpressbar, während Rosita als „Kommunistin“ denunziert wird, was im Nachkriegsamerika ernste Konsequenzen nach sich zieht.

Nach und nach ziehen die anonymen Gegner ihr Netz zu. Während Hershel und Linda bald Wirkung zeigen, gedenken weder Rosita noch Weldon nachzugeben. Sie nehmen den ungleichen Kampf auf – und werden erbarmungslos durch die Mangel gedreht. Die Firma gerät in Schieflage, der Ruf der Weldons wird zerstört. Als sie weiter Widerstand leisten, werden noch andere, brutale, mörderische Saiten aufgezogen …

Die Illusion von Chancengleichheit

Das Ende des Zweiten Weltkriegs schien zunächst eine Zeitenwende darzustellen. Nicht nur politisch und wirtschaftlich war der Globus in Bewegung geraten. Auch gesellschaftlich hatten verkrustete Strukturen nachgeben müssen. Als die USA nach Pearl Harbour in den Krieg zogen, war auf den Schlachtfeldern auch die alltägliche Rassendiskriminierung unter Beschuss geraten: Im Feuer der Nazis bzw. Japaner duckten sich Soldaten sämtlicher Hautfarben, Religionen und Herkünfte in ihren Schützenlöchern. Unter Schmutz und Blut waren sie in der Schlacht nicht auseinanderzuhalten, sie selbst merkten, dass man sich aufeinander verlassen musste und konnte – eine Erkenntnis, die nach Kriegsende durchaus im Gedächtnis haftete.

Als diese Soldaten endlich heimkehren konnten, machten sie allerdings die Feststellung, dass sich dort oft wenig oder gar nichts verändert hatte. Stattdessen waren jene, die nicht hatten einrücken müssen, gern dorthin gezogen, wo ihnen mehrere Jahre niemand Paroli bieten konnte. Auch die Nachkriegswirtschaft bot denen, die zeitnah einsteigen konnten, ein ‚Paradies‘, das durch Bereicherung, Korruption, Schiebung geprägt wurde.

Eigentlich hätten die Kriegsgewinnler es vorgezogen, wenn die Soldaten gar nicht zurückgekommen wären. Sie störten das einträgliche Gleichgewicht, das während ihrer Abwesenheit eingekehrt war. Zu allem Überfluss brachten die Heimkehrer lästige Ideen mit: Schwarze oder Juden sollten plötzlich als Mitbürger gelten; der traditionelle Raubritter-Kapitalismus – bisher als zentraler Antriebsstrang der US-Wirtschaft betrachtet – wurde hinterfragt. „Soziale“ – oder „sozialistische“ oder gar „kommunistische“ – Forderungen wurden laut, die der einträglichen Ausbeutung rechtloser Arbeitskräfte Einhalt zu bieten drohten. Es kam zur üblichen Reaktion: Die Mächtigen & Reichen schlossen ihre Reihen und versuchten ‚Gegner‘ durch politische Manipulationen, Unterwanderung oder notfalls blanke Gewalt zu kontrollieren und auszuschalten.

Das Ende der Pioniere

Dies ist der historische Hintergrund, vor dem James Lee Burke seine Geschichte ablaufen lässt. Anders als seine Serie um den Ermittler Dave Robicheaux ist „Fremdes Land“ kein klassischer Krimi, sondern ein Historienroman. Burke entfaltet das Panorama einer Ära, in der das Verbrechen in gewisser Weise ‚legal‘ wurde, weil es sich dort organisieren und vernetzen konnte, wo man es eigentlich hätte bekämpfen sollen.

Zwar war es durchaus möglich ‚mitzuspielen‘. Die Regeln wollten freilich die Etablierten bestimmen. Für Weldon Holland, den weißen, einheimischen Kriegshelden, würde sich wohl eine Nische finden. Hershel Pine nützt sein ökonomischer Erfolg jedoch wenig: Als Jude bleibt ihm der Aufstieg in die Oberschicht verschlossen.

Burke thematisiert eine daraus resultierende, stillschweigend dominierende, anonyme Kriminalität. „Fremdes Land“ beginnt mit einem Prolog, der in den 1930er Jahren spielt, als ein letztes Mal echte Gangsterbanden durch das Land zogen. Bonnie & Clyde, John Dillinger, die Barker-Gang: Sie lebten und starben gewalttätig bzw. gewaltsam. Ihr Verschwinden änderte allerdings nichts an einer Gesellschaft, für die legale Gewalt ein Instrument blieb. Sie musste nur unauffällig ausgeübt werden, wobei Politik, Justiz und Polizei gern Hilfestellung leisteten, da in entscheidenden Positionen Vertreter und Helfershelfer des korrupten Establishments saßen.

Weldon Holland repräsentiert für Burke den ‚reinen‘ Pionier. Er gehört zu einem Menschenschlag, der die USA zum (spätestens seit 1945) mächtigsten und reichsten Land dieser Erde gemacht hat. Die Verbindung zwischen Weldon und dieser glorreichen Vergangenheit stellt Großvater Hackberry Holland dar, der Mitte des 19. Jahrhunderts geboren wurde und den realen „Wilden Westen“ erlebt und mitgeprägt hat. Er hat seinen (vaterlos aufwachsenden) Enkel mit den tradierten Werten dieser Zeit vertraut gemacht; mehrfach finden sich Szenen, in denen Weldon Hackberrys Rat sucht.

Neue Zeit ohne neue Werte

Die vermittelten Werte sind simpel. „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem anderen zu“: Vor allem dieses auch hierzulande bekannte Sprichwort gilt als moralischer Maßstab. Damit gerät Weldon nach seiner Heimkehr erst recht in Schwierigkeiten. An seiner Seite stehen sein jüdischer Kamerad Hershel Pine, der ihm das Leben gerettet hat (und umgekehrt), sowie Rosita Löwenstein, eine jüdische KZ-Überlebende, deren Rettung ihn mit einem Grauen konfrontierte, das Weldons Weltbild einerseits erschüttert und andererseits in seinen Ansichten noch bestärkt hat.

Doch die Heimat ist zum „Fremden Land“ des deutschen Titels geworden. (Der Originaltitel „Wayfaring Stranger“ erinnert an einen gleichnamigen, in den USA populären Folksong aus dem frühen 19. Jahrhundert; u. a. haben ihn Burl Ives, Joan Baez oder Johnny Cash aufgenommen.) Die Handlung ist primär ein endloser Spießrutenlauf, den Weldon, Herschel und Rosita aber auch Linda Gail antreten müssen. Wieder und wieder ecken sie an, wehren sich und beschwören dadurch noch stärkeren Gegenwind herauf.

Was die Zeitgenossen für selbstverständlich hielten, war eindeutig kriminell. Burke lässt daran keinen Zweifel. Er geht noch einen Schritt weiter: In einer langen Passage lässt er Weldon die Umweltzerstörungen betrachten, die der Öl-Boom erzeugt. Im allgemeinen Aufschwung der Nachkriegsjahre kümmert sich niemand um solche ‚Kollateralschäden‘: Der Pionier hat nie anders gehandelt, denn stets gab es neues, unberührtes Land, zu dem er weiterziehen konnte. Weldon wird unbehaglich bewusst, dass diese Epoche vorbei ist: Spätestens seine Kinder werden sich den Folgen des Raubbaus stellen müssen.

Bekannte Töne, bekanntes Lied

Man darf „Fremdes Land“ keinesfalls als langweiliges Buch bezeichnen. Burke kann schreiben und sein Garn so spinnen, dass er uns durch die Geschichte dorthin lockt, wo er uns haben möchte. Lokal- und Zeitkolorit ziehen den Leser zusätzlich in ihren Bann. Nichtsdestotrotz ist zu konstatieren, dass Burke dem Klischee näher ist als einer klassischen Handlung oder Figurenzeichnung. Vielleicht empfindet der europäische Leser dies stärker als der US-Amerikaner. Jedenfalls wirkt die Konfrontation zwischen Moral und Realität überaus bekannt. Viele, womöglich zu viele Bücher und Filme haben dies thematisiert. Burke scheint ausnahmslos aus Büchern und Filmen zu zitieren, die über diese Zeit geschrieben und gedreht wurden.

Möglicherweise ist zumindest der Zyniker es müde, schon wieder den Standard-Kampf David gegen Goliath zu beobachten, auch wenn sich Burke hütet, das ‚Gute‘ obsiegen zu lassen. Nur wirkt selbst der Epilog, der das zukünftige Schicksal der überlebenden Figuren zusammenfasst, recht pathetisch. Überhaupt leidet diese Geschichte unter dem Gewicht einer plakativen Weltschwermut, der ein wenig mehr Schärfe bzw. einige (binsen-) weise Sprüche weniger guttun würden. Ein gutes (bzw. schlechtes) Beispiel ist die Figur Roy Wisehart: Der vom Leben gelangweilte aber im Grunde gutherzige Millionär tut Buße für seine Sünden (sowie einen von ihm verschuldeten Kameradentod), indem er sich dramatisch für Weldon und Rosita opfert: Das greift nicht an Herz, sondern reizt zum Lachen.

Mit steigendem Alter mag Burke den Drang verspüren, seine Kommentare zu politischen und gesellschaftlichen Missständen deutlicher zu artikulieren. In seinen Robicheaux-Romanen lässt er sie ins Geschehen einfließen, statt sie ihm aufzuladen, und fährt eindeutig besser damit. Das mildert das Lektürevergnügen aber höchstens auf weiterhin hohem Niveau. Mit „Fremdes Land“ setzt Burke ‚seine‘ Historie des Staates Texas fort, die er 1971 mit der erst 2009 fortgesetzten Serie um Sheriff Hackberry Weldon – ein Nachfahre des Rangers Hackberry und seines Enkels Weldon – begann. Er weitet sie auf die Vergangenheit aus: „Vater und Sohn“ spielt im späten 19. Jahrhundert und während des Ersten Weltkriegs; die Hauptfiguren sind Hackberry sr. und sein Sohn Ishmael. Ein drittes Buch setzt 1952 ein und ist ein „Coming-of-Age“-Roman mit Thriller-Elementen.

Autor

Schon mit neunzehn Jahren begann James Lee Burke (geboren am 5. Dezember 1936 in Houston, US-Staat Texas) zu schreiben. Die viel versprechende Karriere wurde freilich beeinträchtigt durch ein Alkoholproblem, das Burke nach qualvollen Jahren erst 1982 im Rahmen eines langwierigen Entwöhnungs-Programms unter Kontrolle bekam: Dies ist nicht die einzige Erfahrung, die ihn mit Dave Robicheaux verbindet, den man durchaus als Alter Ego des Verfassers betrachten kann. Der bemerkenswert fleißige Burke (20 Robicheaux-Thriller seit 1987; seit 2009 erscheinen Romane um die Gesetzeshüter-Familie Weldon, hinzu kommen serienunabhängige Romane) arbeitet mit großem Erfolg an seiner Karriere, in deren Verlauf er nicht nur regelmäßig auf den Bestseller-Listen vertreten war (und ist), sondern auch für den renommierten Pulitzer-Preis nominiert wurde, während er den begehrten „Edgar Award“ gleich zweimal (1989 für „Black Cherry Blues“, 1997 für „Cimarron Rose“) sowie den „CWA/Macallan Gold Dagger for Fiction“ (1998 für „Sunset Limited“; dt. „Sumpffieber“) gewann.

Mehrere seiner Werke wurden inzwischen verfilmt, darunter zwei Romane der Robicheaux-Serie („Mississippi Delta“/„Heaven´s Prisoners“, 1995, Regie: Phil Joanou, mit Alec Baldwin als in der Rolle des Titelhelden bzw. „Mord in Louisiana“/„In the Electric Mist“, 2009, Regie: Bertrand Tavernier, mit Tommy Lee Jones.) Die Verfilmung weiterer Romane der Serie ist angekündigt, verzögert sich jedoch aufgrund eines komplizierten Rechtsstreits seit Jahren.

Über sein Leben und Werk informiert Burke auf seiner Website.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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