Ihr Blut soll vergossen werden

Robert Edric
Ihr Blut soll vergossen werden

Originaltitel: Swan Song (London : Doubleday, a division of Transworld Publishers 2005)
Übersetzung: Giovanni u. Ditte Bandini
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2007 (Wilhelm Goldmann Verlag/TB Nr. 46451)
416 S.
ISBN-13: 978-3-442-46451-7
www.randomhouse.de/goldmann

Das geschieht:

Leo Rivers ist Privatdetektiv in Hull, einer Hafenstadt an der englischen Ostküste. Seine aktuelle Klientin ist Susan Hendry, deren drogensüchtiger Sohn Paul in der Praxis seines Hausarztes gefunden wurde: Offensichtlich hat er erst seine Lebensgefährtin Lucy ermordet und sich dann nach dem Einbruch eine Überdosis Rauschgift gespritzt. Ob dies ein Unfall oder ein Selbstmordversuch war, bleibt offen, denn Paul liegt im Koma, aus dem er wohl nie mehr erwachen wird.

Für Chief Superintendent Alexander Lister, der unbedingt Polizeipräsident von Hull werden möchte, ist Paul Hendry, der sich nicht verteidigen kann, das ideale Bauernopfer. Um die Politiker der Stadt sowie die Medien auf seine Seite zu bringen, lässt er durchblicken, dass Hendry auch verantwortlich für zwei weitere ungeklärte Frauenmorde ist. Lister verknüpft dies mit einem Feldzug gegen das Rotlichtmilieu von Hull, der ihm viel positive Publicity einbringen soll. Deshalb versucht er die Presse auf seine Seite zu ziehen sowie Störenfriede einzuschüchtern.

Zu diesen zählt er auch Rivers, denn dieser durchschaut das Spiel. Seine Ermittlungen ergeben ein anderes, besorgniserregendes Bild: In Hull treibt offenbar ein Serienkiller sein Unwesen, der es auf junge Frauen abgesehen hat. Die drei fälschlich Paul Hendry zugeschriebenen Morde sind sehr wahrscheinlich nicht die einzigen Bluttaten des unbekannten und sehr organisiert vorgehenden Täters.

Von der Polizei angefeindet und auf der Basis mehr als magerer Indizien macht sich Rivers auf die Suche nach dem wahren Mörder. Er enthüllt dabei eine Tragödie, die vor mehr als drei Jahrzehnten ihren Ursprung nahm und erst jetzt durch einen ebenso irren wie schlauen Mörder gerächt werden soll. Rivers muss sich sputen, denn noch ist dieser Feldzug nicht abgeschlossen – der Killer hat schon das nächste Opfer ins Visier genommen …

Ritter in einer wenig glanzvollen Gegenwart

Privatdetektive stehen seit jeher in einem gespannten Verhältnis zur Polizei. Wen wundert’s, da diese über – womöglich auch noch erfolgreiche – Konkurrenz, die zudem an keine Dienstvorschriften gebunden ist, nicht erbaut sein kann. Zwar verfügt der Detektiv nicht über die Möglichkeiten, die der Polizei ihre Ermittlungen ermöglichen und erleichtern soll, doch öffnen sich ihm andererseits Türen, die den offiziellen Ermittlern manchmal verschlossen bleiben.

So wird aus dem Privatdetektiv des Kriminalromans die letzte Instanz; nicht unbedingt für das Recht, sondern für die Gerechtigkeit, die er auf manchmal leicht krummen Wegen vertritt. Der klassische Detektiv – und in diese Kategorie fällt Leo Rivers – ist ein Ritter in rostiger Rüstung. Letzteres ist längst zum Klischee geworden: Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit rentieren sich nicht in einer merkantil und moralfrei orientierten Welt. Deshalb haust auch Rivers in einem Büro, dessen liebevoll ausgemalte Schäbigkeit beinahe lächerlich wirkt; betrachten wir es als literarische Anleihe an die Klassiker des Genres.

Auf die stützt sich Robert Edric sichtlich in seiner düsteren und sehr komplizierten Geschichte einer ‚verzögerten‘ Rache. Sorgfältig vertuschte Skandale in gesellschaftlichen Hochkreisen sind ein trüber Teich, in dem schon die Großmeister des Genres – Chandler, Hammett, Macdonald – ihre Detektive fischen ließen. „Ihr Blut soll vergossen werden“ wirkt wie eine gen Osten über den Atlantik verlagerte und für das 21. Jahrhundert aktualisierte Version dieser Krimis, die stets viel über die politischen und sozialen Verhältnisse ihrer Entstehungszeit aussagten.

Diese Welt ist ein meist trostloser Ort

Hull ist so, wie Edric diese Stadt schildert, die ideale Umgebung für Anti-Helden wie Rivers, dem mit seinen Freunden Sunny und Yvonne ähnlich angeschlagene Zeitgenossen zur Seite stehen. Die Globalisierungskrise wurde hier in den 1970er Jahren durch den Zusammenbruch der Fischerei vorweggenommen, die der Stadt ihre jahrhundertealte wirtschaftliche Basis nahm und einen ganzen Berufsstand überflüssig machte. Die Fischer wurden verdrängt und vergessen; sie sanken zur dauerarbeitslosen Unterschicht ab. Auch Rivers Vorfahren waren Fischer; er kennt die Problematik, was ihm ermöglicht, die verbitterten Männer zu verstehen, mit denen er es im Verlauf seiner Ermittlung immer wieder zu tun bekommt.

Politiker sind im Detektivroman quasi automatisch verdächtig. Sind sie selbst nicht in das zentrale Verbrechen verwickelt, finden sie genug andere Möglichkeiten, sich moralisch ins Unrecht zu setzen. Statt sich für die Menschen einzusetzen, die sie gewählt haben, verbringen sie ihre Zeit mit Intrigen, Korruption und dem Kampf um den Erhalt der Macht. In unserem Fall repräsentiert Chief Superintendent Lister diese Klasse einer neuen gesellschaftlichen Elite, die durch moralisch ebenso gleichgültige Bankiers, Manager oder Wirtschaftsmagnaten verstärkt wird. Der Mord an einer jungen Frau und später eine ganze Mordserie interessiert sie nur als Treibstoff oder als Stolperstein für ihre Karrieren. Lister sind seine arrangierten ‚Pressekonferenzen‘ wichtiger als der Fortschritt der Fahndung, die er Untergebenen überlässt, denen er im Bedarfsfall ein Scheitern in die Schuhe schieben kann. Auf diesem Niveau bewegen sich alle selbst ernannten Stützen der Gesellschaft, auf die Rivers trifft.

War da nicht noch ein Serienkiller …?

Verlierer oder Schurken stellen die kopfstarke Schar derer dar, mit denen es Rivers zu tun bekommt. Für die Freunde des unschuldigen Rätselkrimis bedeutet „Ihr Blut soll vergossen werden“ harte und bittere Kost. Verbrechen ist hier kein intellektuelles Spiel, sondern schmutzige, schmerzhafte Realität. Die eigentlichen Morde werden nie geschildert. Edric beschränkt sich auf die Darstellung der Folgen, was mehr als ausreichend ist. Seine Schlussfolgerung ist überzeugend: Zu den Opfern eines Verbrechens gehören auch die Überlebenden.

Auch die detektivische Ermittlung ist bei Eldric kein glanzvoller Sprung von Geistesblitz zu Geistesblitz. Rivers Alltagsarbeit besteht aus Fußarbeit und Frustration. Selten erfährt er, was er wissen möchte. Pure Hartnäckigkeit und Berufsroutine bringen ihn langsam weiter. Dabei unterlaufen ihm Fehler und Fehleinschätzungen, die ihn mit in den Strudel von Schuld und Sühne ziehen. Letztlich muss Rivers sogar entdecken, dass ihn das Establishment missbraucht hat. Er hat den Mörder gestellt, doch zufrieden stellt ihn das nicht – es kann einen Mann wie ihn auch nicht zufriedenstellen, der im Grunde ein Idealist ist.

Der Mörder: keine Lecter-Kopie, die in blutigen Spektakeln schwelgt, sondern ein gestörter Mensch, der nur den Dämonen im eigenen Hirn verpflichtet ist. Die Bluttaten sind schäbig, die Leichen hässlich. In dem Heer egoistischer Karrieristen und Heuchler, mit denen uns Edric konfrontiert, fällt der Mörder eigentlich gar nicht auf.

Traurige Realität in kunstvoller Sprache

Das klingt nach einer geradezu niederschmetternden Lektüre. In der Tat lässt uns Edric kein Schlupfloch. Ruhepausen in Gestalt schwarzhumoriger Einlagen à la Ian Rankin oder Stuart MacBride gibt es nicht. Oder ist der Leser solche emotionale Intensität einfach nicht mehr gewöhnt? „Ihr Blut soll vergossen werden“ gehört zwar äußerlich zum Strom lieblos gestalteter Thriller, die der Buchfabrik-Gigant Random House allmonatlich auf den Markt wirft, doch inhaltlich ist dieser Roman von einer Qualität, die das übliche Lesefutter vermissen lässt. (Damit das bloß kein Durchschnittsleser merkt und womöglich vom Kauf abgeschreckt wird, wurde dem Roman in Deutschland der reißerische Dumm-Titel „Ihr Blut soll vergossen werden“ aufgeprägt.)

An dieser Stelle soll nicht schon wieder in jene Kerbe gehauen werden, die in Deutschland die „Literatur“ von der „Unterhaltung“ trennt. Diese fruchtlose Diskussion wird an anderer Stelle kundiger (und vehementer) geführt. Beschränken wir uns hier auf die nüchterne Feststellung, dass Robert Edric unabhängig vom gewählten Genre ein versierter Geschichtenerzähler ist. Er kann mit Worten umgehen, er hat ein Gespür für Handlungsstruktur und Timing. „Ihr Blut soll vergossen werden“ ist ein Roman mit mehr als 400 Seiten Umfang. Die Überraschung ist, dass jeglicher Leerlauf ausbleibt. Das kennt man als Leser der ziegelsteindicken Krimis der Gegenwart kaum noch, sondern hat sich darauf eingestellt, Passagen, die früher als Geschwafel erkannt und gekürzt worden wären, einfach zu überspringen. Edric hat und hält uns am Haken. Falls es das ist, was einen Literaten kennzeichnet, dann wünscht sich der Krimifreund mehr Schriftsteller wie Robert Edric!

Autor

Robert Edric ist das Pseudonym von Gary Edric Armitage, der 1956 im englischen Sheffield geboren wurde. Dort wuchs er auf und studierte Geografie – ein Fach, das er später als Dozent an der Hull University lehrte.

Schon in seiner Doktorarbeit zeigte sich Edric als Literat: Er untersuchte die Bedeutung geografischer Begriffe wie Landschaft und Raum im viktorianischen Roman. Als Autor wurde er aktiv, nachdem er 1982 nach Hornsea in East Yorkshire umgezogen war, wo er noch heute lebt und arbeitet. 1985 veröffentlichte Edric „Winter Garden“. Für seinen Debütroman wurde er mit einem James Tait Black Prize ausgezeichnet. Auch für seine weiteren, meist historische Themen aufgreifenden Romane wurde Edric mehrfach preisgekrönt.

Die „Song Circle“-Trilogie um den Privatdetektiv Leo Rivers erschien im Wilhelm Goldmann Verlag:

(2003) Die toten Mädchen („Cradle Song“) – TB Nr. 45661
(2004) Die Tote im Meer („Siren Song“) – TB Nr. 45662
(2005) Ihr Blut soll vergossen werden („Swan Song“) – TB Nr. 46451

[Michael Drewniok]

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Ihr Blut soll vergossen werden.

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