Inferno

Thomas N. Scortia/Frank M. Robinson
Inferno


Originaltitel: The Glass Inferno (New York : Doubleday & Company 1974)
Übersetzung: Heinz Nagel
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): 1975 (Herbig Verlag)
463 S.
ISBN-10: 3-7766-0730-0
Neuausgabe: 1976 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe 11098)
430 S.
ISBN-13: 978-3-404-00423-2

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Das geschieht:

Finanz-Tycoon Wyndon Leroux ruft seinen Star-Architekten Craig Barton in die Firmen-Zentrale. Der leistet unwillig Folge, denn er ist noch immer zornig, weil ihm Leroux sein ‚Baby‘ entzogen hat: Das 66-stöckige „National-Curtainwall“-Gebäude, genannt „Glashaus“, gilt als das fortschrittlichste Hochhaus der Gegenwart. Barton hat es entworfen, aber die bauliche Umsetzung übertrug Leroux anderen, willfährigen Untergebenen.

Den Grund meint TV-Journalist Jeffrey Quantrell ausgemacht zu haben: Für das „Glashaus“ wurden Bauvorschriften ignoriert oder nachträglich gemildert, um Kosten zu sparen. Politik und Stadtverwaltung sind mit im Boot. Da er plant, Kopien des „Glashauses“ überall auf der Welt zu errichten, lässt Leroux seine Verbindungen spielen, um Quantrell auszuschalten. Außerdem treffen dessen Anschuldigungen zu: Das „Glashaus“ ist weder feuersicher noch problemlos zu evakuieren.

Dies rächt sich, als in einem kleinen Lagerraum Feuer ausbricht. Die minderwertigen internen Sicherheitseinrichtungen des „Glashauses“ versagen, die Feuerwehr wird erst spät alarmiert. Das Gebäude steht in einer Höhe in Flammen, die den Einsatz schweren Löschgeräts verhindert. Viele Mieter wurden nicht über den Brand informiert. Im Dachrestaurant essen zahlungskräftige Gäste ahnungslos zu Abend. Unter ihnen befinden sich Bartons Gattin und Wyndon Leroux mit Frau.

Einsatzleiter Mario Infantino und seine Feuerwehrmänner kämpfen sich Stockwerk für Stockwerk vor. Immer wieder laufen ihre Löschversuche ins Leere, weil sich das Feuer aufgrund der akuten Baumängel ausbreiten kann. Auf allen Etagen kämpfen Menschen mit- oder gegeneinander um ihr Leben. Als schließlich eine Gasleitung explodiert, steht das „Glashaus“ bis zu seiner Spitze in Flammen, wo sich die Überlebenden verschanzt haben …

Hybris und Höhen

Man kann sagen, dass 1974 das Thema nicht nur in der Luft lag, sondern hoch in dieselbe ragte: 1973 waren die beiden Türme des „World Trade Center“ in New York eröffnet worden. Mit 417 und 415 Meter Höhe stellten sie zu diesem Zeitpunkt die höchsten Gebäude der Welt dar. Ihre eindrucksvolle Präsenz regte die Fantasie an – im Positiven wie im Negativen. Umgehend eignete sich die Unterhaltungsindustrie die Türme bzw. das Wolkenkratzer-Thema an: Wer hoch baut, kann umso tiefer fallen, ein Geschehen, der sich spektakulär, spannend und einträglich darstellen lässt.

Schon 1933 hatte King Kong dramatisch das Empire State Building erklommen. (1976 wiederholte er diesen Kletterakt am World Trade Center.) Auch ohne Riesenaffen ließ sich das Hochhaus als Spielfläche nutzen. Eine alltägliche Gefahr sorgte für entsprechenden Grusel, der durch das Element der Höhe enorm gesteigert wurde: Häuser brennen, weshalb der Mensch das Feuer fürchtet, seit er nicht mehr in brandfesten Höhlen haust.

Was geschieht, wenn Flucht vor dem Feuer unmöglich und man ihm ausgeliefert ist? Darüber hatten sich selbstverständlich jene, die Hochhäuser entwarfen, bauten und einrichteten, ausgiebig Gedanken gemacht. Es fehlte indes die Erfahrung, ob die getroffenen Schutzmaßnahmen greifen würden; man konnte schlecht einen Wolkenkratzer testweise anzünden. In diese Grauzone der Ungewissheit siedelten Kritiker des Hochhausbaus ihr Misstrauen an: Bauunternehmen sparen gern, wo sie können, und pfuschen, wo sie hoffen, nicht erwischt zu werden. Entsprechende Vorurteile wurden durch schwarze Schafe der Branche genährt und ließen sich problemlos extrapolieren. Hilfreich hinzu gesellte sich der in den 1970er Jahren aufkeimende Generalverdacht, als kleiner Bürger von korrupten, gierigen und skrupellosen Politikern und Konzernen hintergangen zu werden.

Katastrophen en gros

Halbwissen und Verdacht verdichteten sich u. a. in einer ganzen Serie sogenannter Katastrophen-Thriller, in denen Hollywood Flugzeuge abstürzen („Airport“, 1970), Schiffe kentern („The Poseidon Adventure“, 1972; dt. „Höllenfahrt der Poseidon“) oder die Erde beben („Earthquake“, 1974; dt. „Erdbeben“) ließ.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch Wolkenkratzer ins Visier genommen wurden. Tatsächlich kamen gleich drei Autoren auf diese Idee. 1973 veröffentlichte Richard Martin Stern (1915-2001) „The Tower“ (dt. „Der Turm“). 1974 folgte das Autorengespann Thomas N. Scortia und Frank M. Robinson mit „The Glass Inferno“ (dt. „Inferno“). Die Handlungen und ihre Ähnlichkeiten waren zufällig bzw. wurden vom Thema vorgegeben.

Von den beiden genannten Romanen ist „Inferno“ der gelungenere – dies nicht, weil er verfilmt wurde, denn „The Towering Inferno“ (dt. „Flammendes Inferno“), der Kino-Blockbuster des Jahres 1974, basierte auf einem Drehbuch, für das beide Bücher verschmolzen wurden. „Inferno“ ist demnach kein „Buch zum Film“, sondern eine Vorlage, die sich durchaus vom Film unterscheidet.

Der menschliche Faktor

Der Katastrophen-Thriller bildet ein eigenes Genre, dessen Grenzen recht eng gefasst sind. Dreh- und Angelpunkt stellt das jeweils gewählte Desaster dar. Allein ist es freilich nicht handlungsfüllend, denn selbst die spektakulärste Apokalypse lässt den Leser (oder Zuschauer) kalt, wenn er oder sie sich nicht mit jemandem identifizieren kann.

Dies gibt einen doppelzügigen Spannungsbogen vor. Zunächst werden uns einzelne Personen vorgestellt. Üblicherweise präsentiert der Katastrophen-Thriller einen mehr oder weniger repräsentativen Schnitt durch die Gesellschafts-Pyramide. Hier sind es u. a. ein rücksichtsloser Kapitalist, ein idealistischer Architekt, seine oberflächliche Gattin, ein unerschrockener Feuerwehrmann, ein publicitygeiler Journalist, ein reumütiger Trickbetrüger, ein schwuler Innenausstatter, ein farbiger Sicherheitsmann, ein vom Entzug geschüttelter Junkie u. a. Pechvögel, deren Lebensläufe uns so ausführlich geschildert werden, dass wir heilfroh sind, als es auf S. 170 endlich richtig brennt.

Diese Biografien wechseln sich mit Szenen des Unheils ab. Scortia/Robinson schildern die Entwicklung des Feuers vom schwelenden Funken zum brüllenden, alles verschlingenden Sturm mit dokumentarisch anmutender Detailfreude. Während die Figurenzeichnungen oft ins Klischee abgleiten, sind diese Kapitel zeitlos spannend. Die Autoren steigern das, indem sie das Feuer personifizieren. Sie nennen es „das Tier“ und unterstellen ihm eine diabolische Intelligenz, die in der menschlichen Angst vor dem Feuer begründet liegt.

Das Ende ist (trügerisch) nahe

Wenn die Flammen toben, scheiden sich die Protagonisten in Helden, Feiglinge und Opfer. In der Krise bröckelt die Tünche der Zivilisation. Der nackte Charakter bricht sich Bahn, was eine gute Geschichte ergibt. Wiederum lodert das Klischee beinahe so kräftig wie das Feuer, aber Scortia/Robinson widmen sich glücklicherweise ebenso intensiv der eigentlichen Handlung – dem Feuer im Hochhaus, das einen gänzlich anderen Verlauf nimmt als ein Feuer auf ebener Erde. Daraus entwickeln sich Szenen, in denen sich menschliches Schicksal und präzise Katastrophenbeschreibung ideal mischen und eine mitreißende Lektüre bedingen.

Selbstverständlich verzichten Scortia/Robinson nicht auf den Verzögerungseffekt: Gegen Ende des zweiten Drittels scheinen die Flammen bereits zu erlöschen. Der erfahrene Leser lässt sich dadurch nicht täuschen. Kurz darauf bricht das Feuer in einer zweiten, ungleich brutaleren Inkarnation erneut aus. Jetzt überschlagen sich die Ereignisse. Das zahlenstarke Feld der Figuren wird dramatisch ausgedünnt. Faktisch ist an Rettung nicht zu denken. Wie Ratten sitzen die verbliebenen Bewohner des „Glashauses“ in der Falle. Verzweiflung greift um sich, die Besonnenen finden sich mit ihrem Schicksal ab, die Helden grübeln fieberhaft über eine Lösung nach.

Selbstverständlich gibt es ein Hintertürchen. Wer das Geschehen bis hierher atemlos verfolgt hat, wäre arg vor den Kopf gestoßen, blieben sämtliche Figuren auf der Strecke, wie es die Logik geböte. Zudem wohnt jedem Katastrophen-Thriller das Element der finalen Erkenntnis inne: Aus den Trümmern rappeln sich die Überlebenden auf und geloben Besserung. (Die kriminellen und unbelehrbaren Zeitgenossen haben es praktischerweise nicht überstanden und fallen als Spielverderber aus.) So geschah es bereits beim Turmbau zu Babel, wurde offensichtlich folgenlos vergessen und lässt seitdem Raum für die nächste Katastrophe. (Dass Wolkenkratzer einstürzen können, weil fanatisierte Verbrecher sie mit Flugzeugen rammen, lag 1974 außerhalb selbst Hollywoods Vorstellungskraft.)

„Inferno“ – der Film

Quasi brandheiß schmiedete 1974 Filmproduzent Irwin Allen (1916-1991) das Eisen. Er entfesselte gern Kino-Katastrophen und hatte u. a. zwei Jahre zuvor „The Poseidon Adventure“ („Höllenfahrt der Poseidon“) realisiert. Der enorme finanzielle Erfolg ließ Allen den Einsatz erhöhen, wobei er dem bewährten Rezept treu blieb: Eine schlichte aber bewährte Story wertete er durch spektakuläre Tricks und eine Starbesetzung bis in die Nebenrollen auf.

Die Action-Szenen inszenierte Allen vorsichtshalber selbst, während sich ‚Haupt-Regisseur‘ John Guillermin den Schauspielern widmete. Die Besetzungsliste las sich wie ein „Who’s Who“ des alten und neuen Hollywood: Steve McQueen, Paul Newman und Faye Dunaway spielten die Hauptrollen. Unterstützt wurden sie u. a. von Fred Astaire, William Holden, Robert Wagner und Richard Chamberlain.

Stirling Silliphant übernahm die komplizierte Aufgabe, gleich zwei Romanvorlagen (s. o.) zu einem harmonischen Drehbuch zu kombinieren. Es gelang ihm, für den Rest sorgten Geld und Hollywood-Knowhow. Das „Flammendes Inferno“ tobt in seiner ungekürzten (im deutschen Fernsehen selten gezeigten) Fassung stolze 165 Minuten, ist aber keineswegs langweilig. Ohne es durch fehlplatzierten Tiefsinn zu verärgern, wird dem Publikum ein grandioses Action-Spektakel präsentiert, das sich noch heute sehen lassen kann, obwohl die Spezialeffekte vom Zahn der Zeit kräftig angenagt wirken. Sogar die Kritik war angetan, während sie Katastrophen-Filme üblicherweise gar nicht schätzte. An den Kassen spielte „Flammendes Inferno“ das Zehnfache der Produktionskosten ein.

Autoren

Thomas Nicholas Scortia wurde am 29. August 1926 in Alton (US-Staat Illinois) geboren. Er studierte Chemie an der Washington University in St. Louis. Nach seinem Abschluss (1949) arbeitete Scortia für verschiedene Raumfahrt-Unternehmen.

Nach dem Ende der bemannten Mondfahrt (1972) wurden zahlreiche Angestellte ‚freigestellt‘. Scortia hatte bereits in den 1950er Jahren einige Kurzgeschichten veröffentlicht. Sein Debüt war „The Prodigy“ in der Ausgabe März 1956 des Magazins „Science Fiction Adventures“. Um seinen Ruf besorgt, bediente sich Scortia der Pseudonyme Scott Nichols, Gerald MacDow und (möglicherweise) Arthur R Kurtz.

Nach einem ersten Roman, dem 1961 erschienenen Thriller („What Mad Oracle?“), begann Scortia nach 1970 eine Laufbahn als freier Schriftsteller. Dem Science-Fiction-Roman „Artery of Fire” folgte „The Glass Inferno” (dt. „Inferno“), geschrieben 1973 mit dem Science-Fiction-Autor Frank M. Robinson. Mit ihm arbeitete Scortia in den nächsten Jahren immer wieder zusammen.

„The Glass Inferno“ ebnete – nicht zuletzt durch die sehr erfolgreiche Verfilmung 1974 – Scortia den Weg zum Erfolg. Bis zu seinem frühen Tod erschienen regelmäßig weitere Thriller, die sich oft um aus technischem und menschlichem Versagen geborenen Katastrophen und Krisen drehten. Mitte der 1980er Jahre erkrankte Scortia an Leukämie, was möglicherweise die Folge einer allzu intensiven beruflichen Beschäftigung mit der nuklearen US-Waffentechnik war. Er starb am 29 April 1986 in La Verne, Kalifornien.

Frank Malcolm Robinson, geboren am 9 August 1926 in Chicago, Illinois, begann seine berufliche Laufbahn als Laufbursche für einen großen Verlag. 1944 wurde er eingezogen und zog mit der Navy in den II. Weltkrieg. Nach dem Ende seines Dienstes studierte Robinson Physik am Beloit College in Wisconsin. Da er nach seinem Abschluss 1950 keine Arbeit fand, kehrte er in den Militärdienst zurück. Dieses Mal diente er in Korea.

Zurück in den USA studierte Robinson Journalismus. Ab 1956 arbeitete er für ein populärwissenschaftliches Magazin, zwischen 1959 und 1973 für verschiedene Herren-Magazine und zuletzt für den „Playboy“, bevor er sich als freier Schriftsteller in San Francisco niederließ. Ab 1950 hatte er Kurzgeschichten und bereits 1956 den SF-Thriller „The Power“ (dt. „Die lautlose Macht“) veröffentlicht, der 1968 verfilmt wurde.

Zwischen 1974 und 1980 schrieb Robinson fünf Wissenschafts- bzw. Technik-Thriller mit Thomas N. Scortia (1926-1986). Nach Scortias Tod veröffentlichte Robinson nur wenige Romane. Er wandte sich in den 1990er Jahren wieder stärker der Kurzgeschichte zu. Sehr aktiv wurde er im sekundärwissenschaftlichen Bereich. Robinson veröffentlichte unzählige Essays u. a. Texte in SF- und Film-Magazinen. Zudem gilt er als ausgewiesener Kenner der „Pulp“-Magazine und hat mehrere reich illustrierte Bücher zum Thema veröffentlicht. Am 30. Juni 2014 ist Robinson in San Francisco gestorben.

Copyright © 2013/2017 by Michael Drewniok (md)

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