Inselwahn

Tim Binding
Inselwahn

(sfbentry)
Originaltitel: Island Madness (London : Picador 1998)
Übersetzung: Karin Dufner
Dt. Erstauflage (geb.): 1999 (Kurt Blessing Verlag)
414 S.
ISBN-10: 3-89667-085-9
Neuauflage: November 2001 (btb Verlag/TB Nr. 72841)
414 S.
ISBN-13: 978-3-442-72841-1

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Das geschieht:

Etwa auf halber Strecke zwischen der englischen Hauptinsel und dem kontinentalen Frankreich liegt dort, wo sich der Ärmelkanal zum Atlantik weitet, die Insel Guernsey. Zwar mit der britischen Krone verbunden aber politisch nicht Teil Großbritanniens, hat sich hier ein eigenwilliger Menschenschlag angesiedelt, der gern unter sich bleibt. Die Außenwelt erreichte Guernsey lange höchstens in Gestalt der Touristen, bis im Sommer 1940 nazideutsche Truppen die Insel stürmen.

Seit drei Jahre halten die Deutschen Guernsey nunmehr besetzt. Weiter ist die Eroberung der britischen Inseln allerdings nicht gediehen, denn das Kriegsglück begann sich gegen die Deutschen zu wenden. Auf Guernsey ist davon jedoch nichts zu spüren. Im Gegenteil: Hitler ist mehr denn je vom „Inselwahn“ besessen und lässt die Insel zur Festung gegen die Alliierten und zum Brückenkopf für eine Invasion Englands ausbauen.

Die Stimmung auf Guernsey ist friedlich, wenn auch gespannt. Einheimische und Besatzer haben sich scheinbar arrangiert, der Krieg ist fern und wird es wohl auch bleiben, denn Winston Churchill denkt nicht daran, die Deutschen von der strategisch unwichtigen Insel zu vertreiben. Major Gerhard Lentsch, dem die Militärverwaltung untersteht, hat sich in St. Peter Port, der ‚Hauptstadt‘ von Guernsey, behaglich in einer beschlagnahmten Villa eingerichtet. Sogar für die Liebe ist Raum in den Zeiten des Krieges; schon seit einiger Zeit pflegt Lentsch ein Verhältnis mit der kapriziösen Isobel, Tochter des Baumagnaten Van Dielen, der gut vom Bunkerbau für die Deutschen lebt.

Doch als Lentsch nach einem längeren Heimaturlaub nach Guernsey zurückkehrt, findet er die Inselgemeinschaft in Aufruhr vor. Die NS-„Organisation Todt“ geht unter dem ehrgeizigen Major Ernst daran, Guernsey endgültig in ein Beton-Bollwerk zu verwandeln. Das mühsam austarierte Gleichgewicht ist endgültig dahin, als Isobel ermordet wird. Die Ermittlungen gestalten sich für Inspektor Ned Luscombe vom Polizeirevier Guernsey schwierig. Die Besatzer schauen ihm ständig über die Schulter, und ausgerechnet die deutsche Militärprominenz stellt den Kreis der Hauptverdächtigen.

Der Druck auf den Inspektor wächst spätestens, als Neds Onkel Albert einen Privatkrieg gegen die Deutschen anzettelt, nachdem durchgesickert ist, dass Hitler selbst Guernsey einen Besuch abstatten will …

Jeder kann’s gewesen sein

Irgendwann ist praktisch jede Figur verdächtig, die Tim Binding in seinem grandiosen Thriller auftreten lässt, den man ungern einen Historienkrimi nennen möchte. Meisterhaft legt der Autor zwar seine Schlingen aus, in die der Leser tappt, so sehr er sich auch vorsieht, sodass die Konventionen für einen Kriminalroman erfüllt werden. Doch „Inselwahn“ bietet weitaus mehr und ist vor allem nicht die Nazi-Räuberpistole, die eventuell die Inhaltsskizze erwarten oder befürchten lässt.

Stattdessen entwickelt Bindung das Psychogramm einer geschlossenen Gesellschaft: einen insularen Mikrokosmos, der in sich völlig stimmig, atmosphärisch bemerkenswert dicht und frei von Klischees ist, die man erwarten (oder befürchten) könnte. Böse Nazis oder geknechtete aber tapfere Briten: Diese Pidgin-Dramaturgie gibt es in „Inselwahn“ nicht.

Dabei ist as Thema heikel und hätte einem weniger fähigen Schriftsteller leicht der Kontrolle entgleiten können. Binding weiß um das Glatteis, auf das er sich begibt: Lange Jahrzehnte grenzte schon der sachte Hinweis darauf, dass Großbritannien kein einiger Hort von Widerständlern gegen Hitler-Deutschland war, an Hochverrat.  Dagegen macht „Inselwahn“ deutlich, wie schwierig oder sogar unmöglich es war (und ist), den ‚Feind‘ zu hassen, weil und wenn dieser menschliche Züge erkennen lässt.

Die Brutalität der Wirklichkeit

Dabei gestattet sich Binding keine billigen Ausreden. Die Deutschen auf Guernsey sind weder gemütliche Gutmenschen, die sich wonnig dem insularen süßen Leben hingeben, noch die Trottel jener Militärklamotten, die im angelsächsischen Raum seit Jahrzehnten so beliebt sind. 16000 Zwangsarbeiter schuften und sterben praktisch unter den Augen der Bevölkerung, und auf einer der Nachbarinseln wurde womöglich ein Todeslager eingerichtet. Die Gefahr, die von den Besatzern ausgeht, bleibt zwischen den Zeilen stets spürbar.

Selbst bei Gerhard Lentsch, dem ‚menschlichen‘ Deutsche, scheint immer wieder der „Herrenmensch“ durch. Noch deutlicher wird diese Ambivalenz in der Figur des Hauptmanns Zepernick, dessen Lebenslust die Mitmenschen täuscht, die ihn für einen liebenswerten Bruder Leichtfuß halten, während er nur umsetzt, was man ihn daheim lehrte: dass für Eroberer wie ihn die Welt buchstäblich eine Auster ist, deren Inhalt man sich genussvoll zu Gemüte führen darf.

Nur scheinbar auf der anderen Seite stehen die Inselbewohner. Sie haben sich mit der Situation abgefunden. Zwar sehen sie das Unrecht, aber sie fühlen sich nicht direkt betroffen oder auch nur angesprochen. Sie arbeiten für die Besatzer oder fraternisieren mit ihnen, um so der verkrusteten Kastengesellschaft Guernseys zu entkommen, schlechten Gewissens zwar, doch auch das ist oft ein Lippenbekenntnis. Es gibt keine Spur vom Ohnsorg-Klischee skurril-treuherziger Inselbewohner. Gesunder Menschenverstand, passiver Widerstand und Kollaboration gehen nahtlos ineinander über: ganz wie im wirklichen Leben eben, wobei es schwierig, wenn nicht unmöglich ist, den Nachgeborenen einen solchen Tanz am Rande des Vulkans begreiflich zu machen.

Gelegentliches Abrutschen inklusive

Tim Binding gelingt dieser schwierige Balanceakt. Zweifellos profitiert „Inselwahn‘ nicht nur vom Talent, sondern auch von der Biografie des Schriftstellers. Tim Binding kennt beide Seiten, die deutsche und die englische, wurde er doch 1947 in Deutschland geboren. Darüber hinaus ist Guernsey die perfekte Kulisse für eine Geschichte, die dem ganz alltäglichen Wahnsinn des Krieges ein Gesicht gibt; so perfekt, dass man sich im Nachhinein darüber wundert, wieso sie bisher weitgehend unbeachtet blieb. Aber die Historie ist prall gefüllt mit solchen Episoden. Man muss sie halt zu finden und etwas mit ihnen anzufangen wissen, dann entsteht womöglich etwas wie „Inselwahn“ daraus!

Nur wenige Missklänge mischen sich in dieses Loblied. Gar zu offensichtlich strebt Binding manchmal jene Kritikerweihen an, die einem schnöden Kriminalroman – der ja ‚bekanntlich‘ keine echte Literatur sein kann – gemeinhin verweigert werden. So ist Van Dielens Opfergang genau der Stoff, aus dem die Träume zivilisationsmüder Kultur-Intellektueller mit Lebensstellung (oder europäische Autorenfilmer) gewoben sind. Weitgehend missglückt sind auch die Arbeitslager-Szenen, die einmal mehr unterstreichen, dass sich wahres Grauen nur schwer oder gar nicht in Worte fassen lässt, ohne in schaumig-weihevolle Allegorien oder platte „Wie-fürchterlich-ist-das-doch-alles!”-Gemeinplätze zu verfallen.

Dies gilt auch für die Figur des Onkels Albert, der wohl an die reale Figur des gescheiterten Hitler-Attentäters Georg Elser erinnern und gleichzeitig als Prototyp des ganz normalen Helden dienen soll. Nichtsdestotrotz mag man ihm den plötzlichen Drang, den ‚Führer‘ mit einer Höllenmaschine ins Jenseits zu befördern, nie wirklich glauben. Das sind jedoch nur Marginalien, die den überaus günstigen Eindruck, den „Inselwahn“ hinterlässt, nicht wirklich beeinträchtigen können.

Autor

Tim Binding wurde 1947 in Deutschland geboren, wuchs aber in England auf. Er arbeitete später als Herausgeber für den Verlag Penguin Books in London. Heute ist Binding vor allem als Schriftsteller aktiv, ist aber in Teilzeit für den Verlag Simon & Schuster tätig. Ein erster Roman („In the Kingdom of Air“) erschien 1993. Der Durchbruch zum Erfolg gelang Binding 1998 mit dem Historienthriller „Island Madness“ (dt. „Inselwahn“).

Binding schrieb nicht nur Romane, sondern auch Drehbücher. So verfasste er zusammen mit Simon Nye die Vorlagen zur zwölfteiligen englischen TV-Serie „The Last Salute“ (1998/99), die komödiantisch die Abenteuer eines übereifrigen Mitarbeiters der Automobile Association darstellt.

Mit seiner Familie lebt Tim Binding in der englischen Grafschaft Kent.

Kurzinfo für Ungeduldige: Auf der von Nazi-Deutschland besetzten Kanalinsel Guernsey ereignet sich 1943 ein Mord, der den brüchigen Burgfrieden zwischen Besatzern und Bewohnern auf eine harte Probe stellt … – Außerordentlich spannender und atmosphärisch intensiver Historien-Thriller, der über die gesamte Distanz bis zum unerwarteten Finale fesselt.

[md]

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