Johann Jährig

Karlheinz Schweitzer
Johann Jährig

Schenk Verlag, Passau, 10/2008
HC mit Schutzumschlag, Belletristik
ISBN 9783939337560
Titelbildgestaltung von Suzy Navratil unter Verwendung eines Fotos von Bela Krumpli und einer Zeichnung von Sandor Racmolnar
www.schenkbuchverlag.de
www.schenkverlag.com
www.schenkverlag.eu

Der 1954 geborene Karlheinz Schweizer studierte zunächst Angewandte Sprachwissenschaft und wandte sich dann später der Völkerkunde, Kulturanthropologie, Turkologie, Slawistik und der Osteuropäischen Geschichte zu. Er übte verschiedene Berufe aus, bis er im Jahr 2003 in seine Wahlheimat Ungarn umsiedelte und seinen Lebensunterhalt seither mit der Schriftstellerei, Fotografie und als literarischer Übersetzer bestreitet. „Johann Jährig“ ist sein erstes in Deutschland erscheinendes Buch.

Die Geschichte spielt sich auf zwei zeitlich getrennten Ebenen ab. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verschlägt es den Drucker Johann Jährig in die Missionsstation Sarepta an der Wolga, nachdem er sich aus einer Mischung von Abenteuerlust und Verzweiflung den „Mährischen Brüdern“ angeschlossen hat, die nun fern der Heimat die heidnischen Völker in den Steppen Russlands christianisieren wollen. Da er aber auch seinen Blick und seine Hände nicht unbedingt von den Frauen lassen kann, bekommt er Ärger mit den frommen Mönchen, die ihn schließlich hinauswerfen.

Glücklicherweise findet Jährig ein neues Auskommen in den Diensten der Russischen Akademie der Wissenschaften, die ein Lieblingskind der Zarin zu sein scheint. In ihrem Auftrag reist er noch weiter nach Osten und wird so im Selbststudium der erste Mongolist und Tibetologe, da er seine Eindrücke genauestens aufschreibt und so dem Westen ein nicht länger nur von Erzählungen aus zweiter oder dritter Hand vermitteltes Bild der eigentlich unbekannten Völker vermittelt. Allerdings kann er sich auch nicht von der typischen Überheblichkeit der Europäer freisprechen.

Etwas mehr als zweihundert Jahre später gerät sein Tagebuch auf einem orientalischen Basar in die Hände von Zoltan Kmetty. Der Tagedieb und Hedonist hat sich heimlich aus seiner Budapester Heimat und bis an die chinesisch-mongolische Grenze absetzen können, weil er seinen Gläubigern und der Polizei entkommen wollte. Als die chinesische Polizei ihn aufgreift, soll der Astronom und Funktionär Radnaa ihn als unerwünschten Eindringling nach Peking bringen, damit er von dort aus abgeschoben werden kann. Doch der junge Mongole ist tief beeindruckt von dem Lebenskünstler, der sich durchs Leben mauschelt, mogelt und auch nicht unbedingt von den Frauen lassen will. So schlägt er nicht den Weg in die chinesische Hauptstadt ein, sondern wendet sich mit Kmetty nach Osten.

Der Roman greift durchaus interessante und spannende Themen auf – nicht nur die körperliche und geistige Begegnung von ganz normalen Europäern mit den Kulturen des Ostens und die kleinen aber feinen Anekdötchen, die dabei entstehen, sondern auch das Schicksal der von Katharina der Großen nach Russland gelockten Auswanderer und das interessante Selbstverständnis der frühen Forscher im Zwielicht der Aufklärung. Zu wünschen übrig lässt allerdings die Ausführung. Der Autor kann sich nicht wirklich entscheiden, über wen er mehr schreiben möchte und springt so unmotiviert mal zu Kmettys, mal zu Jährigs Erlebnissen, ohne sie in Verbindung zueinander zu bringen. Zwar mag die Selbstgefälligkeit, die beide Protagonisten an den Tag legen, zu ihren Charakteren und auch zu der Zeit passen – gerade bei Jährig -, aber sympathisch macht es die beiden nicht gerade.

Immer wieder ergeht der Autor sich in persönlichen Kleinigkeiten, die nicht in Verbindung mit den Erlebnissen stehen, dann wieder klammert er sich an kryptische Andeutungen, Assoziationen und Einwürfen oder verwirrt mit seltsamen Vergleichen und unpassenden Metaphern wie ‚Gedanken brannten und flimmerten in Aspik’. Nur in wenigen Szenen kann er durch atmosphärische Kulturbeschreibungen überzeugen. Dazu kommt ein recht umständlicher und altbackener Stil, der einen immer wieder aus dem Lesefluss reißt, ebenso wie die konfuse Handlung.

Das macht „Johann Jährig“ nicht gerade zu einem empfehlenswerten Buch. Das Thema bietet zwar interessante und ungewöhnliche Aspekte, nur enttäuscht der Autor auf ganzer Linie durch die sprunghafte und unausgegorene Umsetzung, deren Sinn sich dem Leser leider so gut wie gar nicht erschließt, selbst wenn sich man guten Willens und aufgeschlossen an die Geschichte wagt. (CS)

Titel bei Amazon.de:
Johann Jährig

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.