Joyland

Stephen King
Joyland

Originaltitel: Joyland (London : Titan Books 2013/Hard Case Crime 112)
Übersetzung: Hannes Riffel
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): Juni 2013 (Heyne Verlag)
352 S.
ISBN-13: 978-3-453-26872-2
Neuausgabe: Januar 2015 (Heyne Verlag/TB-Nr. 43795)
352 S.
ISBN-10: 3-453-43795-0

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Das geschieht:

Im Sommer des Jahres 1973 ist Collegestudent Devin Jones 21 Jahre alt. Da er sich die Universität selbst finanzieren muss, nimmt er eine Stelle als „Happy Helper“ im Vergnügungspark „Joyland“ an, der an der Küste des US-Staates North Carolina liegt. Die Arbeit ist hart aber abwechslungsreich. Da Devin sich gut in das Team einfügt, nehmen ihn die Schausteller freundlich auf.

Privat lernt Devin Annie Ross kennen, die mit ihrem Sohn Mike zurückgezogen in ihrem Strandhaus lebt. Der Zehnjährige leidet an Muskelschwund und wird bald sterben. Dies verstärkt noch Mikes Gabe des Zweiten Gesichts, die ihn veranlasst, Devin vor einer Gefahr zu warnen, die im „Joyland“ auf ihn warte.

Devin ahnt, dass diese Drohung mit dem dunklen Geheimnis des Parks zusammenhängt: Im Juli 1969 wurde der jungen Linda Gray in der Geisterbahn die Kehle durchgeschnitten. Obwohl sie an diesem Abend mehrfach mit ihrem Mörder im „Joyland“ fotografiert wurde, konnte dieser sein Gesicht stets verbergen. Der Polizei gelang es nur festzustellen, dass der Mann seit 1961 schon mehrere Frauen umgebracht hatte. Gefasst hat sie ihn nie. Linda Gray soll seitdem in der Geisterbahn spuken.

Devin versucht sich als Amateurdetektiv. Er beschafft sich Zeitungsartikel und Fotos über die Mordserie. Zwar berücksichtigt er dabei die Möglichkeit, dass der Mörder – der nachweislich das Rummelplatz-Milieu liebt – womöglich im „Joyland“ gearbeitet hat oder immer noch arbeitet, doch der junge Mann ist naiv und registriert weder, dass der Killer in der Tat ein Kollege ist, noch, dass dieser inzwischen aufmerksam wurde und beschlossen hat, dem lästigen Schnüffler ein böses Ende zu bereiten. Eine Sturmwarnung sorgt dafür, dass „Joyland“ geschlossen wird und dem Mörder die ideale Kulisse für die Umsetzung seines Vorhabens bietet …

Von allem ein bisschen

Stephen King war nie ausschließlich Horror-Autor. Zu seinem ‚Pech‘ war (und ist) er in diesem Genre sowohl gut als auch erfolgreich. Deshalb bringt man – mit freundlicher Unterstützung der stets in Schubladen denkenden Werbung – seinen Namen weiterhin mit dem Mann in Verbindung, der „Shining“ und „Friedhof der Kuscheltiere“ über uns brachte, und ignoriert dabei jenen auch vom Umfang beachtlichen Teil der King-Bibliografie, die im Hier & Jetzt beheimatet ist.

Dabei ist King am besten, wenn er nicht Vampire oder Aliens spuken lässt, sondern jenes echte, ursprüngliche Böse thematisiert, das im Menschenhirn und nur dort wurzelt. Psychopathen, Familientyrannen, Kinderschänder: Dies sind die wahren Schrecken nicht nur der Gegenwart. Sie gesellen sich zu den Schwierigkeiten eines Lebensalltags, der seine eigenen Herausforderungen in Gestalt von Existenznot, Angst vor Einsamkeit, Krankheit oder Tod stellt, die durch innere Unsicherheiten und Widersprüche verschärft werden.

King hat den schrecklichen Alltag immer wieder mit dem Schrecken von außen konfrontiert, wobei dieser keineswegs übernatürlich sein muss. „Joyland“ ist vor allem die Geschichte eines jungen Mannes, der die im zweiten Absatz skizzierte Lektion lernen muss. Devin Jones ist jung und naiv, und er wurde nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren. Nun ist es Zeit, geformt und erwachsen zu werden: mit allen Konsequenzen. „Joyland“, der Vergnügungspark, wird zur Bühne dieses „Coming-of-Age“-Schauspiels, das King uns, dem Publikum, präsentiert.

Um der Dramatik willen

Die Kulisse bringt Exotik ins Geschehen. Man erwartet so etwas von King, und als Profi liefert er, ohne darüber sein eigentliches Anliegen aus den Augen zu verlieren. Ein Jahrmarkt ist quasi die Verkörperung der Doppelbödigkeit: Der Schein ist sogar ausdrücklich wichtiger als das Sein, weshalb die „Joyland“-Mitarbeiter sich entweder durch unterirdische Tunnel bewegen oder Fantasie-Kostüme tragen müssen, um den Besuchern die Illusion der ‚Echtheit‘ zu bewahren.

Falsche Fassaden und Masken; niemand ist, wer er oder sie zu sein vorgibt. Wie die Fremdenlegion ist der Rummel außerdem ein Zufluchtsort für Zeitgenossen, die ein neues Leben anfangen wollen oder müssen. Ständig auf Achse, hinterlassen sie keine Spuren. Sie können sich ihre Biografien nach Wunsch gestalten. Niemand erwartet von ihnen die Wahrheit.

Ausgerechnet in dieser Welt der Zweideutigkeiten will Devin einen Mord aufklären. Es ist nicht die reine Neugier, die ihn antreibt: In der Geisterbahn von „Joyland“ soll das letzte Opfer des Killers umgehen. Der Geist zeigt sich – jedoch nicht Devin, sondern einem Freund. Wir erleben den Spuk nur indirekt in dessen Reaktion, weshalb er umso stärker wirkt als das tatsächlich geschilderte Erscheinen: King weiß genau, wie er uns den Boden unter den Füßen wegzieht!

Die tote Linda Gray bleibt nicht der einzige Geist. Devin überlebt sein Abenteuer nur dank übernatürlicher Unterstützung. Dies mag der Kritiker als allzu offensichtlichen Kniefall vor einem King-Publikum sehen, das der Buchhandel so zahlenstark wie möglich sehen will. Andererseits passen diese Elemente durchaus in eine Handlung, die ohnehin nie wirklich real bzw. realistisch wirkt.

Vergoldete Vergangenheit

Warum spielt die Geschichte 1973? Es gibt eigentlich keinen Grund dafür. King hat die Gegenwart durchaus im Griff. Devin Jones könnte auch in einem Vergnügungspark der Jetztzeit arbeiten. Sicher geht es King nicht um die Ausschaltung der lästigen Handys, die im 21. Jahrhundert dem Durchschnitts-Unhold die Arbeit erschweren, da das Opfer selbst im tiefen Wald noch Hilfe heranrufen kann.

De facto versucht King eine Rückkehr in die Jugend seiner Hauptfigur. In einer Rahmenhandlung und mehrfach zwischendurch meldet sich ein älterer, durchaus erfolgreicher aber auch von Altersängsten geplagter Devin Jones zu Wort. Selbst die Erinnerung an die schrecklichste Episode seiner Jugend kann ihn nicht abschrecken, in jene goldene Zeit zurückzukehren, als er unternehmungslustig und unsterblich war. King hat diese Beschwörung einer zwiespältigen Vergangenheit oft eingesetzt. Wohl am besten ist es ihm 1982 in seiner Novelle „The Corpse“ („Die Leiche“) oder 1986 im Monumental-Werk „It“ („Es“) gelungen. In „Joyland“ will der Funke dagegen nicht recht überspringen.

Vielleicht liegt es an der Hauptfigur selbst. Devin Jones wirkt wie der Prototyp des Helden einer typischen „Coming-of-Age“-Geschichte. Liebeskummer, die Erfahrung, dass Eltern sterben, es wirklich böse Menschen gibt oder Gott Kinder sterben lässt: Kein Hauch von Traurigkeit schlägt sich auf den Leser nieder. Auf unseren jugendlichen Helden sausen die Schicksals- und Erkenntnisschläge stattdessen wie Hagelkörner nieder. Devin Jones ist ein wenig zu sehr John-Boy Walton, das Klischee näher als das Aha-Erlebnis.

Serienkiller in doppelter Maske

„Joyland“ ist für einen Roman von Stephen King von verblüffender Kürze; normalerweise legte der Meister zuletzt eher Epen in vierstelliger Seitenzahl vor. Dieses Mal musste er sich bescheiden, denn „Joyland“ sollte in einer Reihe erscheinen, in deren Titeln es knapp und präzise zur Sache geht. „Hard Case Crime“ heißt sie, und geborgen werden hier „Hard-Boiled“-Krimis der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, zu denen sich moderne Autoren gesellen, die ebenfalls einer eher düsteren Weltsicht frönen.

Faktisch bzw. formal hat „Joyland“ in dieser Reihe wenig verloren. Zwar treibt ein Serienkiller sein Unwesen, doch der ist wie die Gespenster, die Übermutter Annie Ross, der tragisch todeskranke Milo oder selbst die Wahrsagerin Madame Fortuna vor allem ein Symbol oder besser: ein Stein jenes Mosaiks, zu dem sich Devin Jones‘ Leben fügen wird.

Deshalb wird zwar der Fall gelöst und der Killer gefasst, aber eine krimigemäße Auflösung sollte man nicht erwarten, obwohl King wiederum routiniert aber geschickt eine klassische „Crime-Noir“-Szenerie gelingt. Der ausführliche Epilog verdeutlicht ein letztes Mal, was King für wichtiger hält: Das Ende ist kein Happy-End, eine ‚Belohnung‘ bleibt aus, neue Lebensjahre bringen neue Herausforderungen. So ist das Leben, da hat King recht. Es wäre nicht nötig gewesen, so dick aufzutragen, vielleicht der Verzicht auf Krimi- und Grusel-Elemente der eigentlichen Geschichte zuträglicher gewesen. Doch ein „Hard Case Crime“ ohne Krimi? Das war dem Verlag trotz des „Greif-zu!“-Autors Stephen King doch zu riskant. So bleibt vor allem der Eindruck gut geschriebener Routine. Mit Neuem oder wenigstens Variiertem kann King allerdings nicht aufwarten.

Autor

Normalerweise lasse ich an dieser Stelle ein Autorenporträt folgen. Wenn ich ein Werk von Stephen King vorstelle, pflege ich dies zu unterlassen, wie man auch keine Eulen nach Athen trägt. Der überaus beliebte Schriftsteller ist im Internet umfassend vertreten. Nur zwei Websites – die eine aus den USA, die andere aus Deutschland – seien stellvertretend genannt: www.stephenking.com und www.stephen-king.de bieten aktuelle Informationen, viel Background und zahlreiche Links.

Copyright © 2013/2017 by Michael Drewniok (md)

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