Kein Rabe so schwarz

Joel Rose
Kein Rabe so schwarz

Originaltitel: The Blackest Bird (New York : W. W. Norton & Company 2007/Edinburgh : Canongate Books 2007)
Übersetzung: Karen Nölle-Fischer
Deutsche Erstausgabe (geb.): Februar 2007 (Pendo Verlag)
518 S.
ISBN-13: 978-3-8661-2107-2
Neuausgabe: Dezember 2008 (Deutscher Taschenbuch Verlag/Dtv 21109)
592 S.
ISBN-13: 978-3-423-21109-3

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Das geschieht:

Im heißen Sommer des Jahres 1841 findet die junge Zigarrenverkäuferin Mary Rogers aus New York ihr grausames Ende. Man zieht ihre Leiche aus dem Hudson River. Die hübsche Frau war beliebt, ihr Tod empört die guten Bürger, die Presse spielt den Fall hoch. Deshalb wird die Ermittlung einem dem besten Kriminologen seiner Zeit übertragen: Jacob Hays dient seit beinahe vier Jahrzehnten als Polizeichef. Er gilt als erfahren, aufgeschlossen und ist – in dieser Epoche keine Selbstverständlichkeit – unbestechlich.

Hays fahndet im Milieu der Unterwelt, die von gut organisierten, brutalen Verbrecherbanden mit malerischen Namen wie „Dead Rabbits“, „Plug Uglies“ oder „Bowery Butcher Boys“ beherrscht wird. Vor der Polizei fürchten sie sich nicht. Die Ermittlung ist deshalb schwierig und zeitaufwändig, zumal ein zweiter Sensationsmord Hays‘ Zeit in Anspruch nimmt: John Colt, ein erfolgloser Dichter aber Bruder des berühmten Waffenfabrikanten Samuel Colt, ist mit seinem Drucker in Streit geraten, hat ihn erschlagen und die Leiche in einer Kiste versteckt, die nur zufällig entdeckt wurde. Obwohl reich und mit guten Verbindungen zur Politik, wird John zum Tode verurteilt. Seine Familie tut sich mit einer der großen Banden zusammen und lässt ihn aus der Todeszelle befreien.

In der Zwischenzeit hat Hays im Mordfall Rogers einen neuen Verdächtigen gefunden: Edgar Allan Poe ist ein leidlich bekannter Autor und Dichter aus Philadelphia, den seine unerbittliche Kritikerfeder dem literarischen Establishment entfremdet hat. Er lebt in bitterer Armut und seelischer Not und kannte Mary Rogers nach Hays‘ Ansicht ein wenig zu intim, um unschuldig zu sein. Aber Poe leugnet entschieden und die Beweise gegen ihn reichen nicht aus.

Hays gibt nicht auf. Die Ermittlungen ziehen sich acht Jahre hin. Hartnäckig versucht der alte Constable den Mord aufzuklären. Gemeinsam mit seiner Tochter entwirrt er ein Komplott, dessen brillante Infamie atemberaubend ist …

Historienroman = historische Wahrheit?

„Kein Rabe so schwarz“ ist ein Historienkrimi, dessen spannende Story und geschichtliches Umfeld sehr genau recherchiert (und anschließend – s. u. – planvoll missachtet) wurde. 17 Jahre hat Joel Rose (mit Unterbrechungen) an seinem Buch gearbeitet, wie er in seinem Nachwort schreibt, und eine Unzahl zeitgenössischer Quellen sowie historischer Sachbücher und Artikel zu Rate gezogen, die er in Auswahl ebenfalls auflistet.

Ihm ist das seltene Kunststück gelungen, eine längst vergangene Welt wieder zum Leben zu erwecken. „Kein Rabe so schwarz“ nutzt die Ereignisse der Jahre 1841 bis 1849, um in die Lücken eine fiktive Handlung einzuflechten.Realität und Erfindung gehen eine bemerkenswerte Symbiose ein. Die prominenten Personen, die Rose namentlich nennt oder auftreten lässt, sind zu den genannten Zeiten an den genannten Orten gewesen. Mary Rogers wurde 1841 grausam ermordet. Joseph Hays hat von 1772 bis 1850 gelebt und war für seine Fähigkeiten sogar in Europa berühmt. New Yorks bizarre Gangsterwelt und der Höllenpfuhl „Five Points“ sind ebenfalls authentisch.

Rose unterstreicht den Realitätsbezug, indem er einen Schritt weiter geht: Er schildert das Geschehen streng aus der Sicht der Menschen des 18. Jahrhunderts, verkneift sich also Vorgriffe auf das Wissen der Gegenwart. Die Figuren denken und sprechen, wie es in ihrer Zeit typisch war. Jacob Hays ist seiner Epoche als Kriminologe weit voraus. Trotzdem ist er kein Genie oder gar Übermensch, sondern bleibt in zeitgenössischen Irrtümern gefangen. So ist er beispielsweise davon überzeugt, Verbrechen anhand ihrer Physiognomie zu erkennen (fliehendes Kinn = feiger Mörder): eine in dieser Zeit sehr verbreitete, ‚wissenschaftliche‘ Betrachtungsweise, die sich längst als absolut falsch herausgestellt hat.

Für Hays Zeitgenossen ist es selbstverständlich, dass schwarze Diener oder Sklaven ihnen rund um die Uhr zu Diensten und Frauen (willens-) schwache Wesen sind, die zu ihrem eigenen Schutz kontrolliert und von der Welt abgeschottet werden müssen. Hays selbst setzt Verdächtige unter Druck, presst ihnen Geständnisse unter Androhung körperlicher Gewalt ab. Der Tod am Galgen gilt als gerechte Sühne für jedes Kapitalverbrechen.

Gleichzeitig schließt Armut einen Menschen gesellschaftlich nicht aus, solange er nur seinen Status als „Gentleman“ behält. Edgar Allan Poe ist ein zerlumpter Schreiberling, von dessen Misere jede/r weiß. Dennoch kann er sich als Spross einer alten Südstaatendynastie und ehemaliger Offiziersanwärter unter die Prominenz seiner Zeit mischen. Sie helfen ihm nicht, sie lästern über ihn, aber sie dulden ihn in ihrer Mitte: Die Exotik der Vergangenheit zeigt sich hier als faszinierende Fassette.

Realität als Spielplatz der Unterhaltung

Rose arbeitet ausgiebig mit Zitaten aus zeitgenössischen Zeitungen, Romanen oder Gedichten. Er greift auch sonst den Sprachduktus der beschriebenen Epoche auf, wobei der Stil zumindest in der (überaus lesbaren) deutschen Übersetzung so gemildert wird, dass er bemerkbar bleibt aber den Leser des 21. Jahrhunderts nicht überfordert.

In einem zweiten Schritt verlässt Rose die Ebene der Realität. „Kein Rabe so schwarz“ ist letztlich Fiktion, wie der Verfasser in seinem Nachwort versichert. Er hat sich die Geschichte ausgedacht und die historischen Fakten manipuliert, damit sie sich einpassen lassen. Die Zitate wurden teilweise ‚zweckentfremdet‘ und anderen Personen in die Münder gelegt oder in die Federn diktiert – eine legitime Vorgehensweise, denn nie ersetzt ein Historienroman die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Vergangenheit. Die Umstände von Poes Tod werden so beschrieben, wie sie von der Forschung (die sich freilich weiterhin uneins ist) ermittelt werden konnten. Poes Verwicklung in den Mordfall Marie Rogers ist erfunden.

Edgar Allan Poe und Mary Rogers

Der Meister der geschriebenen und gedichteten Literatur des 19. Jahrhunderts ist selbst eine ideale Romanfigur. Poes kurzes Leben (1809-1849) war turbulent und oft unglücklich, sein eigener Tod weiterhin ein Rätsel. Obwohl verschlossen und wohl depressiv, war er keineswegs einzelgängerisch, sondern eine in der Gesellschaft von Baltimore, Philadelphia oder New York City präsente Gestalt. Als (wenig erfolgreicher) Schriftsteller war Poe sehr interessiert an mysteriösen Vorfällen und Gewalttaten, die sich schon damals positiv auf die Auflagenhöhe auswirkten. Aus seiner Recherche im Fall Mary Rogers resultiert eine der ersten Detektivstorys der Weltliteratur: In „The Mystery of Marie Rogêt“ (dt. „Geheimnis um Marie Roget“), entstanden 1842, löst Privatermittler C. Auguste Dupin – Poe lässt die Ereignisse in Paris spielen – stellvertretend für seinen literarischen Vater den Mordfall Mary Rogers. Auch Poes Version fehlen letztlich die nötigen Beweise. Als Gedankenspiel und Lehrstück deduktiven Denkens ist „The Mystery …“ jedoch ein Meilenstein der (Kriminal-) Literatur.

Rose schildert Poe als vielfach Getriebenen, als Außenseiter, der gegen eine Welt wütet, die sein Talent nicht anerkennen und honorieren will. Er weigert sich, dem Establishment nachzugeben und zahlt seinen Preis dafür. Poe ist vielleicht ein verkanntes Genie, aber Rose deckt auch seine weniger angenehmen Seiten auf – seinen Hang zum Plagiat, seine Charakterschwächen, seine manipulative Ader.

Joseph und Olga Hays

Joseph Hays ist nicht Poes Gegenspieler. Überhaupt fällt es schwer, diesen Mann einzuordnen. Zunächst tritt er als personifiziertes Gesetz auf aber mehr und mehr wird deutlich, dass Hays vor allem deshalb so unerbittlich ist, weil er mit seinem Privatleben wenig anzufangen weiß. Seine Familie hat er bis auf eine Tochter überlebt, Hobbys hat er nicht. Als man ihn seines Postens enthebt, macht er deshalb einfach weiter wie bisher.

Kein Unterhaltungsroman, der heute erfolgreich sein möchte, kommt ohne eine ‚starke‘ Frauenfigur aus. Vor allem im historischen Umfeld ist das oft eine Herausforderung, da Frauen (s. o.) in vielen Zeitaltern nur ausnahmsweise die traditionellen Grenzen des ihnen zugewiesenen Lebensdreiecks (Kinder – Küche – Kirche) durchbrechen konnten. Olga Hays übernimmt wichtige Ermittlungsaufgaben für ihren Vater. Sie ist sogar berufstätig und intellektuell aktiv. Rose vermeidet es indes zu übertreiben; Olga bleibt in ‚ihrem‘ geschlechtsspezifischen Raum, dessen Wände sie nur behutsam dehnt.

Die Sorgfalt der Charakterisierung erstreckt sich auf die vielen weiteren Figuren. Das lässt verschmerzen, dass die Geschichte in ihrem letzten Drittel von ihrem Kurs abzuweichen und sich in eine Chronik der letzten Tage des Edgar Allan Poe zu verwandeln beginnt. Der Verfasser findet den Weg zurück in einem offenen Finale, das manchen Leser unzufrieden zurücklassen mag. Das Rätsel der Mary Rogers wird allerdings gelöst. Viele weitere Fragen bleiben wie im richtigen Leben ohne Antworten.

Autor

JoeI Rose wurde 1960 in Los Angeles geboren, wuchs aber in New York City auf, wo er Literatur am Hobart College sowie an der Columbia University studierte. Anschließend war er als Assistant für den Drehbuchautoren Leonard Kanter tätig und arbeitete an der TV-Serie „Miami Vice” mit, was ihn zu seinem Thriller „Kill the Poor“ (1988) inspirierte. Dieser wurde 2006 verfilmt; dies geschah 2008 auch mit Roses Roman „Kill Kill Faster Faster“. Beide Filme wurden von der Kritik sehr positiv besprochen.

Neben seinen Romanen verfasste Rose auch den Comic-Roman „La Pacifica“ (1995) sowie das historische Sachbuch „New York Sawed in Half“ (2001). Mit seiner Familie lebt und arbeitet Joel Rose in New York. Über seine Arbeit informiert seine Website.

Copyright © 2009/2017 by Michael Drewniok (md)

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