Liebeskind – Anna Greve 2

Christine Westendorf
Liebeskind – Anna Greve 2

fredeboldundfischer, Köln, 1. Auflage: 4/2008
HC mit Schutzumschlag und Lesebändchen, Krimi, 978-3-939674-12-2, 476/1595
Titelgestaltung von Getty Images, München/Leoni, Köln
Autorenfoto von Dagmar Bressel

www.fredeboldundfischer.de

Elsa Hollstein wurde seit ihrer frühesten Kindheit ausgegrenzt – wegen eines Feuermals im Gesicht. Selbst die Mutter zog ihr die Geschwister, insbesondere die jüngere Schwester, vor. Der Vater, der als Einziger nett zu Eva war, ließ die Familie früh im Stich. Auch die Freundschaft mit Doreen, die auf Mitleid beruhte, währte nicht lang, da Eva zu dominant war. Eva begann, aus Frust zu essen und zu ritzen. Was ihr dann jedoch die Mitschüler antaten, veranlasste Eva, von zu Hause fort zu gehen, bei einer Tante Unterschlupf zu suchen – und sich zu verändern.

Jahre sind seither vergangen, und in der kleinen Ortschaft Maschen erinnert sich kaum noch jemand an Eva. Und wie sollte man auch das dicke, hässliche Mädchen in der schönen, schlanken Frau erkennen, die auf der Durchreise ist und Rainer Herold den Kopf verdreht? Und wenig später ist es Thorsten Lorenz, der sich einen One-Night-Stand erhofft. Beide Männer werden tot und verstümmelt aufgefunden. Und an noch jemandem will sich Eva rächen.

Kommissarin Anna Greve und ihr Kollege Lukas Weber von der Hamburger Kripo ermitteln im Fall des ermordeten Rainer Herold und nehmen, da sie die Parallelen erkennen, Kontakt zu Kommissarin Sigrid Märkisch in Hannover auf, da Thorsten Lorenz in ihren Zuständigkeitsbereich fällt. Die Zusammenarbeit erweist sich als höchst schwierig, da sich die Kollegin als ehrgeizig und stur entpuppt. Anna ist enttäuscht, dass sich Weber aus dem ‚Zickenkrieg’ heraushalten will.

Auch zu Hause findet Anna keinen Rückhalt. Nach der Affäre mit Jan, ihrem jüngeren Schwager, hat sie sich mit ihrem Mann Tom ausgesprochen. Sie wollen es noch einmal versuchen, aber auf Momente des Glücks folgen stets Augenblicke des Ärgers. Tom kümmert sich so gut wie gar nicht um die Erziehung der gemeinsamen Söhne, und Ben fängt zu kiffen an. Anna fühlt sich hin und her gerissen. Hat diese Ehe wirklich noch Sinn, wenn so viel in der Familie schief läuft? Die Nachricht, dass Jan an Weihnachten seine neue brasilianische Freundin mitbringen will, ist entsprechend niederschmetternd. Einziger Trost für Anna ist ihre Freundin Paula, die ihr stets mit Rat und Tat zur Seite steht.

Doch die privaten Probleme und auch der ‚Zickenkrieg’ müssen warten, denn ein dritter Mord erschüttert die Maschener…

Nachdem der Krimi schnell hintereinander mit zwei Morden aufwartete, wird es dann wieder ruhiger. Das dritte Verbrechen baut die Autorin langsamer auf, und auch der vierten Person, die Eva Hollstein ins Visier nimmt, widmet sie mehr Zeit. Auf den Seiten dazwischen werden Evas Lebensumstände in Rückblenden beleuchtet und die privaten Probleme von Anna Greve ausführlich geschildert. Die Frauen teilen sich die Position der Hauptfigur auf zwei Handlungsebenen, die erst am Schluss zusammengeführt werden.

Man ahnt früh, was mit Eva los ist: Sie ist ein typisches Mobbing-Opfer. Weder die eigene Familie noch die Nachbarschaft, weder die Mitschüler noch die Lehrer mögen sie. Das Mal macht sie zu einem Außenseiter, und so baut sie aus Selbstschutz einen Panzer um sich. Eva gibt sich stark und ungerührt, aber sie ist auch von sich sehr eingenommen und klammert. Das führt dazu, dass sich Doreen, die sich eine Weile mit ihr abgibt, wieder zurückzieht, da sie sich zu sehr von Eva vereinnahmt fühlt. In Folge entwickelt das unglückliche Mädchen Ernährungsstörungen und zeigt Boderline-Symptome. Als sie kurzfristig glaubt, endlich einmal Glück zu haben, lässt die Enttäuschung nicht lange auf sich warten, und die persönliche Tragödie eskaliert. Die unvergessenen Qualen treiben sie dazu, Jahre später, als sie die Möglichkeit dazu hat, blutige Rache zu nehmen.

Als Leser empfindet man bis zu einem bestimmten Punkt Mitgefühl, denn man kennt ähnliche Szenen aus der eigenen Schulzeit. In nahezu jeder Klasse gibt es eine Clique, die besonders ‚cool’ sein will und dabei weit über das Ziel hinaus schießt.

Wer dazu gehören will, muss mit der Meute heulen, anderenfalls wird er isoliert und aufs Korn genommen wie sonst nur die üblichen Außenseiter. Hilfe erfahren die Opfer keine, da Eltern und Lehrer, wenn sie davon erfahren, überfordert sind oder vielleicht sogar wegblicken. Das Thema ist aktuell, denn immer mehr Kinder und Erwachsene leiden unter Mobbing – und das schlägt sich auch in der Literatur nieder, die sich zunehmend der Tabu-Themen annimmt, um wachzurütteln und zu informieren, damit man die Anzeichen frühzeitig erkennt und etwas unternehmen kann.

Der zweite Kritikpunkt ist das mangelnde Verständnis, das der Situation berufstätiger Mütter entgegengebracht wird. Anna hat als Kommissarin einen anstrengenden Beruf, der ihr viel abverlangt und nicht einmal einen geregelten Feierabend zulässt. Traurigerweise fällt ihr die Kollegin, die eigentlich im selben Boot sitzt, sogar noch mehr in den Rücken als die Kollegen. Ihr Mann Tom unterstützt sie so gut wie gar nicht, was immer wieder zu Auseinandersetzungen führt. Diesen versucht er auszuweichen, so dass Anna die doppelte Last von Arbeit und Erziehung allein tragen muss. Ihr einstiger Märchenprinz wird durch sein Verhalten blasser und blasser. Eine Trennung und eine neue Beziehung mit Jan ist im Moment allerdings kein Thema, selbst wenn die Gedanken in Annas Kopf kreisen.

Die Krise der Eltern lässt Paul und vor allem Ben nicht unberührt. Für die Jungen ist es leicht, die strenge Mutter und den laschen Vater gegeneinander auszuspielen.

Ben versucht, den starken Mann zu markieren und auszuprobieren, wie weit er gehen kann. Als nun auch Drogen in seinem Besitz gefunden werden, reagiert Anna konsequent, aber Tom entzieht sich wieder und wieder den Pflichten. Allerdings wird dieses Thema, das ebenso heikel wie das Mobbing ist, hier nicht weiter geführt.

Obwohl Annas Privatleben fast die Hälfte des Buchs einnimmt, soll es nicht die Haupthandlung bestreiten, sondern nebenher laufen und die einzelnen in sich abgeschlossenen Krimis miteinander verknüpfen. Man muss „Und jeder tötet, was er liebt“ nicht kennen, um sich in „Liebeskind“ zurechtzufinden, aber wenn man weiß, was die Anspielungen zu bedeuten haben, ist das Lesevergnügen natürlich größer. Zweifellos wird in einem dritten Band an dieser Stelle wieder angesetzt.

Folglich ist das Buch teils Krimi, teils Beziehungsdrama. Diesmal geht das sogar in Ordnung, denn Annas Bekanntenkreis ist an der Lösung des Falls beteiligt. Gegen Ende kommt die etwas träge gewordenen Handlung noch einmal richtig in Schwung, denn Elsa verliert nun ganz den Realitätsbezug, nachdem sie sich in etwas hinein steigerte, das sie nicht bekommen konnte. Das Finale verläuft erwartungsgemäß und ohne große Überraschungen, führt die letzten offenen Fäden zusammen – und stellt die Weichen für die private Seite des dritten Bandes.

„Liebeskind“ ist ein Roman, der sich nicht entscheiden kann, ob er ein Krimi oder ein Drama sein will. Es werden gängige Probleme und ernste Themen aufgegriffen, über die Betroffene gern schweigen, und mit dem Rachemotiv verknüpft. Durch die persönlichen Konflikte der Hauptfiguren liest sich die Geschichte stellenweise zäh, sie hat aber doch etwas, das einen dazu bringt, dran zu bleiben bis zum Schluss.

Die Fälle werden nach einigen Sackgassen gelöst, doch der private Teil behält sich eine Fortsetzung vor. Es werden auch keine Patentlösungen für die Probleme angeboten, sondern sie nur als solche unbeschönigt beschrieben. Es gibt kein wirkliches Happy End, und dieser Realismus vermag zu überzeugen.

Das weibliche Publikum dürfte dem Buch mehr abgewinnen können als die männliche Leserschaft, denn ihr werden Identifikationsfiguren mit vertrauten Sorgen angeboten. Stellt man sich auf den Mix aus Krimi und ‚Frauenprobleme’ ein, wird man nicht enttäuscht. (IS)

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Liebeskind

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