O du grausame Weihnachtszeit

Richard Dalby (Hg.)
O du grausame Weihnachtszeit
Schaurige Geschichten zum Fest

Originaltitel: Shivers for Christmas (London : Michael O‘Mara Books Ltd. 1995)
Übersetzung: Stefan Troßbach
Deutsche Erstausgabe: November 1996 (Knaur Verlag/TB Nr. 60467)
Titelbild: Ingrid Floss
317 Seiten
ISBN-10: 3-426-60467-1
Neuausgabe: 1998 (Knaur Verlag/TB Nr. 71173)
317 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-71173-6

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Inhalt:

16 teils klassische, teils eigens für diese Sammlung geschriebene Erzählungen erinnern an die Tradition, zu Weihnachten Geistergeschichten zu erzählen:

– Amelia Edwards: Die Entdeckung der Schatzinseln. Nach einem Manuskript aus einem Bücherstand (The Discovery of the Treasure Isles, 1864), S. 7-60: Gier lockt den braven Kapitän auf eine nirgendwo verzeichnete Insel; anstelle glänzenden Goldes findet er nur blankes Grauen.

– George Manville Fenn: Ashers letztes Stündlein (Asher’s Last Hour, 1867), S. 61-78: Dem Geizhals wird des Nachts für seine Hartherzigkeit eine gruselige Lektion erteilt.

– Nathaniel Hawthorne: Die Weihnachtstafel (The Christmas Banquet, 1843), S. 79-104: Wahrlich verdammt ist jener Mensch, der sein Leben ohne Gefühle verbringen muss, aber dunkel ahnt, dass ihm Entscheidendes fehlt.

– „Saki“: Die Wölfe von Cernograz (The Wolves of Cernogratz, 1913), S. 105-112: Die letzte Vertreterin ihres uralten Geschlechts beendet ihr Dasein standesgemäß unter sagenhaften Umständen.

– E. Temple Thurston: Ganthorys Frau (Ganthony’s Wife, 1926), S. 113-132: Sie liebte die Männer mehr als ihr Leben, wie sich nach ihrem Tod bestätigt.

– Hugh Walpole: Mr. Huffam (Mr Huffman, S. 133-156): Der Autor der berühmtesten Weihnachtsgeschichte aller Zeiten tritt zum Christfest persönlich als guter Geist auf.

– Jessica Amanda Salmonson: Jeremiah (Jeremiah, 1990), S. 157-178: Ein Exorzismus kann übel enden, wenn der auszutreibende Geist allen Grund zum Spuken hat.

– Terry Lamsley: Zweifache Rückkehr (Two Returns, 1993), S. 179-204: Der böse und auch tote Vormieter kehrt in ‚sein‘ Haus zurück und schätzt keine Mitbewohner.

– Jill Drower: Billy fällt rein (Billy Drops In, 1995), S. 205-220: Einbrecher Billy unterläuft ein Missgeschick, das viele Jahre später für eine unvergessliche Weihnachtsnacht sorgt.

– Roger Johnson: Süßer die Glocken nie klingen … (Sweet Chiming Bells, 1995), S. 221-246: Die Unterbrechung eines uralten Weihnachtsbrauches hat gespenstische Folgen.

– Stephen Gallagher: Rate mal! (Fancy That!, 1995), S. 247-256: Das Weihnachtsgeschenk für eine besondere Freundin soll vor allem frisch sein.

– Terry Pratchett: Zwanzig Pence mit Weihnachtsmotiv und Umschlag (Twenty Pence with Envelope and Seasonal Greeting, 1987), S. 257-268: Portale öffnen sich in fremde Weihnachts-Welten, deren oft gar nicht freundliche Bewohner in unsere Welt drängen.

– Richard Adams: Das Steilriff (The Bommie and the Drop-Off, 1995), S. 269-282: Im tiefen Wasser macht der Taucher eine bemerkenswerte aber erschreckende Entdeckung.

– Joan Aiken: Die Fähre (The Ferry, 1995), S. 283-290: Wie bisher üblich will die untote Hexe Tod & Verderben bringen, aber weihnachtliche Freundlichkeit stimmt sie um.

– Jane Beeson: Die Maid (The Maid, 1995), S. 291-306: Da weiterhin unerlöst, spukt eine unglückliche Selbstmörderin umher und verbreitet Angst & Schrecken.

– Alan McMurray: „An Weihnachten ist alles vorbei“ (It Will All Be Over by Christmas, 1995), S. 307-315: Weihnachten verbringe er um jeden Preis bei der Familie, versprach der Soldat, bevor er in den Krieg zog – und er hält Wort.

– Copyright-Hinweise: S. 317/18

Liebe benötigt ein Druckventil

„Die Sitte, einander an Heiligabend Kamingeschichten zu erzählen, ist wie das Briefeschreiben und all die anderen häuslichen Künste des letzten Jahrhunderts im Aussterben begriffen. Unsere Geschichten lassen wir uns nun von Berufserzählern vortragen, und von der Druckerpresse werden diese Geschichten zu Tausenden verbreitet. Unsere Briefe geben wir in ein Diktier- oder Stenographiegerät, und wenn sie nicht schon verschwunden ist, dann verschwindet die persönliche Note jetzt aus unserem Leben. In einer Ära, in der man sich alle möglichen Maschinen ausdenkt, um Zeit und Arbeit zu sparen, haben wir für dergleichen keine Muße mehr. Wir sind von der Inganghaltung unserer Maschinen zu erschöpft, als dass wir solcherlei noch Aufmerksamkeit schenkten.“

Fügen wir zu den „Maschinen“ noch das Fernsehen oder das Internet hinzu – beides Phänomene, von denen der britische Autor E. Temple Thurston noch nichts wissen konnte, als er 1926 diese einleitenden Worte zu seiner Geschichte „Ganthonys Frau“ niederschrieb –, haben wir die Erklärung für den Niedergang einer einst populären Tradition: Ausgerechnet zu Weihnachten, wenn zumindest die christliche Welt in Besinnlichkeit und Harmonie förmlich erstickt, erzählten sich die Menschen einst Geistergeschichten. Gibt es einen besseren Zeitpunkt dafür? Tagsüber ist man an das Haus und vor allem an die Familie gefesselt; schon immer ein ausgezeichneter Grund, für aufgestaute Gefühle eben doch nicht immer freundlicher Natur ein Ventil und eine Ablenkung zu suchen, wie schon Hugh Seymour Walpole (1884-1941) vortrefflich in Worte zu fassen wusste.

Verdächtige Wurzeln eines hohen Festes

Hinzu kommt die obskure Herkunft von Weihnachten. Heute als hohes christliches Fest gefeiert, bleiben die Wurzeln nichtsdestotrotz ‚heidnisch‘. Wie es üblich war für das junge, sehr pragmatisch ausgerichtete Christentum, wurde alles, was in den Missionsgebieten an die ursprüngliche Religion der Bewohner erinnerte und sich nicht niederbrennen oder ausrotten ließ, ‚adaptiert‘. Man errichtete Kirchen auf den Fundamenten alter Weihestätten, Festtage ließ man im Namen nun christlicher Heiliger weiterhin begehen. Doch im gemütlichen Weihnachten steckt immer noch ein bisschen Wintersonnenwende mit weniger besinnlichen Riten und Glaubensvorstellungen, und hinter dem breiten Kreuz des Weihnachtsmanns verbergen sich die alten Götter und Geister, wie Roger Johnson seine Leser wissen lässt.

Ohne an dieser Stelle in literaturgeschichtliches Dozieren zu verfallen, sei immerhin erwähnt, dass es die beschriebenen Weihnachtsgeschichten auch hierzulande gegeben hat. Das besinnliche Grauen hat sich heute auf das besinnungslose Festtags-Fernsehen verlagert. Noch bedient zumindest der Buchhandel jene (angeblich) rar gewordenen Zeitgenossen, die zumindest an den Feiertagen ein Buch in die Hand nehmen möchten.

Autoren stillen schaurige Bedürfnisse

Nicht jedermann (und jeder Frau) war es gegeben, den Weihnachts-Grusel selbst zu erfinden. Das Bedürfnis, sie zu hören oder wenigstens zu lesen, war aber so groß, dass die Schriftsteller jener oben erwähnten Vergangenheit dankbar die Chance ergriffen, sich als stellvertretende Geschichtenerzähler ein hübsches Sümmchen zu verdienen. Besonders im 19. und frühen 20. Jahrhunderts brachten die meisten Zeitschriften zu Weihnachten Sondernummern mit gruseligen und besinnlichen Erzählungen heraus, die nicht selten von den bedeutendsten Autoren ihrer Zeit verfasst wurden. Charles Dickens‘ „Christmas Carol“ vom herzlosen Geizhals Ebenezer Scrooge, dem in der Heiligen Nacht drei Geister sein verpfuschtes Leben vor Augen führen, ist das vielleicht berühmteste Beispiel und wohl selbst den Angehörigen der Fun-Generation noch ein Begriff. (Erwartungsgemäß diente sie zahlreichen Autorenkollegen als ‚Inspirationsquelle‘ – auch George Manville Fenn [1831-1909] gehört zu ihnen, doch er weiß die Vorlage mit gruseligem Witz höchst unterhaltsam zu variieren.)

Größer ist die Zahl der Erzähler, die heute vergessen sind, obwohl sich ihre Geschichten mit denen berühmter Schriftsteller oft messen können. Weil zumindest auf den britischen Inseln auch heute die Erinnerung an die Tradition des weihnachtlichen Gruselns überlebt hat und die Sehnsucht nach der Heimeligkeit einer gern verklärten, mit Gaslicht erleuchteten Vergangenheit stark ist, gibt es Männer wie Richard Dalby, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die literarischen Schätze aus der großen Zeit des klassischen Horrors zu heben und einem neuen Publikum zugänglich zu machen. Noch besser: Auch heute werden noch oder wieder weihnachtliche Spukgeschichten geschrieben. Sie ahmen die alte Muster nach, beschwören aber auch moderne Festtagsschrecken und sind keinesfalls weniger eindrucksvoll geraten!

Weihnachten mystisch bis Weihnachten mörderisch

Geistergeschichten zur Heiligen Nacht folgen mindestens grob jenen Traditionen und Klischees, die mit dem Weihnachtsfest in Verbindung gebracht werden, auch wenn die Verknüpfung manchmal nur Feigenblatt bleibt. Amelia Ann Blandford Edwards‘ (1831-1892) märchenhafte Seefahrt oder Richards Adams‘ Tauchgang konnten zu jedem Zeitpunkt stattfinden, und Stephen Gallagher (*1954) wollte nur einen Witz machen. Die Autoren hatten jedoch Weihnachts-Storys zugesagt und konstruierten flugs & flüchtig entsprechende Überleitungen. Die Wirkung dieser Geschichten schränkt dies freilich nicht ein. Die Konzentration auf das weihnachtliche Element stellt auch eine Beschränkung darstellt.

Andere Autoren nutzen die Chance, forcierte Festtags-Fröhlichkeit durch die Konfrontation mit dem Schrecken ad absurdum zu führen. Dies kann grimmig wie bei Jessica Amanda Salmonson (*1950) oder Jane Beeson, versöhnlich (und gerade deshalb überraschend) wie bei Joan Aiken (1924-2004) und Alan McMurray oder außerordentlich schwarzhumorig wie bei Jill Drower geschehen, wobei letzteres eine britische Spezialität zu sein scheint: Obwohl generell ernsthafter im Ton, lassen sich entsprechende Elemente auch bei Saki (= Hector Hugh Munro, 1870-1916) oder Terry Lamsley (*1941) entdecken.

Aus dem Rahmen fallen Nathaniel Hawthorne (1804-1864) und Ernest Temple Thurston (1879-1933). Sie verzichten auf das Wirken ‚richtiger‘ Gespenster, sondern beschäftigen sich mit den psychologischen Aspekten des Schreckens: Der Mensch schafft sich seine Heimsuchungen selbst. Dabei gehört Hawthorne zu den Pionieren dieser Sichtweise, was sich in einem eher didaktischen Stil niederschlägt, während Thurston ein Jahrhundert später diese Interpretation verinnerlicht hat und sie formal eleganter sowie eindringlicher verarbeiten kann.

Gruselfreunde, aufgepasst!

Für den Liebhaber der unheimlichen Literatur bietet „O du grausame Weihnachtszeit“ die Chance, die eigene Sammlung mit einem Juwel zu bereichern. Dies zu erkennen ist nicht leicht. wurde diese Kollektion doch verlagsseitig durch einen dümmlichen Titel sowie in bisher zwei Auflagen durch eher traurige als schaurige Titelbilder geradezu vorsätzlich dem Zielpublikum vorenthalten.

Dabei haben die von Richard Dalby einmal mehr kundig ausgewählten Autoren ihr Bestes gegeben. (Der einzige echte Flop ist das beliebige Garn des ob seiner „Scheibenwelt“-Bestseller berühmten Terry Prachett.) Unabhängig davon, ob der Geist der Weihnacht märchenhaft oder knochenbrechend beschworen wird: Er nimmt Gestalt an und beschert seinem Publikum manche angenehme Lesestunde!

Herausgeber

Richard Dalby (geb. 1949) hat sich bereits in jungen Jahren einen Namen als Herausgeber selten oder lange nicht mehr neu aufgelegter phantastischer Kurzgeschichten aus britischen Zeitungen und Magazinen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gemacht. In den 1980er und 90er Jahren erschienen diverse Kollektionen, in denen Dalby seine Entdeckungen präsentierte. Besonderes Gewicht legte er dabei auf gruselige Storys, die einst traditionell zur Weihnachtszeit erzählt und von zeitgenössischen Autoren speziell für diesen Anlass geschrieben wurden.

Sein immenses Fachwissen auf diesem Gebiet stellte Dalby u. a. in mehr als 200 Artikeln unter Beweis, die er zwischen 1984 und 2010 für „The Book and Magazine Collector“ – ein inzwischen eingestelltes Magazin für Sammler – verfasste. 1993 gründete Dalby mit David Tibet den Verlag „Ghost Story Press“, der bis 2003 in Kleinauflagen Story- und Gedichtbände viktorianischer Schriftsteller herausgab, die inzwischen zu begehrten Sammlerstücken geworden sind.

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