Opferkind – Das Problem mit der vergeudeten Schwester

Vincent E. Noel
Opferkind – Das Problem mit der vergeudeten Schwester

Wiesenburg Verlag, Schweinfurt, 1/2008
TB, Belletristik, 978-3-939518-79-2, 85/1200
Titelbild von Vincent E. Noel
www.wiesenburgverlag.de

Vielen Romanen und Novellen aus der Zeit der Jahrhundertwende haftet ein wenig der Charme einer romantisch-versponnenen Epoche an. Auf der Schwelle zum 20. Jahrhundert schien vieles noch in Ordnung. Jeder kannte seinen Platz – ob Mann oder Frau, Dienstbote oder Herrschaft -, und man wusste die gesellschaftlichen Normen von Sitte und Anstand einzuhalten. Wie es hinter den Mauern der Bürgerhäuser und hinter den Kulissen der feinen Gesellschaft zuging, stand freilich auf einem anderen Blatt. „Opferkind“ wagt den Blick auf diese andere Seite.

Im Jahr 1905 führt die junge Laurence in der Provinzstadt Amboise ein sehr zurückgezogenes Leben. Nach dem Tod des Vaters hat die Familie nicht nur finanziell und gesellschaftlich sehr gelitten. Weil ihre Mutter Marguerite emotional erkrankt ist, obliegt es Laurence nun, sich um ihre blinde Schwester Sophie zu kümmern und sich selbst wie auch ihre Träume zu verleugnen. Bislang fiel ihr das auch immer leicht, da sie außer der liebevollen Hingabe zu der Jüngeren nicht viel brauchte.

Doch mit dem Tag, an dem der Justizbeamte Raimond in dem Haus ein- und auszugehen beginnt, verändert sich alles. Denn dieser wirbt nicht nur um die Hand der Mutter und gewinnt ihr Vertrauen, sondern hält sich auch an Laurence schadlos.

Die weiß keinen anderen Ausweg, als sich in den Opiumrausch zu flüchten, denn sie hat nie gelernt aufzubegehren. Erst als Marguerite ihren Töchtern erklärt, dass sie Raimond heiraten würde, kommt es zur Katastrophe.

Vincent E. Noel erzählt die dramatische Geschichte in ruhigen, aber eindringlichen Bildern aus der Sicht – oder sollte man besser sagen: Wahrnehmung von Laurence. In kurzen stakkatoartigen Sätzen kleidet er die Geschehnisse in Worte. Sie wirken wie aus dem Geist niedergeschrieben – mal klar und wie eine Momentaufnahme des Ist, dann wieder schweifen die Gedanken der jungen Frau ab, wenden sich unvermittelt von der einen Sache zur anderen. Mal ist sie hektisch, dann wieder schildert sie kleine Details.

Man erlebt ihren Rauschzustand auch durch das Schriftbild bewusst mit und braucht gar nicht Schwarz auf Weiß zu erfahren, was eigentlich passiert. Die scheinbare Idylle zerbricht so wie Laurence. Denn auch wenn der Opiumrausch Schutz und scheinbare Klarheit schenkt, so geht sie doch an dem zugrunde, was ihr durch Adrien Raimond angetan wurde.

Diese unmittelbare, ja, fast lyrische Schilderung geht damit tiefer unter die Haut als jeder nüchterne und sachliche Bericht mit Tatsachen.

„Opferkind“ ist damit eine Novelle, die vielleicht nicht einfach einmal nebenher oder zwischendurch zu lesen ist, aber trotzdem durch eine sehr eindringliche und berührende Geschichte belohnt, die einen intensiven Blick hinter die Kulissen der heute durch viele andere Romane so romantisch verklärten Epoche wagt, ohne ihren Zauber zu zerstören. (CS)

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Opferkind: Das Problem mit der vergeudeten Schwester – Novelle

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