Robbers

Christopher Cook
Robbers

Originaltitel: Robbers (New York : Carroll & Graf Publishers Inc. 2000)
Übersetzung: Stefan Lux u. Frank Dabrock
Deutsche Erstausgabe: Mai 2010 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Hardcore Nr.
67573)
558 S.
ISBN-13: 978-3-453-67573-5
)

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Das geschieht:

Eddie und Ray Bob sind „white trash“: Geboren in ein chancenloses Unterschichten-Leben voller Engstirnigkeit, Gefühlskälte und Gewalt, haben sie früh die übliche kriminelle Laufbahn eingeschlagen, blieben auch dort erfolglos und haben, obwohl noch jung an Jahren, die meiste Zeit ihres Lebens hinter Gittern verbracht. So lange sie sich nicht kannten, waren die beiden Männer wie kaltes Wasser und heißes Fett: latent gefährlich aber unter Kontrolle, wenn man das eine nicht zum anderen gießt. Als dies geschieht, explodiert die Mischung mit mörderischer Wirkung. Ausgerechnet der ruhige Eddie dreht durch. Als ihn ein Ladenbesitzer wegen eines fehlenden Cents nicht bedienen will, greift er zur Waffe. Jetzt glaubt Ray Bob endlich den Partner gefunden zu haben, der ihn bei seinem Wüten gegen Gott und die Welt zur Seite stehen wird. Binnen weniger Stunden sind vier weitere Menschen tot.

Da Eddie und Ray Bob im US-Staat Texas Amok laufen, ist nicht nur die Polizei hinter ihnen her. Der erfahrene Ranger Rule Hooks setzt sich ebenfalls auf die Spur. Er ist bekannt dafür, zur Selbstjustiz zur neigen. Dieses Mal ist Hooks besonders hartnäckig, denn Ray Bob hat Detective Bernie Rose, einen der wenigen Freunde des Rangers, erschossen.

Mit ihrem Cadillac fahren Eddie und Ray Bob ziellos durch das texanische Hinterland. Unterwegs gabeln sie Della auf, die ebenfalls auf der Flucht ist, nachdem sie in Notwehr einen allzu gewaltfreudigen Liebhaber erstochen hat. Zu dritt zieht man raubend und mordend weiter und trennt sich, bis sich eines Tages die Wege von Verfolger und Verfolgten erneut kreuzen und die Tragödie in einem tödlichen aber hoffnungsvollen Höhepunkt gipfelt …

Böse Menschen mit traurigen Schicksalen

„Sie hatten einen Hang zu Inzucht und völliger Zurückgezogenheit. Echte texanische Rednecks, Diebe und Wilderer, aggressiv von Natur aus und ignorant aus freien Stücken.“ (S. 314)

Dies sorgt für entsprechend turbulente Szenen, die sich glücklicherweise meist auf die heimatlichen Gefilde besagter Rednecks beschränken. Christopher Cook lässt in „Robbers“ diesem labilen emotionalen Gemisch eine gefährliche Zutat einfließen: Intelligenz. Ray Bob ist zwar ein Redneck aber in der Lage, seine hoffnungslose Situation zu erkennen. Daraus resultiert eine brodelnde Wut, die nach ihrem Ventil sucht.

Ray Bob hat bereits gemordet, als er auf Eddie trifft. Doch zum endgültigen Kontrollverlust fehlte bisher ein Faktor: Ray Bob suchte einen Gefährten, der mit ihm in den Krieg gegen die Gesellschaft zieht. Als Eddie einen Mord begeht, der nur in Ray Bobs falsch geschaltetem Hirn einen Sinn ergibt, glaubt er ihn gefunden zu haben. Er ist befreit und lässt seinem „Natural Born Killer“-Trieb freien Lauf. Als Eddie nicht mitzieht und sich später sogar von ihm trennt, glaubt Ray Bob sich doppelt verraten und setzt seinen Ex-Partner ganz oben auf die endlose Liste seiner ‚Feinde‘.

Nur nominell auf der ‚richtigen‘ Seite des Gesetzes steht Texas-Ranger Hook. De facto ist er ebenso wurzellos und verloren wie die beiden Männer, die er mangels privater Alternativen mit fanatischer Konsequenz verfolgt. Hook hat seine Familie vertrieben und betrügt seinen besten Freund. Er spielt sich als Richter und Henker auf, ohne erkennen zu wollen, dass er auf diese Weise dem Druck in seinem Inneren nachgibt: Hook muss nicht morden, als Vertreter des Gesetzes kann er im Dienst töten.

Des Vierecks zunächst verhängnisvolle letzte Seite bildet Della, eine vom Leben überforderte Frau, die ohne Mann nicht sein kann aber stets an den Falschen gerät. Mit ihr beginnt der Streit zwischen Ray Bob und Eddie, der ausgerechnet in Della den Anlass findet, sein aus dem Ruder gelaufenes Leben neu zu beginnen. Dass dies gelingt, gehört zu den (wenigen) Überraschungen dieses dickleibigen Romans. Ohne weitere Gewalt läuft freilich auch dies nicht ab.

Weites Land für engstirnige Menschen

Texas wird für den Verfasser zur weiteren ‚Hauptperson‘. Immer wieder dient ihm das Land als Metapher. Es macht seinen Bewohnern das Leben nicht leicht. Cook füllt viele Seiten mit Schilderungen kahler, verödeter, vom Menschen zerstörter und verschmutzter Landstriche. Darüber liegt eine Hitze, die in der Wüste das Hirn röstet und in den Sümpfen eine schwüle, giftige, fäulnisreiche Atmosphäre ausbrütet. In jedem Fall beschwört die Sonne mentale Kurzschlüsse förmlich herauf.

Deren Folgen sind in der Regel beträchtlich, denn Cook erinnert auch an die sprichwörtliche Waffenliebe des US-Rednecks. Ohnehin sind alle Texaner bewaffnet und wie der ebenso trauernde wie hasserfüllte Deputy Lomax, den Ray Bob zum Witwer machte, überzeugt davon, ihr ‚Recht‘ notfalls mit einer waschechten Elefantenbüchse durchsetzen zu dürfen. Dass neben Revolver und Flinte stets die Bibel griffbereit liegt, erfüllt ein weiteres Südstaaten-Klischee, das vielleicht gar kein Klischee ist.

Eine (inzwischen) ziemlich bekannte Geschichte

„Robbers“ gehört zu den Romanen, die ein abseits des verhassten Mainstreams nach literarischen Trüffeln suchendes Feuilleton in Entzücken versetzt. Es klassifiziert dieses Buch nicht als Krimi oder Thriller, sondern erhebt es in den Stand ‚richtiger‘ Literatur. Cook selbst erleichtert diesen Vorgang, indem er eine einfache Story mit ‚literarischen‘ Einschüben auflädt. Dazu gehören innere Monologe und ein Stil, der kunstvoll versimpelt wird, um die inhaltliche Relevanz erst recht zu verdeutlichen. Ausführliche Wetterberichte und Landschaftsbeschreibungen vertiefen den Eindruck erzählerischer Dichte und poetischer Schwere.

Dass sich „Robbers“ in der deutschen Fassung auf über 550 Seiten aufplustert, kommt durch etwas zustande, dass man seit einigen Jahren als „Tarantino-Faktor“ bezeichnet: Figuren unterhalten sich nicht, indem sie bestimmte Themen direkt ansprechen. Stattdessen reden sie endlos, über Nebensächlichkeiten und aneinander vorbei. Dies symbolisiert die Isolation des Individuums in einer entmenschten Gesellschaft. Ursprünglich funktionierte dieser Trick gut; auch Cook gelingen Momente, in denen sich die Verlorenheit seiner Figuren in der Trivialität ihres Redens (und Handelns) spiegelt. Allerdings wird der Effekt seit Tarantino inflationär eingesetzt. Er hat viel von seiner Wirkung verloren und wird längst auch wieder als „Geschwätz“ geschmäht – Pech für Cook, dessen „Robbers“ hierzulande erst mit zehnjähriger Verspätung erscheint.

Überhaupt kann der Autor für seine Story keine Originalität beanspruchen. „Robbers“ liest sich flüssig – die überbordenden Beschreibungen (s. o.) können übersprungen werden –, weil Cook ein guter Schriftsteller ist, der viele Bestseller-Stammler sehr dumm aussehen lässt. Die Handlung birgt allerdings kaum Überraschungen. Man hat sie u. a. in zu vielen nur mittelmäßigen Filmen gesehen. Oder wie kommt es sonst, dass vor dem inneren Auge des Rezensenten nicht Rule Hooks, sondern immer Tommy Lee Jones Gestalt annehmen will? (Was natürlich auch daran liegt, dass Autor Cook in „Robbers“ mit Elementen des Spät-Westerns spielt, was angesichts der texanischen Kulisse wahrscheinlich Vorschrift war.)

Zudem verliert die Story nach einem rasanten Auftakt rasch Tempo. Im Mittelteil lahmt vor allem die Liebesgeschichte zwischen Eddie und Della, die sicherlich ebenfalls literarisch wertvoll aber dennoch langweilig ist. Auch Ray Bob und Ranger Hook fahren vor allem durch Texas und hängen dabei ihren trüben Lebenserinnerungen nach. Das dauert vor allem lange und führt zu nichts. Erst auf den letzten 100 Seiten zieht das Tempo endlich an.

Chimäre ohne Biss

Ist „Robbers“ Thriller oder Literatur? Oder beides? Und als dritte und wichtigste Frage: Wen interessiert das? Ein Buch muss seinem Leser eine Reaktion entlocken. Sie kann auch negativ ausfallen, aber Ärger über verschwendete Lektürezeit ist definitiv kein erfreuliches Resultat. Cook rettet sich mit seiner (auch in der Übersetzung) routinierten Schreibe so gerade über die volle Distanz, aber das Ergebnis als „sprachgewaltigen Thriller für alle Fans von Elmore Leonard, Quentin Tarantino und den Coen-Brothers“ zu bezeichnen, wie wir es auf dem hinteren Umschlag lesen, ist keine Orientierungshilfe, sondern die simple Bündelung dreier Namen, die nur ein guter Ruf bei ihrem jeweiligen Publikum eint, das auf diese Weise gesammelt und zum Kauf gelockt werden soll. (Um die Sinnlosigkeit dieses Vergleiches zu perfektionieren und den Werbeeffekt auf die Spitze zu treiben, hätte man übrigens „Elmore Leonard“ gegen „Stephen King“ austauschen müssen.)

Ein „Hardcore“-Thriller ist „Robbers“ ebenfalls nicht. Die ‚harten‘ Stellen sind zu zahlenarm, die Geschwätzigkeit ist zu ausgeprägt. Wie man Thrill und Anspruch harmonisch miteinander verknüpft, stellen (der auch von Cook zitierte) James Lee Burke oder Joe Lansdale unter Beweis. „Robbers“ erinnert dagegen an den Film „No Country for Old Men“, der ebenfalls ehrfürchtig als Meisterwerk bewundert wird, dessen Zuschauer sich in der Regel jedoch vor allem oder sogar nur an den Killer Anton Chigurh erinnern, der mit seinem Bolzenschussgerät für bizarre Abwechslung sorgt. Da der (deutsche) Leser jedoch mit gut geschriebenen Thrillern nicht gerade verwöhnt wird, ragt „Robbers“ trotz seine ambitionierten Aufgeblasenheit hoch aus dem „Buch-des-Monats-“ und „Lese-Tipp“-Sumpf.

Autor

Christopher Cook, Jahrgang 1959, ist als Schriftsteller kaum in Erscheinung getreten, weshalb man sogar im Internet wenig über ihn findet. Er ist geborener Texaner, und sein einziger Roman („Robbers“) wurde 2000 veröffentlicht. Im Folgejahr erschien noch die Story-Sammlung „Screen Door Jesus“, die Regisseur und Drehbuchautor Kirk 2003 in einen gut aufgenommenen aber wenig gesehenen Arthouse-Film umsetzte.

[md]

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