Sumerki – Dämmerung

Dmitry Glukhovsky
Sumerki – Dämmerung

(sfbentry)
Originalausgabe: Сумерки/Sumerki (2007)
Übersetzung: David Drevs
Deutsche Erstausgabe (Paperback): September 2010 (Heyne Verlag/Nr. 53302)
512 S.
ISBN-13: 978-3-453-53302-8

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Das geschieht:

Dimitri Alexejewitsch fristet in Moskau als freiberuflicher Übersetzer ein kärgliches aber zufriedenes Dasein. Die Kenntnis der spanischen Sprache bringt ihm aktuell einen lukrativen Auftrag: Ein unbekannt bleibender Auftraggeber lässt einen obskuren Text übersetzen. Er erzählt von einer mysteriösen Expedition, die spanische Soldaten und Missionare im April des Jahres 1562 in den Dschungel der mittelamerikanischen Halbinsel Yukatan führte. Im Auftrag des Franziskanerordens sollte sie Schriftstücke, Idole und andere ‚heidnische‘ Heiligtümer des einst herrschenden Maya-Volkes beschlagnahmen. Besonders begehrlich wartete Franziskanermönch Diego de Landa auf die mysteriöse „Chronik des Künftigen“, die verlässliche Angaben über das Ende der Welt enthalten sollte.

Zunehmend fasziniert verfolgt Dimitri, wie die Konquistadoren auf eine Mission ohne Wiederkehr gehen. Attacken feindlicher Indios, Sumpffieber und Strapazen lassen die Gruppe zusammenschmelzen. Die einheimischen Führer murmeln düster von einem Fluch. Unruhe breitet sich aus, Meuterei liegt in der Luft, während die Männer sich durch die Wildnis zum Tempel von Calakmul vorkämpfen.

Während er Kapitel für Kapitel übersetzt, wird Dimitri von Albträumen heimgesucht. Immer wieder endet er als Menschenopfer auf einem Altar der Maya-Priester. Eine unmenschliche Kreatur verfolgt ihn. Das Übersetzungsbüro wird nach der grausigen Ermordung des Leiters von der Miliz geschlossen. Zudem fallen dem weltfremden Dimitri endlich die aktuellen Schlagzeilen auf, die von gewaltigen Naturkatastrophen aus der ganzen Welt berichten. Als er die Zusammenhänge erkennt, ist es zu spät: Die Lektüre des Expeditionsberichts machte keineswegs ihn zum Mitwisser eines uralten Geheimnisses. Was tatsächlich geschieht, hätte er sich in seinen kühnsten – oder schrecklichsten – Träumen nicht ausmalen können …

Die Realität als Illusion

Einleitend eine gute Nachricht – sie wird nicht die einzige bleiben: Dmitry Glukhovsky gesellt sich nicht zu jenen Sensations-Schreibern, die ideenarm auf die jeweils aktuelle und publikumswirksame Mystery-Torheit setzen. In unserem Fall wäre dies die Munkel-Mär vom ‚geheimen‘ Maya-Kalender, der angeblich das Ende der Welt für den 21. Dezember 2012 ansetzt. Was dann geschehen soll, hat bereits Roland Emmerich für eines seiner krawallbunten & dummen Kino-Spektakel ausgeschlachtet. Eine Flut dem qualitativ entsprechender ‚Bestseller‘ ergießt sich zeitgleich über unruhige Leser, die indes am Stichtag die gleiche Erfahrung erwarten wird, der sich ihre Vorfahren bereits im Jahre 1000 (oder sie selbst Anno 2000) ausgesetzt sahen: Diese Welt wird sich weiterdrehen.

Zwar spielt besagter Kalender auch in „Sumerki“ eine Rolle, aber es läuft eben nicht auf eine Apokalypse der plumpen Art hinaus. Lange sieht es zwar so aus, aber im Finale schwenkt Glukhovsky um – dies nicht unbedingt originell aber überraschend und einfallsreich. An dieser Stelle kann darauf nur andeutungsweise eingegangen werden; schließlich will dieser Rezensent kein Spielverderber sein. Ohnehin beantwortet auch der Verfasser nicht jede Frage.

Schon  vor dem Finale hat er unsere Erwartungen mehrfach unterlaufen. So soll es sein, denn dies ist die Definition für eine gute, d. h. spannende Geschichte, der man gern die Zeit widmet, die es braucht, eine 500-seitige Lektüre hinter sich zu bringen. (Eifrig hilft dabei der Heyne-Verlag, dem wir die eingedeutschte Fassung verdanken. Sie wird zum Paperback aufgeblasen, was literarischen Mehrwert suggeriert und die Augen der Leserschaft schont, die weder mit Klein-Buchstaben noch Engdruck-Zeilen behelligt wird.)

Glukhovskys Dämmerung = Borges light

Der Autor nennt ihn selbst beim Namen: Jorge Luis Borges (1899-1986), den zu Recht verehrten argentinischen Großmeister der Phantastik, der so geschickt wie kaum ein anderer Schriftsteller die Realität mit der Fiktion zu verweben wusste und auf diese Weise belegte, wie brüchig die Grenze zwischen beiden Sphären ist, falls sie überhaupt voneinander zu trennen sind. Borges‘ Weltbild basierte nicht auf einer einzigen Realität, sondern ging von unterschiedlichen Realitätsebenen aus.

An diesem Prinzip richtet Glukhovsky die Handlung von „Sumerki“ aus: Die Realität ist nicht unbedingt eine Täuschung, sondern in erster Linie so komplex, dass der menschliche Verstand sie nicht wirklich in ihrer Gesamtheit zu erfassen vermag. Angebliche Fakten symbolisieren komplizierte Wahrheiten, die durch den Filter des Gehirns nur ansatzweise erkannt oder höchstens interpretiert werden können.

Dass „Sumerki“ keine simple Weltuntergangs- oder Horrorgeschichte erzählt, deutet Glukhovsky schon früh an. „Dimitri Alexejewitsch“ nennt er seinen Ich-Erzähler. Dies ist sein Alter Ego; Dmitry Alexejewitsch Glukhovsky macht sich selbst zur Hauptfigur seines Romans. Die Welt des Übersetzers Dimitri unterscheidet sich freilich von der Welt des Schriftstellers Glukhovsky. Scheinen diese Differenzen zunächst nur auf unabsichtliche Flüchtigkeitsfehler zurückzugehen, werden sie allmählich so offensichtlich, dass die Irritation des Lesers wächst. Genau dies ist der Effekt, den Glukhovsky anstrebt. Gemeinsam mit  Dimitri Alexejewitsch soll er den Boden unter den Füßen verlieren.

Mystery als Mittel zum Zweck

Ein Bücherwurm ist Protagonist einer spannenden Geschichte: Was zunächst paradox wirkt, kann Glukhovsky mit Leben füllen. Die Mühen und vor allem den Zeitaufwand, den die Entzifferung eines alten Manuskriptes erfordert, rafft oder unterschlägt er. Übrig bleibt, was den Leser wirklich interessiert: Die Geschichte einer historischen Expedition, die der eigentlichen Handlung als Subtext dient. Scheinbar trennen viele Jahrhunderte und ein Ozean Dimitri Alexejewitsch und den Konquistadoren Luis del Lagarto. Tatsächlich überschneiden sich ihre Leben auf eine Weise, die der Autor bis zur Enthüllung geschickt zu verbergen weiß, was die Neugier des Lesers mächtig schürt.

Wieder orientiert sich Glukhovsky an Borges. Figuren wie der Mönch und Wissenschaftler Diego de Landa (1524-1579) oder der Historiker und Maya-Spezialist Juri Knorosow (1922-1999) haben tatsächlich gelebt. (Daniels Drevs, der sehr engagierte Übersetzer, liefert diese u. a. interessante Hintergrundinformationen in einem ausführlichen Nachwort.) Der Verfasser bedient sich ihrer Personen und Viten, die er mit den bereits erwähnten Verfremdungen anreichert und in den Dienst seiner Geschichte stellt. Man verlasse sich daher nicht darauf, dass sie sich so verhalten, wie es in den Geschichtsbüchern fixiert ist.

Dies schließt das Maya-Rätsel ein. Es scheint lange das Geschehen zu dominieren. Doch erneut dreht Glukhovsky seinem Publikum mit dem finalen Twist eine lange Nase. Die Täuschung gelingt ebenso wie die Aufklärung. Dennoch sei die Frage gestattet, ob Glukhovsky das Maya-Rätsel nicht allzu kräftig strapaziert.

Russische Gegenwart auf sowjetischen Fundamenten

Während er seine ostentativ naive Hauptfigur durch Mysterien und Martyrien taumeln lässt, nimmt sich Glukhovsky immer wieder Zeit für Blicke auf ein postsowjetisches Russland, das nicht wirklich im 21. Jahrhundert angekommen ist. Kritisch äußert sich der Verfasser über zaristoide Regierungsbonzen und neureiche ‚Geschäftsleute‘, über schmucke Fassaden, hinter denen sich seit dem Untergang der UdSSR nicht wirklich Fortschrittliches ereignet hat, über vordergründigen Pomp und verdrängtes Alltags-Elend. Der nicht wirklich mit den Verhältnissen vor Ort vertraute Leser muss entscheiden, ob er dies für kluge Wahrheiten oder altkluge Phrasen hält. Der sonst stringent wirkenden Geschichte werden diese Passagen jedenfalls aufgepfropft.

Überhaupt mag Glukhovsky „der neue russische Kultautor“ sein, wie der „Stern“ dröhnend auf dem rückwärtigen Cover zitiert wird. Dies setzt freilich eine eher ökonomisch geprägte Definition von „Kult“ voraus. „Sumerki“ ist kein besonders anspruchsvoller oder gar origineller Roman. Der Verfasser erzählt primär eine spannende Geschichte. Dies gelingt ihm, aber die Handlung weist Längen auf und verzichtet nicht auf Klischees. Als die Katze aus dem Sack ist, vermittelt die „düster phantastische Weltenschöpfung“, von der im Klappentext schwadroniert wird, höchstens Dramatik aus zweiter Hand. Das Finale sorgt für die zufriedenstellende Auflösung der meisten Rätsel. Einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt es nicht. Allerdings spürt der Leser nie jenen schwärenden Ärger, den die Machwerke der eingangs erwähnten Mystery-Munkler erzeugen.

Autor

Dmitri Alexejewitsch Gluchowski wurde 1979 in Moskau geboren. Der ehemalige TV-Reporter wurde durch den (inzwischen fortgesetzten) Science-Fiction-Roman „Metro 2033“ bekannt, der nach einem Atomkrieg und in den Trümmern der Untergrundbahn von Moskau spielt, in deren Alltag der Autor satirisch verfremdet reale russische Missstände einfließen lässt.

[md]

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