Tage der Entscheidung

David L. Robbins
Tage der Entscheidung

Originaltitel: The End of War (New York : Bantam Books 2000)
Übersetzung: Ernst Leitner
Dt. Erstausgabe: November 2001 (Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 01/13467)
637 S.
ISBN-13: 978-3-453-19916-3

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Das geschieht:

Europa im Frühjahr 1945: Nazideutschland liegt am Boden. Auch wenn es sich noch heftig wehrt, beginnt es der Übermacht seiner mutwillig selbst heraufbeschworenen Feinde zu erliegen. Im Westen macht sich die Armee der amerikanisch-britischen Alliierten bereit, die Rheingrenze zu überspringen und gen Elbe zu stürmen: Der Krieg hat das deutsche Kernland erreicht. Im Osten fiebert ein gewaltiges Heer darauf, Hitler heimzuzahlen, was er und seine verblendeten Untertanen dem russischen Volk angetan haben.

Der endgültige Sieg der einen und die vollständige Kapitulation der anderen Seite ist nur mehr eine Frage von Monaten. Aber noch bevor der Wolf erlegt ist, beginnen die Jäger um sein Fell zu streiten. Wer wird die Nazis vor den Augen der Welt endgültig zur Strecke bringen? Dreh- und Angelpunkt solcher Überlegungen ist Berlin, die Reichshauptstadt, in der Hitler und sein Mord-Regime sich verschanzt haben. Wer Berlin nimmt, wird der Geschichte als eigentlicher Sieger dieses Weltkriegs gelten.

Das wollen sie alle, die in sechs langen Kriegsjahren furchtbare Opfer bringen mussten. Ruhmsucht beflügelt sie zusätzlich: General Dwight D. Eisenhower, Oberbefehlshaber der alliierten Streitmacht in Europa, Feldmarschall Bernhard Law „Monty“ Montgomery, sein britischer Konkurrent, und Josef Stalin, in oberster Feldherr und Führer der Sowjetunion, der seinen Amtskollegen Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt eines voraus hat: Als unumschränkter Diktator kann er seiner Rachsucht und seiner brutalen Machtgier ungezügelt nachgeben, die ihn drängen, sich möglichst viel vom Kuchen Europa einzuverleiben.

Jenseits der großen Politik spielen sich handfestere Dramen ab. Charley Bandy, Starfotograf für das Magazin „Life“, will mit der Siegermacht in Berlin einrücken. Von Osten her rückt mit der Sowjetarmee Ilja Schochin auf die Reichshauptstadt vor. Im Strafbataillon der 8. Garde-Armee dienen er und seine Kameraden als lebendige Schutzschilde Im bombenverheerten Berlin erwartet die junge Cellistin Lotti das Ende. Sie hat bisher die Augen vor den Verbrechen der Nazis geschlossen, aber das ist nun vorbei: Ihre Mutter Lotti verbirgt im Keller einen der wenigen Juden, die dem Terror bisher entkamen. Nun heißt es doppelt auf der Hut zu sein – vor den einrückenden Russen und vor den Nazi-Schergen, die alle mit sich in den Tod reißen wollen …

Gute Erinnerungen an einen ebensolchen Krieg

Der II. Weltkrieg schien vor gar nicht so langer Zeit nur noch für historisch interessierte Zeitgenossen von Interesse zu sein. Weil Zeitzeugen, die eine nachträgliche Instrumentalisierung des Krieges überzeugender anprangern konnten als Historiker, allmählich ausstarben, entdeckten das Dokumentarfernsehen und die populäre Unterhaltung ihn wieder. An der Spitze marschiert einmal mehr Hollywood. Stephen Spielberg, der Regisseur, dem (fast) alles gelingt, belebte den Kriegsfilm als Genre – nun angereichert mit sorgfältig dosierten, publikumswirksamen Wahrheiten – mit „Der Soldat James Ryan“ oder „Band of Brothers“ neu. Weniger talentierte aber trotzdem erfolgreiche Nachahmer sprangen auf diesen Zug auf. Seither wird wieder aus allen Rohren auf die Nazis gefeuert. Kein Wunder: Der II. Weltkrieg ist ziemlich der einzige Krieg, den die USA nicht nur gewonnen, sondern auch definitiv im Dienst einer guten Sache geführt haben; nicht so sauber, wie sie es sich & der Welt gern weismachen, aber mit dem rundum positiven Ergebnis, dass Hitlers Terror sein Ende fand.

Auch populärliterarisch wird inzwischen wieder Krieg geführt. Die meisten Romane kann und sollte man vergessen, aber „Tage der Entscheidung“ stellt eine interessante Ausnahme dar. Sicherlich ist David L. Robbins im Finale in gewisser Weise an seinem Thema gescheitert. Ungeachtet dessen bleibt „Tage der Entscheidung“ nicht nur spannend, sondern auch eindringlich, während allzu schauerliche Peinlichkeiten vermieden werden.

Robbins hat sich nicht zum ersten Mal mit dem II. Weltkrieg beschäftigt. Einigen Ruhm hat ihm sein Stalingrad-Scharfschützen-Drama „War of the Rats“ (1999, dt. „Krieg der Ratten“) beschert, aus dem Jean-Jacques Annaud 2001 das Zelluloid-Epos „Duell – Enemy at the Gates“ destillierte (und ziemlich in den Sand setzte). „Tage der Entscheidung“ ist allerdings um Klassen besser geraten. Macht sich der Leser erst einmal frei von der Erwartung eines der historischen Realität verpflichteten und Klischees meidenden Tatsachen-Romans, wird er garantiert nicht enttäuscht: durch Unterhaltung auf hohem Niveau, d. h. eine gut erdachte und erzählte Geschichte.

Krieg als Unterhaltung, aber nicht als Abenteuer

Die Tatsachen stehen fest: 1945 war der Krieg für das Deutsche Reich verloren. Robbins beugt sich den historischen Fakten, ohne sich ihnen zu unterwerfen. Stattdessen stellt er sie in den Dienst der Handlung. Dabei begibt er sich auf dünnes Eis, denn er beschränkt sich nicht darauf, die Abenteuer erdachter Figuren zu schildern. Stattdessen bezieht Robbins reale Personen (und Persönlichkeiten) wie Roosevelt, Churchill oder Stalin ein. Das bedeutet ein Risiko, denn aufmerksame Historiker haben jeden Schritt dieser Männer verfolgt und kommentiert.

Robbins stellt sich der Herausforderung, indem er sie meidet. Generell dienen ihm Geschichtsbücher als Grundlage. Das Handeln ist damit abgesichert, das Denken wird unter Berufung auf die dichterische Freiheit rekonstruiert. Das ist durchaus legitim und sorgt für Menschen, die historische Persönlichkeiten sind aber trotzdem Fehler machen, welche von der offiziellen Geschichtsschreibung allzu gern unterschlagen wurden. Natürlich ist die Grenze zur War-Soap-Opera immer gefährlich nahe. Vor allem im belagerten Berlin geht es außerordentlich klischeestark zur Sache. Allerdings sorgte die Realität nachweislich für Tatsachen, die ein um Glaubhaftigkeit bemühter Schriftsteller nicht gewagt hätte zu erfinden.

Robbins hütet sich vor plumper Schwarz-Weiß-Malerei, ohne gleichzeitig ins politisch Korrekte zu verfallen. Amerikaner, Briten, Russen, sogar Deutsche: Sie alle treten bemerkenswert ambivalent auf. Ein Beispiel bietet Robbins Darstellung von Franklin D. Roosevelt. Er war einer der fähigsten US-Präsidenten des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig schätzte er Stalin und dessen Ziele völlig falsch ein. Das liegt zu einem nicht geringen Teil daran, dass sich Roosevelt zu lange an sein Amt klammerte und es noch innehatte, als er längst geschwächt war von der Krankheit, die ihn schließlich tötete.

Figuren als Stellvertreter

Gelungen ist auch Robbins‘ Porträt Josef Stalins als Diktator und Massenmörder, der sein Land aus den Fängen der Nazis befreien wollte. Das ist ein schwierig aufzulösender Widerspruch. Dies gilt besonders für jene schlichten Geister unter uns, die stets Unbehagen plagt, wenn sie die Welt nicht in ‚gut‘ und ‚böse‘ sortieren können. Stalin war ein böser (und bösartiger) Mensch, aber ein guter Staatslenker in verzweifelter Situation. Ein ungebildeter aber intelligenter Mann war er außerdem. Kein Wunder eigentlich, dass ihm die meisten seiner westlichen Verbündeten nicht wirklich gewachsen waren.

Ohnehin schont Robbins die militärischen Helden des II. Weltkriegs nicht. Egal ob Eisenhower oder Montgomery – sie denken alle vor allem an den Nachruhm und den Gewinn, der sich daraus schlagen lässt. Aber auch der einfache GI, traditionell eine Lichtgestalt, die Kaugummis an deutsche Kinder verteilt, kommt nur mit einem blauen Auge davon: Robbins verschweigt nicht die übliche Praxis, deutsche Widerstandsnester aus der Entfernung mit brutaler Waffengewalt in Stücke zu sprengen, ohne dabei auf die Zivilbevölkerung Rücksicht zu nehmen.

Gut war Robbins beraten, als er die echten Nazi-Größen ausklammerte. Weder Hitler noch seine Paladine treten auf. Dadurch vermeidet der Autor die Gefahr, sein Werk in die Nähe jener von Wagner-Musik untermalten Götterdämmerung zu rücken, zu der die letzten Monate des „Dritten Reiches“ in der Rückschau häufig gerinnen. Stattdessen konzentriert sich Robbins auf zwei ‚typische‘ Deutsche – weder das personifizierte und dadurch plakative Böse à la Hannibal Lecter, noch verkappten Gutmenschen, die von dämonischen Nazis wie von Aliens aus dem All in den Bann geschlagen wurden und eigentlich völlig unschuldig sind.

Hier geht nichts mehr

Schließlich führt Robbins Charley Bandy in ein gerade befreites Konzentrationslager. Auch diese Szenen sind eindringlich, aber sie verraten auch, dass hier Robbins schriftstellerische Grenze erreicht und überschritten ist: Bandys Reaktion überzeugt nicht, denn man merkt allzu deutlich, dass er von seinem geistigen Vater vor allem deshalb gezwungen wird, sein bisheriges Leben in Frage zu stellen, um den Horror eines millionenfachen Völkermordes begreiflich werden zu lassen.

Überhaupt das Finale … Hier zeigt Robbins echte Schwächen. Natürlich ist es schwierig, den Weg der Leiden, den die Protagonisten über mehr als 600 Seiten durchschreiten mussten, so zu beenden, dass es ihnen gerecht wird. Vielleicht trifft Ilja Schochin den Nagel noch am besten auf den Kopf: Der II. Weltkrieg endet nicht in Berlin, die Kapitulation ist nur die Atempause vor dem nächsten Brand.

Das wusste der alte Fuchs Churchill schon von Anfang an. Wenn es doch so etwas wie einen Helden in „Tage der Entscheidung“ gibt, dann ist es sicher dieser Winston Churchill, ein dicker, alter, müder, aber blitzgescheiter, mutiger und mit allen politischen Wassern gewaschener Mann, dessen unerhörte Popularität Robbins glaubhaft machen kann.

Ungeachtet solcher Makel gelingt David L. Robbins ein spannendes Werk. Selten lesen sich mehr als 600 Seiten so mühelos, und das ist keine Selbstverständlichkeit, wie jeder erfahrene Gewohnheitsleser dürfte!

Autor

David Lea Robbins wurde am 10. März 1954 in Sandston, einem Städtchen unweit von Richmond im US-Staat Virginia, geboren. Er studierte Theaterwissenschaften und Sprechtheaterdramaturgie am College of William and Mary in Williamsburg. Mit seinem Abschluss stand Robbins 1976 auf der Straße und beschloss, etwas ‚Vernünftiges‘ zu lernen. Er kehrte an das genannte College zurück und studierte nunmehr Jura. Dem Abschluss 1980 folgte die Erkenntnis, dass auch dieser Beruf ihm nicht zusagte, weshalb Robbins nunmehr auf Psychologie umsattelte.

Parallel dazu datieren erste schriftstellerische Aktivitäten. Ab 1981 schrieb er Essays und Theaterstücke. 1997 erschien ein erster Roman („Soul to Keep“), aber erst „War of the Rats“ (dt. „Krieg der Ratten“) brachte den Durchbruch. Dieser Roman resultierte aus einer lebenslangen Faszination. Beide Eltern nahmen aktiv am Kriegsgeschehen ein, das deshalb im Hause Robbins präsent und prägend war.

Der große Erfolg seines Buches ermöglichte Robbins eine Existenz als freier Schriftsteller. Neben weiteren Kriegsromanen erschienen Thriller sowie Alternativwelt-Geschichten. Neben seiner Autorenarbeit lehrt Robbins kreatives Schreiben am Virginia Commonwealth University’s Honors College. Er lebt weiterhin in Richmond.

Copyright © 2015/2017 by Michael Drewniok (md)

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