Vom Tode verwest

Jesse Bullington
Vom Tode verwest

(sfbentry)
Originaltitel: The Enterprise of Death (New York : Orbit 2011)
Übersetzung: Eva Bauche-Eppers
Deutsche Erstausgabe (Paperback): April 2012 (Bastei-Lübbe-Verlag/Bastei-Lübbe-Fantasy Nr. 20638)
494 S.
ISBN-13: 978-3-404-20638-4
Als eBook: April 2012 (Lübbe Digital)
766 KB
ISBN-13: 978-3-8387-1112-6

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Das geschieht:

1516 wird der Schweizer Niklaus Manuel Deutsch, der gerade als Söldner in Oberitalien kämpft, von seinem Hauptmann beauftragt, die maurische Hexe Awa nach Spanien zu bringen, wo der Inquisitor Ashton Kahlert bereits die Folterinstrumente schärfen lässt. Die Mission misslingt, Awa kann sich befreien, denn sie ist in der Tat eine Hexe, die lange, leidensreiche Jahre einem Nekromanten dienen musste, der sie in viele seiner schwarzen Künste einweihte.

Awa konnte ihren Peiniger schließlich überlisten und umbringen, doch dieser belegte sie mit einem fürchterlichen Fluch: Zehn Jahre nach seinem Tod werde er aus dem Jenseits wiederkehren und in ihren Körper einfahren, um ihn für ein neues Leben zu ‚übernehmen‘. Auf der Suche nach einem Weg, dieses Schicksal abzuwenden, zog Awa durch das Heilige Römische Reich, bis sie in Italien gefangengenommen wurde.

Statt ihren Häscher, der seinen Auftrag nur widerwillig und unter Zwang übernommen hatte, zu töten, freundet sich Awa mit Manuel an. Gemeinsam ziehen sie nach Mailand, wo Awa den aufstrebenden Arzt Paracelsus trifft und ihm mit ihren Hexenkräften heimlich zur Hand geht. Mit der Hure Monique zieht sie später nach Paris, um dort ein Bordell zu eröffnen, während Manuel in seine Heimatstadt Bern zurückkehrt.

Als sich die Frist, innerhalb derer sich der Fluch erfüllen soll, dem Ende zuneigt, nimmt Awa ihr Wanderleben wieder auf. Sie ahnt nicht, dass Kahlert weiterhin nach ihr fahndet. Manuel und Monique sind informiert und eilen der Freundin zur Hilfe. Im deutschen Schwarzwald soll Kahlerts Falle zuschnappen, doch die Einmischung schwarzmagischer Mächte deutet auf eine weitere Partei hin, sodass der Kampf um Awas Rettung erst in Oberitalien und ein bizarres Gemetzel lebender, toter und definitiv nichtmenschlicher Kontrahenten mündet …

Der Tod ist Alltag und Geschäft

Während der deutsche Titel „Vom Tode verwest“ zwar recht interessant klingt aber rein gar nichts bedeutet, trifft der vom Verfasser selbst gewählte Titel den Kern dieses Romans genau: „The Enterprise of Death“ spielt in einer Ära der europäischen Geschichte, in der die Grenze zwischen Leben und Tod quasi aufgehoben und der Tod bzw. die Gewährleistung seines Eintritts ein lukratives Geschäft geworden war.

Auch ohne die Praktiken von Totenbeschwörern und Hexen wird im nur namentlich Heiligen Römischen Reich um 1500 fabrikmäßig gestorben. Als wir dem gebildeten Feingeist Manuel Deutsch erstmals begegnen, verdient er sich das Geld für Leinwand und Farben als Söldner. Nach Feierabend malt er, tagsüber schlachtet er gegnerische Soldaten ab. Gegen wen er kämpft, ist ihm ebenso gleichgültig wie seinen Kameraden; im Hexenkessel Oberitalien bekriegen sich der Papst, das Herzogtum Mailand, die Republik Venedig sowie die Herrscher von Frankreich, Spanien und Österreich. Alle benötigen sie Krieger, und sie zahlen gut. Mehr muss ein Söldner nicht wissen, obwohl es möglich ist, dass er morgen gegen jene kämpft, mit denen er heute gemeinsam ins Feld zieht.

Nachdem sich die Christenheit erst vor wenigen Jahren in „Katholische“ und „Protestanten“ gespalten hat, wurde aus den üblichen Machtkämpfen ein europaweiter Glaubenskrieg, der mit fanatischer Verbissenheit geführt wird. In Spanien heißen Ferdinand II. von Aragón und seine Gattin Isabella die Inquisitoren der katholischen Kirche mit offenen Armen willkommen. Sie sollen die den frommen bzw. scheinheiligen Herrschern verhassten Juden und Mauren als Hexen und Zauberer verfolgen und ausrotten. Überall wird gefoltert, die Scheiterhaufen lodern.

Die Schraube des Todes weiter drehen

Wo ausnahmsweise nicht gekämpft oder nach ‚Ketzern‘ und ‚Hexen‘ gefahndet wird, sorgen Seuchen, die hohe Kindersterblichkeit, der Mangel an Hygiene oder die allgegenwärtige Syphilis dafür, dass die Friedhöfe sich bis zum Bersten füllen. Die Menschen haben sich arrangiert. Sie sind abgestumpft gegen Leiden und Tod, denn jederzeit kann es jede/n treffen.

Diese von Menschen geschaffene Hölle auf Erden ergänzt Jesse Bullington durch ‚echte‘ Zauberei. Mit jener Ironie, die bereits sein Erstlingswerk „Die traurige Geschichte der Brüder Grossbart“ auszeichnete, kreiert er ein Pandämonium, in dem selbst der Tod keine Erlösung bringt: Er ist rückgängig zu machen, wenn man weiß, wie es geht. Die Toten müssen dem, der sie beschwören kann, als ultimative Sklaven zu Willen sein.

So ist es kaum verwunderlich, dass Bullington seine Welt mit lebenden, halbtoten und mausetoten Figuren bevölkern kann, ohne dass dies in dem allgemeinen Tohuwabohu auffällt. Auch im Handeln passt man sich dem chaotischen Alltag an – was mit enormem Aufwand geplant und realisiert wird, wirkt oft nicht nur aus heutiger Sicht völlig sinnlos. Bullington unterstützt den Eindruck stetiger Unsicherheit, indem er immer wieder die Zeitebenen wechselt. Erst im letzten Drittel laufen die Handlungsstränge zusammen, um ein Finale einzuleiten, das jeden Splatterfilm blutarm wirken lässt.

Das Personal des Todes

Schon die Brüder Grossbart waren untypische Hauptfiguren – mörderisch, hinterhältig, verlogen, schmutzig. Trotzdem fand der Leser sie sympathisch, denn erstens waren er oder sie vor ihnen in Sicherheit, und zweitens waren die bösen Brüder weder Heuchler noch Langweiler. Den Protagonisten seines zweiten Romans verleiht Jesse Bullington sogar noch mehr Kanten. So ist Awa nicht nur eine Frau in einer Zeit, die das Weib [sic!] primär im Umfeld der Dreiheit Kinder – Küche – Kirche sah, sondern außerdem dunkelhäutig, eine nichtchristliche ‚Heidin‘, lesbisch, eine echte Hexe, sogar Kannibalin. Jede dieser Eigenschaften könnte sie auf den Scheiterhaufen bringen.

Dabei ist Awa vor allem Opfer. In der maurischen Heimat war sie Sklavin, in Spanien gerät sie erst unter die Räuber, dann an einen Hexenmeister, später in die Fänge der Inquisition. Wird Awa nicht verfolgt, muss sie sich dennoch hüten, denn die braven Bürger des angeblich Heiligen Römischen Reiches könnten sie jederzeit denunzieren. Trotz ihrer Zauberkräfte lebt Awa deshalb gefährlich, zumal auch die Magie Gesetzen folgen muss und sie keinesfalls allmächtig macht. Die einzige Konstante in Awas Leben ist die Allgegenwart des Todes. Mehrfach sind die Toten, die sie aus ihren Gräbern beschwören kann, Awas beste und loyalste Freunde.

Später lernt sie Menschen kennen, die allerdings ihrerseits Außenseiter der Gesellschaft sind. Bullington verquickt hier Realität und Fiktion. Während die Hure und Sölderin Monique eine Erfindung ist, haben Niklaus Manuel Deutsch (1484-1530) und Philippus Theophrastus Aureolus Bombast von Hohenheim alias Paracelsus (1493-1541) tatsächlich gelebt. Der Verfasser bedient sich ihrer Lebensläufe, die genug Lücken aufweisen, in die sich erfundene Erlebnisse einpassen lassen.

Neue Zeit mit neuen Schmerzen

Bullington siedelt sein Garn in einer besonders explosiven Ära der Weltgeschichte an. Während das Mittelalter um 1500 ausklingt, dämmert die Neuzeit herauf. Sie wird vielen naturwissenschaftlichen Irrtümern und dem mörderischen Aberglauben früherer Jahrhunderte ein Ende bereiten, doch diese Geburt ist schmerzhaft. Die Sünden der Vergangenheit mischen sich zum Zeitpunkt des Geschehens mit neuen Gräueln und verheeren einen ganzen Kontinent.

Paracelsus steht für den Beginn der ‚echten‘ Wissenschaft, zu der nach Bullington aber auch die Magie gehört. Sie wird zwar von „Zauberern“ und „Hexen“ betrieben, die auf ihre Weise ebenfalls Forscher sind. Der vorurteilsarme Paracelsus begreift dies und wird zu einem Stammvater der modernen Medizin, weil er beide Aspekte berücksichtigt.

Manuel Deutsch ist eine interessante Figur. Bullington führt ihn als Realisten und Zweifler ein, der die politischen Lügen und religiösen Heucheleien seiner Zeit durchschaut. Auch Manuel wird durch die Freundschaft mit Awa zum Wissenden. Erst auf diese Weise kann er in die Geschichte eingehen; so entsteht nach Bullington sein malerisches Hauptwerk, ein zwischen 1516/17 an die Mauer des Dominikanerklosters in Bern gemalter Totentanz, weil Awa Leichen aus den Gräbern des Klosterfriedhofs ruft, die dem Künstler Modell stehen.

Gegen Ende seines Lebens wird Manuel ein prominenter Staatsmann und Reformator – und selbst ein Heuchler, der dies als legitime Methode betrachtet, seine Gegner zu täuschen und auszuhebeln. Diese sarkastisch quasi als Epilog einfließende Wendung ist eine der unzähligen Überraschungen, mit denen der Autor sein Publikum mitreißt.

Ohne Anfang, ohne Ende, ohne Langeweile

„Vom Tode verwest“ ist nach „Die traurige Geschichte der Brüder Grossbart“ wieder eine Wundertüte, die Historie, Horror und Fantasy so meisterhaft mischt, dass etwaige Klischees aufgehoben wirken. Bullington spielt nicht nur mit den genannten Genres, den Zeitebenen, der Sprache oder der Realität. Selbst einen ‚ordnungsgemäßen‘ Einstieg und vor allem ein Finale, das sämtliche Ereignisse bündelt sowie offene Fragen klärt, verweigert er uns. „Vom Tode verwest“ beginnt und endet offen, denn die Geschichte/n von Awa, Monique und Paracelsus setzen sich auch nach Seite 494 und dem Sieg über den Hexenmeister turbulent fort. Nur die Geschichte von Awa und Manuel findet ihr Ende – vielleicht, denn Awa ist schließlich eine Nekromantin …

Für die Unbändigkeit, mit der Bullington seine Leser mit Ab- und Ausschweifungen konfrontiert, findet der Verfasser eine logische Begründung: Diese bunte, böse, bizarre Welt lässt sich schon in der Realität nicht ordnen. Wie sollte dies also im literarischen Rahmen gelingen?

Abermals ist die deutsche Übersetzung ein Separatlob wert. Bereits „Die traurige Geschichte der Brüder Grossbart“ fesselte durch eine Sprachgewalt, die Eva Bauche-Eppers bewahren konnte. Die Übertragung dürfte erneut eine echte Herausforderung gewesen sein. Bauche-Eppers entschloss sich, jeden ‚historisierenden‘ Duktus zu vermeiden. „Vom Tode verwest“ mischt moderne Sprache mit zeitgenössischen oder scheinbar zeitgenössischen Worten und Ausdrücken. Dies sorgt für eine fremdartige, künstliche Sprache, die paradoxerweise wesentlich authentischer wirkt als jene geschraubten & gestelzten Wortkaskaden, die weniger talentierte und einfallsreiche Schriftsteller (oder Übersetzer) als Umgangstöne für vergangene Zeiten und Gesellschaften postulieren. Deshalb ist es kein Wunder, sondern das verdiente Ergebnis eines gelungenen Werkes, dass der Leser 500 eng bedruckte Seiten mit Genuss verschlingt.

Obwohl das Titelbild nicht mit dem Cover der „traurigen Geschichte der Brüder Grossbart“ mithalten kann, ist „Vom Tode verwest“ abermals ein Werk, das nicht zum Paperback aufgeblasen wurde, sondern dem dieses und kein anderes Format gebührt. Großartiger Inhalt, schöne Form und beides im Einklang: Dies erfreut nicht nur aber vor allem den erfahrenen Leser, der sich viel zu oft unter einer Breilawine minderwertiger Einheits-Phantastik begraben fühlt.

Autor

Jesse Bullington wurde in Boulder, US-Staat Colorado geboren. Nach einem Umzug wuchs er zunächst in Pennsylvania auf, bevor die Familie für mehrere Jahre in die Niederlande umsiedelte. Nach der Rückkehr in die USA beendete Bullington die High School und studierte Englische Literatur und Geschichte an der Florida State University. Beide Fächer schloss er 2005 ab.

Bereits in seiner High-School-Zeit lernte Bullington den Fantasy-Autoren Jeff Vandermeer kennen. Sie wurden Freunde, und Vandermeer wurde Bullingtons Mentor, als dieser eigene schriftstellerische Pläne entwickelte. Mit der Arbeit an seinem Debütroman „The Sad Story of the Brothers Grossbart“ (dt. „Die traurige Geschichte der Brüder Grossbart“) begann Bullington unmittelbar nach dem Studium. Das opulente, inhaltlich wie formal vom Fantasy-Mainstream abweichende Werk erregte bei Kritik und Publikum großes Aufsehen.

Über sein Werk informiert Jesse Bullington auf dieser Website.

[md]

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Comments

  1. Der deutsche Titel „Vom Tode verwest“ klingt irgendwie schräg; ich hab da ein komisches Ziehen in meinem Sprachgefühl bemerkt. Wie soll man das verstehen? Von wem sonst, als vom oder durch den Tod soll man verwesen? Lepra? Zombie? Scheint der Autor nicht beeinflussen zu können, wie sein Werk in der Übersetzung benannt wird.

    mit leicht verwirrten Grüßen
    galaxykarl 😉

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