Vor uns das Leben

Amy Harmon
Vor uns das Leben

(sfbentry)
Making Faces, USA, 2013
Egmont-INK, Köln, dt. Erstausgabe: 10/2014
PB mit Klappbroschur
Jugendbuch, Belletristik, Drama, Romance
ISBN 978-3-86396-073-5
Aus dem Amerikanischen von Corinna Wieja und Jeannette Bauroth
Titelgestaltung von Guter Punkt, München unter Verwendung eines Motivs von chuwy/istockphoto
Autorenfoto von Hiskey Photo

www.egmont-ink.de
www.authoramyharmon.com
www.guter-punkt.de

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Fern und Bailey sind Cousine und Cousin, im selben Alter und, was am wichtigsten ist, beste Freunde von klein auf. Bald kommt als dritte im Bunde Rita hinzu, eine Schulfreundin. Durch Rita wird Fern erst bewusst, dass sie ein Mauerblümchen ist, womit sie sich notgedrungen abfindet, denn Bailey ist noch viel schlimmer dran: Er leidet an einer unheilbaren Muskelkrankheit, die ihn an den Rollstuhl fesselt und an der er jung sterben wird. Seine Gefühle für Rita bleiben unerwidert, weil sie sich um den attraktiven Ambrose, den Ringer-Star der Schule, bemüht, wobei sie sowohl von Bailey als auch Fern, die insgeheim in Ambrose verliebt ist, unterstützt wird.

Allerdings gehen die Freundinnen zu weit. Um Ambrose zu beeindrucken, lässt Rita die Liebesbriefe von der belesenen Fern schreiben, bis Ambrose bemerkt, dass das Mädchen, das er küsst, nicht die Verfasserin der Briefe sein kann, in der er eine Seelenverwandte erkannt hat. Wie groß ist seine Enttäuschung, als er die Wahrheit erfährt! Für Fern ist er jetzt noch weniger erreichbar als je zuvor, und Rita lässt sich mit dem aggressiven Becker ein, ein schwerer Fehler, wie sich später herausstellen soll.

9/11. Plötzlich ist alles anders. Das letzte Schuljahr, die Abschlussfeier, die Zukunftspläne, ihre Freundschaften und Beziehungen sind für die Schüler nur noch Belanglosigkeiten, denn die Angst vor weiteren Terroranschlägen hat jeden fest im Griff. Letztendlich ändert sich dennoch nichts, und nahezu jeder lebt sein Leben so weiter, wie es wohl auch ohne diesen grauenhaften Tag verlaufen wäre. Nur nicht Ambrose. Schon immer litt er unter dem Druck, als Ringer seinen Vater, den Trainer, die Freunde, die Schule, den ganzen Ort nicht enttäuschen zu dürfen und stets siegen zu müssen. Dadurch ging ihm die Freude am Sport verloren, und auch das Stipendium, das seine Zukunft gesichert hätte, reizt ihn nicht mehr. Aus fehlverstandenem Patriotismus lässt er sich anwerben und überredet seine vier besten Freunde, mit ihm zur Armee zu gehen.

Die jungen Männer werden in den Irak geschickt, und kurz vor Ende ihrer Dienstzeit passiert das Schreckliche: Eine Bombenexplosion tötet alle außer Ambrose, der traumatisiert und entstellt nach Hause zurückkehrt. Dort verbirgt er sich vor allen und lässt niemanden an sich heran, da er sich die Schuld an der Tragödie gibt. Wären die Kameraden ihm nicht aus Loyalität gefolgt, könnten sie noch leben. Nur zögerlich erlaubt er Fern und Bailey, die alte Freundschaft zu erneuern …

Auch wenn man den Klappentext nicht gelesen hat, wird einem schon nach wenigen Zeilen klar, „Vor uns das Leben“ ist keiner der üblichen romantischen Teenie-Schmöker, in denen sich „das hässliche Entlein“ nach herzrührenden Schulintrigen zum Schwan im Cheerleader-Kostüm mausert und ihrer fiesen Rivalin den Traumprinzen wegschnappt. Dafür sind die Themen, die Amy Harmon anschneidet, viel zu ernst. Weder ist das Schicksal des todkranken Bailey noch der 11. September 2001 etwas, das man bagatellisieren oder gar zum Motiv in einer heiteren Lovestory machen darf. Die Autorin hat ihre Geschichte wie ein Puzzle angelegt. Sie wechselt regelmäßig die Perspektiven und lässt jede der Hauptfiguren – Fern, Bailey, Ambrose – die Geschehnisse in der dritten Person schildern. Des Weiteren ergänzt sie die Gegenwartshandlung – September 2001 und die Zeit danach – durch Rückblenden in die Kindheit, welche aufzeigen, dass die drei schon damals auf besondere Weise miteinander verbunden waren durch Erlebnisse, die für jeden von ihnen wichtig sind und nie vergessen wurden.

Natürlich wird nicht ganz auf die gängigen Klischees verzichtet, die zur Schaffung von Identifikationsfiguren und einer kurzweiligen Handlung notwendig sind: Die Leserin darf mit Fern lieben und leiden, denn vermutlich ist auch sie eher – im positiven Sinn! – eine graue Maus, sonst säße sie nicht mit diesem Buch auf dem Sofa, sondern würde mit den angesagten Typen um die Häuser ziehen. Die Autorin macht keinen Hehl daraus, dass es die ‚it-Girls‘ leichter haben als die ‚Normalos‘, doch Schönheit ist nicht nur vergänglich (Ambrose), sie bringt diese Mädchen auch in Schwierigkeiten (Rita). Fern und den Mauerblümchen bleibt vieles erspart, und irgendwann sind auch die Jungen endlich reif genug, dass sie nicht mehr dem kürzesten Rock hinterher hecheln, sondern die weniger aufdringliche Schönheit und die inneren Werte eines Menschen erkennen. Damit hätte es die Autorin bewenden lassen können, doch kehrt sie obendrein die Rollen von „der Schönen und dem Biest“ um, denn Ambrose ist von der Explosion gezeichnet, während sich Fern ohne dicke Brille und Zahnspange sowie einer neuen Frisur zu einer hübschen jungen Frau entwickelt hat. Ein Trost für die Mauerblümchen, die oft nur Spätentwickler sind und/oder durch vorteilhafte Kleidung zum Hingucker werden können. Also doch: Die Optik ist immer wichtig, innere Schönheit hin, tiefergehende Werte her. Das ist einfach so.

Bailey hat weitaus ernstere Sorgen, denn seine Tage sind gezählt, sodass ihm nur sein Intellekt und Lebenshunger bleiben. Sein persönliches Drama soll jungen Menschen in ähnlicher Situation ermutigen: Auch wenn das Ende immer näher rückt und es keine Hoffnung mehr gibt, kann man immer noch das Beste für sich herausholen. Tatsächlich gelingt es Bailey, durch Disziplin und die Hilfe seiner Familie das Unvermeidliche aufzuschieben und aktiv am Leben teilzunehmen. Das Wissen um seinen frühen Tod lässt ihn viel intensiver leben und selbst die kleinsten Freuden auskosten. Am Schluss beweist er sogar eine Stärke, die ihm kaum jemand zugetraut hätte, wodurch er zwei ihm nahestehende Personen rettet. Dennoch wirkt er eher wie das fünfte Rad am Wagen, da die Beziehung von Fern und Ambrose im Mittelpunkt steht. Die drei geben einander immer wieder neue Kraft, und zwei von ihnen werden schließlich mit einem Happy End belohnt, weil sie nicht aufgegeben, sich mit ihren Fehlern auseinandergesetzt und das Oberflächliche hinter sich gelassen haben. Dadurch wird nun auch der 11. September, der die Welt grundlegend verändert hat, in den Hintergrund geschoben, aber die Autorin wollte ohnehin nicht das damit verbundene Trauma aufarbeiten, sondern nachvollziehbare Einzelschicksale schildern, die für eine Generation stehen, die durch diesen Anschlag geprägt wurde und doch ihr Leben mit allen Höhen und Tiefen fortsetzt.

„Vor uns das Leben“ zieht schnell in den Bann durch die liebenswerten Charaktere und ihre traurige Geschichte. Das Buch möchte auf mehreren Ebenen Mut machen – und die Taschentücher sollten nicht zu weit weg liegen. Leserinnen ab 13 Jahre, die realistisch aufgebaute Dramen mögen, werden diese Lektüre nicht so bald vergessen und vielleicht sogar gespannt auf „Unendlich wir“ warten, das neue Buch von Amy Harmon, das bei INK im April 2015 erscheinen soll.

Copyright © 2015 by Irene Salzmann (IS)

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