Die 70 großen Reisen der Menschheit

Robin Hanbury-Tenison (Hg.)
Die 70 großen Reisen der Menschheit

Originaltitel: The Seventy Great Journeys in History (London : Thames & Hudson Ltd. 2006)
Übersetzung: Frank Auerbach
Deutsche Erstausgabe (geb.): September 2006 (Frederking & Thaler Verlag)
304 S.
ISBN-13: 978-3-89405-675-9

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Inhalt:

In sechs Großkapiteln stellt Herausgeber Robin Hanbury-Tenison – selbst ein großer Reisender und mit der Materie vertraut – 70 historische Reisen vor, die das Verständnis von der Gestalt dieser Erde und der Kenntnis ihrer Pflanzen, Tiere und Menschen entscheidend prägten. Die Gliederung folgt historischen Epochen und berücksichtigt darüber hinaus die zeittypischen Formen des Reisens.

1. Altertum: In einer noch weitgehend menschenleeren Welt zogen ‚Reisende‘ im Gruppen- und Familienverbund ins Unbekannte. Ob die Menschen, die vor 100.000 Jahren Afrika verließen, dies aus reiner Not taten oder ob sie bereits die Ferne lockte, muss als Frage mangels Quellen unbeantwortet bleiben. Hatte man Neuland erreicht und kultiviert, kam irgendwann der Zeitpunkt, an dem Überschuss erzielt und (Fern-) Handel getrieben wurde – und der Moment, in dem sich der Nachbar dieses Reichtums gewaltsam bemächtigen wollte.

2. Mittelalter: Handelszüge und Eroberungen wurden ergänzt durch religiöse Wallfahrten, die keineswegs auf die Christenheit beschränkt blieben, Missionare nahmen strapaziöse Reisen auf sich, um „Heiden“ zu bekehren. Auch chinesische Buddhisten oder Muslime suchten die Gründungsstätten ihres Glaubens auf. Man reiste zielgerichtet und der Gefahr wegen in großen Gruppen, doch Männer wie Marco Polo oder Ibn Battuta repräsentierten eine neue Generation: Reisende, die allein oder in kleinen Gruppen mit leichtem Gepäck unterwegs waren, gewaltige Strecken ohne festes Ziel zurücklegten und die Reise selbst als Beweggrund ihres Handelns betrachteten.

3. Renaissance: Mit den Innovationen in Schiffsbau und Navigation wurde die als Kugel erkannte Erde kleiner. Auf dem Wasser ließen sich enorme Entfernungen schneller zurücklegen als auf dem Land, sodass die Kontinente endlich als solche identifiziert und bereist werden konnten. Die Reisenden der Renaissance waren eher Eroberer als Händler; dass sie vor Ort auf politisch und gesellschaftlich zum Teil hoch entwickelte Zivilisationen trafen, kümmerte sie wenig: Die Entdeckungen dieser Ära brachten stets auch Unterdrückung, Sklaverei und Krankheit über die Völker der Ferne.

4. 17./18. Jh.: Alle Kontinente waren gefunden, gewaltige Gebiete erkundet, besiedelt oder in Besitz genommen worden. Noch blieben allerdings stattliche Lücken vor allem dort, wo es extrem kalt oder heiß, stürmisch oder aus anderen Gründen unwirtlich war. Da in diesen Regionen nicht unbedingt mit Bodenschätzen und begehrten Gütern zu rechnen war, wurden die Pläne für große Reisen zunehmend von Forschergeist motiviert. Zum eigentlichen Ziel wurde die Suche nach Wissen.

5. 19. Jh.: Natürlich blieben Machtstreben und Handel treibende Kräfte, aber an ihre Seite trat gleichwertig die Forschungsreise. In nie gekannter Zahl drangen natur- und sozialwissenschaftlich ausgebildete Männer (sowie einige Frauen) zu den letzten weißen Flecken vor. Sie klassifizierten und interpretierten, führten ihr Wissen zusammen und begannen zu begreifen, dass diese Welt ein funktionales Gefüge darstellt.

6. Neuzeit: Neue Techniken und Ausrüstungen, die vor lebensfeindlichen Elementen schützten, ließen die letzten Grenzen fallen. Die Pole, die höchsten Berge, die tiefsten Meeresgräben wurden erreicht, erklommen und ertaucht. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ließ der Mensch die Erde selbst hinter sich und drang in den Weltraum vor. Mit sich nahm er die Erkenntnis, dass Reisen vor allem wichtige Bausteine zum Verständnis des Lebens liefern – ein Wissen, das den Schlüssel für seine weitere Existenz darstellen wird.

287 farbige und 103 s/w-Abbildungen – Zeichnungen und (zeitgenössische) Fotos – sowie 71 Karten erläutern und ergänzen den Text. Als Anhänge findet sich neben einem ausführlichen Literatur- und Quellenverzeichnis ein Register, das die gezielte Suche nach Orten und Personen ermöglicht.

Reiselust & Reiselast

Völkerwanderung, Eroberung, Flucht, Abenteuer- und Entdeckerlust, Ausbeutung, Erkundung, Erforschung: Dies sind Beweggründe, die Menschen zu allen Zeiten veranlassten, die Heimat zu verlassen und sich in die Ferne zu wagen. Der Gewinn, der auf diese Weise erzielt werden konnte, war hoch. Über die Befriedigung von Neugier hinaus lockten die Reichtümer fremder Welten und daheim Anerkennung und Ehre; mancher großer Reisende wurde geradezu süchtig nach dem Unterwegssein und blieb ein ganzes Leben ruhelos.

Mindestens ebenso hoch war freilich der Preis, der womöglich gezahlt werden musste: Krankheit, Hunger, feindselige ‚Gastgeber‘, Unbilden der Witterung, Strandung – die Palette der Möglichkeiten, seine Freiheit, die Gesundheit oder gar das Leben zu verlieren, war erschreckend breit. Trotzdem fehlte es nie an Männern und Frauen, die das Risiko eingingen.

Erst nachdem der Mensch zur Schriftlichkeit fand, blieben die Namen von Reisenden erhalten. Viele von ihnen hielten ihre Erlebnisse in Wort und sogar Bild fest, wobei viele dieser Aufzeichnungen verloren gingen; so überlebten die Schilderungen des Pytheas aus Massalia aus dem 4. Jh. v. Chr. nur, weil sich berühmte Zeitgenossen über ihn lustig machten und seine Werke zitierten.

Globaler Trieb zur Ferne

Gereist wurde überall auf der Welt. Lange erweckte die Geschichtsschreibung den Eindruck, nur wagemutige Europäer seien auf große Fahrt gegangen. In den letzten Jahrzehnten änderte sich diese einseitige Sichtweise. Zur angenehmen Abwechslung zeigte die Globalisierung ihre positive Seite. Heute wissen wir über die Existenz und die Taten von Männern wie Ibn Battuta oder Zheng He, den „Großen Eunuchen“, die mit reisender Prominenz wie Columbus, Magellan oder Vasco da Gama mithalten können.

Hanbury-Tenisons knapp aber kundig kommentierte Liste erhebt selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. 70 ist eine runde Zahl; 70 Reisen lassen sich auf 300 Druckseiten übersichtlich darstellen. Es könnten weniger und problemlos mehr sein. Im Vordergrund steht die historische Bedeutung der Reise. Dem Herausgeber geht es nicht um extreme Einzelleistungen. Einhandsegler oder die Erstürmer aller Berggipfel über 8000 Meter sind ihm nicht wichtig, sondern gelten als Fußnoten.

Die Reisen der Welthistorie lassen sich nicht in ein Schema pressen, da sie nicht planvoll erfolgten. In ihrer Gesamtheit ergeben sie freilich ein Bild, das sich in die Geschichte der Menschheit nicht nur einfügen lässt, sondern diese mit zusätzlichen Fakten versieht. Weltreisende waren sicherlich außergewöhnliche Männer und Frauen; sie waren aber auch Zeitgenossen, d. h. eingebunden in ihr politisches und kulturelles Umfeld. Das prägte ihr Verhalten auf Reisen und ihre Darstellungen des Geleisteten. Unter diesem Aspekt bleiben alte Reisebeschreibungen als historische Zeugnisse aktuell.

Subjektiv in einem objektiven Umfeld

Sie sind jedoch auch nach den strengen Maßstäben der heutigen Wissenschaft keineswegs veraltet. Radikal hat der Mensch die Erde verändert, erschreckend viele Pflanzen und Tiere, die fleißige Reisende sammelten, sind ausgestorben oder wurden ausgerottet, bevor sie wissenschaftlich erfasst werden konnten. So manche Sammlung erweist sich deshalb als Archiv, das einen nicht mehr existenten Teil dieser Welt konserviert.

Auf die Qualität der vom Herausgeber zusammengeführten Texte muss sich der Leser verlassen. Wie weiter oben bereits angesprochen leisten die Autoren in der Regel gute Arbeit. Manchmal lässt die Lektüre indes stutzen. Dem Rezensenten fiel vor allem ein Beitrag von Ranulf Fiennes negativ auf. Er beschreibt den Wettlauf zwischen Robert Scott und Roald Amundsen zum Südpol und verfällt dabei in längst überwunden geglaubte Parteilichkeit. Scott krönt er zum ehrenwerten, von Forscher- und Sportsgeist gleichermaßen beseelten Helden, während er Amundsen in eine Schurkenrolle drängt und ihn als charakterschwachen bzw. skrupellosen Karrieristen darstellt, der Scott den Südpol geradezu gestohlen hat.

So etwas macht natürlich misstrauisch: Welche Texte in diesem Buch verletzen die Vorgabe der Objektivität womöglich deutlich sachter, sodass es unbemerkt bleibt und sich – noch schlimmer – als Tatsache im Gedächtnis des Lesers verankert? Schade, denn diese Sorge beeinträchtigt die Freude an einem ansonsten vorzüglichen Buch.

Herausgeber

Robin Hanbury-Tenison (*1936) bereist seit 1957 die Welt und hat an mehr als 30 Expeditionen teilgenommen. Er ist weit mehr als ein prominentes Mitglied der weltweiten Abenteurergemeinde. Als Autor und Filmemacher dokumentiert er nicht nur, was er auf seinen Reisen findet, sondern engagiert sich politisch gegen Umweltzerstörung und Unterdrückung. So war er u. a. 1969 Mitbegründer der Naturschutz- und Menschenrechtsorganisation „Survival International“.

Wenn er nicht durch die Welt reist, führt Robin Hanbury-Tenison mit seiner Gattin eine Farm in Cornwall. Er gilt als Fachmann für Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei und sitzt in entsprechenden Ausschüssen. Über seine mannigfachen Aktivitäten informiert er auf seiner Website.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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