Horror Cinema. Die besten Gruselfilme aller Zeiten

Paul Duncan/Jürgen Müller (Hgg.)
Horror Cinema. Die besten Gruselfilme aller Zeiten

Originalausgabe = dt. Erstausgabe (geb.): Mai 2017 (Taschen Verlag)
Übersetzung: Thomas J. Kinne
640 S.
ISBN-13: 978-3-8365-6182-2

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Inhalt – Teil 1:

Mit einer Grundsatzfrage beginnt das Autorenduo Jonathan Penner und Stephen Jay Schneider. „Was ist Horror?“ (S. 8-19). Die Antwort ist komplex, denn das Genre ist für seine ‚weichen‘ Grenzen berüchtigt, da die Furcht eine grundsätzlich schwierig zu definierende Größe bleibt. Penner & Schneider finden eine Deutung, die sie mit bestimmten Filmtiteln verknüpfen bzw. illustrieren wollen, denn auch sie scheitern letztlich mit dem Versuch einer klaren Auslegung.

Wie bringt man Ordnung in ein Filmgenre, das die Fantasie regiert? Die Autoren meiden das übliche chronologische Konzept und versuchen eine thematische Gliederung. Diese ist subjektiv, wie sie offen zugeben. Nicht jeder Leser wird ihnen folgen, und Überschneidungen kommen vor.

Das Kapitel „Slasher und Serienmörder“ (S. 20-53) dokumentiert den Horror, der nur bedingt dem Übernatürlichen entstammt. Menschen verbreiten ihn; keine ‚normalen‘ Zeitgenossen, sondern Psychopathen, die sich an Schmerz und Tod weiden. Sie trieben schon vor Hannibal Lecter ihr Unwesen, und manchmal kehren sie wieder, um als untote Schlächter erst recht Blut und Eingeweide zu verspritzen.

Eine Stufe härter wird das Horrorkino, wenn „Kannibalen, Freaks und Hinterwäldler“ (S. 54-79) im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Die Autoren sehen hier eine direkte Verbindung zu den Kuriositätenkabinetten historischer Rummelplätze, in denen „Freaks“ und „Missgeburten“ die ‚normalen‘ Menschen wohlig schaudern ließen. Im Film rächen sich die Außenseiter für die Ausgrenzung.

Überhaupt ist Vergeltung ein zentrales Motiv des Horrorfilms. „Die Rache der Natur“ (S. 80-95) beschwört der Mensch herauf, weil er sie durch Umweltverschmutzung, Atomversuche oder genetische Experimente schädigt und herausfordert. Sie schlägt zurück, indem sich Tiere und Pflanzen in Ungeheuer verwandeln oder die Elemente selbst ‚lebendig‘ werden.

Die Zukunft wird mit eigenen Schrecken aufwarten. „Science-Fiction-Horror“ (S. 96-125) gründet sich auf die Angst vor dem Fremden, das selten als Chance, sondern als Gefahr gesehen wird. Die Außerirdischen kommen manchmal offen, aber meist schleichen sie sich ein und übernehmen ihre Opfer, die als hilflose Sklaven im Netz ihrer exotischen Meister zappeln.

Auch wer mit beiden Beinen fest auf der Erde steht, ist keinesfalls in Sicherheit: Darunter warten womöglich „Die lebenden Toten“ (S. 126-149) – Zombies, künstliche Monster und Mutationen, die von einem grauenvollen Weiterleben nach dem Tod künden. Gerade in den eigenen vier Wänden darf man sich nie sicher fühlen. „Geister und Spukhäuser“ (S. 150-165) lauern dort, wo ihre Opfer besonders verletzlich sind. Gern tarnen sie sich und agieren verstohlen, bis sie die Masken fallen lassen. Wie die Außerirdischen nehmen Geister womöglich menschliche Gestalt an, um als „„Besessene, Dämonen und teuflische Bösewichte“ (S. 166-187) Verderben zu säen. Dabei können sie sich stets der Unterstützung durch „Voodoo, Sekten und Satanisten“ (S. 188-209) gewiss sein.

‚Klassische‘ Horrorfiguren sind „Vampire und Werwölfe“ (S. 210-231). Sie gehen offen ihren Gelüsten nach, wirken aber zurückhaltend im Vergleich zum „Ungeheuer in Frauengestalt“ (S. 232-251), denn im Horrorfilm gewinnt das „schwache Geschlecht“ an Stärke, die es ungewöhnlich handfest und deshalb umso erschreckender unter Beweis stellt.

Inhalt – Teil 2:

Auf den Seiten 252-623 stellen diverse Autoren 50 Horrorfilme der Jahre 1920 bis 2001 vor, die das Genre entscheidend prägten. Einer kurzen, auf das Wesentliche der Handlung konzentrierten Inhaltsangabe folgt eine knappe, aber prägnante Analyse. Jeder Film wird in sein zeitgenössisches Umfeld gestellt, wobei die Wertungen damals und heute erheblich differieren können; ist dies der Fall, werden die Ursachen herausgearbeitet.

Zwar steht der (film-) historische bzw. soziokulturelle Aspekt stets im Vordergrund. Die Filmtechnik wird jedoch nicht vernachlässigt. Mancher Horrorfilm steht für entsprechende Entwicklungen, die einerseits das Genre auf zuvor unbekannte Weise erweiterten bzw. Grenzen sprengten. Jeder Filmtext wird durch separate Zusatzinfos über Regisseure, Schauspieler, Studios oder Spezialeffekte ergänzt, die den Horror über den vorgestellten Film hinaus bereicherten.

Jeder Film-Text wird durch sorgfältig ausgesuchte Fotos nicht einfach illustriert, sondern vervollständigt. Gezeigt werden Standbilder, hinzu kommen Fotos, die hinter den Kulissen entstanden, keineswegs immer für eine Veröffentlichung vorgesehen waren und auf ihre Weise Informationen transportieren. Ebenfalls wiedergegeben werden zeitgenössische Filmplakate.

Abgeschlossen wird dieses Buch durch eine kurze Chronologie des Horrorfilms von 1910 bis 2014, einer Bibliografie sowie einen Fotonachweis.

Kompendium des Schreckens?

Der Horrorfilm ist ziemlich genauso alt wie der Film überhaupt. „Horror Cinema“ kann nur einen Überblick bieten; großzügig bebilderte Seiten lassen erst recht wenig Platz für themenerschöpfende Texte. Leider konzentrieren die Autoren Penner & Schneider sich trotzdem nicht auf das Wesentliche, sondern schwelgen in Allgemeinplätzen oder springen von einer Anekdote zur nächsten. Oft ist der Leser am Ende eines Kapitels nicht wirklich schlauer als vorher. Allerdings gibt es einen Bonus: In der 2008 erstmals einzeln und in deutscher Sprache erschienenen Ausgabe dieses Buch zählte man nicht gerade wenige Fehler, die in einem Werk, das durchaus eine gewisse Aussagehoheit beansprucht, keineswegs vorkommen durften. Sie wird man in dieser Neuausgabe vergeblich suchen, denn sie wurden korrigiert, was leider keine Selbstverständlichkeit ist.

Was der Text vermissen lässt, machen die Fotos wett. Sie stammen aus dem Fundus des Filmhistorikers David del Valle, der sich als Fachmann und Sammler auf den phantastischen Film spezialisiert hat, aus der reich bestückten „Kobal Collection“ sowie aus dem Fundus der „British Film Institutes, Posters and Designs“. Schweres Kunstdruckpapier lassen vor allem die Charakterstudien berühmter Filmfiguren und Masken (Bela Lugosi als Graf Dracula, Gunnar Hansen als Leatherface, Lon Chaney als Erik, das Phantom der Oper, Michael Berryman als Pluto, der Kannibale uva.) ungemein eindrucksvoll wirken, zumal die Qualität der ausgewählten Fotos makellos ist.

Erstaunlich ist die Freizügigkeit, mit der das Bildmaterial Filme illustriert – oder illustrieren darf. Zumindest hierzulande ist die Zensur (die es angeblich nicht mehr gibt, weil sie unter anderen Namen auftritt) misstrauisch und unterdrückt gern vorsorglich ‚verrohende‘ Abbildungen. Hier lassen sich Fotos aus Machwerken wie „Blood Feast“ oder „Nackt und zerfleischt“ ‚bewundern“, und auch sonst wird deutlich gezeigt, was Maskenbildner in Sachen Verstümmelung und Verwesung leisten können.

Von besonderem Interesse sind jene Bilder, die Impressionen von Dreharbeiten vermitteln. Hinter den Kulissen des Horrorfilms gilt es viel zu leisten, um vor der Kamera Furcht und Schrecken zu erzeugen. Es ist spannend zu sehen, wie dies erreicht wird. Manche ikonische Szene des Grauens erfährt auf diese Weise eine überraschende Neubewertung. (Vgl. z. B. S. 75: „Blutgericht in Texas“-Regisseur Tobe Hooper höchstpersönlich hilft „Leatherface“ Hansen, ein weibliches Opfer an den Fleischerhaken zu hängen; S. 43: Maskenbilder Tom Savini posiert mit dem ‚echten‘ Jason Vorhees – ohne Hockeymaske oder Kartoffelsack – aus „Freitag, der 13.“)

Qualität im zweiten Teil

50 Horrorfilme der Jahre 1920 bis 2001 werden im zweiten Buchteil vorgestellt. Die Zeitspanne ist nicht zufällig: Im Taschen-Verlag sind bis dato neun Bände erschienen, in denen die (nach Ansicht der Autoren) wichtigsten Filme jeweils eines Jahrzehnts präsentiert wurden. Darunter waren auch Horrorfilme, sodass auf diesen Informationsfundus zurückgegriffen werden konnte.

Meist auf sechs bis acht Seiten schreiben Autoren, die ihr Handwerk in diesem thematischen Umfeld besser beherrschen als Penner und Schneider. Obwohl die Texte vergleichsweise knapp bleiben, transportieren sie elementare Informationen, die wie schon erwähnt über den einzelnen Film hinausgehen. Hier trennen sich vor allem (und oft nur) begeisterte Horror-Enthusiasten von echten Spezialisten, was denen hilft, die sich tatsächlich für Filmgeschichte interessieren, welche auch im Horror-Genre mehr bietet als krasse Effekte.

640 auf dickes oder besser hochwertiges Papier gedruckte Seiten zählt dieses Buch, dessen Zweitverwertung unnötig pompös als Band einer „Biblioteca Universalis“ gefeiert wird. Zwar wurde das ursprüngliche Format von 25,5 x 32,5 cm auf Paperback-Format verkleinert. Die Wiedergabequalität hat darunter nicht gelitten, der immer noch wuchtige Band ist fest gebunden, besitzt einen separaten Papierumschlag – sogar ein Lesebändchen ist vorhanden! – und kostet dennoch nur so ‚viel‘ wie ein normales, fotofreies Paperback: DAS sind Argumente, die das ungeachtet einiger Mängel höchst positive Urteil über diesen Band abrunden!

Autoren

Jonathan Penner (geb. 1962 in New York City) ist sowohl vor als auch hinter der Film- und Fernsehkamera ein sehr aktiver Künstler. Er tritt nicht nur als Schauspieler auf, sondern fungiert darüber hinaus als Produzent und Drehbuchautor. Für den Kurzfilm „Down on the Waterfront“ wurde er 1994 für einen „Oscar“ nominiert. Auch für die Teilnahme an dümmlichen „Survival Shows“ vom Schlage des „Dschungelcamps“ war er sich nicht zu schade. Neben seiner Film- und Fernsehtätigkeit schreibt Penner für Magazine und Blogs.

Steven Jay Schneider ist ein Filmwissenschaftler, der an der University of London Philosophie studierte, bevor er an die New York University wechselte. Er ist Autor bzw. Co-Autor und Herausgeber zahlreicher Sachbücher und Artikel zum Thema Film und Fernsehen.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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