Horror. Meisterwerke des Grauens von Alien bis Zombie

James Marriott/Kim Newman (Hgg.)
Horror. Meisterwerke des Grauens von Alien bis Zombie

Originaltitel: Horror: The Complete Guide to the Cinema of Fear (London : Andre Deutsch Ltd. 2006)
‚Übersetzung’: www.textwerkstatt.at (Andreas Dee, Gottfried Distl, Mathias R. Hofter, Caroline Klima, Helmut Santler, Judith Schoßböck, Olivia Stanko)
Deutsche Erstausgabe (geb.): September 2007 (Tosa Verlag)
254 S.
ISBN-13: 978-3-85003-154-7

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Der große Spaß am Grusel

Die Geschichte des Horrorfilms stellen James Marriott und Kim Newman in elf Kapiteln und auf 250 Seiten dar, wobei sie von fünf Mitarbeitern (Stephen Jones, Rebecca Levene, Kerri Sharp, Stephen Thrower, Pete Tombs) unterstützt werden.

„Horror“ outet den Filmhorror einleitend als Spross einer künstlerischen Tradition, die wesentlich älter als das Kino ist. Der Mensch lässt sich gern Angst einjagen, wenn er sich dabei ungefährdet weiß. Bis ihm per Zelluloid eingeheizt werden konnte, lieferten Literatur und Theater, was sein Herz (oder sein Magen?) begehrte. Folgerichtig waren die ersten Horrorfilme nicht nur in ihrer Darstellung, sondern auch formal sehr theatralisch.

Doch den ersten zaghaften Schritten folgte bald ein fester Tritt. Schon in den 1910er Jahren entstanden klassische Horrorfilme, interessanterweise nicht in Hollywood, sondern in Europa und hier – man lese und staune – vor allem in Deutschland. Das Fundament für den Filmgrusel der nächsten Jahrzehnte wurde hierzulande gelegt und anschließend importiert. Hollywood lockte mit Geld, und ab 1933 sorgten die Nazis, die den echten Terror dem Filmhorror vorzogen, für einen Exodus deutscher und europäischer Filmemacher in die USA.

Als die Schreie hörbar wurden

Hier ist nicht der Ort, die Genese des Horrorfilms nach Marriott & Newmann in den nächsten Jahrzehnten nachzuzeichnen. Als Herausgeber versuchen sie seine komplexe Geschichte zu kanalisieren. Sie unterteilen diese in Dekaden, die gleichzeitig die Kapitel ihres Werkes bilden. Jedes Kapitel wird mit einem Überblick eingeleitet. Wie hat sich der Horrorfilm im jeweiligen Jahrzehnt entwickelt? Wer hat ihn vor und hinter der Kamera geprägt? Welche Wechselwirkungen gibt es zwischen Film und Realität? Vor allem dieser Punkt dürfte für manche Überraschung sorgen, denn der nicht nur von der Kritik geschmähte Horrorfilm entpuppt sich als Spiegel seiner jeweiligen Gegenwart.

Dem Überblick folgt eine kommentierte Liste der für das Jahrzehnt prägenden Horrorfilme. „Horror“ schließt noch Filme bis 2006 in die Darstellung ein. Die Autoren beschränken sich auf knappe Inhaltsangaben. Stattdessen bieten sie Hintergrundinformationen und betten das Werk auf diese Weise in seinen filmhistorischen Zusammenhang ein: eine gute Entscheidung! Die etwa 300 Rezensionen erfassen längst nicht nur sattsam bekannte Klassiker der US-amerikanischen oder europäischen Filmgeschichte. Zentrale Motive des Genres – „Vampire“, „Frankenstein“, „Geisterhäuser“, „Kannibalen“ usw. – werden ausgekoppelt und in separaten „Info-Boxen“ ausführlich abgehandelt.

Der Text wird durch zahlreiche Fotos ergänzt, die durch das Kunstdruckpapier sowie das Großformat des Buches gut zur Geltung kommen. Ein ausführliches Register gestattet die gezielte Suche nach einzelnen Filmtiteln.

Die Freuden des Schreckens

„Ach wenn’s mich doch gruselte“, stöhnt in einem Märchen der Gebrüder Grimm ein allzu furchtloser junger Recke, der immerhin ahnt, dass ihm eine angenehme Erfahrung vorenthalten bleibt. Wenn er sich in Sicherheit weiß, graust sich der Mensch nämlich gern. Jede Kunst hat deshalb den Grusel aufgegriffen und adaptiert. Der (Spiel-) Film machte darin keine Ausnahme. Gerade erst war er erfunden (1895), da tauchten schon die ersten Spukgestalten, Monster und Schreckgespenster auf: Der Franzose George Méliès (1861-1931) erfand das „Kino der Furcht“ praktisch im Alleingang.

Er steht am Beginn einer wechselvollen aber reichen Geschichte, die darzustellen sich die Autoren des hier vorgestellten Sachbuches als Aufgabe gestellt haben: eine Herausforderung, gilt es doch, mehr als ein Jahrhundert Horrorfilm-Historie zu bewältigen. „Horrorfilm“ definieren die Herausgeber Marriott & Newman dabei weniger als Genre mit eigener Bildsprache. Sie orientieren sich ein wenig vage an Gefühlen und Stimmungen zwischen Furcht und Ekel, die ein Horrorfilm ihrer Meinung nach heraufbeschwört. Deshalb finden auch Filme wie „Beim Sterben ist jeder der Erste“ oder „Blue Velvet“ Erwähnung. Dieser Argumentation kann man durchaus folgen, zumal es noch nie gelang, dem Horror als Genre feste Grenzen zu geben. Wie Salz in der Suppe mischt er sich mit der Science Fiction, dem Krimi, sogar mit der Komödie, dem Western oder dem Melodrama.

Die unerhörte Zahl der in seit 1896 entstandenen Streifen erforderte eine strenge Auswahl, die primär die für das Genre und seine Entwicklung jeweils exemplarischen Filme berücksichtigt. Aufgrund der Vielzahl einschlägiger Sachbücher haben sich die Autoren jedoch bemüht, uns immer wieder Werke vorzustellen, die kaum oder gar nicht bekannt sind, weil sie die Filmgeschichte ins Abseits schwemmte oder sie fernen Ländern und Kulturkreisen entstanden, die erst allmählich filmwissenschaftlich erschlossen werden: Asien und Lateinamerika sind hier vor allem zu nennen, aber positiv fällt auch die ausführliche und sachliche Würdigung der italienischen Filmszene auf, die aufgrund der unbekümmerten Drastik ihrer „Gialli“ und Zombie-Reißer vor allem hierzulande verpönt und ein Lieblingskind (bzw. -opfer) der Zensur ist, die dadurch der Kritik ein eigenwilliges aber eben existierendes Kind der Filmkunst quasi entzogen hat.

Schleichwege des Schreckens

Ohne Scheuklappen gehen Kenner die Sache an und rücken das schiefe Bild ein wenig gerade. Das führt manchmal zu ungewöhnlichen Feststellungen; so stellen die Autoren kuriose Seltsamkeiten wie „Deranged – Geständnisse eines Nekrophilen“ (1974) oder „Das Leichenhaus der lebenden Toten“ (1974) deutlich über sonst anerkannte Klassiker wie „Der Exorzist“ (1973) oder „Das Omen“ (1976).

Hier schreiben Autoren, die den Horrorfilm lieben und über entsprechendes Hintergrundwissen verfügen. Nicht nur filmhistorisch interessante Fakten und Zusammenhänge erschließen sie ihren Lesern. Horror ist immer auch Reflexion der alltäglichen politischen und gesellschaftlichen Realität. Beispielsweise bot der spanische Gruselfilm den Gegnern des diktatorisch regierenden „Caudillos“ Franco (1939-75) eine Möglichkeit, unbequeme Wahrheiten zumindest verschlüsselt auf die Leinwand zu bringen und dadurch zu verbreiten.

Ähnlich illustrieren die US-amerikanischen und japanischen Monsterfilme der 1950er Jahre von der Furcht vor den Folgen eines Atomkriegs. Später wurden Umweltverschmutzung und -zerstörung, genetische Manipulation oder die schleichende Entmenschlichung der modernen Gesellschaft Themen; praktisch jede Angst fand – oft trivial verpackt aber noch erkennbar – ihr Pendant im Filmhorror. Sympathisch vermeiden die Autoren dennoch den Bierernst, den manche Filmkritiker an den Tag legen, und geben freimütig zu, dass mancher Horrorfilm nichts als ein Horrorfilm ist: ein Produkt, das unterhalten und möglichst viel Geld einspielen soll.

Horror im Korsett

Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Was dem Horrorfilm gut steht, gibt für dieses Buch Anlass zur Kritik. Da ist vor allem eine grundsätzliche Schwäche der Gliederung: Es ist schwierig, die Genese des Horrorfilms mit exakten Jahreszahlen zu fixieren. Auf jeden Fall verlief seine Entwicklung nicht in 10-Jahres-Sprüngen. Die Kapiteleinteilung vermittelt hier – vorsichtig ausgedrückt – ein Bild, das mit der Realität kaum in Einklang zu bringen ist.

Die Fülle des zu berücksichtigenden Materials und der Informationsdrang der Autoren, die mit ihrem Wissen nicht hinter dem Berg halten möchten, kollidiert mit der ökonomischen Vorgabe, die für dieses Buch ein bestimmtes Format und eine Seitenzahl festlegte. Die Lösung für dieses Problem ist unglücklich: Der Schriftsatz wurde auf ein Maß verkleinert, für die der Typograf den schönen Ausdruck „Augenpulver“ geprägt hat. Selbst Leser mit ausgeprägtem Sehvermögen werden hart gefordert; Wohl dem, der noch eine altmodische Lupe sein Eigen nennt!

Während man sich mit solchen Einschränkungen abfinden kann, lässt sich EIN Mangel beim besten Willen nicht ignorieren. Sollte jemals ein Preis für die übelste Übersetzung einer fremdsprachigen Textvorlage ausgelobt werden, ist „Horror“ ein sicherer Kandidat!

Ein Buch wird systematisch zerstört

„Horror“ ist trotz Überformat und guter Bildqualität ein kostengünstiges Werk. So erfreulich das für den Käufer ist, muss er bereits nach kurzer Zeit feststellen, dass er dafür einen hohen Preis zahlen muss: Als Buch wurde „Horror“ so grauenvoll ‚übersetzt‘, dass man dieses Verb zu seinem eigenen Schutz in Anführungsstriche setzen muss. Einige willkürlich gewählte Zitate werden das belegen:

„‚Son of Frankenstein‘ bleibt so radikal wie Whale, versucht aber das Publikum anzuziehen, indem Titel und Starnamen geliefert werden, die man von einem Horrorfilm erwartet. In den 1940er hatte Universal weniger Visionäre hinter den Kameras, aber eine neue Studioleitung verstand es, zwei Gruselfilme am Stück auszustoßen, wie sie schon mit Deanna-Durbin-Musicals oder Abbott-und-Costello-Komödien gekonnt umgesetzt wurden.“ (S. 47)

Sind Sie, liebe Leser, aus diesen Worten schlau geworden? Oder was halten Sie von folgender Antwort auf die Frage, wieso der US-Horrorfilm in den 1940er Jahren einen Niedergang erfuhr:

„Es könnte die Überproduktion sein, die das Genre tötete, aber der Programmierer Westerns produzierte am laufenden Band sogar mehr, ohne den Hunger der Cowboyfans zu stillen (eine Statistik: es gibt fünf Filme in Universals Kharis-the-Mummy-Serie, die die meisten Fans als wiederholend und formelhaft bewerten; und 51 austauschbare Three Mesquiteers-Filme).“ (S. 49)

Ob mit „Programmierer Westerns“ wohl Filmstudios wie „Republic“, die primär Western produzierten gemeint sind? Hier entstanden übrigens zwischen 1936 und 1943 die Filme der angesprochenen „Three Mesquiteers“-Serie. Eine Korrektur erübrigt sich allerdings, weil sie den krausen Satz auch nicht verständlicher machen würde.

Weil aller schlechten Dinge drei sind, hier noch ein bemerkenswertes Zitat aus der Kurzrezension zur Val-Lewton-Produktion „I Walked with a Zombie“:

„Lewton charakteristisch sorgfältige Nachforschung sichert eine ausbeutungsfreie und sachkundige Annäherung an Voodoo, indem sie darauf bedacht ist, mit Anspielungen auf die Brauchbarkeit zurückzuhalten.“ (S. 51)

Wer kann das entschlüsseln? Wer WILL das entschlüsseln? Einen Text zu übersetzen bedeutet eigentlich, ihn in diejenige Sprache zu überführen, die das angesprochene Publikum beherrscht. Mit welcher ‚Sprache‘ werden wir hier stattdessen malträtiert? Sie gleicht dem Lallen, das auch moderne Übersetzungs-Software immer noch erzeugt. Genau die scheint zumindest auf den Seiten 46 bis 83 und dann wieder S. 142 bis 167 zum Einsatz gekommen zu sein-

Auch außerhalb dieser Stammel-Zonen wird es nur marginal besser. Das sprachliche Niveau liegt deutlich unter dem Meeresspiegel, „Grammatik“ scheint ein Wort ohne Bedeutung zu sein, Kommas verteilt man heutzutage offenbar mit dem Salzstreuer; generell ist der Duden ein Relikt der fernen Vergangenheit in einer Zeit, da nicht mehr geschrieben, sondern gesimst wird. Vielleicht sollte man sich deshalb an solche Stilblüten wie „Homage“ oder „Heighheels“ (S. 144) einfach gewöhnen.

Seitens des Verlags gab es offenbar keine Kontrollinstanz, bei der die Alarmleuchten blinkten – oder war es Gleichgültigkeit, die statt einer Übersetzung nur Kauderwelsch ins fertige Buch gelangen ließ? Zweite Frage: Hat je ein Rezensent dieses Buch wirklich gelesen, statt es nur durchzublättern? Wieso finde ich nur lobende Worte statt berechtigter Bestürzung? Bin ausgerechnet ich der letzte Alphabet auf Erden?

Statt eines Schlussworts

„Ein norwegischer Hubschrauber jagt einen Hund in eine amerikanische Forschungsstation. Während ein Norweger versucht, auf ihn zu schießen, trifft er einen Amerikaner und wird im Gegenzug dafür totgeschossen.“ (Aus der Rezension zu „The Thing“/“Das Ding aus einer anderen Welt“, S. 185)

Moral

Der Leser merkt’s – und er merkt es sich!

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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