Horrorstör

Grady Hendryx
Horrorstör

Originaltitel: Horrorstör (2014).
Ins Deutsche übertragen von Jakob Schmidt.
München: Droemersche Verlagsanstalt 2015.
Umfang 275 Seiten
Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München, unter Verwendung  eines Entwurfs von Andie Reid.
Umschlagabbildung: Christine Ferrara.
Illustriert von Michael Rogalski.
ISBN 978-3-426-51722-2

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Das Buch wirkt auf den ersten Blick wie der Hochglanzkatalog eines Möbelhauses, sowohl was Format als auch Anmutung betrifft. Wobei sowohl Titelbild als auch Rückseite bei genauerem Hinsehen verraten, dass es sich hier um einen Horrorroman handelt. Und zwar um einen verdammt guten, nicht nur wegen der ungewöhnlichen Aufmachung (auch auf den Innenseiten finden sich immer wieder Anzeigen und Möbelillustrationen eines imaginären Möbelhauses namens Orsk, welches sich bewusst an den Erfolg des Möbelriesen Ikea anlehnen will) und der vielen tollen Ideen, welche hier oft auch optisch umgesetzt werden. Sondern auch, weil hier eine packende Geschichte zwar nicht ganz klischeefrei, aber mit viel Schmackes und Verve erzählt wird, welche den Leser mit Haut und Haaren packt und bis zum durchaus interessanten Ende nicht aus den Klauen lässt.

Zudem ist es erstaunlicherweise ein Debütroman, Grady Hendrix hat bisher noch kein anderes Buch veröffentlicht. Da muss man dann schon sagen; Chapeau!!! Erzählt wird aus der Sicht der Angestellten Amy, die eine von jenen prekären Arbeitsstellen hat, wie sie in den heutigen USA so häufig sind. Neben ihrer Tätigkeit als Verkäuferin bei beim (imaginären) Möbelriesen Orsk hat sie noch einen weiteren Job. Trotzdem schafft sie es kaum, die laufenden Kosten abzudecken, ständig schuldet sie den Leuten in ihrer WG Geld und zudem muss sie einen Kredit, den sie dereinst für ein (später abgebrochenes) Studium aufgenommen hatte, zurückzahlen. Während sie, manchmal zwischen den Jobs im Auto übernachtend, um ihre Existenz kämpft, beginnt ihr das Leben immer mehr zu entgleiten. Zumal sie den Verdacht hat, dass ihr neuer Vorgesetzter Basil, der stellvertretende Filialleiter bei Orsk, sie nicht leiden kann. Dabei hatte sich Amy extra in die neu errichtete Filiale nach Cuyahoga versetzen lassen, da sie hier hoffte, für sich neuen Elan entwickeln zu können und vielleicht irgendwann eine bessere (vielleicht sitzende) Tätigkeit zu ergattern.

Leider läuft gar nichts rund in der neuen Filiale, weder für Amy, noch für die Firma Orsk. Die Verkaufszahlen sind schlecht, die elektrischen Geräte (Rolltreppen, automatische Türen etc.) drehen durch, morgens finden sich mit Fäkalien besudelte Möbelstücke und auch sonst passiert Ungewöhnliches, vor allem in den Nächten im Möbelhaus. Deshalb beschließt Basil (der Amy, zu deren Erstaunen, ganz gut leiden kann), mit zwei Angestellten ein Nachtwache einzurichten. Neben Amy soll die nette Ruth Anne, die schon seit 14 Jahren für Orsk arbeitet und wegen ihrer freundlichen und mitfühlenden Art von allen Kollegen geschätzt wird, den stellvertretenden Filialleiter auf der Nachtwache begleiten. Doch kaum ist die Geschäftszeit beendet, finden Amy und Ruth Anne auch noch ihre Kollegen Matt und Trinity im Laden wieder, die heimlich ein Gespenstervideo drehen wollen. Als dann auch noch der obdachlose Carl auftaucht, der hier oft seine Nächte verbringt, scheinen sich einige der unheimlichen Vorgänge rational erklären zu lassen und die Anspannung bei den Beteiligten lässt nach.

Vielleicht wäre alles gut gegangen, hätte die gespenstergläubige Trinity nicht ausgerechnet vorgeschlagen, eine Séance abzuhalten, die den Spuk zu vollem Leben erweckt. Nach Carls grausamem Tod wird schnell klar, dass hier möglicherweise keiner mehr lebend raus kommt… Zwar hätte der Autor an manchen Stellen durchaus etwas subtiler vorgehen können, aber man muss ihm zugestehen, dass er aus der Ausgangssituation fast das Optimale herausschlägt an Spannung und Grusel.

Die wunderbaren Illustrationen von Michael Rogalski setzen dem ganzen noch die Krone auf. Vor allem die vorgestellten Möbel, welche sich immer mehr zu Folterinstrumenten wandeln, sind eines der herausragenden Schmalkerl dieses “ganz besonderen Möbelkatalogs”. Ein innovatives, grandios gestaltetes Buch mit einer nervenzerfetzenden Handlung, die zwar das ein oder andere Klischee bemüht (durch ehemalige Nutzung bzw. “Vormieter” belastetes Grundstück, Séance), dies aber so geschickt verwendet, dass man als Leser diese Erzählung in einem Zug verschlingen möchte (was auch kein Problem ist, da die Seitenanzahl durchaus überschaubar und an einem Tag lesbar ist; was aber nur wieder einmal zeigt, dass wirklich gute Ideen nicht ewig ausgewalzt werden müssen). Aus meiner Sicht ein absolutes Highlight dieses Buchjahres, vor allem wegen der perfekten Aufmachung: Der genialste “Möbelkatalog”, den ich jemals in der Hand gehalten habe!

Copyright © 2015 by Gunther Barnewald

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Comments

  1. Sehr mutig, so ein Cover zu wählen. Wäre – bei einem flüchtigen Blick in einer Buchhandlung – nie auf die Idee gekommen, das könne ein Horrorroman sein.

  2. Was ist daran mutig? Das Mutterhaus des Verlages Random House in den USA hat dem deutschen Ableger das so vorgegeben, dass sie das nur so veröffentlichen dürfen wie das us-Original.

    Damit ist klar, wer hier mal was neues ausprobiert hat und dabei Mut bewies. Nicht etwa der deutsche Knaur-Verlag, sondern das Mutterhaus Random House LCC US und dort jemand, der vom Fach ist und – selten kommt es vor – sich durchsetzen konnte.

    Bei heutigen Konzernen, wie etwa dem deutschen Ableger von Random House, haben die Redakteure kaum noch Mitspracherecht, die Entscheider sind auch in Deutschland leider nur noch die Manager, die sowieso keine Ahnung vom Fach haben, für die ist es gleich ob sie Zucker, Benzin oder Verlagsprodukte auf dem Programm stehen haben. Das mag vielleicht auch der Grund sein, warum der Titel in Deutschland bei Knaur und nicht bei einem der anderen Verlage, die zu Randomhouse in Deutschland dazugehören, erschienen ist. Knaur dürfte da noch eine rühmliche Ausnahe sein, was das umsetzen solcher Ideen angeht.

    So traurig ist das Verlagsgeschäft geworden, eine Ware wie irgendein Rohstoff, mit Liebe zum Fach hat das nichts mehr zu tun. Hier zählen nur noch kurzfristige Trends und Verkaufszahlen. Warum also hat nicht etwa Goldmann, Heyne oder Blanvalet, die zu Random House in Deutschland gehören, diesen Titel veröffentlicht. Darüber sollte man mal nachdenken.

    Dass das Produkt dem Rezensenten so gefällt ist alleine der Initiatorin Andie Reid, die Random House LCC US das so angeboten hat, geschuldet und natürlich der Umschlagdesignerin Christine Ferrara und dem Illustrator Michael Rogalski.

    Ein deutscher Verlag wie etwa Goldmann, Heyne oder Blanvalet wäre doch niemals auf die Idee gekommen, das in dieser Form zu veröffentlichen. Hier hätte es eindeutig an Mut gefehlt und man/frau hätte sich sowieso nicht gegen die Entscheider durchsetzen können. In dem Fall ein glückliche rühmliche Ausnahme, die mal aus den USA kam und ein Lob auf Droemer Knaur.

  3. Lieber Thorsten,

    deinen Worten könnte man entnehmen, dass du selbst im Verlagswesen arbeitest. Sehr schön – leider hier viel zu selten – mal etwas von einem Insider über das Geschäft zu erfahren.

    Wer nun Mut bewiesen hat, ist eigentlich egal. Nur DAS ihn jemand hatte, ist wichtig und begrüßenswert.

    Dass die Arbeit in den Verlagen von Profitstreben geprägt ist, wissen wir ja und es spricht ja auch im Grunde rein gar nichts dagegen. Jede Firma soll, darf – ja muss! – Gewinn erwirtschaften, sonst kann sie sich nicht auf dem Markt halten. Die negative Betonung, die heutzutage allerdings auf Wörter wie Gewinn, Ertrag, Profit und andere Wirtschaftsbegriffe gelegt wird, finde ich schon bedenklich.

    Ich stimme dir zu, dass es bedauerlich ist, wenn dabei das „Herzblut“ für einen Titel, eine/n Autor/Autorin auf der Strecke bleibt und das Ex-und-hopp-Denken um sich greift. Sehr bedauerlich.

    Aber es passiert ja seit einigen Jahren etwas, das man getrost als Gegenströmung betrachten kann: das Selfpublishing. Sicher braucht es da noch mehr Professionalität und auch hier – wie auch bei klassisch in Verlagen veröffentlichten Titeln – gibt es sehr gute und ähm … weniger gute Texte.

    Ich nehme an, du willst und kannst wohl nicht sagen, für welchen Verlag du arbeitest. Macht ja auch nichts. Aber ich würde mich freuen, öfter mal von dir hier zu lesen.

    Mit galaktischen Grüßen
    galaxykarl 😉
    a.k.a. Werner Karl
    Chefredakteur Buchrezicenter.de

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