Jenseits des Blauen Planeten

Michael Benson
Jenseits des Blauen Planeten

(sfbentry)
Originaltitel: Beyond (New York : Harry N. Abrams, Inc. 2003)
Übersetzung: Carsten Heinisch
Deutsche Erstausgabe (geb.): Januar 2004 (Knesebeck Verlag)
320 S.
ISBN-13: 978-3-89660-200-8

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Aus den Augen in den Sinn

Seit mehr als vierzig Jahren erforscht der Mensch das Weltall. Die relativ nahe am Heimatplaneten gelegenen Ziele nahm er noch persönlich unter die Lupe. Gleichzeitig drangen jedoch bereits unbemannte Raumsonden immer weiter vor. Bis zum heutigen Tag verdanken wir diesen technischen Dienern das Bild eines Sonnensystems, das beinahe bei jeder neuen Mission teilweise oder ganz auf den Kopf gestellt wird.

Satelliten und Sonden umkreisen fremde Planeten, Monde, Asteroiden, landen auf ihnen, nehmen Proben, machen Fotos. In vielen Jahren hat sich ein Archiv von Informationen und Bildern angesammelt, das wohl niemals vollständig ausgewertet werden kann – und die Flut steigt ständig höher. Michael Benson hat es unternommen, diese Archive zu durchforsten. Nicht weniger als eine Foto-Reise durch das Sonnensystem schwebte ihm vor. Solche Bildbände gab es schon oft, aber wohl niemals zuvor ging ein Autor so unbeeindruckt vom Wust scheinbar lebenswichtiger Fakten an seine Aufgabe heran.

In einem ausführlichen Essay schildert Benson seine persönliche Intention. Es erwuchs aus seiner Faszination von den Sternen. („Raum und Zeit“, S. 295-304). Der wissenschaftliche Aspekt fand ebenfalls seine Berücksichtigung, aber er steht nicht im Vordergrund. Benson war von den Bildern als solchen in den Bann geschlagen, die als endloser Datenstrom zur Ende gesendet wurden. (Einen historischen Abriss über die Leistungen dieser technischen Wunderwerke liefert der Verfasser auf den Seiten 305-311: „Immer wieder neue Orte“.)

Die süße Qual der Wahl

Von diesem Material ging er aus, sichtete es, wählte die aussagekräftigsten, eindrucksvollsten oder schönsten Beispiele aus und bearbeitete sie. „Zu den Fotografien“ (S. 312-314) beschreibt diesen unerhört komplexen und komplizierten Prozess. Benson und seine Helfer konnten selten ein entdecktes Foto direkt verwenden. Im Regelfall musste jedes Motiv aus mehreren Einzelbildern montiert, farbbereinigt, kontrastverstärkt, ergänzt oder anders ‚veredelt‘ werden: Satellitenbilder sind Rohdaten, die primär der Auswertung durch Forscher genügen müssen. Der ästhetische Aspekt ist eher unwichtig.

Dem wollte, konnte und musste Benson abhelfen. Mit dem gebotenen Respekt vor der Gefahr des optischen Nachhübschens oder gar Verfälschens behandelte er seine Bilder. Im permanenten Kontakt mit Fachleuten bemühte er sich, die Planeten und Monde so zu präsentieren, wie sie sich dem menschlichen Auge tatsächlich präsentieren würden. Der Erfolg dieser kolossalen Arbeit lässt sich auf den Seiten 23 bis 294 bewundern. Acht Planeten (System Erde-Mond, Venus, Merkur, Mars, Jupiter-System, Saturn, Uranus, Neptun) werden buchstäblich porträtiert. Dazu kommen Kapitel über die Sonne und die Asteroiden. Ausgespart bleibt Pluto; zwar galt er zum Zeitpunkt der Drucklegung noch als ‚richtiger‘ Planet, doch hat es noch kein Satellit dorthin geschafft, weshalb es keine vorzeigbaren Fotos gibt.

Große Namen und abweichende Meinungen

Eingeleitet wird „Jenseits des Blauen Planeten“ durch Arthur C. Clarke (1917-2008). Er repräsentiert mehr als sechs Jahrzehnte Science Fiction und Astronomie. Am Einläuten des Satellitenzeitalters ist er nicht unbeteiligt gewesen. Aus seiner Feder stammt die Vorlage zum eventuell besten SF-Film aller Zeiten: „2001 – Odyssee im Weltall“ (woran Clarke gern und ausgiebig in seinem Text erinnert). Man hört also zu, wenn dieser große alte Mann sein Wort erhebt. Außerdem ist er das Relikt einer Zeit, als der Weltraum noch als „neue Grenze“ galt, deren Erforschung (oder Eroberung) die Menschheit auf ein geistig höheres Niveau heben sollte. Nach Clarke gilt dasselbe für seine Diener, die Roboter, die sich selbst zu vernunftbegabten Lebewesen entwickeln werden.

Direkt ans Ende (und so vorsichtshalber durch 300 Buchseiten getrennt) lässt Benson den Journalisten und Schriftsteller Lawrence Weschler zu Wort kommen („Warum ist der Mensch auf der Erde?“, S. 317-319). Er vertritt eine andere Generation vom Weltall Begeisterter, die der Verheißung eines technisch bedingten Evolutionssprungs skeptisch bis ablehnend gegenübersteht und stattdessen das ‚unwissenschaftliche‘ Staunen vor der Majestät des Alls in seine Betrachtung einbezieht. Sehr offen wendet sich Weschler deshalb gegen Clarkes intelligente Roboter und kontert, dass Maschinen immer selbstständiger immer perfektere Arbeit leisten werden, ihnen aber der Sprung zur echten Menschlichkeit nie gelingen kann, weil sie nur nachahmen, aber sich und ihr Tun nicht reflektieren und vor allem niemals staunen werden.

Angebot und Nutzung von Wissen

So wohnt diesem scheinbar harmlosen, weil auf optimalen Schauwert getrimmten Bildband doch einiges Konfliktpotenzial inne. Bereits ohne Weschlers Entgegnung lässt Clarkes Vorwort den Leser ratlos zurück. Es klingt nicht nur fantastisch, es klingt sogar dumm, was der Großmeister dort schreibt. Aber er ist doch Arthur C. Clarke! Also muss er doch Recht haben! Muss er und hat er eben nicht. Weschler gibt uns das Selbstvertrauen in die eigene Meinung zurück: Clarke ist bei allen Verdiensten ein Dinosaurier, der den Anschluss an die Evolution irgendwann verloren hat. Da er zur eigenen Legende geworden ist, hört man ihm weiterhin respektvoll zu – und lässt ihn (lukrative) Vorworte schreiben. Das sollte seine Beiträge nicht der Kritik entheben. Michael Benson lässt deshalb die Gegenseite zur Wort kommen; ein lobenswerter Entschluss.

Benson vertritt die Auffassung, dass (Raumfahrt-) Technik kein Selbstzweck, sondern ein wunderbares Instrument zur Wahrheitsfindung ist: Wer sind wir Menschen, wo stehen wir im Universum? Was uns die Satelliten bringen, sind mehr als nackte Fakten. Nicht nur der Wissenschaftler, jeder Mensch kann darauf zurückgreifen, sie interpretieren oder einfach genießen. Benson berichtet, wie er per Internet an mancher Weltallmission teilnahm: Die NASA und viele astronomische Institute stellen Fotos und sogar Filme von und aus fremden Welten ins Netz. Daten werden nicht mehr eifersüchtig gehortet, sondern zugänglich gemacht. Jede/r ist eingeladen, sich ein eigenes Bild oder eigene Bilder von der Welt zu machen, in der er oder sie lebt.

Ein Fest für das Auge

Und die haben es in sich! „Jenseits des blauen Planeten“ zeigt Kraterwüsten auf dem Merkur, glühende Felskontinente auf der Venus, morgendlichen Nebeltau auf dem Mars, Vulkanausbrüche auf Io, die Ringe des Saturn, planetengroße Eisfelder auf Europa, das perfekte Blau des Uranus … Die Qualität dieser und vieler, vieler anderer Abbildungen ist kaum fassbar. Manche Fotos sind doppelt ausklappbar und erstrecken sich dann über eine Breite von 120 cm! Vor den Bildern der Sonne kann man sich sogar fürchten; die wahrhaft unirdische Wut dieses gigantischen Glutofens teilt sich dem Betrachter unmittelbar mit.

Viele Bilder streifen – der Verfasser spricht es selbst an – die Grenze zur Kunst. In den Gasstürmen des Jupiters beispielsweise kann das Auge keine Details entdecken. Wir sehen, aber wir erkennen nicht, können nicht deuten. Das Bild steht für sich selbst, ist allein Wirkung. Selbst die scheinbar so vertrauten Gebirgszüge des Mars verschwimmen zu einem abstrakten Gewimmel zerklüfteter Canyons, staubiger Abhänge und ausgedehnter Schotterfelder, dem von oben betrachtet jene Tiefe fehlt, die es ermöglicht, Entfernungen abzuschätzen und Einzelheiten zu isolieren.

Jenseits des blauen Planeten Erde geht es wirklich fremd zu, aber wir Menschen lernen dazu, nachdem wir in die Ferne blicken können. Unter diesem Gesichtspunkt – da schließen wir uns dem Verfasser gern an – ist Ehrfurcht vor der Schöpfung durchaus angebracht. Es ist schön zu wissen dass die Welt so ist wie sie ist: wunderbar.

Autor

Michael Benson wurde sein Wandertrieb als Sohn einer Diplomatenfamilie quasi in die Wiege gelegt. Als Journalist und Dokumentarfilmer konnte er die ganze Welt bereisen, arbeitete für CNN und die Agentur Reuters, schrieb für „The New York Times“ oder „Rolling Stone“. „Jenseits des Blauen Planeten” entstand während seiner Tätigkeit als Chefredakteur des „Slovenian Business Report“, der im slowenischen Ljubljana herausgegeben wird.

Kurzkritik für Ungeduldige: Der auf bestes Papier gedruckte Prachtband bietet eine verschwenderisch bebilderte Reise durch das Sonnensystem. Nicht die Wissenschaft steht dabei im Vordergrund, sondern die reine Schönheit der dargestellten Himmelskörper. Großformatige, zum Teil ausklappbare Tafeln mit gestochen scharfen Fotos wirken wie der Blick aus der Luke eines Raumschiffs. Einige Essays liefern notwendige Hintergrundinformation. Im Mittelpunkt der manchmal tief ins Philosophische greifenden Betrachtungen steht die Rolle des Menschen in einem Universum, das er zunehmend nicht mehr selbst erkundet, sondern dies immer perfekteren Robotsonden überlässt. Ein spektakuläres Buch also, das zum Lesen, Schauen und vor allem Versinken einlädt.

[md]

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