Mafia. Die Geschichte der organisierten Kriminalität

Frank Shanty (Hg.)
Mafia
Die Geschichte der organisierten Kriminalität

[sfbentry]
Originaltitel: Mafia. The Necessary Reference to Organized Crime (Elanora Heights/New South Wales : Millennium House 2009)
Übersetzung: Ursula Fethke
Deutsche Erstausgabe (geb.):  September 2010 (h. f. ullmann/Tandem Verlag)
352 S.
ISBN-13: 978-3-8331-5637-3

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Sie kamen nie aus dem Nichts

Dem „sizilianischen Gelehrten“ Umberto Santino gelang die nach Auskunft der Verfasser „allgemein anerkannte Definition“ des Begriffes „Mafia“, die er als „eine Gruppe von kriminellen Vereinigungen …“ beschrieb, „deren Zweck darin besteht, mittels Gewalt und illegaler Aktivitäten Vermögen anzuhäufen und Machtstellungen einzunehmen. Sie agiert über ein umfassendes Netzwerk, folgt einem kulturellen Code und genießt in gewissem Maße sozialen Konsens.“ (S. 17)

Damit ist jene Verwirrung aufgelöst, die der Buchtitel ausgelöst haben könnte: „Mafia“ bezeichnet eben nicht nur ein italienisches bzw. sizilianisches Phänomen. Mafiöse Vereinigungen existieren und existierten überall auf der Welt. Im Kapitel „Ursprünge“ (S. 12-31) zeichnen die Autoren die Entstehungsgeschichten der wichtigsten Organisationen (sizilianische Mafia, amerikanische Mafia, japanische Yakuza, chinesische Triaden, russische Mafia) nach. Diese reichen nicht selten viele Jahrhunderte in die Vergangenheit zurück, was einleuchtend mit dem spezifischen, quasi alterslosen Organisationsaspekt derartiger Mafias erklärt wird: Hier schließen sich keine ‚normalen‘ Verbrecher außerhalb des Systems zusammen. Stattdessen suchen Mafias ausdrücklich die Nähe von Politik und Wirtschaft, dienen sich deren hochrangigen Vertretern an, schaffen Verbindungen, die sich nicht aufkündigen lassen, und verwischen die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität. Die Zeche zahlen stets diejenigen, die einerseits Steuern und andererseits Schutzgelder entrichten müssen.

Aufstieg der Schattenmächte

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert förderten historische Entwicklungen die endgültige Etablierung der Mafia („Aufbruch ins 20. Jahrhundert“, S. 32-107). Wo das organisierte Verbrechen womöglich in seinen Keimen noch hätte erstickt werden können, blühte es auf, weil sich korrupte und skrupellose aber legale Gruppen seiner bedienten bzw. zu bedienen glaubten, um Bauern, streikende Arbeiter oder politische Gegner gewaltsam in Schach zu halten.

Die in Millionenzahl nach Nordamerika auswandernden Italiener, Chinesen oder Russen nahmen ‚ihre‘ Mafias mit in die neue Heimat. Dort fassten sie umgehend Fuß und breiteten sich unaufhaltsam aus. In den USA wurde die Prohibition zum Geschenk an die Mafia. Sie verdiente mit dem Verkauf illegalen Alkohols ungeheure Summen, die der Finanzierung weiterer ‚Geschäftszweige‘ wie Glücksspiel oder Drogenhandel dienten. Konkurrenzkämpfe wurden mit Waffengewalt entschieden.

Der Kampf gegen die Mafia verlief nur dort erfolgreich, wo sich der Staat der Methoden des Gegners bediente. In den 1920er Jahren ging der italienische Diktator Mussolini rücksichtslos gegen die sizilianische Mafia vor; ein fragwürdiges und nutzloses Unterfangen, denn im II. Weltkrieg rekrutierten die alliierten Invasoren im Kampf gegen die nazideutschen Besatzer moralfrei ortskundige Mafiosi, die dafür mit Straffreiheit honoriert wurden.

Das organisierte Verbrechen wird global

„Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert“ (S. 108-199) durchliefen die Mafias der Welt verschiedene Metamorphosen, ohne sich im Wesenskern zu ändern. Sie übernahmen gewisse Methoden der ‚legalen‘ Konkurrenz und nutzten vor allem die Möglichkeiten der Globalisierung. So profitierte die Russenmafia vom Zusammenbruch der Sowjetunion. Ihre Vertreter stießen ins entstehende Vakuum vor, zogen die Inhaber höchster politischer Ämter auf ihre Seite (oder schalteten sie aus) und entwickelten sich zur „kriminellen Supermacht“.

Ähnlich dicht verzahnten sich das chinesische und das japanische Establishment in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Krisen mit den Triaden und der Yakuza. Die 1960er und 70er Jahre ließen den Drogenhandel auf ein nie gekanntes Niveau steigen. Zu den traditionellen Anbau- und Erntegebieten in Asien („Goldenes Dreieck“) kamen die Drogenimperien mittel- und südamerikanischer Kartelle, die zum Teil der Staatsmacht ganz offen Paroli bieten konnten.

Tradition und Neuerfindung

„Das neue Jahrtausend“ (S. 200-287) zeigt die globalen Mafias in geschickter Anpassung an die Möglichkeiten, die ihnen das Informationszeitalter bietet. Computerkriminalität bietet einerseits die Chance des ‚digitalen‘ Geldraubs, während die Beute andererseits ‚gewaschen‘ und reinvestiert werden kann, ohne dass Verbrecher gewaltsam Hand anlegen müssten. Da die technischen Möglichkeiten auch der Gegenseite zur Verfügung stehen, musste das organisierte Verbringen allerdings  Schlappen hinnehmen. Vor allem die modernen Hightech-Methoden der Überwachung sorgten für spektakuläre Polizei-Erfolge.

Dennoch bleiben entsprechende Ermittlungen ein ewiger Wettlauf, denn die gut finanzierten Mafias rüsten nach. Die internationale Vernetzung gestattet die Zusammenarbeit räumlich und kulturell weit voneinander entfernter Organisationen. Seltsame Bettgesellen schließen sich heute zusammen, um mit Menschen zu handeln, moderne Piraterie zu betreiben oder mit Terroristen zu kooperieren. Interne Querelen werden weiterhin mit Gewalt geklärt, dennoch funktionieren die globalen Bündnisse des Verbrechens, das sich immer wieder neu definiert.

Eine deprimierende Bestandsaufnahme

352 Seiten im Format 24 x 30 cm ergeben ein Buch, das dem Leser nicht nur als Bettlektüre schwer im Magen liegt bzw. auf den Bauch drückt, weil es stolze 2,2 kg wiegt. Was ein Kollektiv aus neun Autoren hier an Informationen zusammengetragen hat, zeigt unterm Strich unsere Welt im Würgegriff eines organisierten Verbrechens, das keine einzige Möglichkeit der illegalen Vermögensschaffung unberücksichtigt lässt und dabei eine Findigkeit an den Tag legt, die einer besseren Sache würdig wäre!

Doch die die Quellen sind trotz ihrer Vielzahl eindeutig. Obwohl die Mafias sich über den gesamten Globus verteilen, besitzen sie gemeinsame Ursprünge – nicht geografisch oder kulturell, sondern in Entstehung und Entwicklung. Die Pessimisten unter den Lesern wird es kaum überraschend, dass sich das organisierte Verbrechen im Windschatten von Macht- und Geldgier stets prächtig entfalten konnte. Grundsätzlich haben die Reichen & Mächtigen dieser Erde ihre dunklen Spiegelbilder selbst erschaffen.

Sie schufen ihnen ein inzwischen globales Biotop, in dem die Mafias so tief und dicht verwurzelt sind, dass sie nicht mehr auszurotten sind, zumal einst wie jetzt immer genug Institutionen und Individuen bereit sind, sich mit der „ehrenhaften Gesellschaft“ in ihrer Umgebung einzulassen.

Dickes Buch mit dünnem Faden

„Mafia“ verspricht seinen Lesern „Die Geschichte der organisierten Kriminalität“. Mit solchen pompösen Titeln sollte man generell vorsichtig sein. In diesem Fall ist das Projekt bereits im Ansatz gescheitert: Obwohl über 300 Seiten stark und mit über 500 Fotos illustriert, bietet dieses Buch in seiner ganzen Opulenz nur ein Überblick, der kaum die Oberfläche des gewählten Themas ankratzt.

Damit könnte man aufgrund des komplexen Themas leben, würde die Darstellung der behaupteten historischen und geografischen Gliederung folgen und dadurch nachvollziehbar bleiben. Stattdessen werden die Beiträge der Verfasser denkbar schlecht miteinander abgestimmt, während die Autoren zu allem Überfluss örtlich wie zeitlich wild umherspringen.

Je weiter wir uns der Gegenwart nähern, desto unruhiger geht es zu. Immer wieder werden abgehakt gewähnte Themen erneut aufgegriffen, verlieren die Verfasser sich in Details und Anekdoten, wo sie dem Gesamtbild mehr Aufmerksamkeit schenken sollten. Prominente Gangster wie Al Capone oder „Lucky“ Luciano wollen anscheinend nicht sterben und tauchen immer wieder in Kapiteln auf, in denen sie nichts mehr verloren haben, wenn man den Kapitelüberschriften Glauben schenken möchte.

Durcheinander als Programm?

Fragen wirft auch die Auswahl der Abbildungen auf. Seit es die Fotografie gibt, werden Verbrechen und Verbrecher ausgiebig in Bildern festgehalten, an denen es folglich keinen Mangel gibt. Dennoch stehen in diesem Buch neben seltenen zeitgenössischen Fotos immer wieder völlig beliebige Bilder, die beispielsweise eine alltägliche und im Themenzusammenhang nichtssagende Straßenszene aus New Yorks Chinatown zeigen.

Nachdem die Darstellung auf der Seite 287 recht überstürzt zu ihrem Ende kommt, folgt das Kapitel „Ein Jahrhundert Mafia und organisierte Kriminalität“. Es zeigt in grober chronologischer Ordnung aber inhaltlich willkürlich Fotografien von Kriminellen und Kriminologen, die wir im Hauptteil längst kennengelernt haben. Wieso werden die Bilder also nicht dort gezeigt? Hier wirken sie wie eine Beigabe: Eigentlich haben wir keine Verwendung mehr für sie, aber es wäre schade, diese Fotos nicht zu zeigen. Doch einer bebilderten Geschichte des organisierten Verbrechens eine Chronologie desselben in Bildern anschließen, ist nicht wirklich sinnvoll.

Insgesamt enttäuscht „Mafia“ deshalb trotz des unzweifelhaft hohen Informationsgehalts. Der Aufwand der Darstellung spiegelt sich in der Vermittlung der Fakten nicht wider und ist deshalb vergeblich. Das ehrgeizige Werk bleibt ein gruseliges Bilderbuch. Angesichts des Preises wird sich der Leser damit vermutlich nicht zufriedengeben.

[md]

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Comments

  1. Hallo Michael,

    tolle Rezi, aber das Cover ist viel zu groß! Bitte auf 60-70% verkleinern.

    mgg
    galaxykarl 😉

  2. Tatsächlich! Bisher hat die Software die Cover beim Einstellen automatisch verkleinert; keine Ahnung, wieso das hier nicht geklappt hat. Ich hab’s manuell nachgebessert. VG; Michael

  3. Brav.

    Die Mafia wirds verkraften, wenn sie ein wenig kleiner dargestellt wird. Die „Ehrenwerte Gesellschaft“ würde ja eh am liebsten im Stillen agieren.

    Mit galaktischen Grüßen
    galaxykarl 😉

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