Mythos Reichsautobahn

Erhard Schütz/Eckhard Gruber
Mythos Reichsautobahn
Bau und Inszenierung der „Straßen des Führers“ 1933-1941

Original- = dt. Erstausgabe: 1996 (Christoph Links Verlag)
179 S.
ISBN-10: 3-86153-117-8
Neuausgabe: 2006 (Weltbild Verlag)
179 S.
ISBN-13: 978-3-8289-0582-5

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Straßen für schnelle Autos

1933 stieß Adolf Hitler, der „Führer“ höchstpersönlich, den Spaten in die Erde. (Er wollte gar nicht mehr zu graben aufhören.) Der Startschuss zum „größten deutschen Bauprojekt aller Zeiten“ – Superlative waren beliebt in jener Zeit – war gefallen. Eine bisher nur in den fernen USA existierende und auch dort noch in den Kinderschuhen steckende Erfindung sollte in Nazi-Deutschland übernommen und zu nie gekannter Perfektion geführt werden: die „Autobahn“, eine mehrspurige Straße, die ohne Kreuzungen und Gegenverkehr das Land querte, Pkw und Lastkraftwagen vorbehalten war und die Reise zu weit voneinander entfernten Orten mit bisher ungeahnter Geschwindigkeit ermöglichte.

Niemand wusste in Deutschland genau, was eine Autobahn war oder wem sie nützen sollte in einem Land, dessen Bürger kaum privat motorisiert und außerdem mit einer gut funktionierenden Eisenbahn gesegnet waren. Schon in den 1920er Jahren hatte man dennoch erkannt, dass dem Automobil die Zukunft gehörte, und mit Autobahn-Planungen begonnen. Die Weltwirtschaftskrise und das Ende der Weimarer Republik brachten das Aus für diese Projekte.

Reichskanzler Hitler war ein Freund des Automobils. Gern hätte er jedem (gehorsamen) Bürger ‚seines‘ Deutschlands mit einem ausgestattet. Seine wirren Visionen einer hochtechnisierten Zukunft sahen vor, dass solche Autos sich auf eigenen Bahnen bewegten. Da in den frühen 1930er Jahren die Vorbereitungen für einen Krieg noch nicht angelaufen waren, blieben Reserven für den Bau der „Straßen des Führers“.

Straßen für den „Führer“

Diese Bezeichnung verdeutlicht, was die Reichsautobahn auch und vor allem war: ein Symbol für die Kraft der neuen nazideutschen Regierung, die längst nicht so fest im Sattel saß wie ihre Vertreter zu prahlen pflegten. Was die Nazis bauten, musste riesig sein und schnell entstehen. Die Autobahn war aber selbst für Hitler ein enormer Brocken. Sie war teuer, logistisch kompliziert, im Grunde in ihren Dimensionen sinnlos. Trotzdem wurde sie gebaut – und erwies sich als ideales Objekt der Nazi-Propaganda.

Die Reichsautobahn wurde ab 1933 nicht nur gebaut, sondern inszeniert. Als Instrument zur Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit wurde sie gefeiert. Der Verlauf sollte ‚harmonisch‘ sein; in sanften Schwüngen bewegte sich die Autobahn durch das Land. Kein Aufwand war zu groß für die ideale Streckenführung; selbst einzeln stehende Bäume wurden aufwändig integriert. Aus Brücken wurden Renommierbauwerke von kathedralgleicher Bedeutsamkeit.

Und die Propagandamaschine lief immer perfekter. Quasi jeder fertiggestellte Meter wurde auf Befehl von oben zelebriert. Eigene Autobahn-Maler begleiteten die Bautrupps. Spezielle Autobahn-Zeitschriften wurden ins Leben gerufen. (Plumpe) Romane, (fürchterliche) Gedichte, (lächerliche) Sprechgesänge entstanden, sogar Autobahn-Filme wurden gedreht: Zwischen 1933 und 1941 wurde auf diese Weise nicht nur eine Autobahn gebaut, sondern ein Mythos zementiert.

Straßen für Lügen

Dabei sah die Realität wie so oft (und in Nazi-Deutschland sowieso) ganz anders aus. Hinter den Kulissen herrschte die meiste Zeit blankes Chaos. Viel zu überhastet wollten Hitler und seine Spießgesellen das Autobahn-Projekt verwirklichen. Sie hatten sich selbst durch großartige Ankündigungen in die Enge getrieben und mussten fürchten sich zu blamieren – vor den eigenen „Volksgenossen“ und vor dem ohnehin argwöhnischen Ausland.

Also wurde gehetzt und gemogelt, was das Zeug hielt. Wie Vieh hausten die erst gelockten und dann zwangsverpflichteten Bauarbeiter. Selbstverständlich dauerte es nicht lange, bis sie von den Insassen diverser Konzentrationslager ‚unterstützt‘ wurden.

Der angekündigte Vernichter der Arbeitslosigkeit wurde die Autobahn nie. Das großspurig projektierte Autobahnnetz kam ebenfalls nicht zu Stande. Es fehlte an Geld, und spätestens in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre verfolgte Hitler ohnehin ein neues Projekt namens Weltherrschaft. Der Zweite Weltkrieg bremste die Autobahn aus. 1941 wurden die Arbeiten endgültig eingestellt. Was auch nach 1945 noch lange Bestand hatte, war der Mythos von den „Straßen des Führers“ als einzige positive Errungenschaft der Nazi-Ära.

Blick unter die Asphalt- und Lügendecke

Schon angesichts der Flut aus archiviertem Papier und Fotomaterial, das im Zusammenhang mit dem Autobahnbau angehäuft wurde, ist es heute eine komplexe Aufgabe, den Kern der Autobahn-Historie freizulegen. Erhard Schütz und Eckhard Gruber, die Verfasser des vorliegenden Sachbuches, haben sich der gewaltigen Herausforderung gestellt – erfolgreich, um das schon einmal vorauszuschicken. Auf knapp 180 Seiten konnten sie die Geschichte der Autobahn destillieren. Man hat nie den Eindruck, es seien wichtige Details vergessen worden. Dabei will und kann „Mythos Reichsautobahn“ viel mehr als die Entstehung eines Monumentalbauwerks rekonstruieren: Es geht um die Darstellung einer deutschen Epoche. Dafür eignet sich die scheinbar unpolitische Autobahn ausgezeichnet.

Es war eben – die beiden Verfasser belegen es schlüssig – nichts unpolitisch im Reich Adolf Hitlers. So musste es sein, denn die Autobahn der Nazi-Ära war ein schauerliches Konstrukt der Untauglichkeit, das seine frühe Funktionalität der Vorarbeit der verhassten Weimarer Republik verdankte. Die Autobahn ist ein ausgezeichnetes Beispiel aber längst nicht der einzige Plan, der stillschweigend übernommen und so lange ‚entwickelt‘ bzw. von der Propagandaschmiede verbogen wurde, bis daraus eine weitere grandiose Errungenschaft des Nationalsozialismus‘ geworden war.

Wenn bis heute die Frage im Raum steht, wieso so viele prinzipiell des Denkens fähige Menschen einem irren Rattenfänger wie Hitler hinterher in den Untergang tanzten, so stellt dieses Werk ein Steinchen in dem komplexen Mosaik einer Antwort dar. Wer nicht wirbt, der stirbt – die Nazis wussten das bereits und handelten entsprechend. Der Mythos um die Reichsautobahnen gibt ihnen zumindest in diesem Punkt Recht, auch wenn das eher ein Armutszeugnis für die Deutschen nach 1945 ist.

Propaganda und Wirklichkeit

Minuziös zeichnen Schütz und Gruber die „Operation Reichsautobahn“ nach. Die perfide Perfektion ihrer Inszenierung lässt den Leser gleichzeitig staunen und schaudern. Da wurde nichts dem Zufall überlassen. Die mangelnde Erfahrung der Zeitgenossen mit der Propaganda ermöglichte ein gigantisches Schauspiel.

Den Sog dieser Inszenierung kann man sogar heute noch spüren, wenn man die zahlreichen zeitgenössischen Fotos betrachtet. Die offizielle Berichterstattung verstand es, systematisch Stolz auf die Autobahn zu wecken. Besser wussten es ohnehin nur jene Pechvögel, die das Wunderwerk bauen mussten. Ihr trauriger Arbeitsalltag wird auf Fotos dokumentiert, die durch mindere Bildqualität auffallen: Hier wurde heimlich fotografiert, denn der Widerspruch zwischen Anspruch und Realität wäre wohl auch dem eingeschworenen „Volksgenossen“ aufgefallen.

„Mythos Reichsautobahn“ ist ein Sachbuch, das historischen Anspruch mit optimaler Lesbarkeit verbindet. Angesichts des eigentlich trockenen Themas ist das allein bereits eine lobenswerte Leistung. Die betonte Objektivität der Darstellung kontrastiert wirksam mit den Lügen und Übertreibungen um die Autobahn. Gerade weil jede Anklage oder Schuldzuweisung unterbleibt, sondern Fakten präsentiert werden, die für sich sprechen, wird die angeblich einzige positive Errungenschaft der Hitler-Diktatur als das entlarvt – entlarvt sich selbst -, was sie ist: ein kühl kalkuliertes Theaterspiel für die Massen, inszeniert wird Tausend andere, zur Abwechslung aber gelungen. Die Wahrheit aufzudecken ist deshalb doppelt wichtig, und das ist dem Verfasserduo vortrefflich geglückt.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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