New York. Die illustrierte Geschichte von 1609 bis heute

Ric Burns – James Sanders – Lisa Ades
New York
Die illustrierte Geschichte von 1609 bis heute

(sfbentry)
Originaltitel: New York – An Illustrated History (New York : Alfred A. Knopf/Random House, Inc. 1999)
Übersetzung: Marion Pausch (Kap. 1), Dagmar Ahrens-Thiele (Kap. 2), Beatrice le Coutre-Bick (Kap. 3 u. 4), Heike Brühl (Kap. 5 u. 6), Eva Dempewolf (Kap. 7, Einleitung, Epilog)
Deutsche Erstausgabe: September 2002 (Frederking & Thaler Verlag)
599 S.
ISBN 3-89405-612-6
Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe: August 2005 (Frederking & Thaler Verlag)
609 S.
ISBN-13: 978-3 89405-535-6

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Mammutprojekt für eine Metropole

Es begann als zwölfstündige TV-Dokumentarfilmserie („New York. A Documentary Film“), die Ric Burns, Lisa Ades und der Architekt James Sanders 1999 realisierten. Jahre der vorbereitenden Planung waren dafür erforderlich, Schätze in Form bisher in dieser Breite nie ausgewerteter Archivalien wurden gehoben, gesichtet und präsentiert. Die Fülle des Stoffes schrie förmlich nach einem Begleitband, der New York auch nach der Ausstrahlung der Serie greifbar bleiben ließ.

Die Autoren stellten nicht einfach das Vorhandene zusammen, sondern erfanden das Rad quasi neu. Gemeinsam mit einem Stab kompetenter Berater, Wissenschaftler und Redakteure realisierten sie ein Buch, das sich zwar inhaltlich an der Fernsehvorlage orientiert, jedoch völlig unabhängig davon bestehen kann sowie Maßstäbe setzt: als „Buch zum Film“ und historische Darstellung gleichzeitig.

Sieben Großkapitel und zwei Epiloge gliedern 400 Jahre Stadtgeschichte unter Berücksichtigung der geografischen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fakten auf und berücksichtigen die schwerer fassbaren künstlerisch-kulturellen und spirituellen Aspekte, ohne die das einzigartige Flair von New York undenkbar wäre.

Inhalt:

„Stadt, Land, Fluss, 1609-1825“: Am 12. September 1609 steuerte Henry Hudson, ein Brite in niederländischen Diensten, sein Schiff durch jenen Fluss an der nordamerikanischen Ostküste, der heute seinen Namen trägt. Die Holländer gründeten die Kolonie Neu-Niederlande. Im Frühjahr 1624 ließen sie sich auf dem Südzipfel einer Insel nieder, die von ihren indianischen Bewohnern „Manna-hata“ genannt wurde, erbauten ein winziges Städtchen namens „Neu-Amsterdam“ und trieben eifrig Handel. Schon bald gerieten Neu-Amsterdam und die Insel Manhattan in den Strudel der Weltgeschichte: 1664 übernahmen die Briten die niederländische Kolonie, 1776 wurde sie US-amerikanisch. Eines blieb unverändert: Neu-Amsterdam, bald New York genannt, handelte, gedieh und dominierte nicht nur die Region, sondern die gesamten noch unerschlossenen Vereinigten Staaten.

„Ordnung und Chaos, 1825-1865“: Mit dem Wohlstand kamen aus aller Welt hoffnungsvolle Menschen, die ihr Stück vom Kuchen im „Land, in dem es (angeblich) jede/r schaffen kann“, erhaschen wollten. New York wuchs und wuchs, erschuf sich ständig neu und größer – und platzte bald aus allen Nähten. Die Infrastruktur war für so viele Einwohner nicht ausgelegt, zumal sich niemand zuständig fühlte für jene, die es eben nicht „schafften“. Folgerichtig entwickelten sich die ersten Slums, die von den Stadterneuerungen ausgespart blieben, gab es erste Rassenunruhen, tobten Cholera und andere Seuchen durch vernachlässigte, überbevölkerte Stadtteile, brachen immer wieder verheerende Feuer aus. New York wurde zum Spiegelbild der USA, denn diese Probleme tauchten überall auf, wenn auch nirgendwo so massiv und exemplarisch wie in der größten Stadt des Landes.

„Licht und Schatten, 1865-1898“: Der Bürgerkrieg von 1861-1865 und die anschließende Neustrukturierung der USA katapultierte New York in die Position des prominentesten Vertreters der siegreichen Nordstaaten . Noch stärker als bisher ballten sich die politischen und wirtschaftlichen Kräfte des Landes in dieser Stadt. Ihnen folgten verstärkte Wissenschaftler und Künstler, aber auch neue Auswandererströme, welche die Slums ins Unfassbare wachsen ließen.

„Die Macht und das Volk, 1898-1919“: Das neue Jahrhundert brachte die verkrusteten Strukturen New Yorks ins Schwanken. Wir hier oben – ihr da unten: Diese Trennung ließ sich in ihrer brutalen Schärfe nicht länger aufrechterhalten. Die Armen und Unterprivilegierten begannen sich zu organisieren. Nach anfänglichem Widerstand gab das Establishment nach. Wieder entstand ein ‚neues‘ New York, das nun auch die Bedürfnisse seiner kleinen Leute zur Kenntnis nahm und nehmen musste, denn nur mit ihrer Unterstützung konnte der wuchernde Stadtkoloss weiter funktionieren.

„Kosmopolis, 1919-1931“: Nach dem I. Weltkrieg explodierte New York von einer US-amerikanischen Metropole zur Kosmopolis, die ihre Tentakeln über die gesamte Welt ausstreckte. Verkehrs- und Kommunikationstechnik erlebten einen Quantensprung: Die innerstädtische Industrie boomte. Die Finanzen ganzer Kontinente ließen sich von einem einzigen Ort verwalten und kontrollieren. Die „Roaring Twenties“ gaben der Kunst, der Musik, der Architektur völlig neue Impulse. Für New York schien es keine Grenzen mehr zu geben. Hochhäuser mit mehr als 300 Metern Höhe signalisierten das Gefühl der gefühlten und gelebten Erhabenheit schon aus der Ferne. Doch dem schwindelerregenden, den Boden solider Sicherheiten entrückten Aufstieg folgte ein umso tieferer Fall. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre gipfelte eine Serie spektakulärer Börsencrashes im „Schwarzen Freitag“ des Oktobers 1929, der von New York ausgehend bald die ganzen USA und schließlich den Rest der Welt mit in den finanziellen Abgrund riss.

„Die Stadt von Morgen, 1931-1939“: Trotz der Weltwirtschaftskrise ging New York seinen Weg in eine Zukunft, in der die Welt deutlich anders aussehen würde. Man ging das Problem an, wie es New York gewohnt war: in Superlativen. Der Stadt wurde ein zeitgemäßes Straßennetz gebaut oder vielmehr aufgeprägt, die Insel Manhattan durch eine Vielzahl neuer Brücken mit dem „Festland-New York“ verbunden. Gewaltige Parks und Seebäder trugen dem Erholungsbedürfnis des modernen Großstadtmenschen Rechnung. Ganze Stadtteile wurden aus dem Boden gestampft. Die Expansion war gleichzeitig ein Wettlauf mit der ökonomischen Depression, die ganze Bevölkerungsschichten verelenden ließ.

„Die Stadt und der Erdkreis, 1939-1969“: Das neue New York blieb in einem Punkt ganz das alte; es wuchs in rasantem Tempo weiter. Noch war das Wort „Globalisierung“ nicht erfunden, doch in der Kosmopolis war es bereits realisiert. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Stadt einen weiteren Bauboom, der die letzten Reste älterer Strukturen verschwinden ließ. In dieser Phase entstand die bekannte Skyline aus Wolkenkratzern, die man mit New York assoziiert. Doch gleichzeitig schrumpfte zum ersten Mal seit der Gründung die Einwohnerzahl: Die Nachkriegszeit wurde zur Ära der Stadtflucht. Um die Stadt bildeten sich riesige „suburbs“, deren Bürger morgens zur Arbeit in die City und abends zurück nach Hause fuhren. In New York selbst wohnte nur mehr, wer es wollte oder musste. Immer mehr Industriebetriebe verließen die Stadt und siedelten in die Peripherie um. New York verarmte, die Infrastruktur begann zu verfallen, ganze Viertel verwandelten sich in Ghettos.

„New York City, 1975-2000“: 1975 stand New York, viele Jahre die vielleicht reichste Stadt der Welt, vor dem Bankrott. So ist es mehr oder weniger geblieben, auch wenn die schlimmste Depression überwunden ist. Heute ist New York eine Stadt, die nicht mehr der Welt ihre Regeln diktiert, sondern eine Großstadt im Gefüge einer wirtschaftlich vernetzten Welt. Seinen Zauber – und seine unbarmherzig erfolgsorientierte Kälte – hat sich New York indes erhalten.

„Epilog: Aufstieg und Fall der Twin Towers“: Am 11. September 2001 stand New York vor einer neuen Art von Zerreißprobe. Terroristen rammten per Flugzeug das World Trade Center und brachten das mehr als 400 Meter hohe Doppelgebäude, welches als Symbol für die Finanzmetropole New York stand, zum Einsturz. Dieses Kapitel schildert das Ereignis und vor allem die Folgen einer Katastrophe, die noch auf zukünftige Generationen von Stadtbewohnern enormen Einfluss haben wird.

Einer Danksagung folgen eine Ausgewählte Bibliografie, ein Index, ein Text- und Bildnachweis sowie kurze Biografien der an diesem Buch beteiligten Autoren/Berater.

Wissensfülle ohne Einschränkungen

Jahre haben Ric Burns und sein Team ihrem Projekt einer multimedialen Historie der Stadt New York gewidmet, wie sich dem ausführlichen Vorwort entnehmen lässt. Man glaubt es sofort und gern, denn das Ergebnis ist seinen Aufwand wert. Selten zuvor und noch seltener so geglückt wurde der Versuch unternommen eine kompakte Chronik zu schaffen, die keinen Aspekt einer 400-jährigen Geschichte unberücksichtigt lässt. Die meisten Stadtgeschichten setzen Schwerpunkte – notgedrungen, denn der zur Verfügung stehende Raum ist in der Regel begrenzt. Burns (sein Name steht hier und im folgenden Text stellvertretend für die Mit- und Gastautoren) lässt sich keine Zügel anlegen. Das gesamte Panorama New Yorks möchte er uns präsentieren, will nichts vergessen, das er im Rahmen seiner ausgiebigen Forschungen und Vorarbeiten als unverzichtbar oder wenigstens einer Erinnerung wert befunden hat.

Burns ließ sich in seiner Darstellung von der schwer fassbaren Vielfältigkeit der New Yorker Geschichte, vom ruhelosen Rhythmus der Stadt sowie von der Erzählweise des Fernsehens inspirieren. Er hangelt sich nicht brav am Zeitstrang entlang und greift dabei dieselben Themen in ihren jeweiligen historischen Veränderungen auf. Stattdessen gibt eine Fülle einander überlappender, weitergesponnener, auslaufender, neu einsetzender Erzählstränge, die einander ersetzen und ergänzen und in ihrer Gesamtheit einen roten Faden – oder besser ein rotes Tau – bilden. Von allen Seiten gleichzeitig wird die Metropolis, der Moloch, das Wunder, der Horror New York unter die Lupe genommen.

Dabei schreckt Burns nicht vor Anleihen an den Roman zurück. Er erzählt spannende, überraschende, unerwartet poetische Geschichten, Beschreibungen, Biografien, schafft Raum für Exkurse, streut Anekdoten ein, die nie Selbstzweck, sondern interessante und wichtige Informationsergänzungen sind. Rück- und Vorblenden an den richtigen Stellen verklammern bestimmte Themen und stützen die Struktur dieses Buches, die wie gesagt der porträtierten Stadt gleicht: Eine überwältigende Palette verlockender Angebote wartet auf jene, die bereit sind sich offenen Auges ins Lektüre-Getümmel zu stürzen. Das ist freilich nicht ungefährlich: Ehe sich der Leser versieht, ist er oder sie schon wieder einige Stunden in diesem Buch versunken, das einfach kein Ende nehmen will – und soll!

Bildschätze aus vier Jahrhunderten

Burns Nähe zum Medium Film erschließt sich auch aus dem klug ausgesuchten Bildmaterial. Hier beeindruckt nicht nur die manchmal fast erdrückende Fülle des Materials, das großformatig auf bestes Kunstdruckpapier in bester Qualität wiedergegeben wird. Bilder sollen einen Text illustrieren, darin erschöpft sich in den meisten Stadtgeschichten (aber nicht nur dort) ihr Zweck. Burns geht einen Schritt weiter: Er verlagert die Informationsvermittlung ins Bild. Die gezeigten Gemälde, Karten, Stiche oder Fotos liefern Fakten, die über das im Text Gesagte hinausgeht. Das Buch wird durch seine Abbildungen nicht künstlich aufgebläht. Sie lockern die umfangreichen Textblöcke auf und bereichern sie.

Das hohe Niveau dieses Buches verdeutlichen die oft komplexen Themen. Hier geht es nicht nur um Fragen wie „Wann wurde das Empire State Building gebaut?“ Burns bindet solche Einzelereignisse stets in einen umfassenden Darstellungsbogen ein. Warum entstand besagter Wolkenkratzer? Welche politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Konstellationen waren für eine Realisierung des Bauwerks notwendig? Wie beeinflusste das Gebäude New York nach seiner Entstehung? Wofür stand und steht es? Die Kette solcher und anderer Fragen nimmt kein Ende. Plötzlich entdeckt man während der Lektüre überrascht, dass der Autor den faszinierenden „Einsteiger“ Empire State Building längst hinter sich gelassen hat und uns über das New Yorker Straßenwesen, den Wandel der Börsenwirtschaft, die Problematik der Rassenfrage im städtischen Arbeitsalltag usw. in Kenntnis setzt. Das sind gern als „trockene Materie“ bezeichnete Themen, die indes wichtig für das Gesamtverständnis des Phänomens New York sind. Burns gelingt das Kunststück sie uns genauso spannend zu erzählen wie die Geschichten von Gangstern, spektakulären Großbränden oder Straßenschlachten.

Kein Ende der Geschichte in Sicht

„New York“ ist auch in seiner deutschen Inkarnation ein außergewöhnliches Werk. 2002 wurde es zuerst aufgelegt und war damals viel kostspieliger als in der Ausgabe von 2005. Dieses Buch ist sein Geld freilich ganz sicher wert. Darüber hinaus wurde die deutsche Fassung ergänzt. Das Original erschien noch vor dem Terroranschlag auf das World Trade Center im September 2001. Dieses Ereignis stellt einen „defining moment“ für New York dar, dessen Fehlen in einem Werk dieser Güteklasse schwer erklärbar wäre. Also wurde ein weiterer Teil zur TV-Serie gedreht sowie ein Kapitel über New York im und nach dem 21. September 2001 angefügt. Wie zu erwarten war, hingen es die Verfasser nicht einfach an, sondern sorgten mit der bekannten Sorgfalt dafür, dass es mit dem älteren „Rest“ eine Einheit bildet – ein trauriges aber notwendiges I-Tüpfelchen auf einem ohnehin meisterlichen Werk mit Vorbildcharakter.

Einige „Anspieltipps“ kann ich mir abschließend nicht verkneifen. So gibt es einen Bericht über den bemerkenswerten Aufstand von 1865. Vier Tage übernahm ein Plünder- und Mördermob die Macht in der Stadt. Die Armee musste zur Hilfe geholt und der Aufruhr mit Waffengewalt niedergeschlagen werden: Krieg in den Straßen von New York (S. 119ff.)! 1888 legte ein Blizzard mit Eis und Sturm die gesamte Stadt lahm; Fotos vermitteln ein Stadtbild, das als Vorlage für „The Day after Tomorrow“ hätte dienen können S. 200). 1945 rammte im Nebel ein Bomberflugzeug das Empire State Building (S. 477f.); ein Unfall, aber auch ein eigentümlicher Zufall, der 56 Jahre später als Terroranschlag eine Wiederholung fand. 1947: Zwei der reichsten Männer der Stadt sterben unter bizarren Umständen in ihrem vom Keller bis zum Dach zugemüllten, mit selbst gebauten Todesfallen gespickten Stadthaus (S. 485). Diese Beispiele sollen & müssen genügen, sonst beginne ich erneut zu schwärmen und nachzuerzählen. Dieser Wirkung wird sich ohnehin kein Leser dieses Buches entziehen können!

Autoren

Ric Burns wurde 1955 in Baltimore, Maryland, geboren. Er studierte Englische Literatur an der Columbia University in New York City sowie an der Cambridge University in England. Mit seinem Bruder, dem Dokumentarfilmer Ken Burns, arbeitete er 1990 bei der Produktion und am Drehbuch zu einer Miniserie über den Amerikanischen Bürgerkrieg mit. Später machte er sich selbstständig; Ric Burns’ Firma Steeplechase Films ist auf der Insel Manhattan ansässig. Für „New York: A Documentary Film“ wurde Burns u. a. mit dem „Emmy“ – dem renommiertesten amerikanischen Fernsehpreis – ausgezeichnet.

Lisa Ades arbeitet seit vielen Jahren mit Ric Burns als Produzentin und Autorin zusammen.

James Sanders ist Architekt und Autor, der für Zeitungen und Magazine wie „New York Times“ oder „Los Angeles Times“ schreibt. Als Verfasser des Standardwerks „Celluloid Skyline – New York and the Movies“ hat er wie Burns und Ades seine Beschäftigung mit der Geschichte New Yorks fortgesetzt.

Kurzkritik für Ungeduldige: 600 Seiten stark und knapp 3 Kilogramm schwer präsentiert sich diese vorbildliche Stadtgeschichte. 400 Jahre New York werden lückenlos zu einer bemerkenswerten Einheit von Text und Bild komprimiert. Außerordentlich informativ und trotzdem spannend, kongenial bebildert mit selten oder noch nie gesehenen Gemälden, Zeichnungen, Plänen und Fotos ist dieses Buch, das der faszinierenden und erschreckenden Riesenstadt als Heimat für Menschen aus aller Welt definitiv gerecht wird.

[md]

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