Shooting Stalin – Die ‚wunderbaren Jahre‘ des Fotografen James Abbe (1883-1973)

Bodo von Dewitz/Brooks Johnson (Hgg.)
Shooting Stalin – Die ‚wunderbaren Jahre‘ des Fotografen James Abbe (1883-1973)

(sfbentry)
Originalausgabe
Übersetzungen: Ellen Schlootz, Alison Shamrock, Jochen Stremmel
Deutsche Erstausgabe (geb.): Oktober 2004 (Steidl Verlag)
359 S.
ISBN-13: 978-3-86521-043-2

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Keine Chance verstreichen lassen!

Es klingt fast wie ein Märchen: Ein schmächtiger, kleiner Mann aus Virginia, dem schon in seinen Zwanzigern die Haare ausgefallen sind, reist mit seiner Kamera durch die ganze Welt, ist per Du mit den größten Film- und Theaterstars seiner Zeit, gern gesehener Gast an den Tafeln mächtiger Finanzmagnaten, Fotograf der wichtigsten Politiker, Potentaten & Diktatoren einschließlich Adolf Hitler und Josef Stalin. Gleichzeitig bricht er immer wieder aus dem Luxusleben eines etablierten Ablichters aus, vagabundiert durch gefährliche und unerfreuliche Regionen des Erdballs: die Elendsviertel des nur scheinbar glorreichen Sowjetreiches, die Schlachtfelder diverser Bürgerkriege, das Deutschland der frühen Nazi-Jahre.

Seit James Abbe (1883-1973) im Jahre 1903 einen Auftrag abgelehnt hatte, der sich als fotografische Dokumentation des ersten Motorflugs durch die Brüder Wright entpuppte, hörte er nie wieder auf die Stimme der Vernunft, sondern machte sich auf den Weg, wenn sich die Chance eines ‚Schusses‘ bot, mit dem sonst niemand aufwarten konnte. Das Glück ist manchmal mit dem Tüchtigen; so begann Abbe seine lange Karriere 1898 mit Bildern des vor Anker liegenden US-Schlachtschiffs „Maine“, das kurze Zeit später im Hafen von Havanna in die Luft flog und zum Auslöser des Spanisch-Amerikanischen Kriegs wurde.

Schon bald wurde Virginia zu klein für den Mann mit der Kamera. Als Porträtist ließ er sich in New York nieder, verfeinerte in der täglichen Praxis sein beachtliches Talent, scheinbar lebensechte Aufnahmen zu inszenieren und mit Licht & Schatten besondere Akzente zu setzen. Es dauerte nicht lange, da wurde das noch junge Hollywood auf Abbe aufmerksam. In der Sturm-und-Drang-Zeit der Filmindustrie gelangen ihm Aufsehen erregende, zeitlose Bilder und Standaufnahmen der ganz großen Stars (Charles Chaplin, die Schwestern Gish, D. W. Griffiths u.v.a.), aber auch – Abbes Spezialität – Fotos der ‚kleinen‘ Filmleute. Statisten, Beleuchter, Tänzerinnen.

Das Jahrzehnt der Kriege

Die Weltwirtschaftskrise von 1929 machte dem Spaß der „Roaring Twenties“ ein Ende, der Tonfilm trieb die Stars von Gestern ins Aus, moralinsaure Spießer und Tugendbolde übernahmen in Hollywood die Zügel. Doch James Abbe war schon weit weg in Europa, wo er den „Tanz auf dem Vulkan“ in den Jahren vor dem II. Weltkrieg in Paris, London oder Paris in meisterhaften Fotos festhielt, zu denen er – auch eine Besonderheit – die Artikel selbst schrieb. Als „Tramp-Fotograf“ reiste er den Ereignissen hinterher, wurde nicht nur wegen seiner Fotokunst, sondern auch wegen seiner Allgegenwärtigkeit ein gefragter Mann. Dabei hatte er nie Angst, sich die Finger schmutzig zu machen und sich in Gefahr zu begeben. So war er 1929 an den zahlreichen Fronten des Mexikanischen Bürgerkriegs zu finden, wo er praktisch als einziger Fotoreporter unter schwierigsten Bedingungen seinem Job nachging. Dies wiederholte sich 1936 in Spanien.

James Abbe schien als ‚neutraler‘ Amerikaner in Europa überall Zugang zu haben. In den frühen 1930er Jahren schloss das auch die nazideutschen Machthaber ein. Hitler, Göring, Goebbels – von diesen und anderen Gewaltherrschern gelangen Abbe oft entlarvende Aufnahmen. Sein größter Coup gelang ihm 1932, als er einen angeblich kranken Stalin im Moskauer Kreml fotografieren durfte: ein unerhörtes Novum.

Noch vor dem II. Weltkrieg kehrte Abbe in die Vereinigten Staaten zurück. Als Auslandskorrespondent war er zu alt, deshalb wechselte er das Metier und ging zum Hörfunk, wo ihm mit der üblichen Energie eine neue Karriere gelang. In den 1960er Jahren ging Abbe in den Ruhestand. 1973 starb er neunzigjährig. Fotografiert hatte er seit über drei Jahrzehnten kaum noch.

Ein Meisterwerk wird wiederentdeckt

Man sollte meinen, dass ein Mann mit Abbes Meriten zu den anerkannten Größen seines Metiers gehört. Tatsächlich ist sein Werk heute nur noch einer recht kleinen Schar einschlägiger Fotohistoriker bekannt. James Abbe ist nie ein Chronist seiner eigenen Arbeit gewesen, die über viele Länder verstreut und teilweise verloren ist. Erst ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod beginnt man ihn neu zu entdecken.

Vom 2. Oktober 2004 bis zum 9. Januar 2005 fand im Museum Ludwig Köln die Ausstellung „Shooting Stalin. Die ‚wunderbaren‘ Jahre des Fotografen James Abbe (1883-1973)/The ‚Wonderful‘ Years of Photographer James Abbe (1883-1973)“ statt. Deutschland war ein durchaus angemessener Ort, das Werk eines Mannes zu würdigen, der als Amerikaner ein wichtiges Element auch der deutschen Pressegeschichte gewesen ist. Das hier vorgestellte Buch ist gleichzeitig der Katalog zu besagter Ausstellung. Er liegt zweisprachig vor; auf den Textseiten findet sich links die englische, rechts die deutsche Fassung.

Leben mit und in Bildern

Inhaltlich gliedert sich „Shooting Stalin“ in drei Abschnitte. Teil 1 berichtet kursorisch von Leben und Werk des James Abbe (S. 1-49). Es folgt eine lange Strecke mit exemplarischen Fotos aus den verschiedenen Schaffensphasen (S. 50-287). Vielen bekannten Bildern, die z. B. Rudolph Valentino, Gloria Swanson oder eben Stalin in Ikonen verwandelten, werden selten oder gar nicht gesehene Aufnahmen gegenüber gestellt. So war die Existenz der Fotos von Thomas Mann bisher unbekannt.

Die einzelnen Fotokapitel werden von Texten aus Abbes Feder eingeleitet und kommentiert. Da er die Angewohnheit hatte, auf den Rückseiten der Abzüge Orte, Daten und knappe Beschreibungen zu vermerken, ließen sich viele Bilder gut chronologisch und thematisch einordnen, was sie gleichzeitig zu historischen Quellen werden lässt. Dass ihre Wiedergabequalität eindrucksvoll hoch ist, muss wohl nicht eigens angemerkt werden.

Teil 3 sammelt einige Aufsätze, die einzelne Aspekte des Menschen und Fotografen James Abbe zusätzlich aufhellen (S. 288-331). Brooke Johnson interpretiert unter dem Titel „Mach das Foto, hol die Geschichte“ Abbes Wirken als Teil der Entstehung des modernen Fotojournalismus. Sehr US-amerikanisch stilisiert er ihn dabei zum Selfmademan hoch, der für sich den „amerikanischen Traum“ realisierte und gleichzeitig Geschichte schrieb. Da hat er Recht, aber vollständig wird das Abbe-Bild wohl nur unter Berücksichtigung der Tatsache, dass er viermal verheiratet war und drei Familien auf mehreren Kontinenten hatte – das war der Preis, den ein „Globetrotter-Fotograf“, primär jedoch seine Familie zahlen musste.

Daniel Kothenschulte erinnert in „Der amüsante Teil der Erotik“ an „James Abbes Beitrag zur Hollywood-Porträtfotografie“. Der Fotograf war der richtige Mann zur richtigen Zeit am rechten Ort. Abbe nahm seinen Job sehr ernst, hatte aber viel Sinn für Humor und war der Selbstironie fähig. Offensichtlich verfügte er über ein einnehmendes Wesen, gewann das Vertrauen seiner Modelle, brachte sie dazu, aus sich herauszugehen. Das Ergebnis sind erstaunliche, in jeder Hinsicht sinnliche Bilder aus einer Zeit, die man gemeinhin für zugeknöpft und allzu sittenstreng hält, wenn man die typischen, steif posierenden Gestalten im gestärkten Sonntagsstaat betrachtet. Wie Abbes Bilder beweisen, lebten in den 1920er und 1930er Jahren Menschen aus Fleisch und Blut.

Ein Amerikaner in Berlin

Sehr interessant weil kritisch äußert sich Bodo von Dewitz im Kapitel „Was der Amerikaner sah. James Abbe in Deutschland“ zum Fotografen aus Leidenschaft. Er rundet das Bild ab, indem er Abbe als von seiner Arbeit besessen und deshalb angstfrei, unbekümmert aber durchaus eitel und vor allem stets in Gefahr schildert, instrumentalisiert zu werden bzw. sich instrumentalisieren zu lassen: James Abbe war sowohl Künstler als auch Geschäftsmann. Er ließ sich seine Arbeit sehr gut bezahlen. Der moralische Aspekt interessierte ihn weniger. So wusste er genau, dass Stalin ihm keine Gunst gewährte, als er gerade ihn zur Fotoaudienz vorließ, sondern den Amerikaner als Mittel zum Zweck wählte, um sich vor dessen Linse als kraftvoller Staatsmann zu inszenieren. Wie sehr sich dies der Manipulation nähert, belegen eindrucksvoll die Kontaktkopien eines Fototermins mit Joseph Goebbels (S. 250), die Abbes Fähigkeit beweist, wie ein Bildhauer aus einem unsympathischen, misstrauischen Finsterling einen durchgeistigten aber tatkräftigen Mann zu ‚erschaffen‘. Zufrieden waren beide – der wie durch ein Wunder medienwirksam geschönte Goebbels wie Abbe, der wieder für gutes Geld einen Machtmenschen „geschossen“ hatte. Sicherlich auch deshalb sehen wir die ‚wunderbaren Jahre‘ des Untertitels in Anführungsstriche gesetzt.

Abgeschlossen wird „Shooting Stalin“ durch ein ausführliches Verzeichnis der abgebildeten Fotos, denen die ursprünglichen Pressetexte angefügt wurden (S. 332-348), ein „Kleines Lexikon der fotografierten Personen (Auswahl)“ (S. 348-356) sowie eine Bibliografie samt Literaturliste (357/58).

„Shooting Stalin“ ist auch antiquarisch kein preisgünstiges Buch. Dieses Mal trifft der alte Spruch indes zu: Qualität hat ihren Preis. James Abbes Fotos erfahren auf feinem Kunstdruckpapier und großformatig die Behandlung, die ihnen zusteht. Man schaut und ist fasziniert. Dieses Gefühl bleibt auch im Wissen um die Schattenseite der Abbeschen Fotokunst unbeeinträchtigt: Kunst wird von Menschen gemacht und die sind – glücklicherweise – niemals unfehlbar.

Kurzinfo für Ungeduldige: Biografie und Werkschau des Fotografen James Abbe, der sowohl für die großen Filmstudios, Kabaretts und Bühnen Glamour inszenierte als auch die Großen der zeitgenössischen Weltgeschichte vor die Linse lockte. Informative Texte geben gern zur Kenntnis genommene Hintergrundinformationen; sie komplettieren ein Buch, das nicht der übliche „Kunstband“ ist, sondern sich in seiner Einheit aus Bild und Text spannend wie ein Roman liest.

[md]

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